Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 18 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 18 luug erfahren haben, so geschah es vielfach in Wien nnd so geschieht es nunmehr auch in Jem-. salem — überall dort, wo die Zionisten zu entscheiden haben. Es ist dies wahrlich ein überaus beschämender Zustand! Remedur kann aber nur dann geschaffen.werden, wenn die glaubenstreue Judenschaft sich überall zu einer energischen Tat aufraffen und die ungebetenen „Apotropsim" abschütteln wird, die sich das Recht usurpieren, die Wortführer der Judenheit zu sein. Bei dieser Gelegenheit möchten wir noch auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die angesichts der geschilderten Verhältnisse nicht unbeachtet bleiben darf. Trotz ihrer geradezu religionsfeindlichen Haltung scheut sich die zionistische Organisation nicht, um die Sümmm, Stimmungen und — in erster Reihe wohl — um die Geldmittel der Orthodoxie zu werben. Um leichter zum Ziele gelangen zu können, haben sich die Herren darauf verlegt, überall, wo das nur möglich ist, pseudo-orthodoxe Vereine ins Leben zu rufen, um den Anschein zu erwecken, daß auch die Orthodoxie zu chren Fahnen schwört. Auch in Wien wird seit etwa einem Jahre mit einem Verein „Jischub-Erez-Jisroel" großer Staat gemacht, der, von einigen orthodoxen Eigenbrödlern unter offizieller Mitwirkung der zionistischen Führer ins Leben gerufen, dazu benützt wird, die Oeffentlichkeit irrezuführen. Wir haben es bis heute unterlassen, mit den Gründern und Führern der „Jischub-Erez-Jisroel" zu rechten. Wir wiffen ja. daß sie selbst die Geführten sind und wenn sie sich dazu hergeben wollen, daß mit ihren Ramm, respektive mit der Autorität ihrer großen Vorfahren Mißbrauch getrieben wird, so ist dies ihre Sache. Für „Jischub-Erez-Jisroel" haben sie bis heute wenig getan und nach der Lage der Dinge dürsten sie kaum dazu gelangen, ihren Einfluß irgendwie geltend machen zu können. Wer angesichts der gegenwärtigen Vorgänge in Jerusalem möchten wir sie fragen: Habt ihr diesbezüglich gar nichts zu sagen? — Als vor einigen Monaten in Zürich eine Konferenz der orthodoxen Verbände stattgefunden hat, habm sich die Leiter der „Jischub-Erez- Jisroel" beeilt, dagegen zu protestieren, daß sie nicht zur Teilnahme eingeladen waren. Wo bleibm heute Eure Proteste, wmn Ihr wirklich das Jntereffe des orchodoxen Judentums vor Augen habt und als orchodoxe Organisation geltm wollt? Gerade jüngsten Sonntag habt Ihr ein „Mafien- Meeting" abhalten lassen, das heißt Ihr habt Eure Firma dazu hcrgegüben, das Arrangement haben die zionistischen Führer besorgt. Das „Meeting" hätte schon vor 14 Tagen stattfinden sollm, aber trotz aller Agitation — selbst in den Bethäusern wurden Karten verkauft — schien das „Geschäft" nicht floriert zu haben und so wnrde die „Vorstellung" für den 11. Mai verschoben. (Der Unfug, Propagandaversammlungm gegen Entree zu 2 bis 20 Kronen zu veranstalten, ist eine zionistische Spezialität — die Kartenkäufer glauben allerdings, das Geld sei für Palästina bestimmt!) Nun konnte der Spektakel im großen Konzerthaussaale losgehen. Der zionistische Monitor weiß von zirka 40 Rabbinem zu melden, die die Tribüne zierten — wir wollen es unterlassen, zu untersuchen, wer diese 40 „Rabbiner" waren, die sich auf diese Weise zur Schaustellung hergegeben haben. Wer die Frage ist berechtigt, was hat ein Wolf Stand bei einer „orthodoxen" Versammlung als Referent zu suchen, der in religiösen Dingm jenseits von Gut und Böse steht und diesbezüglich als ein Ignorant gelten kann? Ist es nicht eine Ueberhebung, wmn solche Männer sich herausnehmm, über die Aufgcwm der Orthodoxie zu sprechen? Die Stellung der Orchodoxie zur Palästinasache ist hinlänglich bekannt und es ist kaum nötig, darüber noch viel Worte zu verlieren, aber jeder gute Jehudi muß sich darüber klar sein, daß die Wahrung religiöser Interessen im Rahmm der zionistischen Organisation unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich ist. Die jüngsten Vorgänge in Jemsalem müssen reden, der offene Wgen hat, & dieser Erkenntnis bringen, wenn er sich der hrheit nicht verschließen will. Jehudi-Chored. Die Pogrome in Galizien. Die Gerüchte über Judenpogrome in Westgalizim, die wir in der vorigen Nummer kurz registriert habm, haben sich leider bestätigt. Sie waren in llheszow, Kolbuszowa, Mielec usw. besonders blutig und haben auch Menschenleben gefordert. Nachstehend bringen wir einige Details über den Verlauf derselben. Leider ist noch immer nicht abzusehen, wann dieses blutige Spiel ein Ende nehmen wird. Die Regierungskreise scheinen jetzt etwas energischer gegen die Ausschreitungen vorzugehen — manches mag hiezu der Umstand beigetragen habm, daß die Exzedenten nunmehr auch die polnischen Großgrundbesitzer nicht verschonen — doch Hilst dies wenig. Sie sollten daraus die Lehre ziehen, daß derartige Bewegungen im Keime erstickt werden müssen, wenn ihnen wirksam begegnet werden syll. Vielleicht wird man in der Zukunft diese Lehre beherzigm. * Nachstehend die Berichte: (Der Pogrom, tu Kolbuszowa.) Aus Krakau wird geschrieben: Der Pogrom in Kolbuszowa setzte Montag, den 5. Mai 1919, nachmittags ein. Die Bauem aus der Umgebung — vorderhand noch unbewaffnet — plünderten die Wohnung von David Eckstein und den Laden von Josef Rosenfeld. Sie wurden von der Ortsgendarmerie vertrieben. Montag nachts trafen in Kolbussowa 120 Soldaten von auswärts ein. Dienstag, den 6. Mai 1919, ftüh (am Marktlage) bemühte sich das Militär, die von allen Seiten hereindrängenden Bauern nicht in die Stadt zu laffen. Wer die bewaffnete Bande durchbrach an einer Stelle den militärischen Kordon und drang in die Stadt ein, 'welche sohin der Bande zur Bmte fiel. Von nun an waren die Soldaten im allgemeinen hilflos. Die Menge überfiel die jüdischm Läden und raubte sie vollständig aus. Es ist zu erwähnen, daß ausschließlich jüdische Läden geplündert wurden, und zwar alle. Die christlichen Läden blieben vollkommen unberührt. Femer wurden fast alle jüdischen Wohnungen ausgeplündert. Die Mmge schlug jeden Juden, dem sie auf der Straße begegnet ist öder den sie zu Hause vorfand'. Getötet wurden: 1. Salomon Schnur (92 Jahre, krank und bettlägerig); 2.Pajsech Lichtmann (65 Jahre); 3. Sara Blitzer (70 Jahre); 4. Markus Silber (70 Jahre); 5. Riwka Auchhiesiger (55 Jahre); 6. Markus Kirschbaum (24 Jahre, erkaufte sich das Leben von einigen Banditen mit Lösegeld, als ihm das Geld ausging, wurde er von einem Exzedenten auf dem jüdischen Friedhof, wo er sich verborgen hatte, erschossen); 7. Sara Hena Natowicz (65 Jahre); 8. Naftali, Sohn des Melamed (jüdischer Lehrer, über 20 Jahre), die Frau von Hersch Bimenstock (65 Jahre). 9. Wie verlautet, soll noch eine Person tot sein. Schwerverwundet sind etwa hundert Personen, leichtverwundet sehr viele. Der Pogrom dauerte bis Dienstag nachts. Dann verließ der Mob die Stadt, nachdem er alles geplündert hatte, was nicht niet- und nagelfest war. Die geraubten Sachen nahmen die Plünderer in den Händen und auf dem Rücken, Fuhrwerke hatten sie nicht mit. Die Soldaten taten ihr Möglichstes, sie waren aber angesichts der Ueberzahl machtlos. Eine Abteilung Soldaten wurde von dem Mob kurzweg entwaffnet. Die einheimische Intelligenz und Bürgerschaft verhielt sich den Juden gegenüber freundlich. Bei Tage ließen sie zwar die Juden nicht hinein zu sich, aus Furcht vor dem Mob, abends;edoch nahmen sie die Juden auf, gaben ihnen Nahrung und Nachtlager. Die Gendarmen hatten zwei Tote - zu beklagen. Von den Exzedenten sollen angeblich acht gefallm sein. (Der Pogrom i« Rzeszow.) Den 3. Mai feierte die polnische Bmölkemng in Bzeszow auf die Weise, daß sie einen Judenpogrom veranstaltete. Um 7 Uhr früh versammelte sich eine große Menge Bauem, Frauen und' Burschen vor dem Rathaus, wo sie Brot verlangten. Unter den Versammelten sich man gut gekleidete Herren, die auch bald an die Spitze der Menge traten und sie auffordertm, die Juden zu „besuchen", woselbst sie genug Brot, Zucker u. dgl. finden würden. Die Menge war gut bewaffnet. Das erste Angriffsziel war die Synagoge. Die wilde Maffe stürmte das BethauS mit A^ten, Eisenstöcken »md Ähnlichen Werkzeugm, schlug unbarmherzig die anwesenden Juden, zertrümmerte das Innere des Tempels und zerriß die Thorarollen. Nachher begannen die Plünderungen der jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Vom Bahnhof bis zur Grunwaldgafse wurde kein einziges jüdisches Geschäft verschont. Großm Schaden erlitten insbesondere das Geschäft und die Wohnung des Wolf Goldstein, Kapellner, das Juweliergeschäst Schiff und Söhne, die Propinatton Silber, Manufakturgeschäft Karpf, Eisenberg, Fleischer und andere. Viele Juden sind schwer verwundet, insbesondere Advokat Dr. Schlager und Ferttg aus Neusandez, welche bei der Behörde intervenieren wollten. Erst um die Mittagsstunde schritt die Militärpolizei ein, jedoch vergebens, da die Mteilung sehr klein war und überdies die Menge ihre Befehle gar nicht beachtete. Auf Bitten und Drängen mehrerer jüdischer Bürger entschloß sich Oberst Herbert des 18. Infanterieregiments, eine Kompagnie Soldaten abzukommandieren. Die Soldaten fraternisierten bald mit den Banditen, halfen ihnen die Geschäfte plündem und teilten mit ihnen die Beute. Sonntag wiederholten sich die Ausschreitungen, nachdem die Plünderer aus der Umgebung „Verstärkungen" erhalten haben. Unter den Plünderern befanden sich viele Bahnarbeiter und Eisenbahner. Vormittags wurde über die Stadt der Ausnahmszustand verhängt und um 11 Uhr gab das Militär eine Salve ab. Die Zahl der Verwundeten ist groß. Dem „Glos Narodu" zufolge brachen in Rzeszow die Unmhen aus, weil die Brottattonen vom Magisttat reduziert wurden. Die Exzedenten warfen sich auf die jüdischen Geschäfte und plünderten sie aus. Die jüdischen Synagogen in der Mickiewiczgaffe wurden demoliert. Dreißig Personen wurden verwundet. Das Militär gab eine Salve ab, wobei zwei Exzedenten getötet wurden. „Czas" meldet, daß in der Umgebung von Kolbuszowa Bauembanden umherziehen und die Juden aus dem Beirk systematisch vertreiben. Außer in Kolbuszowa anden auch in Sokolow und Majdan Judenexzesse statt. Im Bezirk Ropczyce stellen die Bauern den Dorffuden ein Ulttmatum: Entweder werden sie fteiwillig mit ihrer Habe die Ortschaft verlaffen, oder sie werden mit Gewalt dazu gezwungen werden.Jneinigen-Gemeindenwandertendie Juden aus. Eine jüdische Familie erklärte sich zur Taufe bereit, daraufhin wurde ihr der weitere Aufenthalt bewilligt. (Der Pogrom i« Mielec.) Am 1. Mai kam es in Mielec zu schweren anttjüdischen Ausschreitungen. Die Bauern aus der Umgebung kämm in die Stadt und plünderttn von Früh bis 6 Uhr abends die jüdischen Kaufläden und Wohnungen. Viele Juden wurden geschlagen, einige emstlich verwundet. Die Bauem kamen aus der Umgebung mit Wagen, um die geraubten Waren wegführen zu können. Die Gamison blieb Untättg. Jede Jnterventton war fruchtlos. Am 2. Mai war Ruhe, die Bevölkerung lebt in großer Angst. (Der Pogrom in Niebylee.) Am 28. April entstanden in Niebylce (im Bezirk Sttyzow in Westgalizien) Unmhen, die sich gegen die Juden richteten. Bauern und Bürger aus der Stadt und dm umliegenden Dörfem waren die Urheber. Drei Juden wurden erschlagen, einer starb an den erhaltenen Wunden. Elf Juden und Jüdinnen wurdm sehr schwer, fünf schwer verwundet. Auch in den übrigen Orten des Bezirkes kam es zu schweren Unmhen. Die Behörde ttat nur sehr lässig gegm die Auftuhrsttster auf, die Juden leben im ganzm Bezirk in Angst und Schrecken. vom Leben der Inden in Rußland. Auch in Kursk hat die jüdische Gemeinde einen schweren Stand durch das jüdische Kommissariat. Auch hier hat der jüdisch-bolschewistische Bertteter mehrere jüdische öffentliche ökonomische und kulturelle Institutionen „requiriert" und die Gemeinde gezwungen, in den Schulen die jüdische statt der hebräischen Unterrichtssprache einzuführen und ein neues Programm festzusetzen. Die Folge hiemon war, daß die Schulen leer blieben. Der Gemeinde wurde gedroht, für ihre „konterrevolutionäre" Tätigkeit zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die jüdische Gemeinde ihrerseits legte Beschwerde gegen das Verhattm des jüdischen Kommiffariats beim Gou-