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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-13 · 21 (13.6.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
21 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 21 Jüdische Korrespondenz. Die Entstehungsgeschichte und die Entwicklung der Krakauer Unruhen war nach übereinstimmenden Schilderungen die folgende: In Krakau befindet sich derzeit der Stab der Armee des Generals Haller. Auch der General selbst hält sich gegenwärtig in der Stadt auf. In seiner Umgebung sind zahlreiche französische Offiziere. Am Freitag gegen 2 Uhr nachmittags besorgten zwei Soldaten der Hallerschen Armee in der „Sukiennice" in dem Laden einer Trödlerin namens Schönauer ihre Einkäufe. Als sie Taschentücher verlangten und nach dem Preis fragten, verlangte die Verkäuferin einen Betrag, den die beiden Soldaten zu hoch fanden. Es entstand ein Streit, in dessen Verlauf die beiden Käufer angeblich beschimpft wurden. Der Konflikt wurde immer lebhafter, immer mehr Personen mischten sich ein, bis auch die Polizei erschien und die Soldaten auf die Hauptwache brachte. In der ganzen Stadt hatte sich aber unterdessen wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, daß „die Hallerczycy geschlagen werden". Ungefähr gleichzeitig war in der „Sukiennice" ein Streit zwischen zwei eben aus dem Gefängnis entlassenen Häftlingen entstanden, der in eine Messerstecherei ausartete. Es entwickelte sich ein Straßenauflauf, zu dessen Teilnehmern viele zweifelhafte Elemente und Straßenjugend gehörten. Plötzlich wurde die Losung ausgegeben, ins jüdische Viertel zu ziehen und dort zu plündern. Ein Teil der Menge begab sich in die Floryanskagasse, wo zunächst das Geschäft des Herrn Straßburger ausgeplündert wurde. Die Mehrzahl stürmte in die Grodzkagasse, wo fünf Kleider- und Schuhmagazine dasselbe Schicksal erlitten. Als der Abend anbrach, nahmen die Ausschreitungen zu. Man begann bereits gegen jüdische Passanten tätlich vorzugehen. Die Juden wurden geprügelt und beschimpft. Als die Polizei nicht mehr imstande war, die Exzedenten an ihrem Vorgehen zu hindern, wurde eine Abteilung Kavallerie und eine Kompagnie Infanterie von der Hallerschen Armee unter dem Kommando des Oberstleutnants Modenski als Sukkurs geschickt. Das Militär bildete einen Kordon und bemühte sich, die Straßen zu säubern. Unterdessen hatten aber die Ausschreitungen bereits auf das Judenviertel, den Kaszimierz, in die Podgorze-, in die Starowislna- und die Siennagasse sowie auf dm Schtschepanplatz übergegriffen. Ganz wie bei den seinerzeitigen Pogroms in Lemberg wird auch bei den jetzigen Krakauer Unruhen gegen die Inden die haltlose Beschuldigung erhoben, sie hätten auf die Militärpatrouillen aus den Fenstern geschossen und siedendes Wasser hinabgegoffen. So behauptet der polnische Bericht, daß aus dem Hotel London geschossen worden sei und bei einer Revision sei dort tatsächlich ein Gewehr konfisziert worden. Dieselbe Beschuldigung wird gegen die Bewohner der Wolnicagasse ausgesprochen und erklärt, daß dort 15 Gewehre beschlagnahmt worden seien. Es kam zu heftigen Schießereien, bei denen, wie oben erwähnt, nicht weniger als 70 Personen durch Gewehrschüsse schwer verletzt wurden. Die Zahl der Leichtverletzten wird mit über 100 angegeben. Außerdem wurde auch eine Anzahl von Angehörigen des Soldatenstandes in Mitleidenschaft gezogen. Unter den Verwundeten befinden sich ein ftanzösischer Offizier und ein französischer Soldat. Die Unruhen und Zusammenstöße dauerten den ganzen Samstag über bisspät in die Nacht. Die Abgeordneten Daszynski und Steinhaus begaben sich als Abordnung des Stadtpräsidiums zum General Symon und baten, das Leben und die Habe der Zivilbevölkerung zu schützen. General Symon teilte den Abgeordneten mit, die Soldaten hätten den Befehl erhalten, die Kasernen nicht zu verlassen. Dieser Befehl beziehe sich jedoch nicht auf die Angehörigen der Hallerschen Armee, die unter einem separate!: Kommando stünde. Auf Grund des § 14 des städtischen Statuts wurde die Bürgerwehr einberufen. Jeder Bürger vom 20. bis zum 50. Lebensjahr ist verpflichtet, sich zu melden. Hingegen wurde die jüdische Bürgerwehr daran verhindert, in Aktion zu treten, indem ihr Waffen und Munition konfisziert wurden. Während der Exzesse wurde in der Dietlowskagasse eine Frau, die ungefähr 25 Jahre alt war, von Unbekannten gelötet. Auch der Polizeikommissär Janicki wurde durch Messerstiche schwer verletzt. Gegen die Wiederholung von Ausschreitungen wurden die strengsten Maßregeln getroffen.. General Haller hat an seine Truppen einen Befehl erlassen, in welchem er die Mißhandlung Wehrloser und deren Beraubung als eines polnischen Soldaten unwürdig bezeichnet und erklärt, die Schuldigen vor ein Feldgericht zu stellen. Eine gemeinsame Konferenz des Stadtpräsidenten, der Polizeidsxektion, des Stadtkommandos, des Kommandos der Hallerschen Armee und der Stadtmiliz wird über die zu ergreifenden Maßnahmen zum Schutze der Einwohner beraten. Die Christliche kaufmännische Vereinigung hat an ihre Mitglieder einen Aufruf 'erlassen, in dem es heißt: „Die kritiklose Menge sieht die Gründe der ungeheuren Teuerung nur dort, wo sie die Waren einkauft, und von der Psychose ergriffen, gibt sie sich keine Rechenschaft über die Gründe dieser Teuerung, welche der fünfjährige Krieg hervorgerufen hat." Eine Verfügung der Polizeidirektion verbietet die Ansammlung größerer Gruppen auf den Plätzen 'und Straßen, das Verlassen der Wohnungen nach 9 Uhr abends. Ebenso dürfen die Geschäfte und Kaffeehäuser nur bis 9 Uhr offen bleiben, dagegen müssen die Gasthäuser bis auf Widerruf geschloffen bleiben. * Von anderer Seite wird noch folgendes berichtet: Gleich nach dem Einzüge der Armee Haller in Krakau, der am Mittwoch, den 4. Juni, erfolgte, kam es in der Nähe des Bahnhofes zu wüsten Schlägereien. Die Soldaten benahmen sich sehr aggressiv, fingen einzelne Juden ab, schnitten ihnen Bärte und Kopfhaare ab und prügelten harmlose Passanten. Am nächsten Morgen begnügten sie sich nicht mehr mit solchen Vergnügungen. Sie besuchten die jüdischen Geschäfte und begannen unter allerlei Vorwänden gegen die Geschäftsleute mit Raub und Plünderungen vorzugehen. Der Pöbel schloß sich ihnen alsbald an und in der Alten Weichselgasse, in der Grodgasse und in der Dittelgaffe plünderten sie der Reihe nach alle jüdischen Geschäfte aus, wobei die Waren in mitgebrachte Rucksäcke verpackt wurden, worauf in der Nähe ein schwunghafter Handel mit dem geraubten Gute begann. Die jüdische Miliz, die das Hab und Gut, vor allem aber das Leben ihrer Glaubensgenossen schützen wollte, wurde von den Hallerschen Soldaten angegriffen und am Freitag, 6. Juni, kam es auf dem Kazimierz zu einem regelrechten Kampf zwischen der Miliz und Soldaten der Armee Haller. Sie beschossen die Miliz, und nicht nur viele Angehörige derselben, sondern auch eine recht beträchtliche Anzahl von Passanten fielen den Geschossen zum Opfer. Man spricht von mehr als zweihundert Verletzten. Todesfälle sind glücklicherweise nicht zu beklagen. Die Polizisten, die sich der. Bevölkerung annehmen wollten, wurden von den Soldaten blutig geschlagen. Erst am Samstag, den 7. Juni, als der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde bei General Haller interveniert hatte, trat wieder einige Beruhigung ein. Militärpatrouillen durchzogen die Straßen, die Polizisten, die sich angegriffener Zivilisten erbarmten, wurden nicht mehr in ihren! Hilfswerk gestört und die Tempelbesucher unbelästigt gelassen. Der Sachschaden wird auf mehrere Millionen geschätzt, da die Geschäfte vollständig ausgeleert und von dem gestohlenen Gute bisher nichts zustande gebracht wurde. Gstgalizien unter rumänischer Herrschaft t (Eine neue Gefahr für die Juden.) Den Juden Ostgaliziens, die zurzeit so viel unter den Kämpfen zwischen den Polen und Ukrainern zu leiden haben, droht eine neue, sehr ernste Gefahr: die Rumänen zeigen nicht übel Lust, auch dieses Gebiet unter ihre Fittiche zu bringen. Die paffende Gelegenheit und die übliche Begründung haben

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