Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 21 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Aussicht vorhanden, diese Gegensätze aus der Welt zu schassen. Speziell, die glaubenstreue Judenheit kennt diesbezüglich keine wie immer gearteten Konzessionen und sie kann sich von keiner Opportunität beeinsiussen lassen. Bisher war es ihr gegeben, nach Möglichkeit selbständig vorzugehen und einseitig die Wahrung der religiösen Interessen in die Hand zu behalten. Die Regierungen und die Staatsbehörden haben ihr kein wesentliches Hindernis in den Weg gelegt. Die sormalen Schwierigkeiten, die im Wesen der Kultusgemeinden lagen, konnten bei einigem guten Willen überwunden werden. Nun aber dürfte sich die Sache anders gestalten. Die Regierungen, respektive der Völkerbund oder die Großmächte, werden doch darauf behariHn wollen, es mit irgend einem Subjekt, das den Träger der gewährten Rechte abgeben sollte, zu tun zu haben. Diesem Subjekt, mag es welchen Namen immer haben, werden alle Rechte erteilt werden, demselben dürften die Fonds zur Erhaltung der religiösen und kulturellen Jnstituüonen zur Verfügung gestellt werden. Die Frage drängt sich nun mit Gewalt auf: wie wird es da mit der Wahrung der religiösen Interessen bestellt sein? — Lauft die glaubenstreue Judenschaft nicht Gefahr, seitens der Andersgesinnten im eigenen Lager vergewaltigt zu werden, die eben im Sinne ihres Programmes und ihrer Ideologie unter „kulturellen Bedürfnissen" entweder die extremste Assimilation oder beit extremsten Nationalismus verstehen und diese auf Kosten der Religion zu fördern: und an deren Stelle zu setzen sich bestreben?! — Die glaubenstreue Juvenschaft ist nun wohl an Zahl nicht so klein, in gewissen Ländern verfügt sie sogar über die überwiegende, Majorität, aber angesichts der Rührigkeit der anderen Gruppen und des Mangels einer festen Organisation ist die ernste Gefahr vorhanden, daß die Orthodoxie überall bei der Bildung des Faktors, der das Subjekt der gewährten Rechte sein soll, überrumpelt und in den Hintergrund gedrängt werden wird, um dann ganz einfach vergewaltigt zu werden. Könnte man sich hinsichtlich der anderen religiösen Bedürfnisse noch damit trösten, daß es die anderen jüdischen Gruppen nicht dazu kommen lassen werden, die Orthodoxie kraß zu vergewaltigen, daß die Errichtung und Erhaltung der diversen Institutionen bis zu einem gewissen Grade möglich sein dürste, so trifft dies hinsichtlich des ErziehungsWesens kaum zu. man ja die Probe auf das Exempel machen. Man scheint in Bukarest Zweifel an' dem ernsten Willen der Entente, die Judenfrage einer befriedigenden Lösung zuzuführen, zu hegen. Man will sich Gewißheit darüber verschaffen, wie weit man gehen darf: geht die Entente auf den Schwindel ein, dann wäre ja alles in Ordnung. Sollte sie wider Erwarten ausnahmsweise Ernst machen wollen, dann wird es zum Rückzug noch intmer Zeit sein. Die Rumänen sind doch bekanntlich tm Rückzug Meister; freilich verstehen sie es auch, wieder vorwärts zu gehen, wenn kein Widerstand zu befürchten ist, siehe „Feldzug" gegen Bulgarien im Sommer 1913 und „siegreicher Vormarsch" gegen Ungarn im Herbst 1918. Auch in der Judenfrage könnten sie zeitweilig einen Rückzug antreten, um desto brutaler vorzugehen, wenn die Zeit und die Verhältnisse es erlauben werden. * Am unbeholfensten sind die Tschechen. Ihnen fehlt wahrlich jede Praxis auf diesem Gebiete. Der Versuch, mittelst Exzesse in Prag die Juden.einzuschüchtern, erwies sich als sehr gewagt. Der Bolschewismus ist im Lande und es ist nicht gut, die Bande der jungen staatlichen Ordnung allzusehr zu lockern. Aber kommt Zeit, kommt Rat. In der Slowakei geht es plötzlich schief. Die „leichte Beute" vom Herbst 1918 droht zu entfliehen, — da erinnert man sich der Juden. Beim Rückzug hebt man „Geiseln" aus, natürlich Juden, in erster Reihe Rabbiner. Nicht umsonst haben die Kramarz und Genossen so stark für Rußland — das zaristische natürlich — geschwärmt. Das Ausheben jüdischer Geiseln, in erster Reihe Rabbiner, ist ja russisches System. In der Not frißt der Teufel Fliegen. Helfe, was helfen kann... * Die liebe „Ostdeutsche Rundschau" hat eine neue Entdeckung gemacht. Innsbruck wirb oder ist bereits „verjudet". Im Jahre 1900 soll es oort bloß 170 Juden gegeben haben, zehn Jahre. water stieg ihre Zahl auf 380 und nun sollen es schon gar etwa 1000 sein. Mit einem Worte: die „Verjudung".droht. Die Gefahr ist um so größer, als die Verhältnisse im Osten eine Auswanderung der Juden erwarten lassen — wohin sollten sie nun sonst ihre Zuflucht nehmen, als nach Innsbruck... Die Enthüllung der „Ostdeutschen" ist auch für den Schreiber dieser Zeilen eine Ueberraschung. Bor einigen Wochen Da gerade geraten die Gegensätze hart aneinander. Unseren Liberalen und Nationalisten könnte es unter Umständen recht sein, daß die glaubenstreuen Juden sich ihre eigenen Rabbiner, Bethäuser, Schächter, Mikwoaick usw. halten, aber bezüglich der Jugenderziehung werden sie schon eine starke Lust verspüren, ihren Einfluß geltend zu machen, im Sinne der eigenen Ideologie und im Interesse des eigenen Partei-Egoismus. Da aber ist der heikelste Punkt des jüdischen Problems. und die glaubenstreue Judenschaft müßte sich rechtzeitig vorsehen, um nicht später „min hazauakim we-enom neonia“ zu sein. Erheben doch schon jetzt unsere Nationalisten Anspruch daraus, in der Erziehungssrage, wie überhaupt in allen inner-jüdischen Fragen, die Führung inne zu haben, einzig und allein gestützt auf das „Recht", das sie sich kraft ihrer Rührigkeit und ihrer Agitationsorganisation usurpieren. Wir wissen noch nicht, wie die Sache in der Praxis anssehen wird. Gar manche gesetzliche Bestimmungen klingen sehr schön und anheimelnd, verlieren aber an Wert und Tragweite, sobald sie zur Durchführung kommen. Immerhin aber möge die glaubenstreue Judenschaft rechtzeitig gewarnt werden. In dem Moment, wo die Gefahr droht, daß irgend eine jüdische Gruppe nach außenhin als die Repräsentantin der Gesamtheit und als die Trägerin gewisser Rechte anstreten und sich Ankennung verschaffen könnte, darf die bisherige Passivität nicht weiter praktiziert werden. Da heißt es rechtzeitig eingreisen und das Nötige zur Wahrung der heiligsten Güter des Volkes, zum Schutze der religiösen Zukunft Israels, Vorkehren. Pogrom in Lrakau. Am Freitag, den 6., und Samstag, den 7. Juni, ist es zu argen Ausschreitungen in Krakau gekommen, bei denen zum größten Teil Angehörige der jüdischen Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Unruhen nahmen teilweise einen direkt pogromartigen Charakter an und die Verlustliste verzeichnet 70 Schwerverwundete und 100 Leichtverletzte aus dem Zivilstand. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden total aus geplündert. Der Schauplatz der Exzesse waren zumeist jene Stadtteile, in denen sich die Inden angesiedelt haben, das Stadtviertel Kaszimierz und die Grodzkagasse. wollte es der Zufall, daß er gelegentlich einer Reise in Innsbruck Sabbat halten mußte. Trotz langem Suchen konnte er in der Hauptstadt Tirols keine Synagoge erfragen und auch keine Sabbat feiernden Juden — dem wackeren Rabbiner natürlich ausgenommen, der aber trotz aller redlichen Mühe die Verjudung des „jüdischen" Innsbruck nicht herbeiführen kann. Es wird also mit der Verjudung nicht weit her sein. Die „Ostdeutsche" mag sich trösten. Die Ostjuden werden schwerlich in Massen nach Innsbruck konnnen. * Das Schicksal Palästinas ist noch nicht entschieden. Noch ist es ungewiß, welche Möglichkeiten den Juden dort gegeben sein würden — und schon ist dort innerhalb der Judenschäft ein harter Streit entstanden: hebräisch oder jiddisch!... Der Umstand, daß das passive Wahlrecht zur Landesversammlung an die Kenntnis des Hebräischen gebunden ist, gibt den Jiddischisten Anlaß zu heftigen Klagen gegen das „rumänische Palästina", gegen die Ueberhebung des ^Lockschen- Kaudesch" usw. Die Hebraisten antworten mit Drohungen und die wildesten Beschimpfungen fliegen hin und her. Die Frage mag an und für sich von prinzipieller und taktischer Wichtigkeit sein — aber wir glauben, die Juden in Palästina hätten heute andere und wichtigere Sorgen. Es wird noch Zeit und Gelegenheit genug sein, um diesen Sprachenstreit auszufechten. * Die jüdischen Legionäre, die mitgeholfen haben, das heilige Land für die Engländer zu erobern — vorläufig ist dies das einzige Resultat — führen nun bittere Klage darüber, daß man sie' — zumindest einen wesentlichen Teil — nicht in Palästina belassen will. Die zionistische Kommission soll sie aufgefordert haben, nach Hause zurückzukehren. Seinerzeit wird man sie schon rufen. In diesen Blättern ist wiederholt betont worden, daß das Eingreifen der jüdischen Legion im Kampfe gegen die Tücken aus taktischen Gründen nicht beionders empfehlenswert war. Aber da es nun einmal geschehen ist, so hätten die Legionäre wahrlich das Vorrecht, im Lande zu bleiben, mögen sie Jiddffchlsten oder sogar Poale-Zionisten sein. „Leutnant" Zabotynski, der angeblich die Hetze gegen die Legionäre führt, mag sich dies gesagt sein lassen. Star.