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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-06 · 20 (6.6.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
20 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 20 Jüdische Korrespondenz. geworden. Alles das geschieht am hellichten Tage, unter den Augen der Behörden, die diesem Treiben tatlos gegenüberstrhen und so bei der christlichen Bevölkerung die Ueberzeugung Hervorrufen, daß das jüdische Leben und das jüdische Hab und Gut straflos vernichtet werden kann. Gleichzeitig werden Aufrufe veröffentlicht und Kommuniques versendet, die die ganze Schuld den Juden selbst zuschreiben. Auf dem ganzen Territorium des auferstandenen Polen wütet jetzt ein einziger unaufhörlicher Judenpogrom, der sich von Stadt zu Stadt, von Station zu Station, von einem Eisenbahnwaggon zum anderen fortpflanzt. Die Juden werden aus allen ihren ökonomischen Positionen vertrieben, Jüdische Eisenbahner, werden entlassen, jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden werden die Konzessionen entzogen, jüdische Versammlungen nicht zugelassen, über die jüdische Presse wird die Präventivzensur verhängt. Die jüdischen Abgeordneten fordern den Ministerpräsidenten auf, eine klare und eindeutige Antwort zu erteilen, welche strengen Maßnahmen er ergreifen will, chn endlich diesen Verfolgungen und dieser Entrechtung des polnischen Judentums ein Ende zu machen. Die Abgeordneten erklären sich bereit, alle vorgebrachten Beschwerden mit Tatsachen und Dokumente zu belegen. Unterfertigt sind die Abgeordneten: Hartglas, Thon, Grünbaum, Rosenblatt, Halpern, Perlmutter, Prilucki, Hirschhorn und Weinzieher. Am 21. Mai tagte in Krakau unter dem Vorsitze des Dr. Rafael Landau eine Konferenz der Vertreter der Kultusgemeinden in den von den letzten Pogromen betroffenen Orten. Es beteiligten sich an dieser Konferenz 15 Delegierte der Kultusgemeinden, in Rzeszow, Mielec, Czudec, Frysztak, Rozwadow, Rymanow, Grybow, Strzyzow, Niebyk, Brzozow und Krosno. Als den Zweck der Tagung bezeichnte der Vorsitzende die Erörterung der Frage einer raschen Rettungsaktion für die so hart betroffene jüdische Bevölkerung Mittelgaliziens. Diq Delegierten erstatteten ausführliche Berichte über den Umfang der Pogrome und die geradezu ungeheuren Schäden, die den Juden zugefügt wurden. Sie betonten zugleich den schädlichen Einfluß eines Teiles der polnischen Presse, die die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufhetzt und Pogrome hervorruft. Eine traurige Tatsache ist ebenfalls der * von der christlichen Bevölkerung den Juden gegenüber geübte Boykott, indem diese sich weigert, den Juden Lebensmittel zu verkaufen und sie dadurch in große Not versetzt. Namentlich ist die Lage der Juden in den Dörfern krittsch. Die Dorfgemeinden schicken den jüdischen Einwohnern Aufforderungen zum Verlassen der Dörfer bis zu einem besttmmten Termine zu. In der hierauf beschlossenen Resolution wird die Regierung aufgefordert: 1. Die antijüdischen Exzesse aufs energischeste zu bekämpfen und die pogromschürende polnische Presse zur Einstellung ihrer Kampagne zu veranlaffen, 2. den Pogrombeschädigten eine Entschädigung zu zahlen und 3. den Pogromflüchtlingen eine Unterstützung von K 3 — täglich zuzuerkennen. Diese Forderungen wurden der Regierung in Warschau durch eine an den Generalbevollmächtigten für Galizien Dr. Galecki entsandte Abordnung übermittelt. * In der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes am 26. Mai wurde folgende Protestkundgebung beschlossen: „Seit Wochen wird die gesamte Kulturwelt durch Nachrichten über blutige Judenpogrome erschüMert, welche in jenen Gebieten Osteuropas, die von der polnischen Nation dauernd — oder vorübergehend — in Besitz genommen wurden-, stattfinden. Ganze Ströme jüdischen Blutes bezeichnen den verheerenden Zug der polnischen Legion, der polnischen Nationalarmem. In Wilna allein sind nach übereinstimmenden Berichten Tausende Juden dem blindm Judenhaß der Polen zum Opfer gefallm. Lemberg, Pinsk, Kalusz und zuletzt Wilna, sind die neuestm Leidmsstattonen unserer Glaubens¬ und Stammesbruder in Polen, deren grausamer Herrschaft mehr als ein Drittel des gesamten Judentums nunmehr ausgeliefert ist. Ohnmächtig. unseren Brüdern in ihrer verzweifelten Lage werktäüge Hilfezu leisten, vermag der Vorstand der israelitischen Kultnsgemeinde nichts anderes, als unter dem Ausdrucke seiner tiefsten Empörung über die Unmenschlichkeiten, durch welche die Polen die Wiedererlangung ihrer nationalen Freiheit, die Wiederaufrichtung ihres unabhängigen Staatswesens für alle Zeitm brandmarken, sich der gerechten Forderung anzuschließen, daß diejenigen Mächte, die über das künftige Schicksal der Völker zu entscheiden habm, auch Sicherheit schaffen, welche die Juden in Polen vor der barbarischen Behandlung seitens die Mehrheit des Landes dauernd schützen. Unseren unglücklichen Brüdern, die nach fünfjährigen unsäglichen Kriegsleiden, kaumvon der jahrhundertelangen Bedrückung durch den Zarismus befreit, einem neuen noch fürchterlicheren Martyrium ausgesetzt sind, sprechen wir unser tiefstes Mitgefühl mit ihrem schweren Leid aus, mit dem innigen Wunsche, daß die zu schaffende neue Weltordnung endlich auch mit Gerechttgkeit gegen das schwer geprüfte Judentum in allen Landen ohne Ausnahme erfüllt sei." - > * Wie dem „Jüdischen Volk" aus Wladimir- Wolinski mitgeteilt wird, hat das polnische Militär unmittelbar nach seinem Einmarsch in das Städtchen Porizk die jüdischen Wohnungen aufgesucht und alle Einwohner zur Mühle außerhalb der Stadt geführtem sie dort zu erschießen. Erschossen wurden: Jsser Honig, Kaufmann (50 Jahre), Herz Honig (28 Jahre), Schmer! Boxenbaum, Kaufmann (60 Jahre), dessen Sohn (22 Jahre), Uscher Korinski (22 Jahre), vier Briider Maliar im Alter von 30 bis 40 Jahren und ihre Schwester (15 Jahre), Aron Wasserträger (40 Jahre), Schlome Wolowing (60 Jahre), Bath-Schewa (40 Jahre), Chane Libe (40 Jahre), Baruch Chasan (18 Jahre), Strickdreher' (40 Jahre). Zusammen wurden 16 Juden getötet. Außerdem liegen noch zwei schwerberwundet im Spital in Wladimir-Wolinski. Das Morden wurde erst dank der Jnterventton des Ortsgeistlichen und anderer politischer Bürger eingestellt. Im englischen Unterhause wurde eine Interpellatton wegen der Pogrome in Pinsk und Wilna eingebracht, auf die die Anttvort erteilt wurde, daß der englische Vertreter in-Warschau zu energischen Vorstellungen beauftragt wurde, wenn sich diese Nachrichten bewahrheiten. Aus Paris wird berichtet: Präsident Wilson hat am 26. Mai den Vorsitzenden des Pariser Judenkomitees empfangen, der ihm einen langen telegraphischen Bericht über dieJudenprotestversammlung von Madisonsquare in New-Iork überreichte, in welcher die polnischen Pogrome erörtert worden waren. Wilson wird den überreichten Bericht prüfen und mit dem Ministerpräsidenten Paderewski erst nach Klärung dieser Frage über die polnischen Gebietsforderungen verhandeln. In Czenstochau kam es vorigen Dienstag zu wüsten antijüdischen Exzessen. Um die Mittagszeit begann die Jagd nach Juden. Hallersche Soldaten wetteiferten im Plündern, Rauben, Schlagen und dem schon gewohnten Bartabschneiden. Biele Juden wurden verwundet. Gegen 5 Uhr nachmittags verbreitete sich das Gerücht, daß aus einem Hause auf einen Soldaten geschossen wurde und daß der Soldat tot sei. Bald sammelte sich vor dem Hause eine ungeheure Menschenmenge, Zivilisten und Soldaten, an. Es meldeten sich „Zeugen", die behaupteten, der Erschießung des Soldaten beigewohnt zu haben. Das Haus wurde gestürmt, die jüdischen Einwohner auf die Straße geschleppt. Wie Minister Wojciechowski nachträglich dem Abgeordneten Perlmutter bestätigte, war die ganze Geschichte eine Provokatton. Um 9 Uhr abends nahmen die Unruhen einen höchst bedrohlichen Charakter an. Soldaten und Zivilisten zogen in das Judenviertel und schlugen jeden Juden, der sich auf der Straße zeigte. Die Ortspolizei war diesem Treiben gegen- .über machtlos. Als einige Polizisten den jüdischen Arzt Nathanowicz zu einem Schwerverwundeten holten, griff ihn die Menge an und er wurde auf der Stelle erschlagen. Die Zahl der Ermordeten steht noch nicht fest, wird aber vom „Robotnik", der diese Vorgänge schildert, vorläufig mit fünf angegeben. In den Spitälern liegen zahlreiche Verletzte. Zu Plünderungen und Ueberfällen kam es auch in Chrzanow und Trzebinia. Jnterventtonen bei den kommandierenden Offizieren hatten keinen Erfolg, da die Soldaten den Gehorsam verweigern. Die jüdische Bevölkerung der genannten Orte flüchtet nach Krakau._ „Iesod Dathora", Schulverein der Adas Jisroel, Wien. Sonntag, den 25. Mai, fand die Jahresprüfung der Schüler und Schülerinnen dieser Anstalt in Anwesenheit der ehrwürdigen Herren Rabbiner Fürst, Baumgarten und Schenk, des Herrn Religionsschulinspektors Oehler, des Herrn Ortsschulrates Professor Antscherl, der Vereiusleitung und zahlreicher Gäste statt. Die Schüler und Schülerinnen wurden klassenweise geprüft und haben hiebei ein beredtes Zeugnis für die Leistungen der Anstalt abgelegt. Die Knabe» zeigten ihr Wissen von den Anfangsgründen des Jüdischen bis zur Raschi, Gemoroh, Tosefot und den übrigen Meforschim. Die Mädchen in Beten, Uebersetzung der wichtigsten Gebete, biblischer Geschichte, Jüdisch-Schreiben und Techino-Lesen. Es war geradezu bewunderungswürdigzu sehen und zu hören, wie jedes einzelne Kind das Gelernte beherrscht und so war es selbstverständlich, daß keine einzige Frage der prüfenden Herren unbeantwortet blieb. Besonderes Aufsehen erregte der halachische Vortrag des zehnjährigen Schülers der ganztägigen Klasse Heinrich Taube und die Kenntnisse der Schülerinnen der Fortbildungsklasse, in welcher Mädchen jenes Witten an „Dinim" usw. erhalten, welches die Grundpfeiler bildet für ein echt jüdisches Haus. Durch die Gründung dieser Klasse hat sich die Vereinsleitung einerseits, der Leiter der Anstalt Ehrwürden Herr Rabbiner Neuwirth anderseits, ganz besondere Verdienste erworben, was auch namens aller Schülerinnen Stella Leittier in einer sinnigen Ansprache dankend zum Ausdrucke brachte. Nach Schluß der Prüfung hielt Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Fürst eine zündende Rede, in welcher er Schüler und Schülerinnen zum fleißigen Weiterlernen anspornte und dem Lehrkörper, bestehend aus dem Leiter der Schule, Rabbiner Neuwirth, dem Oberlehrer Oesterreicher, den Lehrern Rabbinern Benedikt, Brav, Rabbinern Fleischmann, Tauber, für die großartigen, jede Erwartung übersteigenden Lehrersolge dankte. Herr Wolf Pappenheim tat dasselbe namens der Adas Jisroel und zollte außerdem Worte besonderer Anerkennung dem Obmann des Vereines, Herrn Wilhelm Kritzler, für seine rastlose Axbeit für das Gedeihen des Vereines, und dem jüngsten Mitglied des Vorstandes, Herrn Leopold Lederer, dessen Tatkraft und Umsicht es zu danken ist, daß der Verein einer Zeit besonderer Entwicklung entgegensieht. Das segensreiche Wirken der Anstalt wird allgemein anerkannt und drückt sich auch in der Zahl der Schüler und Schülerinnen, die 300 bereits übersteigt, aus. _ Grthodoxenkonferenz aus Böhmen, Mähren und Schlesien in Prag. Der Prager „Sinai" hat für den 29. Mai eine Konferenz von Delegierten der Orthodoxen aus Böhmen, Mähren und Schlesien einberufen, um über den Anschluß an die Agudas Jisroel zu beraten. Bei Gelegenheit dieser Konferenz ergab sich die alle Eingeweihten nicht überraschende Tatsache, daß die Zahl der Orthodoxen in diesen Gebieten auf ein Minimum gesunken ist, daß nicht bloß die seit Jahrzehnten schwindenden Gemeinden Böhmens nur sehr wenige Orthodoxe aufweisen, sondern, daß auch die bis vor kurzem noch blühenden Kehillos in Mähren in erschreckender Weise rapid zurückaehen. Die Ursachen liegen vor allem in dem Mangel an wirklich echtjüdischen Rabbinern und Lehrern, so daß hauptsächlich die Jugend dem Thoraideale immer mehr entfremdet wird, dann, aber darin, daß viele Familien aus den Provinze

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