Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 19 (22.5.1919)
- Date
- 1919-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: ~ GanzjährigK12,halbjährig K6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 19. Wien, 22. IHai 1919. V. Jahrgang. Dringend ersuchen wir die P. T. Abonnenten, deren Abonnement avgetanfen ist, dasselbe ««gehend z« erneuern, damit in der Zusendung des Rkaltes Keine Anterbrechnng eintritt. Unsere geehrten Abonnenten in Hakizien belieben das Abonnement per Adresse: „Ludoma Aasa zakiczkowa", Krakau, Hertrudy 9, z« überweisen und uns hievon z« verständigen. Die Taufseuche. Die Taufseuche.in Wien grassiert mit ungeschwächter Intensität. In de» ersten fünf Monaten des laufenden Jahres sind mehr „Austritte aus dem Judentum" (zumeist sind es Taufen) vorgekommen, als sonst in einem ganzen Jahre. Man kann annehmen, daß 1919 ein Rekordjahr wird, freilich ein sehr trauriger Rekord. Es wäre verfehlt, diese Erscheinung gering zu schätzen oder sich mit der bekannten Phrase hinwegzuhelfen: das Faule fällt vom Baume ab. Diese Phrase wird besonders von jüdisch-nationaler L-eite ins Treffen geführt, die sich bis zu einer gewissen Grenze schuldbewußt fühlt, da es gerade die Periode des „nationalen Aufschwunges" ist, die diese traurigen Erscheinuirgen andem^Taz bringt In demselben Ausmaße, als die „jüdischnationalen Stimmen" gelegentlich der diversen Wahlen zunehmen, was als Beweis für die „innere Stärkung" des Judentums angeführt wird, nimmt die „Flucht aus dem Judentume" geradezu erschreckende Dimensionen an. Unwillkürlich ist man vielfach geneigt, da einen Zusammenhang zu finden und die Frage aufzuwerfen, ob es nicht gerade das Umsichgreifen des Nationalismus ist, das diese Massentanfen begünstigt. Einerseits sollen gar manche jüdische Kreise durch die nationalistische Politik, die ihnen unangenehm ist, zum Austritte veranlaßt werden, andrerseits verlockt die neueste Ideologie, daß man ein guter, ja ein sehr guter Jude sein kann, ohne mit der Religion etwas gemein zu haben, gewisse Kreise dazu, die Fesseln abzuwerfen, die das religiöse Judentum mit sich bringt. Man kann ja trotzdem Jude bleiben, „nationaler Jude" noch dazu... Es ist begreiflich, daß diese Umstände unseren Nationalisten etwas unangenehm sind und um sich darüber hinwegzuhelfen, verkünden sie den Grundsatz: es sei gar nicht schade um die Massenaustritte — das Faule soll nur abfallen. Dieses Argument ist jedoch grundfalsch, und man würde einer gefährlichen Taktik huldigen, wollte man sich damit trösten. Sicherlich. weinen wir keinem Täufling eine Träne, nach. Wer schon so weit ist, um das letzte Band' zwischen sich und dem Judentume zu zerreißen, der mag nur ruhig seine eigenen Wege gehen. Aber es darf nicht übersehen werden, daß dies nur hinsichtlich vereinzelter Erscheinungen gelten kann. Wo aber die Seuche so furchtbar um sich greift, da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Wer weiß, wie weit da die gedankenlose Nachahmung und Nachäffung die Hand im Spiele hat und wieviel Seelen dem Judentume erhalten werden könnten, wenn man das richtige Mittel zur Bekämpfung der Epidemie anwenden sollte. Es mag ja sein, daß es sich vornehmlich um faule Früchte handelt, die vom Baume abfallen; aber man muß bedenken, daß vielleicht die Nachkommen dieser Täuflinge denn doch besser geartet sein könnten. Gerade die Jüdisch-Nationalen wissen es am besten, wie viele ihrer Wortführer aus Häusern stammen, wo man das Judentum nur noch dem Namen nach kannte. Das hat nicht gehindert, das sie, in ein anderes Milieu geratend, sich wieder dem Judentum, freilich in ihrer Weise, genähert haben. Es ist demnach nicht ausgeschlossen, daß die Kinder gar mancher unserer heutigen Assimilanten unter den Einwirkungen der Um-, stände und der Verhältnisse wieder gute Juden werden würden, wenn ihre Eltern nur tpeiterhin im jüdischen Lager verbleiben sollten. Es ist unmöglich, den Erscheinungen, deren Zeugen wir sind, gleichgültig gegenüber zu stehen. Man muß sich, ob man will oder nicht, die Frage vorlegen, ob es nicht gerade die Vorgänge innerbalb des Wiener Judentums in der letzten Zeit sind, die dazu beitragen. Das Surrogatjudentum, das gepredigt und getätigt wird, die Parole, daß Wahlmache und Wahlpolittk das Um und Auf des Judentums bilden, kann ja dazu manches beigetragen haben. Denn um sich derart „jüdisch" betätigen zu können, muß man nicht gerade dem konfessionellett Judentume angehören. Der bekannte Witz von den „Glaubensgenossen aller Konfessionen" wird da in die Wirklichkeit übersetzt. Das kann und darf aber nicht so bleiben. Für den glaubenstreuen Juden gibt es nur ein Rezept, um das Judentum zu erhalten: das Festhalten an dem unverfälschten Judentum, die Hochhaltung der geschriebenen und überlieferten Lehre, die Erziehung der Jugend im echten religiösen Geiste, ohne rede Fälschung und ohne jedes Surrogat im Geiste der Tagesschlagworte. Unsere Na-, tionalisten aber, wie nicht minder deren Wortführer auf den Kanzeln und in den „Massenversammlungen", müßten bedenken, daß der Abfall weiter Kreise vom Judentum gerade ihnen sehr in die Quere kommen könnte. Rekrutieren sie sich doch vornehmlich aus diesen Kreisen. Woher sollen sie Nachwuchs erhalten'?! Die glaubenstreuen Juden haben ihre Lehren nicht nötig und ebensowenig ihre Mithilfe zur Erhaltung der Jugend beim Judentum. Jene Kreise, die hiefür in Betracht kommen, sollten möglichst dem Judentume erhalten bleiben. Dr. Awi-Schalom. Oie Aufteilung der Türkei und Palästina. Das ottomanische Reich steht nun vor der Entscheidung über sein Schicksal. Nachdem die Friedenskonferenz die Bedingungen sür Deutschland und Deutschösterreich festgesetzt hat, ist nun die Türkei an der Reihe. Ebenso wie hinsichtlich der Mittelstaaten fällt es den Herren der Entente nicht leicht, das letzte Wort über" das Schicksal der Türkei zu sprechen. Die Interessengegensätze zwischen den diversen Staaten, die auf das Erbe des ottomanischen Reiches Anspruch erheben, lassen sich nicht so einfach aus der Welt schaffen und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Entscheidung, die angeblich bereits getroffen wurde und die das völlige Verschwinden des Reiches als selbständigen Staates zum Ziele haben soll, im letzten Moment umgestürzt werden wird. Die Nachrichten über die diesbezüglichen Pläne der Entente widersprechen einander und man wird authentische Meldungen abwarten müssen. Wie in den letzten Tagen verlautet, soll man in Paris heabsichtigen, daß Reich in irgendeiner Form zu erhalten, und zwar über Betreiben Englands, das ob der Unruhen in Aegypten und Indien beunruhigt ist und die Mohammedaner nicht völlig vor den Kopf stoßen will. Bezeichnend ist hiebei folgende Meldung der „Times", die großes Aufsehen Großbritannien verzichtet auf das Mandat über Syrien. Großbritannien wünscht bloß jenen Verpflichtungen gerecht zu werden, die in seinem Namen von Oberst Lawrence gegenüber Feisul eingegangen worden sind, den es als Haupt des arabischen Volkes anerkennt. Sollte sich diese Meldung bestättgen, so könnte auch das Schicksal Palästinas dadurch wesentlich beeinflußt werden. Man wird in den jüdischen Kreisen gut tun, die Entwicklung der Dinge ausmerksani zu verfolgen, um so eher, als die arabischen Unruhen auch auf Palästina übergegriffen haben, wobei zunächst Jaffa bedroht sein soll. Pogrome und kein Ende. Wieder kommen aus dem Osten Nachrichten über Pogrome. Den neuesten Meldungen zufolge sollen auch in Warschau, in Lemberg sowie in luderen Städten Polens, wie nicht minder in der llrraine, Juden exzesse vorgekommen sein. Nachstehend die Berichte: (Ausschreitungen in Lemberg.) Aus Lemberg wird gemeldet: Hier haben in den letzten Tagen antijüdische Exzesse stattgesunden, die aber glücklicherweise keinen größeren Umsang annahmen. (Judenpogrome in Kowel.) „Der Lokalanzeiger" meldet aus Gleiwitz: Die Hallerschen Truppen sind in Kowel eingetroffen und haben dort große Judenpogrome veranstaltet. Ueberall, wohin die Truppen Hallers kommen, werden die Geschäfte geschlossen. (56 Ermordete in Wilna, j In Warschau ist eine Delegation der jüdischen Bevölkerung in Wilna eingetrosfen, um bei der Regierung bezüglich der Befreiung der unschuldig in Litauen verhafteten Juden zu intervenieren. Die Delegation wurde vom Zivilkommissär für Litauen, Osnotowski, empfangen, der der Delegation einen Offizier beigab. Die Delegation soll Litauen bereisen und die unschuldig Arretierten befreien. Die Kommission ist bereits nach Bialystok abgereist, wo sich die Mehrzahl der Verhafteten — ungefähr 4M Personen befinden. Die Delegation stellte fest, daß bei den Ausschreitungen in Wilna 56 Juden ermordet wurden. (Der Pogrom in Kolbuszowa^. Die Krakauer Blätter melden, daß fünfzehn Plünderer, die sich an den Unruhen in Kolbuszowa beteiligten, nach Rzeszow gebracht und vor ein Standgericht gestellt wurden. Fünfzig Personen befinden sich in Untersuchungshaft. (Die Ukrainer veranstalten weiter Judenmorde.) (Spezialb. d. K. f. d. O.). Die ukrainischen Truppen haben, wie Kiewer Blätter berichten, vor dem Verlassen von Wolocysk ein furchtbares Judenmassakre veranstaltet. An diesem Pogrom nahmen auch Genossen aus Ostgalizien teil. 15M Juden sind ums Leben gekommen. Ihre Häuser sind geplündert worden. Um die Spuren des Pogroms zu verwischen, steckten die aufgepeitschten ukrainischen Horden eine Reihe von täusern in Brand. Nach Informationen aus owno sind ukrainische Truppen aufständisch. In Kreminiecz haben ukrainische Soldaten ihre Offiziere gefangen genommen, die Munitionsmagazine in die Luft gesprengt und die Kasernen in Brand gesteckt. Später wurden Judenpogrome veranstaltet. Die ukrainischen Gewalttätigkeiten forderten 600 Opfer. Erst die eiligst aus Brody herbeigerufenen Truppen vermochten mit Waffengewalt die Ruhe wiederherzustellen.