Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 16 (1.5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 16 Die Krise in Paris. Mit großer Spannung und mit eingehaltenem Atem verfolgt alle Welt zurzeit die aus Paris einlangenden Nachrichten. Die Krise innerhalb der Friedenskonferenz, die Obstruktion und die offenen Drohungen der Italiener, sowie die heimlichen, wenn auch durchsichtigen Intrigen der Japaner, bedeuten eine ernste Gefahr für das Friedenswerk. Die Völker, auch diejenigen, welchen das Kriegsglück zuguterletzt hold war, sind aber todmüde und möchten um keinen Preis den Krieg wieder aufleben sehen. Noch immer -wird gehofft, es werde möglich sein, einen friedlichen Ausweg zu finden und eine Verzögerung des Friedens zu verhüten. Es ist aber klar, daß dies nur auf Kosten des Rechts und der Gerechtigkeit, auf Kosten der Wilsonschen Grundsätze geschehen könnte. Dann aber wird wohl der so heiß herbeigesehnte Friede erreicht werden — aber die vielgeplagten Völker werden nicht zur Ruhe kommen. Ein Gewaltfriede wird sich für die Dauer kaum aufrecht erhalten lassen. Die vergewaltigten Völker werden sich, kaum etwas erholt, zu neuen Waffengängen rüsten. Der Völkerbund wird ein totgeborenes Kind sein. Die Kulturwelt wird sich zwecklos verblutet haben. Mit noch größerer Spannung und mit noch schwereren Sorgen, als alle andern Völker, verfolgen die Juden die Vorgänge in Paris. Haben sie doch ihre ganze Hoffnung auf die neue Weltordnung gesetzt, die das Resultat der Friedenskonferenz bilden sollte. Die Zukunft Palästinas, die Rechtsstellung der Juden in den Ländern der Diaspora — darüber sollte die Friedenskonferenz das letzte Wort sprechen. Was soll nun geschehen, falls die Konferenz wirklich gesprengt und zu keinem positiven Resultat gelangen könnte? Ueber das Schicksal Palästinas wird nun England eigenmächtig zu entscheiden haben. Es liegen nun wohl feierliche Versprechungen vor — aber man kennt die Gegenkräfte, die am Werke sind, um diese Versprechungen illusorisch zu machen. Die Vorgänge in Aegypten und in Indien drohen eine große Verlegenheit für England zu werden. Auf dem heißen Boden Palästinas wird England dann soviel mit sich selbst zu tun haben, daß es selbst beim besten Willen außerstande sein müßte, seine Versprechungen einzulösen. Noch ungünstiger wird es um die Juden des Ostens bestellt sein. Man wird sie ganz einfach ihrem Schicksal überlassen. Was das zu bedeuten hätte — darüber verschaffen die Vorgänge in Polen, der Ukraine, Rumänien usw. volle Klarheit. Aber selbst in anderem Falle, wenn es gelingen sollte, die Krise in Paris friedlich zu lösen, auch dann sind die Perspektiven für die Juden nicht besonders erfreulich. Kommt ein Gewaltftiede zustande, dann ist kaum 'anzunehmen, daß gerade den Juden Recht und Gerechtigkeit werden würde. Man wird auch über ihre Lebensinteressen zur Tagesordnung übergehen, wie dies hinsichtlich der anderen kleinen Völker der Fall sein, dürfte. Diejenigen, die die jüdische Volkspolitik nach einer einseitigen Orientierung geleitet haben, die alles auf eine Karte setzten, werden dann als falsche Propheten entlarvt sein. Wer aber tvird den Schaden gut machen^ den diese einseitige Politik bringen wird?! Spectator. Pogromprobe in Wien. Die Pogromhetze, die in letzter Zeit seitens gewisser antisemitischer Kreise in Wien in Szene gesetzt wurde, ist nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Vorigen Freitag wurde die erste Pogromprobe abgehalten. Dank dem energischen Einschreiten der Schutzmannschast und der Volkswehr ist es glücklicherweise ziemlich glimpflich abgelaufen und die energischen Maßnahmen, die seither seitens der maßgebenden Stellen ergriffen wurden, lassen mit Sicherheit erwarten, daß es zu keiner Wiederholung des blutigen Spieles kommen werde. Die Ereignisse spielten sich folgendermaßen ab: Nach den blutigen Kämpfen vom Gründonnerstag, welche auch Menschenleben forderten, wurden energische Vorkehrungen getroffen, um eine Wiederholung des „Putsches" hintanzuhalten. Der Versuch, am Karsamstag eine neue Auflage desselben zu veranstalten, mißlang kläglich. Die Demonstranten konnten nicht einmal bis zum Parlament. Vordringen und mußten unverrichteter Dinge abziehen. Sie gaben aber das Spiel noch nicht als verloren auf und arrangierten am Freitag, den 25. April, nachmittags, neuerdings eine Kundgebung vor dem Rathause. Nachher formierten sich die Demonstranten, zumeist halbwüchsige Burschen, ohne Führung und Leitung in einen Zug und marschierten über die Ringstraße zum Staatsamt für Heerwesen. Die Versuche, Ausschreitungen vorzunehmen, wurden überall im Keime erstickt. Nur hie und da kam es zu einigen unblutigen Schlägereien mit der Schutzmannschast. Der Zug gelangte dann bis zum Staatsamte für Heerwesen. Nachdem auch dort jede Gewalttätigkeit vereitelt wurde, ergoß sich plötzlich die Masse über die Ferdinandsbrücke nach der Taborstraße, wobei die Parole „Pogrom" ertönte. Das Gesindel wähnte, daselbst auf seine Rechnung kommen zu können, da die behördlichen Schutzmaßnahmen sich auf die- Regierungsgebäude in der Inneren Stadt konzentrierten. Im ersten Moment gelang es den Exzedenten, bis zum Cafe Buchsbaum vorzudringen, dessen Inneneinrichtung fast vollständig demoliert wurde. Die überraschten Gäste wurden am Leben bedroht und ihrer Oberkleider, ihrer Brieftaschen und Wertgegenstände beraubt. Nachher sollte das Cafe National gestürmt werden. Inzwischen kam aber eine stärkere Abteilung Schutzmannschast und Volkswehr herangerückt. Nach einem kurzen Kampfe, bei dem auch von der Waffe Gebrauch gemacht werden mußte, wurden die Exzedenten zerstreut, nachdem einige verwundet und mehrere verhaftet wurden. Leider sind hiebei auch einige Paffanten verletzt worden. Die jüdische Bevölkerung der Leopoldstadt kam glücklicherweise mit dem bloßen Schrecken davon. Die Pogromprobe ist mißlungen und, wie bereits erwähnt, es wurden seitens der Behörden alle Maßnahmen getroffen, um jeden Wiederholungsversuch im Keime zu ersticken. Die kommunistischen Kreise, von welcheit die ersten Impulse zur Veranstaltung der Kundgebungen ausgegangen sind, mögen ihrerseits zur Erkenntnis gelangen, daß die Loslassung des Mobs zuweilen ganz andere Folgen hat, als ursprünglich beabsichtigt war. Judenpogrome können höchstens der Reaktion Nutzen bringen. Pogrome in Polen und in der Ukraine. Polen sowohl als auchdie Ukraine waren in den letzten Wochen wiederholt der Schauplatz bluüger Judenpogrome, von welchen besonders diejenigen in Proskurow (Ukraine) und Pinsk (Polen) überaus furchtbar und grauenerregend sich gestalteten. Charakteristisch hiebei ist die tragikomische Erscheinung, daß es die polnischen Preßagenturen sind, die mit besonderer Weitläufigkeit und Ausführlichkeit die Pogrome in der Ukraine schildern, während die ukrainischen Nachrichtenstellen die Pogrome in Polen besonders, eifrig schildern und kommentieren. Das bekannte Sprichwort: „Wo zwei miteinander streiten, fteut sich der dritte!" findet hiebei eine eigenartige Variation: Wo zwei miteinander streiten, entdecken sie ihre Liebe für den dritten! Den unglücklichen Juden im Osten, die unter diesen Pogromen so arg zu leiden haben, bietet es natürlich wenig Trost, wenn die Polen sich besonders gegen die Greueltaten in Proskurow ereifern und wenn die Ukrainer ihrer Empörung ob der furchtbaren Ereignisse in Pinsk Ausdruck geben. Mögen sowohl Polen als auch Ukrainer zunächst dahin streben, im eigenen Lager Ordnung zu schaffen. Dann werden sie es nicht nötig haben, sich der Juden auf diese platonische Weise anzunehmen und auch den Juden wird geholfen sein. Gewisse jüdische Preßagenturen, die aus taktischpolitischen Gründen sich bestreben, für die Polen, beziehungsweise für die Ukrainer Partei zu ergreifen und die Ereignisse hie und dort beschönigen oder übertreiben wollen, möchten bedenken, daß das Blut der Juden in Proskurow ebenso rot ist, wie dasjenige in Pinsk und umgekehrt. Es darf nichts übertrieben, aber auch nichts beschönigt werden. Mit jüdischem Blut darf kein taktischer Mißbrauch getrieben werden. (Eine polnische Regierungserklärung in einer Londoner Kaufmannsversammlung.) Das Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet: Das Londoner Polenkomitee veranstaltet eine Zusammenkunft englischer Kaufleute zwecks Gründung einer polnischen Handelskammer in London. Als offizieller Vertreter der polnischen Regierung nahm Graf Szultivsky ander Besprechung teil. Ein englischer Kaufmann sagte, die Entente- Völker würden mit einem Volke, das Judenpogrome veranstalte, unmöglich Handelsbeziehungen aufnehmen. Daraufhin erhob sich Graf Szultivsky und erklärte im Namen der polnischen Regierung, die Polengeschichte beweise die Toleranz der Polen gegen die Juden. Die galizischen Pogrome seien zumeist ein Werk der Ukrainer (?). Polen und Juden würden nach dem Kriege freundschaftlich Zusammenleben; die Juden würden volle Freiheit genießen. (Wenn es nur wahr sein sollte!) (Arabien und die Juden.) Die Entente plant die Schaffung eines besonderen arabischen Staates, der aüßer dem eigentlichen Arabien auch die Gebiete zwischen Damaskus und Bagdad umfassen soll. Nach den „Times" vom 6. Februar 1919 wird das neue Reich freie Handelszugänge zum Mittelmeer und dem indischen Ozean mit seinen Ausläufern erhalten. Es wird schwerlich ein einziges, zusammenhängendes oder einheitliches Reich werden, vielmehr eine Art Staatenbund unter Führung des Königs des Hedschas, mit England als Protektorat. Voraussichtlich wird den Juden in Arabien eine große Rolle zufallen. Das Judentum soll Palästina, das nicht zu Arabien gehört, vollkommen überwiesen erhalten, es darf dort keine Jrredenta geben. Da aber Palästina zu klein ist, werden die Juden in dem neuen arabischen Staate volle Bewegungsfteiheit finden müssen. Es gibt beträchtliche jüdische Gemeinden in Jemen, andererseits auch viele Araber außer Landes. Der Vertreter des Hedschas in Paris, Emir Faisul, erklärte Ausftagern gegenüber, daß das Hedschas- Reich keine Hegemonie in der Levante erstrebe und auch keine territorialen Eroberungen wünsche. Er verlange lediglich, daß der Wilsonsche Grundsatz von dem Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker auch auf die Araber in Kleinasien angewendet werde, die Anspruch auf die gleiche Behandlung hätten, wie Griechen, Serben oder Bulgaren. (Vom jüdischen Leben in Konstantinopel.) „Peuple Jnif" veröffentlicht einen Brief aus Konstantinopel, in dem es u. a. heißt: Unter der jetzt gestürzten Regierung Talaat-Enver wurden alle freieren Regungen der Nationalitäten aufs strengste unterdrückt. So konnte sich auch der Zionismus in der Türkei' nicht entwickeln. Jetzt verteidigt jede Nation ihre Rechte und auch wir können frei arbeiten. Unsere Bestrebungen finden in allen jüdischen Kreisen der Stadt sympathische Aufnahme und in mehreren Bezirken von Konstantinopel gelang schon die Bildung zionistischer Gruppen. Leider ist Konstantinopel heute vollständig von der Welt abgeschnitten. Vor einigen Wochen haben wir, dank dem Entgegenkommen der französischen Behörden, über 400 Flüchtlinge aus Palästina wieder dorthin abgesertigt. Die Franzosen hatten dafür ein Schiff zur Verfügung gestellt. Ein an die französische Flottenstatton inKonstantinopel gelangtes Telegramm meldete die Ankunft des Transportes in Palästina, seitdem aber sind wir wieder ohne Nachrichten. (Die amerikanischen Juden wollen auswandern?) Es wird eine allgemeine Auswanwanderung der Juden aus Amerika erwartet. Nach der Ansicht von Dr. Nosenblüth, welcher vor dem ersten jüdischen Arbeiterkongreß sprach, werden viele jüdische Personen, welche in Newyork leben, bestrebt sein, nach ihrem Heimatlande zurückzukehren, um ihren Angehörigen zur Wiederaufrichtung ihrer Heimstätten behilflich zu sein. Man glaubt, die jüdische Republik werde sich die Vereinigten Staaten zum Vorbild nehmen und werde die Rechte aller jüdischen Bewohner schützen. (Zu der Ermordung des Zaren.) Die „Times" melden aus Wladiwostok: Der russische General Diedrich brachte eine Anzahl Gegenstände, welche der kgiserlichen Familie gehörten und bei der Untersuchung über den Mord in Katerinenburg gefunden wurden, darunter das Tagebuch des Zaren