Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 16 (1.5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.' 16 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 und die Schmuckstücke der kaiserlichen Familie, welche nach Moskau gebracht worden sind, an den Tag. Der General sagte dem Korrespondenten der „Times", es sei keine Frage, daß die Leichen des Zaren, der Zarin und der Kinder nachts in den Wald geworfen wurden, wo man sie im Frühjahre erst wieder auffinden wird. Ihre Kleider und alles, was sie bei sich hatten, wurde verbrannt. Dort hat man auch das Geschmeide in der Asche gesunden. Es sei festgestellt, daß die jüdische Gruppe der Sowjets den Mord geplant und angeordnet hat. Es sei alles geschehen, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen, aber eine Menge Beweismaterial sei gefunden worden. — Das ist eine neue Variante der reaktionären Taktik, für den Terror der Bolschewik! die Juden verantwortlich zu machen. Um kein Atom besser in moralischer, juristischer und politischer Hinsicht ist das „Beweismaterial", das angeblich General Diedrich nach obiger Meldung besitzt. (Ein vierzehnjähriger jüdischer Kriegsbeschädigter.) Der jüngste Kriegsbeschädigte des deutschen Heeres dürste wohl der jetzt vierzehnjährige Josef Zippes sein. Im Mai 1904 wurde er in Konstantinopel geboren, wohin sein Vater, ein Schneidermeister, vor zwanzig Jahren aus Oesterreich eingewandert war. Dort besuchte er eine deutsche Mittelschule. Er hatte sie noch nicht ganz absolviert, als im Jahre 1916 die deutsche Militärmission in der Türkei einen Aufruf zur Meldung von Kriegsfreiwilligen für das deutsche Heer erließ. Im September 1917 meldete sich Josef und wurde in deutsche Uniform eingekleidet, einige Wochen militärisch ausgebildet und rückte dann im Oktober 1917 mit einer Minenwerferabteilung als Dolmetscher zur Palästinafront aus. Er spricht deutsch, türkisch, hebräisch und französisch. Da passierte ihm im Februar 1918 bei Damaskus ein schweres Unglück. Eines Nachts fuhr die Lokomotive einer Feldbahn in den Wagen hinein, auf dem er sich gerade auf einer Dienstreise befand. Er geriet unter die Räder der Lokomotive, die ihm beide Beine abfuhr. Das eine Bein mußte am Oberschenkel, das andere am Unterschenkel amputiert werden. Er wurde in verschiedenen Lazaretten be-. handelt, bis er schließlich im August 1918 in das Festungslazarett Breslau, Abteilung Baugewerk- . schule, überwiesen wurde. Dort erhielt er künstliche Beine, auf denen er sich nach und nach mit ziemlicher Sicherheit bewegen lernte. Da er Lust gezeigt hat, Feinmechaniker zu werden, so wird er als solcher in der Breslauer Handwerker- und Kunstgewerbeschule ausgebildet werden. Das Offizierskorps seines Truppenteiles hat einen tausend Mark übersteigenden Betrag für den kleinen Helden gesammelt. _ Die Juden in Adrianopel. Die Jüdische Preßzentrale Zürich erhält folgenden Bericht aus Konstantinopel: In Adriauopel ist die Lage der Juden sehr ungünstig. Seit 1906, wo 3000 Häuser, darunter viele Jüdische, niederbrannten, hat das Unglück diese Stadt bis auf den heutigen Tag verfolgt. Seit dem Balkankriege wechselte sie viermal den Besitzer. Während des Weltkrieges wurde sie durch den unglücklichen Teilungsvertrag zwischen Bulgarien und der Türkei von der Hauptverkehrslinie abgeschnitten. Die Stadt befindet sich auf türkischem Boden, die Bahnstation vier Kilometer entfert auf bulgarischem Gebiet. Dadurch kann die Stadt nicht genügend mit Lebensmitteln versorgt werden. Tausende von Juden, die früher wohlhabende Kaufleute waren, sind feit dem Waffenstillstand gänzlich verarmt und gehen dem elendlichsten Hungeriode entgegen. Und das in einer Stadt, wo es keinen einzigen jüdischen Bettler gab. Wenn jemand verarmte, so wurde ihm vom jüdischen Komitee ein Kapital zinslos zur 'Verfügung gestellt, damit er sich eine neue Existenz schaffe. Blinde bekamen reichliche Subventionen. Auf Almosen war niemand angewiesen. Seit neun Jahren steht eine große Zahl jüdischer Männer ununterbrochen im Kriegsdienste. Die Frauen und Kinder dieser Soldaten sind ohne Hilfe. Die Moralität der Kinder übersteigt 60 Prozent. Dazu sind nur sehr wenige, fast gar keine Geburten zu verzeichnen. Die reicheren Kaufleute sind ausgewandert und die Zurückgebliebenen wandeln wie Schatten und Gespenster durch die Straßen, wie eine stumme -Klage. Vor zwölf Jahren gab es daselbst noch 13 spaniolische Synagogen. Heute existieren nur noch eine große monumentale und zwei bis drei kleine Synagogen. In der Stadt leben mehr als 500 große Talmudisten. Sämtliche Geschäfte sind am Samstag geschlossen. Es gibt keine getauften Juden. Der Zionismus hat zahlreiche eiftige Anhänger. Am meisten wurde die hebräische Zeitung „Hazefira" gelesen. Die achtklassige Schule der Alliance Jsraelite Universelle, die unter Leitung des Direktors Mitrani steht, der die Moral der energielos gewordenen Juden aufrecht erhält, und in der bis September vorigen Jahres unterrichtet wurde, haben die Türken für militärische Zwecke beschlagnahmt. Seither ist das kulturelle Leben im Niedergang. Alle Juden sprechen spauiolisch, 80 Prozent davon beherrschen die französische Sprache, da der Unterricht in der Schule in französischer, hebräischer und türkischer Sprache erteilt wird. Nach Besuch dieser Schule studierte mindestens ein Mitglied aus jeder jüdischen Familie in Paris auf Kosten der Alliance. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen im asiatischen und europäischen Orient stammen aus Adrianopel. In allen ausländischen Konsulaten waren jüdische Kaufleute als Beiräte für den Handel zugezogen. Die Rohseiden-Jndustrie, der Handel in Leder, Fellen, Wolle und Baumwolle lag ausschließlich in Händen der Juden, deren Ehrlichkeit sprichwörtlich war. Nur selten wurden schriftliche Verträge abgeschlossen; mündliche Abmachungen auf Glaub und Treu wurden streng eingehalten. Von der St. Galler Stickereiindustrie importterten die Juden Adrianopels jährlich Waren im Werte von mindestens vier bis fünf Millionen Franken. Es bestand eine große Strumpf- und Flanell-Hausindustrie, wodurch 4000 meistens jüdische Töchter durch Heimarbeit beschäftigt waren. Diese Mädchen, die bisher ihre eigenen Maschinen hatten und die französisch, spanisch, griechisch und türkisch sprechen, müssensich jetzt als Dienstmädchen verdingen, um nur nicht elends Hunger zu sterben. Diese Hausindustrie könnte sehr leicht nach Palästina verpflanzt werden, da fast alle bereit sind, nach Palästina auszuwandern. Nur müßte man rasch sich dieser Unglücklichen annehmen, die neben dem Hungertode noch Gefahr laufen, wenn sie an Bulgarien oder Griechenland fallen würden, ihre bisherigen Privilegien, die sie unter türkischer Herrschaft besaßen, zu verlieren. Um die Not zu lindern, hat Professor Strauß aus Budapest fünf Waggons Lebensmittel für die jüdische Bevölkerung von Adrianopel im September vorigen Jahres sichergestellt. Durch den Waffenstillstand kamen diese Lebensmittel niemals nach Adrianopel, weil diese Stadt von der Verkehrslinie abgeschnitten ist und die Bevölkerung so einem langsamen Hungertode geweiht ist. Ein Martyrium von 30.000 Juden, die schrecklich zu Grunde gehen müssen, wenn ihnen nicht bald Hilfe zukommt, die raschestens durch den bulgarischenHafen Dedeagatsch geleistet werden müßte- Feststellung. Zu unserem Artikel in Nr. 12 „Die Orgelfrage in Wien" ersucht uns das Komitee der vereinigten Tempelvereine Wiens (Obmann Direktor Doktor Krenberger) festzustellen, daß dieses Komitee gegen die Forderungen des Schulrates Dr. Tschiasny Stellung genommen hat. Nach der Meinung dieses Komitees gehört die Orgelfrage auch zu denjenigen Fragen, welche die einzelnen Tempelvereine nach deren Gutdünken nur im Einvernehmen mit dem Rabbinat zu lösen hätten. Rundschau. (Ausschreitungen gegen Juden in Warschau.) Montag, den 21. April, fanden in Warschau im Weichselbezirk Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung statt. Schon während des ganzen Tages wurden in den Gassen die jüdischen Passanten, besonders die traditionell Gekleideten, von bewaffneten Banden angehalten und mißhandelt. Am Abend überfielen bewaffnete militärische Banden gemeinsam mit zivilen Hooligans die Altstadt, schlugen alle vorbeigehenden Juden und verwundeten viele von ihnen. Die jüdischen Häuser wurden mit Steinen beworfen und die Fensterscheiben eingeschlagen. Die Ausschreitungen dauerten bis 11 Uhr nachts. In der Pretagasse wurde auch wiederholt I geschossen. Den Schwerverletzten wurde seitens der Rettungsgesellschaft die erste Hilfe geleistet. Als die jüdischen Ratsmänner von den Vorfällen verständigt wurden, intervenierten sie beim Stadtpräsidenten und beim Polizeichef. Sie begaben sich auch an den Tatort, wo sie gemeinsam mit dem Polizeichef die geplünderten jüdischen Geschäfte besichtigten. (Gewalttaten gegen die Juden in Rumänien.) Der „Verband der einheimischen Juden" in Rumänien veröffentlicht folgenden Bericht über die letzten rumänischen Pogrome: „Die Pogrome begannen mit Plünderungen und Verwundungen sofort nach dem Rückzug der Truppen. In Braila wurden über sechzig jüdische Häuser, die Arbeitern oder kleinen Händlern gehörten, von denen viele eben erst aus dem Kriege heimgekehrt waren, ausgeplündert. Hierbei wurden auch Witwen und Waisen von im Kriege Gefallenen und die Angehörigen von Verwundeten schwer geschädigt. Die Leute wurden tatsächlich bis zum Letzten ausgeplündert, auch ihr Handwerkzeug wurde ihnen genommen. Selbst die Synagoge und der jüdische Friedhof wurden nicht verschont. In Buzeu gab es ähnliche Verwüstungen, wenn auch in geringerer Anzahl. In Bukarest hat man in der Calea Victoria und Lipscani, den Hauptgeschäftsstraßen, Verwüstungen in großem Maße angerichtet. Allerdings wurden dann die Banditen in der im jüdischen -Viertel gelegenen Calea Vakaresti von den jüdischen Bewohnern in die Flucht geschlagen. Nur dank dieser Selbstverteidigung sind die Juden dem Schicksal eines Massakers, das von den Banditenführern gemeinsam mit der Polizei vorbereitet war, entgangen. Die Regierung war von dem bevorstehenden Pogrom benachrichtigt worden, unternahm aber keinerlei Schritte. Während der Ausschreitungen in Bukarest wurde ein junger Jude, David I. David, durch eine Kugel getötet. Ueber diese Vorgänge hat der Verband der einheimischen Juden der Regierung ein Memorandum vorgelegt, in dem Untersuchung der Vorgänge und Entschädigung verlangt wird. Der Minister des Innern, Marzesku, hat solche zwar zugesagt, doch rechnet man in Rumänien nicht auf die Erfüllung seines Versprechens." (Eine Unterredung Rothschilds mit Bratianu.) Baron Eduard Rothschild hatte eine Unterredung mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu über die Judenfrage Rumäniens. Bratianu behauptete, in der rumänischen Armee habe es viele jüdische Verräter gegeben. Auf die Frage Rothschilds, warum diese nicht erschossen worden seien, antwortete Bratianu lächelnd: „Wenn man alle Verräter erschießen würde, so hätte man die halbe Bevölkerung Rumäniens erschießen müssen." In bezug auf die jüdische Gleichberechtigung bewegten sich die Aeußerungen Bratianus in allgemeinen Phrasen. Eine kategorische Erklärung zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung konnte Rothschild von Bratianu nicht erlangen, vielmehr gewann er den Eindruck, daß die rumänische Regierung die Judenfrage nicht lösen wolle, es sei denn, daß sie von der Friedenskonferenz wird dazu gezwungen werden. (Die Kunst im Dienste der Pogromhetze.) Wie „Hajnt" meldet, wurde jetzt auch die polnische Kunst in den Dienst der Pogromagitation gestellt. Große Thzatergesellschaften bereisen jetzt die größeren Städte des Landes, wo sie Stücke ausgesprochen judenhetzerischer Tendenz aufführen. In weitesten jüdischen Kreisen herrscht darüber Unruhe, zumal seitens der Behörde nichts unternommen wird, um diesem Treiben Einhalt (Autonomie für die türkischen Juden.) Dem „Temps" zufolge überreichte die Türkei den englischen, amerikanischen, französischen und italienischen Oberkommissaren in Konstantinopel eine Denkschrift, in der angekündigt wurde, daß auch den Juden weitgehende Autonomie gewährt werden soll. (Die jüdische Konstituante in Palästina.) „Allgemeen .Handelsblad" erfährt aus Jerusalem: Ein Teil der Orthodoxen in Jerusalem wird an den Wahlen zur jüdischen Konstituante nicht teilnehmen, weil den Frauen das aktive und passive Wahlrecht eingeräumt worden ist. Das Rabbinat in Jerusalem bemüht sich, die Orthodoxen zur Teilnahme an den Wahlen zu bewegen, um einer radikalen Mehrheit in der Konstituante vorzubeugen. Die orthodoxen Zionisten nehmen an der Wahl teil.