Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 21 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 21 MrwrttäLenschutz und jüdisches Leben» (Von einem orthodoxen Rabbiner.) Es ist die Tragik des jüdischen Volkes, daß selbst Dinge und Erscheinungen, die ihm zunutze kommen können, Schattenseiten aufweisen, die gar oft den Wert der Lichtseiten in Frage stellen. Das unnormale Leben, zu dem wir im Galuth verurteilt sind, und die Entwickelung der innerpolitischen Verhältnisse in unserem Lager, bringen dies mit sich, und es hat keinen Zweck, darüber zu lamentiere!;. Es ist aber unsere Pflicht, bei jeder Gelegenheit, die solche Erscheinungen an den Tag bringen kann, auf der Wacht zu stehen, rechtzeitig eiuzugreifen, um großen Schaden zu verhüten. Auf einen solchen Umstand zurzeit aufmerksam zu machen, ist der Zweck dieser Zeilen. Zeitungsberichten zufolge enthält der Friedensentwurf, der den Delegierten Dentschösterreichs in Saint-Gerniain vorgelegt wurde, unter anderem auch eine Reihe von Bestimmungen zum Schutze der nationalen und konfessionellen Minoritäten, die ziemlich weitgehend und, sollte es tatsächlich dazu kommen, geeignet sind, die Rechte dieser Minoritäten im vollsten Ausmaße zu schützen. Ohne hiebei der Juden auch nur andeutungsweise zu erwähnen, ist die Formulierung der bezüglichen Bedingungen derart, daß sie sich unbedingt auch auf die Juden beziehen. Wie es heißt, sollen ähnliche Bedingungen nicht bloß Deutschösterreich, sondern auch allen in Zentraleuropa neu entstandenen, respektive großgewordenen Staaten, zum Beispiel der Tschecho-Slowakei, den Polen, den Rumänen usw., auferlegt werden. Da die Inden in diesen Ländern eine sehr trübe Gegenwart und eine ziemlich unsichere Zukunft haben, so müßte man eigentlich mit der Stipuliernng dieser Bedingungen höchst zufrieden sein. Und doch enthält auch dieser Freudenbecher gar manche bittere Tropfen. Es ist nicht die Aufgabe des Schreibers dieser Zeilen, die politische Seite dieser Angelegenheit näher zu er örtern. Die Frage, ob es tatsächlich gut sein wird, wenn die Juden in den erwähnten Ländern unter dem Schütz der auswärtigen Mächte stehen und gewissermaßen als Fremdlinge im Lande gelten werden, drängt sich gewaltsam auf und erfordert eine sachliche Untersuchung und eine ernste Erwägung. Doch das soll anderen, mehr kompetenten Faktoren überlassen bleiben. Hier soll bloß ein Moment gestreift werden, dasjenige Jüdischer Klm. (Minoritätenschutz und Pogrome. — Rumänische „Gleichberechtigung". — „Geiseln" in der Slowakei. — Das „verjudete" Innsbruck — Hebräisch oder jiddisch. — Die Legionäre in Palästina.) Die Herren der Entente, die ja in Paris — wie bekattnt und erwiesen — kein anderes Ziel vor Augen haben, als die Menschheit zu beglücken und eine neue Ordnung zu schaffen, die jede Gewalttätigkeit und jede Willkür hintanhalten soll, haben selbstverständlich auch der Juden gedacht, der sogenannten „Ostjuden" notabene, deren Lage und Schicksal bereits eine ganze Literatur zutage förderte. Das Kind beim richtigen Namen zu nennen, scheint man sich in Paris aus vielfachen Gründen gescheut zu haben. Man hat deswegen eine ganze Reihe von Bestimmungen zum Schutze der Rechte der Minoritäten in den neu entstandenen Staaten in Mitteleuropa siipuliert, die vornehmlich als Judenschutz gedacht sind. Der Zufall will es, das; diese Bedingungen zunächst in den Vertragsentwurf für Deutschösterreich Aufnahme gefunden haben, wo die Verhältniffe — ohne jede Schönfärberei mag es gesagt sein — im allgemeinen nicht so arg sind und wo ein beträchtlicher Teil der Bedingungen gar nicht in Betracht kommt. Es wird aber versichert, daß selbstverständlich auch die anderen Nationalstaaten, die entstanden sind, sowie das altbekannte liebe Rumänien nicht verschont bleiben. Allen, allen werden diese Bedingungen präsentiert und sie alle werden die Suppe schlucken müssen. In Bukarest, Warschau und — last not laest — Prag scheint man aber keine große Lust hiezu zu haben. Man wehrt sich dagegen mit Händen und Füßen und droht sogar mit der Sprengung des „Völkerbundes", falls man zur Annahme dieser ihre Souveränität verletzenden Bestimmungeti gezwungen werden sollte. Ob die Herren itt Paris sich hart zeigen, ooer ob sie auch da klein beigeben werden, darüber läßt sich heilte kein bestimmtes Urteil abgeben. Bisher haben sie nur den Besiegten gegenüber Beweise ihrer Energie geliefert, den kleinen Bundesgenossen gegenüber hat diese Energie völlig versagt. Immerhin scheint man im Lager der Betroffenen argwöhnisch zu sein und man trifft rechtzeitig Anstalten, um der „Gefahr" zu begegnen. Dies geschieht in mannigfacher Form, jedes Land nach eigenem Modell. In Polen sind es die Pogrome, die den Juden einen Bordes inner-jüdischen Lebens, das durch die neuen Bestimmungen einer wesentlichen Beeinflussung ausgesetzt sein dürfte. Da drohen dem unverfälschten Judentume Gefahren, denen man rechtzeitig Vorbeugen muß, will man schwere Nachteile verhüten. Sollten die oberwähuten Bestimmungen in praxi zur Durchführung gelangen, dann kann es keinem Zweifel unterliegen, daß jede Volksgruppe, die im Sinne dieser Bestimmungen die Rechte des Minoritätsschutzes für sich in Anspruch nehmen wird, nach außenhin als eine geschloffene Einheit wird auftreten müssen. Der Völkerbund, respektive die Großmächte, die über die Rechte dieser Minoritäten wachen werden, ja die Staatsverwaltungen, respektive die Regierungen, die im Sinne der erwähnten Bestimmungen diesen Minoritäten die zugebilligten Rechte zuteil werden lassen würden, könnten sich ja kaum dazu herbeilassen, mit den diversen Gruppen und Parteien gewisser Minoritätskategorien in Verbindung zu treten und ihnen je nach Wunsch, Bedürfnis und Forderung die in Betracht kommenden Rechte zu gewähren, beziehungsweise ihnen die Mittel zur Erhaltung der religiösen und kulturellen Institutionen zur Verfügung zu stellen. Sie werden im. Gegenteil absolut darauf beharren, daß eben jede Minorität als geschlossene Einheit auftrete und nach jeder Richtung als ganzes behandelt werde. Da dürfte sich hinsichtlich der Juden sofort die Zersplitterung geltend machen, die seit jeher in unserem Lager herrscht und die angesichts der Verhältnisse auch in der absehbaren Zukunft kaum verschwinden dürste. In politischer Beziehung ist es nun nicht ausgeschlossen, daß der Zwang der Verhältnisse Hur Herstellung einer geschlossenen Einheit, zumindest nach außen, führen dürfte. Schließlich gehen da die Meinungen nicht so sehr auseinander. Die Wahrung der bürgerlichen und politischen Rechte, der Schutz des Lebens und des Vermögens usw. usw., all das sind ■ die Dinge, hinsichtlich welcher die Solidarität bis zu einem gewissen Grade ohnehin vorhanden ist. Die kleinlichen Differenzen formaler Natur können und müssen verschwinden. Ganz anders verhält sich jedoch die Sache hinsichtlich unseres inneren, religiösen Lebens. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Auffassungen über die Bedürfnisse und Interessen des religiösen Lebens innerhalb des Judentums sehr verschieden sind, und wie die Dinge nun einmal liegen, ist auch wenig geschmack davon bieten sollen, was es heißt, unter fremden Schutz zu stehen. Paris ist weit und bis die Herren der Entente sich jemals dazu aufraffen würden, zugunsten der Juden eine Note vom Stapel zu lassen — höher geht es nimmer — wird die Weichsel längst das Blut der Pogromopfer weggeschmemmt haben. Charakteristisch ist hierbei der Umstand, daß es geradedie sogenannten Haller'schen Truppen sind, die sich hierbei „auszeichnen".' Diese sind in Frankreich ausgebildet und für ihre „Mission" vorbereitet worden. Man kann sich leicht ein Bild von dem Schutz der Juden von Paris aus machen, wenn man nach dieser Musterkollektion urteilen will. Immerhin, wenn der Minoritätenschutz so aussehen soll, wie das Bild in Polen zeigt, dann kömrten wir ruhig darauf verzichten. Rumänien versteht seine Sache besser. Die Herren in Bukarest besitzen mehr Routine und wissen es aus eigener Erfahrung, wie man den Herren in Paris ein 36 für 9) Vormacht. „Pogrome" sind eine asiatische Methode — die Rumänen aber sind doch die „Belgier des Ostens". Da hilft man sich auf andere Weise. Man will dem Völkerbund jede Mühe ersparen, sich künftig um das Schicksal der Juden kümmern zu müssen. Man „löst" die Judenfrage im eigenen Wirkungskreise. Das rumänische Preßburean beeilt sich, folgende Meldung in die Welt zu setzen: „Ein neues Dekret modifiziert die bestehenden Dekrete und Gesetze bezüglich der Naturalisation der Juden in Rumänien. In Zukunft haben alle die, welche das rumänische, Bürgerrecht verlangen wollen, nur diesen ihren Willen in authentischer Form kundzugeben. Die jüdische Frage ist somit endgültig gelöst. Rumänien wird in der Folge ungefähr 800,000 Staatsbürger jüdischer Abstammung haben. Die jüdischen Zeitungen Rumäniens sind mit dieser Lösung einverstanden." Ja, wenn die Juden selbst zufrieden sind — was soll der Völkerbund noch mit der Sache zu-tun haben? Es stehen ihm doch wichtigere Aufgaben bevor. Es droht wohl die Gefahr, daß die bösen jüdischen Zeitungen die Frechheit haben werden, ihre angebliche Zufriedenheit und Zustimmung abzuleugnen. Immerhin wird etwas Zeit gewonnen sein. Da es im Lager der Entente ernstlich kriselt, so könnte es gar bald zu einer Sprengung des Blocks kommen — dann, ja dann wird eben Paris in Bukarest wenig zu befehlen haben. Anderseits kann