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Jüdische Korrespondenz · 1919-05-01 · 16 (1.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
16 (1.5.1919)
Date
1919-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK12,halbjährig K6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 16. Wien, 1. Mai ISIS. V. Jahrgang. Die Wahlen in Wien und die Juden. Sonntag, den 4. Mai, finden in Wien die Wahlen für die niederösterreichische Landesversammlung, den Wiener Gemeinderat und für die Wiener Bezirksvertretungen statt. Ohne den Propheten spielen zu wollen, kann vorausgesagt werden, daß diese Wahlen eine einschneidende Veränderung in der Zusammensetzung der erwähnten Körperschaften bringen dürften. Fast 25 Jahre ununterbrochen waren der niederösterreichische Landtag, der Wiener Gemeinderat und die Wiener Bezirksräte unbeschränkte Domänen der christlichsozialen Partei. Die Liberalen, die einst die Herrschaft inne hatten, wurden nach und nach verdrängt, die Sozialdemokraten, die an ihre Stelle treten sollten, konnten sich nur schrittweise durchsetzen und so war es denn gekommen, daß eine Partei, die — mit alleiniger Ausnahme des Dr. Lueger — weder über starke Talente, noch über ein der Mentalität der Wiener entsprechendes Programm verfügte, sich so lange an der Macht behaupten konnte, bis die große Umwälzung auch da Wandel geschaffen hatte. Fragt man nach den Ursachen dieser eigentlich nicht ganz klaren Erscheinung, so ist die Erklärung darin zu finden, daß auch die Gegner der Christlichsozialen an den Mangel hervorragender Persönlichkeiten litten. Die Liberalen waren im Lause der Zeit ganz herabgekommen, für den Sozialismus war Wien, noch nicht ganz reif. Dazu kam noch der Umstand, daß die Wahlordnung und die Macht, die dieselbe der herrschenden Gruppe verschaffte, das Aufkommen der Opposition erschwerte, schließlich führte auch der nach zwei Fronten geleitete Kampf der Sozialdemokraten dazu, sowohl dieselbe, als auch die Ueberreste der Liberalen zu schwächen. Seinerzeit scheute sich die Sozialdemokratie nicht, den Liberalen in den Rücken zu fallen und dadurch das Emporkommen der Christlichsozialen indirekt zu begünstigen, in der Annahme, es werde schon leicht fallen, den Lueger und seine Barrierestöcke zu stürzen. Diese Annahme erwies sich jedoch als falsch. Die Partei hielt sich viel länger als wünschenswert am Ruder, sie konnte sich gegenüber dem kleinen Häuflein Fortschrittlicher und gegenüber den nachdrängenden Sozialdemokraten auch nach dem Ableben Luegers behaupten und gelangt erst jetzt, nach dem allgemeinen Umstürze, zu Falle. Sowohl die Stadt Wien als auch das Land hatten unter der Herrschaft der Christlichsozialen viel zu leiden. Diese Herrschaft hat gar manche tiefe Wunden politischer und wirtschaftlicher Natur geschlagen und die Nachfolger der bisherigen Machthaber iverden eine recht unbequeme Erbschaft übernehmen. Ganz besonders hatten die Juden zu leiden und sie haben es die ganze Zeit hindurch schwer empfunden, aus die Gnade und die Ungnade ihrer ausgesprochenen Gegner angewiesen zu sein, da die wenigen fortschrittlichen Vertreter, die mit großer Mühe in die Gemeindestube hineingelangen konnten — von der Landesstube blieben sie fast ganz ausgeschlossen — es nicht vermochten, die Interessen ihrer Wähler zu wahren und gar oft angesichts des Terrors der herrschenden Partei zur Ohnmacht verurteilt waren. Sie haben aber auch seitens der wenigen sozialdemokratischen Vertreter, die im Laufe der Zeit ihren Einzug in die Landes- und Gemeindestube halten konnten, nur selten den entsprechenden Schutz gefunden. Einerseits haben es die Sozialdemokraten für richtig gesunden, sich für die Juden nicht allzu stark zu exponieren, um nicht in den Ruf einer „Judenschutztruppe" zu gelangen — ein Schlagwort, mit welchem die herrschende Partei ziemlich ausgiebig operierte — anderseits war es der Klassenunterschied und der Klassenkampf, den die Arbeiteroertreter führten, der sie den Interessen des Mittelstandes gegenüber kühl ließ. Und so waren denn die Juden in Wien und Niederösterreich ganz der Macht der Christlichsozialen ausgeliefert. Wenn es nicht allzu arg gekommen ist, so ist dies dem Umstand zuzuschreiben, daß die Zentralregierung von Zeit zu Zeit einschritt, sowie dem Charakter der Wiener, die trotz allen programmatischen Gegensatzes jeder Gewalttätigkeit abhold ist. Immerhin war die Position der Juden keine beneidenswerte und man kann es begreifen, daß sie den Sturz der herrschenden Partei herbeisehnten. Leider konnte sie ihrerseits nur wenig direkt hierzu beitragen. Das Häuflein Liberaler, das von 25 Jahren noch immer vorhanden war, schmolz immer mehr zusammen. Die Wiener Judenheit konnte sich auch bisher nicht dazu aufraffen, eine eigene, mit einem entsprechenden Programm ausgestattete, politische Organisation zu bilden, um zumindest im Verhältnisse zu ihrer Zahl und ihrer Stellung im öffentlichen Leben zur Geltung zu kommen. Es war klar: nur die Sozialdemokratie sei berufen, die Erbschaft der Christlichsozialen anzutreten. Nun scheint dieser Moment heranzurücken. Nach dem Ergebnis der Wahlen zur deutschösterreichischen Nationalversammlung zu schließen, dürste auch bei den bevorstehenden Wahlen das Gros der Mandate der Sozialdemokratie zufallen. Die Christlichsozialen dürften nur kleine Restchen ihrer bisherigen Macht retten können. Die Aussichten der bürgerlichen Elemente lassen sich nach keiner Richtung übersehen. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung haben sie sehr schlecht abgeschnitten. Von den 48 Mandaten, die Wien zu vergeben hatte, erhielten sie bloß eines. Diesmal dürfte ihnen vielleicht ein besseres Schicksal beschieden sein. Einerseits ist die Zersplitterung in ihrem Lager nicht so groß, anderseits ist die Zahl der Mandate (zum Gemeinderat 160) eine viel höhere — man kann somit mit einer bestimmten Anzahl bürgerlich-demokratischer Mandatare rechnen, falls die Wählerschaft am Tage der Wahl ihre Pflicht voll und ganz erfüllen wird. Im neu zu wählenden Gemeinderate, in den Bezirksvertretungen sowie in der Landesversammlung werden die jüdifchen Vertreter vor neuen Aufgaben gestellt sein. Die antisemitische Partei dürfte, wie gesagt, die Majorität verlieren; sie wird jedoch kaum ganz verschwinden. Die Sozialdemokratie, die in großer Zahl in die Gemeinde- und in die Landesstube einziehen dürften, werden dahin streben, ihr Sozialisierungsprogramm zu verwirklichen. Der Kamps der Christliä)sozialen, die nun als Opposition den Antisemitismus stärker betonen wird, gegen die Juden einerseits und die gegen den Mittelstand gerichtete Politik der Sozialdemokratie anderseits werden eine energische Abwehr erheischen. Diese könnte nur dann erfolgreich geführt werden, wenn die wenigen Vertreter der jüdischen Wählerschaft ihren Aufgaben voll und ganz gewachsen sein sollten. Die bevorstehenden Wahlen haben somit für die Wiener Judenheit eine sehr große Bedeutung und die Wählerschaft muß sich rechtzeitig darüber klar sein. Fragt man: welchen Männern die jüdischen Wähler Wiens am 4. Mai ihre Stimmen zu geben hätten, so darf man sich zunächst vor Äugen halten, daß es im bisherigen Gemeinderate einige mutige und entschlossene Vertreter gab, die trotz ihrer verschwindenden Zahl tapfer und energisch die Interessen ihrer Wähler gewahrt haben und trotz der Ungunst der Verhältnisse manch schönen Erfolg zu erreichen wußten. Die Position dieser Männer war keine beneidenswerte. Einer gehässigen Partei gegenüber, dem Hohne und Spotte sowie der Brutalität der übermütigen Machthaber ausgesetzt, haben sie tapfer standgehalten und sich die Achtung auch ihrer politischen Gegner zu verschaffen verstanden. Was ihnen an Zahl abging, das haben sie an Tatkraft, Sachkenntnis und Eifer ersetzt. Diese Männer, deren Leistungen von diesem Gesichtspunkte bewertet werden müssen, dürfen und sollen auch künftighin dort nicht fehlen, wo es gilt, die Interessen der jüdischen Wählerschaft als Bürger und als Juden zu verteidigen und zu wahren. In erster Reihe sei hier Ar. Hkudolf Schwarz- Killer zu nennen, der im Wahlkreise Nordost (2., 20., 21. Bezirk) als Listenführer zur Landes- Versammlung figuriert, sowie Listenführer zum Gemeinderat und zum Bezirksrat im 2. Bezirk ist. Was Dr. Schwarz-Hiller als Gemeinderat geleistet hat, ist jedem Bürger Wiens bekannt und es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man diese Leistungen aufzählen. Für die Juden kommen aber noch ganz speziell die Verdienste Dr. Schwarz- Hillers alsLeiter der Flüchtlingszentrale in Betracht, denen eine besondere Würdigung zukommt. Es war keine leichte und einfache Sache, im damaligen antisemitischen Wien, auf das Wohlwollen der herrschenden antisemitischen Partei angewiesen, die Hilfsaktion für über hunderttausend jüdischer Flückitlinge zu organisieren und bei den maßgebenden Stellen die notigen Geldmittel hiefür zu erwirken. Nur wer die Verhältnisse, unter welchen gearbeitet werden mußte, näher kennt, sowie die Widerstände, die (leider auch von gewisser jüdischer Seite) zu überwinden waren, der kann sich einen Begriffs von der Arbeitsleistung machen, die Dr. Schwarz-Hiller mit bewunderungswürdiger Unverdrossenheit und Ausdauer vollbrachte, hiefür Zeit und Mühe opfernd. Es wäre geradezu eine beschämende Undankbarkeit, sollte die jüdische Wähleri schaff es unterlassen, ihre Stimmen aufDr. Schwarzi Hiller zu vereinigen, mag sein Gegenkandidat unter welcher Flagge immer auftreten und welche Kampfmittel immer anwenden. Dr. Schwarz-Hiller gehört in die Landes- und in die Gemeindestube und wir wollen hoffen, daß er dorthin, getragen von dem Vertrauen der jüdifchen Wählerschaft, gelangen wird. In der Inneren Stadt ist Stadtrat Ar. Hskar Kein Listenführer für den Gemeinderat. Auch da haben wir mit dem richtigen Alaun ans der richtigen Stelle zu tun. Die langjährige Wirksamkeit Doktor Heins in der Stadtvertretung, sein unentwegtes Eintreten für die Interessen der Allgemeinheit und der Wählerschaft, sein energischer Kampf gegen die antisemitischen Uebergriffe, sie haben ihm die allgemeine Anerkennung verschafft. Dr. O s k a r H e i n darf auch i in künftigen G e m e i n d e r a t e nicht fehlen und seine Wahl kann nur auf das Wärmste anempfohlen werden. Stadtrat H. Welcher ist demokratischer Listenführer für den Gemeinderat im!>. Bezirk. Würdig reiht sich E. Melcher den obgenannten Männern an. Gleich ihnen stand er off an der Bresche, wo es galt, für die Juden eine Lanze einzulegen, feindliche Angriffe abzuwchren und Lebensinteressen zu wahren. Baurat Melcher verdient voll und ganz das Vertrauen der jüdischen Wählerschaft und sie dürfte ihm am Wahltag treu bleiben. Wird die jüdische Wählerschaft am Wahltag ihrer Pflicht gerecht werden, dann wird sie nur für die eigenen Interessen eintreten und einer besseren Zukunft entgegensehen dürfen. ***

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