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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-06 · 20 (6.6.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
20 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz; betrachtet werden, und nicht mit Bezug guf die Haltung, die die sogenannten Ostjuden bei den künftigen Wahlen bekunden dürften. Die Herren Nationalisten hüben erst seit der Zeit ihr Herz für die Ostjuden entdeckt, als sie daraus rechnen, seitens dieser eine Verstärkung der eigenen Reihen erhalten zu können. Dieser Umstand dürste aber die Gegenpartei keineswegs zu ihrer Haltung verleiten. Was das passive Wahlrecht der Gemeindeangestellten betrifft, so beinhaltet der gefaßte Beschluß sicherlich ein Unrecht. Wenn sich ein einflußreicher Vorsteher zu der Aeußerung hat hinreissen lassen: „der Schames gehört nicht iu den Kultusvorstand!", so mag er daran erinnert werden, daß es Schamosim gegeben hat, die viel angesehener und verdienstvoller als gar mancher Vorsteher waren. Man kann es begreiflich finden, daß das Hineinzerren der Rabbiner in die Wahl- und Parteikämpfe weder ihnen Koch ihrem Stande nützlich sein könnte. Der Rabbiner soll außerhalb der Parteien stehen und gerade hier in Wien ist es vielfach peinlich empfunden worden, daß Rabbiner als Parteiagitatoren austreten und wirken. Wer die Teilnahme der Rabbiner an den Beratungen des Vorstandes ließe sich in anderer Weise sicherstellen, — hinsichtlich der anderen Gemeindefunktionäre entfällt schließlich auch dieser Einwand. Wir sind der Meinung, das letzte Wort in'der Wahlreformfrage ist noch nicht gesprochen und es sei noch die Möglichkeit vorhanden, die angeführten Mängel zu korrigieren. Für jeden Fall möchten wir bei dieser Gelegenheit eine Anregung Vorbringen: Das Statut bestimmt wohl, daß das Rabbinat hinsichtlich der religiösen Fragen „angehört" werden soll, es setzt aber keineswegs fest, daß das Rabbinat „gehört" werden muß, daß dessen Gutachten für den Vorstand bis zu einem gewissen Grade maßgebend sein soll. Darauf eben kommt es aber an. Wir erleben in Wien gar manche kuriose Erscheinungen. Die Frage, ob in den Tempeln die Orgel eingeführt werden soll, wird seitens eines Religionslehrers und eines Seminarprofesiors gemeinsam mn diversen Laien einer Entscheidung zugetrieben, ohne dyß der Widerstand der Rabbiner die entsprechende Berücksichtigung findet. Das ist ein Uebelstand, dem absolutIabgchvlfen werden muß. Wenn die gegenwärtigen Gemeindemachthaber schon die Rabbiner nicht in den Vorstand wählen lassen wollen, so sollte ihnen zumindest hinsichtlich der religiösen Angelegenheiten der gebührende Einfluß zugesichert werden. Vielleicht wird es dann denn doch in religiöser Beziehung.etwas besser werden! _ Jehudi. Der Stand der palüstinafrage. Ueber den Stand der Palästinaftage gelangen aus Paris fortgesetzt widersprechende Nachrichten, so daß es unmöglich ist, ein authentisches Bild der- Situation zu geben.. Soviel den Berichten zu entnehmen ist, scheint die Lage folgendermaßen Der Hedschas-König, Emir Faisul, hat seine schwere Last,- den französischen Ansprüchen auf Syrien gegenüber, ftir sein arabisches Reich die ihm lebenswichtig scheinenden Gebiete, insbesondere den bedeutenden Knotenpunkt Damaskus zu erlangen. Je mehr er sich in seinen syrischen Ansprüchen bescheiden muß, desto stärker tritt eine wohl hauptsächlich England zulieb bisher zurückgedrängte scharfe Opposition gegen jedwede jüdische Vormachtstellung in Palästina hervor. Bei der starken Rücksichtnahme auf arabische Stimmungen zu der England infolge aer neueren VorgänK in Aegypten und Indien noch mehr als vorher genötigt ist, hat diese Entwicklung die Aussichten auf eine öffentlich rechtliche Anerkennung der zionistischen Aspirationen stark herabgedrückt. Man wird in Palästina, wie es scheint, mit der Bildung eines arabischjüdischen Gemeinwesens unter englischer Verwaltung zu rechnen haben. Dabei wird ja insofern der Gedanke des jüdischen „common-wealth" und die Zusage des Balfour-Briefes verwirklicht werden, als die jüdischen Siedelungen volle Kultur-Autonomie erhalten, und als man auch in wirtschaftlicher Hinsicht den Juden, ohne sie öffentlich-rechtlich zu bevorzugen, Einwanderung, Ansiedelung und ökonomische Befruchtung des Landes durch Konzessionen wohl in jeder Weise erleichtern wird. Alles andere ist Sache der weiteren Entwicklung, die um so günstiger gestaltet werden kann, je geräuschloser sie sich vollziehen wird. Die Pogrome in Polen. Sämtliche jüdisch-nationalen und orthodoxen Abgeordneten zum polnischen Sejm haben, da es ihnen unmöglich ist, eine Interpellation einzubringen, einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten Paderewski betreffs der schrecklichen antisemitischen Hetze in Palm eingebracht. Die'jüdischen Wgeordneten erinnern eingangs den Ministerpräsidenten daran, daß er beim Antritt seines Amtes öffentlich erklärt habe, die jüdische Bevölkerung Polens werde volle Gleichberechtigung genießen und gleich den andern Bürgern des Staates unter dem Schutze des Rechtes stehen. Obzwar diese Erklärung die Juden in Polen als nationale Minderheit nicht befriedigen konnte, glaubten sie doch, daß ihnen wenigstens dieses Mindestmaß an Rechten voll und B gewährleistet sein werde. Die Wirklichkeit aber te eine schreckliche Enttäuschung. Geheime Kräfte sind am Werke, die die Bevölkerung systematisch gegen die Juden aufhetzen und im großen Maßstabe Pogrome und antijüdische Exzesse verursachen. Im März brachen Pogrome in Kalisz, Busk, Szydlow, Stopnica und anderen Orten des Kalischer und Kielcer Kreises aus. Darauf folgten Pogrome in Wielun, Lublin, Miechow, Slomniki, KsiaLe und in ganz Mittel-Galizien, besonders in Rzeszow, Kolbuszvwa und Strzyzow. In der Armee und in der Verwaltung wird eine unerhörte Jvdenhetze betrieben. Es werden grundlose Revisionen in jüdischen Geschäften, Privathäusern, ja sogar in ganzen jüdischen Vierteln vorgenommen, wobei die Juden ausgeraubt und ausgeplündert werden. Oftmals werden solche Revisionen in jüdischen Bethäusern vorgenommen, wobei die Thorarollen zerfetzt und die Tempeleinrichtung barbarisch zerstört wird. In Litauen haben die Verfolgungen der Juden ungeheure Formen angenommen. Juden werden ohne Untersuchung vor Gericht gestellt und erschossen. So in Pinsk, Lida, Wilna und letztens in Poryck. Die Schritte, die die Regierung in Westgalizien und Litauen zwecks Eindämmung dieser Pogromwelle untemommen hat, sind ungenügend und erreichen nur,, daß die Pogrome nach anderen Orten verpflanzt werden. Jede Truppenverschiebung im Lande bekommen die Juden am eigenen Leibe zu spüren. Die Posener und Hallerschen Soldaten schlagen, quälen und terrorisieren auf entsetzliche Weise die Juden überall, wo sie ihnen begegnen. In den Hauptstädten, in Warschau und Lublin, in allen Ortschaften, auf den Bahnhöfen und in Eisenbahnzügen werden die Juden in bestialischer Weise mißhandelt. Das schändliche Bartabnehmen unter unsäglichen Qualen für die Juden ist zu einer alltäglichen Erscheinung in Polen Wiener Stoffen. (Staatsbürger und Volkszugehörigkeit. — Die „judenreinen" Bürgerlich-Demokraten. — Freimaurer. — Zweierlei Flüchtlinge.) Im Wiener Gemcinderate und in der deutschösterreichffchen Nationalversammlung ist letztens die Judenfrage zur Sprache gekommen. Im Gemeinderat haben die jüdisch-nationalen Gemeindrräte den Bürgermeister wegen des Inhaltes einer Preisausschreibung tür einen Wettbewerb baukünstlerischer Entwürfe interpelliert, in welcher die deutsche Volkszugehörigkeit als Bedingung für die Teilnahme an dem Wettbewerb vorgeschriebe» war. Dadurch wären Juden, die sich zur jüdischen Nation bekennen, von dem Wettbewerb ausgeschloffen. Bürgermeister Reumann hat dieJnterpellation dahin beantwortet, daß die Juden als eine besondere Nation nicht anerkannt sind. die jüdischen Staatsbürger Deutschösterreichs somit die Möglichkeit haben, sich zur deutschen Volkszugehörigkeit zu bekennen. Damit war die Angelegenheit vorläufig erledigt. Nicht so ganz einfach war die Sache in der Natioualversammlung. In der Sitzung vom 31. Mai gelangte die Vorlage hinsichtlich der Wiederbesiedlung zur Verhandlung. Auch da wird besttmmt, daß Bewerber für die Wiederbesiedluna sich zur deutschen Volkszugehörigkeit bekennen müffen. Abg. Stricker remonstrierte dagegen, da dadurch die Juden von der Bewerbung ausgeschlossen werden und stellte den Antrag, den bezüglichen Passus zu stteichen. Bei der. Abstimmung wurde dieser Änttag mit 56 gegen 85 Stimmen abgelehnt. Für den Antrag stimmten die Sozialdemokraten, gegen denselben die Christlichsozialen und Großdeutschen. Den Ausschlag gab die Stimme des Demokraten (?) Friedmann, der mn den Christlichsozialen und Großdeutschen stimmte. Dabei zeigte sich das charatteristische Bild, daß es gerade diejenigen Gruppen, die für die Anerkennung der Juden als besondere Natton eintreten, die Christlichsozialen und Großdeutschen, waren, die die richtige Illustration für ihr Verhalten geliefert haben. Sie sind eben deswegen für die Anerkennung der Juden'als besondere Natton, um dieselben außerhalb des allgemeinen Rechtes stellen zu können. Die Begeisterung gewiffer Jüdischncttionaler ob des „Gerechtigkeitsgefühles" der Chnstlichsozialen dürste angesichts dieses kalten Wasserstrahles etwas nachlaffen. Danaergeschenke werden gewöhnlich dankend abgelehnt. . Daß der bürgerliche Demokrat Friedmann diesmal sein Herz für die Christlichsozialen entdeckt hatte, mußte begreiflicherweise auffallen. Nicht etwa ob der Erschütterung der Demokratie dieses Herrn, sondern ob des Umstandes, daß Abg. Friedmann seine Wahl zum großen Teile den jüdischen Stimmen zu verdanken hat. Die Polittk kennt wohl keine Dankbarkeit, aber mit der Wählerschaft rechnet jeder Mandatar, der keine Absicht hat. sich vom politischen Leben zurückzuziehen. Abg. Friedmann hat aber kaum den Wunsch, der garstigen Politik zu entsagen. Dieser Widerspruch der Natur wurde an oem nächsten Tage aufgeklärt. Die „Ostdeutsche Rundschau" wußte triumphierend zu melden, daß dsr „arische Flügel" der unter Führung des Dr. Klein stehenden Büraerlich-Demokraten, der deutschradikalen Partei beigetreten ist. Abg. Friedmann gehört eben zu diesem arischen Flügel und sein Votum m der WiederbesiedlungsstoSe war scheinbar die Bekräftigung seiner politischen Schwenkung. Freilich, in dem Momente, da er zu den Deutschradikalen seine Zuflucht nahm, hat er es nicht mehr nötig, auf seine jüdischen Wähler vom 16. Februar Rücksicht zu nehmen. Di werden ihm ohnehin ihre Stimmen nicht mehr geben. Was Dr. Klein bettifft, so wird die Sache nachttäglich dahin richtiggestellt, daß die Herren Deutschradikalen sich eine kleine Fälschung zuschulden kommen ließen. Dr. Klein sowohl als auch die anderen Führer der Bürgerlich- Demottaten, Dr. Wettstein, Dr. Stolper usw-, haben sich nach den Nationalratswahlen von der politischen Führung zurückgezogen und stehen zur Partei in keinem direkten Verhältnis mehr. Die Tatsache, daß der arische Flügel der Büraerlich-Demokraten die Schwenkung voraenommen hat, bleibt allerdings bestehen. Nur gebrauchen die Herren eine eigenartige Ausrede: die Juden hätten die Partei „verraten", da sie gelegentlich der Wahlen vom 4. Mai ihre eigenen Wege gegangen waren und in den Bezirken, wo sie stärker in Betracht kommen, eigene Kandidaten jüdischnationaler Marke aufgestellt haben ... So einfach war zwar die Sache nicht. Die jüdischnationalen Wähler stellen noch immer nicht die Gesamtheit dar. Tatsache aber ist es, daß durch die Takttk unserer Nationalisten die Äürgerlich-Demokraten plötzlich „judenrein" geworden sind. Der Sprung ins deutschradikale Lager konnte somit ohne weiters vollzogen werden. Um die „Prinzipien" kümmert man sich im politischen Leben bekanntlich sehr wenig .. Es gibt aber immer noch jüdische Kreise, die den Schlagworten „Demokratie", „Freiheit" usw. nicht entsagen wollen. Wenn ihnen sonst jede Möglichkeit benommen ist, politisch im Sinne dieser Grundsätze tätig zu sein, flüchten sie sich zur Freimaurerei. Da stehen ihnen noch bis auf weiteres Tur und Tor offen. In Wien hat sich dixser Tage eine Grobloge konstituiert. Eine solche existiert hier wohl schon seit vielen, vielen Jahren. Aber im alten Oesterreich durfte.sie sich an die Oeffentlichkeit nicht wagen, da dies im Sinne des Vereinsgesetzes, wonach jeder Verein der Behörde seine Statuten vorlegen muß, verboten war. Nunmehr ist das letzte Hindernis gefallen und die feierliche Konstttuierung konnte vorgenommen werden. Die Sache würde uns Juden wenig intereffieren und wir können den Kamps gegen die Freimaurerei ruhig den Klerikalen und Christlichsozialen überlaffen. Aber auffallen muß es, daß es gerade Juden'sind, die da die erste Geige spielen. Ein Herr Dr- Schlesinger führte den Vorsitz, Dr. Alexander - Münz, ehemaliges Mitglied des zionistischen Aktionskomitees: hielt die Festtede, auch die Herren Dr. Ornstein, Dr. Kapralik ua. gehören zur Leitung. Sicherlich ist es ihr Recht, überall dort dabei zu sein, wo es ihnen paßt. Aber wir glauben, wer sich im öffentlichen Leben betätigen will, findet im jüdischen Lager genug zu tun. Es scheint aber Herren zu geben, denen nicht einmal die „Bnei-Brit" freiheitlich genug sind . . - Die Flüchtlings frage hat in Wien schon viel Staub aufgewirbelt und wie oft haben wir die Rufe nach der Entfernung dieser „ungebetenen Gäste" gehört. Diese wiederum beteuern hoch und heilig, daß sie so gerne in ihre Heimat fahren möchten, wenn sie nur eine solche hätten. Entweder ist sie aber zerstört oder sie befindet sich innerhalb der „Kriegszone", die in jenen Gegenden noch immer vorhanden ist- Es gibt aber eine Kategorie Flüchtlinge, die mit aller Kraft die Heimfahrt antteten möchte, aber daran gehindert wird. Es sind dies die Flüchtlinge aus der Bukowina, die zurückkehren möchten. Die rumänischen Konsularbehörden, die heute darüber zu entscheiden haben, bereiten ihnen aber alle möglichen Schwierigkeiten. Die neuen Herren der Bukowina haben scheinbar kein allzu große? Jntereffe an der Rückkehr dieser Juden und so müffen sie wider Willen weiterhin Flüchtlinge bleiben. Die Juden können es eben ihren „Freunden" nie recht machen. Beritas.

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