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Jüdische Korrespondenz · 1919-05-22 · 19 (22.5.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
19 (22.5.1919)
Date
1919-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 19 Iudenexzesse in Prag. Aus Prag, 19. Mai, wird telegraphiert: In der Vorstadt Karolinental kam es Samstag, den 17. Mai, zu großen Ausschreitungen einer Volksmenge gegen den Kaufmann Klinger und dessen Gattin. Sie wurden dadurch hcrvorgerufen, daß eine Wachmannsfrau gegen Frau Klinger die Beschuldigung erhoben hatte, diese habe die tschechische Natton beleidigt. Das Ehepaar wurde von der Menge mißhandelt und mußte flüchten. Um die Ruhe wieder herzustellen, rückte nebst der Polizei auch eine Abteilung der italienischen Legionäre aus. Die Ausschreitungen fanden am folgenden Tage ihre Fortsetzung. Nachmittags sammelte sich eine große Menschenmenge vor der Papierhandlung Rudolf Hajek in der Palackystraße an und verlangte die Schließung des Ladens, da sie sonst das Geschäft selbst räumen würde. Herr Hajek, der sich angeblich über die Demonstranten abfällig geäußert hatte, wurde verhaftet. Die Menge forderte dann an verschiedenen Stellen, daß den jüdischen Kaufleuten kein Approvisionierungsmehl zum Verkauf Angewiesen werde und daß sie die Läden sperren ollen. Es kam zu stürmischen Szenen, bei denen drei junge Burschen verhaftet purden. Gegen 4 Uhr nachmittags hatten sämtliche Kaufläden geschlossen. Hann gelang es der Polizei, Ruhe zu schaffen. Eine Prager Meldung vom 20. Mai besagt: Aus Karolinental wird berichtet: Im Laufe des gestrigen Tages sammelten sich vor den jüdischen Lädenkleinere Trupps an, welche die Schließung der Geschäfte verlangten und auch erzwangen. Nachmittags wiederholten sich die Ansammlungen, wobei drei Demonstranten verhaftet wurden; auch Mn Kaufmann, der die Menge beleidigt haben soll, wurde verhaftet. Das Karolinentaler Stadtamt veröffentlicht eine Kundmachung, in welcher es heißt: Am Samstag und heute (Montag) ereigneten sich in Karolinental Gewalttaten gegen einige Kaufleute jüdischen Bekenntnisses, die in unserer disziplinierten Bevölkerung eine gänzlich ungewohnte und außerordenüiche Erscheinung sind. Anlaß hiezu gab das Gerücht über eine Beleidigung der tschechischen Nationalität, dessen Wahrheit aber bisher amtlich durchaus nicht sichergestält wurde. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß bei den heutigen Verhältnissen, da die tschechische Natton die gesamte polittsche Macht in Händen hat, es jemand wagen würde, die tschechische Nationalität zu beleidigen, außer es wäre dies entweder ein Irrsinniger oder ein Mensch, der dazu bestellt wurde, um Unruhen zu weiteren umstürzlerischen Zielen hervorzurufen. Es wurde sichergestellt, daß diese Demonstrationen durch ein Häuflein fremder Leute, vielleicht in fremden Diensten, planmäßig veranstaltet wurden, und es ereignete sich dabei auch der Versuch, einem tschechischen Legionär die Uhr zu stehlen. Dieses alles beweist, daß die Ziele dieser Demonstrattonen unehrlich und umstürzlerisch waren. Die Kundmachung warnt die Bevölkerung, sich an weiteren Demonstrattonen zu beteiligen. Das Ehepaar Klinger, das Samstag von der Menge mißhandelt wurde und in das Sicherheitsdepartement unter Schutz von Soldaten gebracht wurde, ist am nächsten Tage entlassen worden. Es hatte aus Sicherheitsgründen die Nacht im Sicherheitsdepartement zugebracht. wiener Glossen. Der Auszug der bisherigen und der Einzug der neuen Herren von Wien ist vollzogen. Die Nachrufe, die den Abttetenden, die 25 Jahre hindurch die Machthaber waren, gewidmet werden, sind nicht besonders schmeichelhaft. Aber auch die neuen Herren wurden nur mit großer Reserve begrüßt. Die Christlichsozialen haben ein Parteiregime geftihrt — der Bevölkerung ist dies ziemlich schlecht bekommen; man fürchtet nun, die Sozialdemokraten werden dasselbe wiederholen. Es ist ein Regimewechsel ohrw Sang und Klang. Es wird Sache der neuen Herren sein, die Befürchtungen zu zerstteuen und Vertrauen zu erwecken. Die Juden Wiens begrüßen natürlich den Zusammenbruch der antisemittschen Herrschaft mit großer Freude und haben zunächst den einen Wunsch, die Nachfolger derselben mögen es auch ihnen gegenüber besser machen, unbekümmert um das Gepolter der Abtretenden: die neuen Herren wären eine „Judenschutztruppe", (?) * In der Kultusstube wird noch immer um die Herrschaft gerungen. Das neue Statut ist noch immer nicht fertig und die Redeschlachten dauern lustig fort. Beide Gruppen, die gegenwärtigen Herren und diejenigen, die es werden wollen, sind furchtbar nervös und bei jeder Gelegenheit stoßen die Geister aneinander. Bei der vorletzten Sitzung haben die Nationalisten die Dekomplettierung herbeiaeführt, als ein Beschluß gegen ihren Willen gefaßt wurde. Montag haben wiederum einige Herren von der Gegenseite dasselbe getan, als ihnen ein Nationalist etwas scharf zusetzte. So geht das Spiel weiter — die Judenschaft, die man angeblich mit dem neuen Statut „beglücken" will, verhält sich gleichgültig. Es scheint, sie glaubt gar nicht an dies Glück, das ihr die Herren Plaschkes und Pollak verheißen. Das bisherige Kahalregime läßt wirklich vieles zu wünschen übrig. Man verspricht sich aber scheinbar auch von den neuen Herren .nicht viel. Es ist für eine um die Macht ringende Gruppe arg, wenn sie so wenig Hoffnungsftendigkeit zu erwecken vermag. Leopold Hilsner, der bedauernswerte Held von Polna, führt Klage über die Behandlung, die ihm im Versorgungshaus der Kultusgemeinde in der Seegaffe zuteil wird. Man hat ihm verboten, sich zum Helden eines'Kinodramas, das sein Schicksal darstellen soll, herzugeben. Da er aber trotzdem vor dem Filmapparat erschien, so wird er deswegen . unfreundlicher als früher behandelt. Die Sache müßte seitens der berufenen Stellen aufgeklärt werden. Charakteristisch ist, daß Hilsner mit seiner Klage sich ausgerechnet an den alldeutschen „Wiener Mittag" gewendet hat und daß dieses Blättchen seiner Sache eine ganze hämisch-mitleidsvolle Spalte widmete. Freilich, wenn es gilt, den Juden eins am Zeug zu flicken, dann entdeckt der „Wiener Mittag" auch für Leopold Hilsner seine Liebe... Wahlen sind das Element unserer Nationalisten. Nach den Wahlen zur Nationalversammlung und in den Gemeinderat sollten die Kultusratswahlen kommen, die wieder Gelegenheit geben sollten, die Judenschast in Ätem zu halten, von Versammlung zu Versammlung zu zerren, Kandidaten in spe für die Partei zu gewinnen Und die Oeffentlichkeit über das Minus von Leistungen hinwegzutäuschen. Da aber die bösen Herren in der Seitenstettengasse keine Lust zeigen, den Wahltermin in die Nähe zu rücken, sollen „Nationalratsmahlen" herhalten. Ganz eigenmächtig, wie der famose „Nationalrat" gebildet wurde, ist nunmehr ein Wahlstatut ausgearbeitet worden und die Juden werden aufgerufen, sich in die Wählerliste einzutragen. Frivoler ist selten ein Spiel mit der „öffentlichen Meinung" gettieben worden. Die bisherigen Erfolge machen die Herren etwas übermütig .. . Hochmut ist aber selten von Glück begleitet. A propos dieser Wahlerfolge zieht das Zionistenorgan von der Zirkusgasse gegen die „Jüdische Korrespondenz" heftig los, weil dieselbe diese Erfolge etwas skeptisch beurteilt. Das wird als „antijüdische (?) Politik" bezeichnet. Zur Beruhigung der Herren soll festgestellt werden, daß sie allen Grund haben, sich ihrer Erfolge zu freuen. Die Frage ist nur, ob dies auch Erfolge der jüdischen Sache sind. Es ist ihre Aufgabe, hiefür die Beweise mit Taten zu erbringen. Bis dahin dürfen sie den Mund nicht so voll nehmen. Die Sache eines Gewählten ist noch immer nicht die Sache der Wähler und der Gesamtheit. Die eigene Sache mit derjenigen der Judenschaft zu identtfizieren, das ist mehr als eine Ueberhebung. Hamabit. Zur palästinasrage. Ein jüdisch-amerikanischer Journalist veröffentlicht den Inhalt der Forderungen, die die zionistische Delegatton in Paris der Friedenskonferenz hinsichtlich Palästinas unterbreitet hat. Angeblich soll die Konferenz, resp. der Zehnerrat derselben zugestimmt haben. Dies ist aber noch nicht gewiß; & im Gegenteil, nach der neuesten Nachricht soll die Entscheidung über das Schicksal Palästtnas noch in Schwebe sein. Die nächsten Wochen dürsten darüber Klarheit verschaffen. Die angeblichen Forderungen lauten, wie folgt: 1. Die.Friedenskonferenz in Paris anerkennt ohne irgendwelchen Vorbehalt das Prinzip, daß ein jüdisches „Commonwealth“ in Palästina wünschenswert ist und daß dieses „Commonwealth* von den Völkern unterstützt werden soll. 2. Unter Palästina hat man jenes Territorium u verstehen, welches zur Zeit der Bibel mit dieem Namen bezeichnet worden ist, das heißt das Land, das die Juden in den erfolgreichsten Jahren ihrer Geschichte besaßen, das Land, das sich von Dan bis Beerseba hinzieht und das das „größere Palästina" genannt wird. 3. Palasttna soll unter die Aufficht der Liga der Nationen gestellt werden. 4. Diese Liga der. Nationen soll einem ihrer Mitglieder — man meint damit sicher England —. im Namen der Liga das Mandat über dieses neue Reich erteilen und das Mandat soll laut den Vorschriften und Gesetzen der Liga ausgeübt werden. Wie lange dieses Mandat andauern soll, ist unbestimmt und hängt von späteren Umständen ab, laut dem Willen und der Fähigkeit der Einwohner von Palästina. 5. Die Juden in Palästina sollen nationale Rechte haben und volle Gewalt über ihre eigenen Angelegenheiten unter allgemeiner Aufficht des Mandatars. Die jüdischen Gemeinden in Palästina, jede besonders und alle zusammen als Ganzes, sollen dieses natioUale Recht bei der Einrichtung ihrer eigenen Institutionen besitzen. Sie sollen eine Art autonomes Leben über alles führen, was die Juden in Palästtna berührt. Dies wird unbedingt so. verstanden, daß das jüdische nationale Recht von dem Mandatar anerkannt wird. 6. Palästina wird anerkannt als jüdisches Heim — Homeland — aber dadurch sollen die Interessen der Juden in allen Ländern, wie auch die Interessen der Nichtjuden in Palästina nicht berührt werden. 7. Die Juden, sollen -eine Proportionelle Vertreterschaft laut ihrer Macht und ihrem Einflüsse in den verschiedenen „Regierungskonsuln" und anderen administrattven Einrichtungen haben. 8. Die Juden sollen das absolute Recht erhalten, ,die Aufficht über die jüdische Immigration in Palästina zu führen. Die Juden sollen die Einwanderer an das Land anpassen und sie für die zukünftigen Bedürfnisse und Beschäftigungen vorbereiten können. Es wird unzweideutig verstanden, daß diese Regulierung ausgearbeitet und kontrolliert wird von dem jüdischen administrattven Komitee. Daher wird die nichtjüdische Bevölkerung die Juden, die sich in Palästina niederlassen wollen, nicht stören können, und gleichzeitig werden die Juden Bestimmungen treffen können, ttotz liberalstem Reglement nur diejenigen zur Einwanderung zuzulassen, diesem Lande behilflich und nützlich sein können. 9. Der Besitz von Boden soll so geregelt werden, daß er nicht in die Hand von Spekulanten geraten kann. Der Boden soll nur denjenigen verkauft werden, die ihn bebauen wollen und darüber soll die jüdische Administration zu entscheiden haben. Sie soll auch im eigenen Namen Land für die Landarbeiter kaufen können, so daß es nicht verwüstet werden kann. 10. Es wird verstanden und anerkannt von den Völkern der Friedenskonferenz, von der Mandatarmacht, wie auch von den Nationalitäten die Palästina bewohnen, daß Palästtna schon jetzt ein jüdisches „Home" wird und daß ein möglicher Judenstaat in der Zukunft erwartet wird, laut den Umständen der Bevölkerung und anderen Faktoren. (Dieser letzte Punkt ist sehr undeutlich und nicht ganz verständlich. Zionisttsäherseits wird ausdrücklich jede Forderung hinsichtlich eines Staates abgeleugnet.) . Msrachi und Zionistische Organisation. Aus Berlin wird geschrieben: Nach einer Meldung von zionistischer -Seite hat der amerikanische Misrachi an die zionistische Organisation ein Schreiben gerichtet, wonachder

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