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Jüdische Korrespondenz · 1919-04-24 · 15 (24.4.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
15 (24.4.1919)
Date
1919-04-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 15 ihnen etwa wie der Roscho in der Hagada zurufen sollten — Mo hoawaudo hasaus lochem — zu erwidern, daß es unsere heiligste Pflicht sei, unseren bewährten, alten Führern, die doch mit wahrem Messiras Hanefech arbeiten, tatkrästigst zur Seite zu stehen. Mit den Worten des königlichen Dichters — Tifereth Bacburim Kauchom wehadar Sekenim Ssewo — Der Glanz der Jugend ist ihre Kraft und die Pracht des Alters ihre Weisheit — schloß Redner seine kräftigen Worte, um Herrn Gustav Pappenheim zur Auseinandersetzung der Vereinsziele das Wort zu erteilen. Dieser erklärte nun, daß cs dem vorbereitenden Komitee einige Mühe kostete, die Form für unseren Bund zu finden, da es einerseits angesichts der vielen bestehenden nicht angehe, einen neuen Verein zu gründen, anderseits aber ein Zusammenschluß mit bereits bestehenden ihrer Einseitigkeit wegen nicht möglich war. So wurde denn als das Richtigste der Anschluß an den „Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" als I u g e n dgruppe befunden. Was die LehrundGeselligkeits» tätigfeit des Bundes betrifft, sagte Herr Pappenheim, daß es eine der nächsten Aufgaben des Bundes sein wird, durch Schiurim, Vorträge und sonstige Vereinsveranstaltungen, die dann später in einem zu schaffenden Vereinsheim stattfinden sollen, das so lange entbehrte geistige Nähertreten der gesamten orthodoxen Jugend zu ermöglichen. Reiches Feld zur Betätigung wird uns durch die werktätige Unterstützung der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine, wie Schomre Schabbos, Tifereth Bachurim, Tomech Ewjonim u. dgl. m., gegeben sein. Sodann kommt Herr Samuel Stern zum Wort, der den technischen Aufbau der Gruppe, die unter Hinweglassung alles Vereinsbureaukratismus zu einem, wenn auch nicht ganz neuem, so doch sehr praktischem System der Führung gekommen ist. Es werden nämlich drei zweckentsprechende Fachausschüsse gewählt, die dann aus ihrer Mitte einen Obmann wählen, welcher die Jutzendgruppe im „Verein zur Wahrung der Interessen des ortho-. doxen Judentums" und nach außen hin vertritt. Auf eine diesbezügliche Anfrage erwidert Herr Baumgarten, daß durch die streng konservative Basis der Jugendgruppe die weiteren gelockerten Kreise nicht von der Beteiligung, immerhin aber von der Leitung ausgeschlossen werden sollen. Es entwickelte sich nun eine lebhafte Debatte, an der sich unter anderem die Herren Groß.Pappenheim sen., Lemberger und Pinkas zun. beteiligen. Nach Schluß der Debatte fordert der Vorsitzende Herr.David Baumgarten die zahlreich Anwesenden aus, ihren Beitritt in die Jugendgrupe sofort zu erklären. Er hofft, daß auch die ehrlich gemeinte Oppositton nur im Interesse der heiligen Sache war. Der feurige Appell hatte auch vollen Erfolg. Ueber hundert Mitglieder traten sofort der Gruppe bei. Die Gruppenleitung befindet sich vorläufig im Kanzleilokal der Adas Jisroel, II., Große Schiffgaffe 1a, wo auch Beittittserklärungen entgegengenommen und Auskünfte bereitwilligst erteilt werden. * Stundenplan der Schiurim. (Vorläufig im Bes-Hamidrasch der Schiffschul.) Samstag von 3 bis 4 Uhr nachmittags: Mögen Abraham. — Baumgarten. Sonntag von V28 bis Vi9 Uhr: Mögen Abraham. — Baumgarten. Montag und Dienstag von 7-2 8 bis 7-.9 Uhr: Dinim, Jesajah. — Samuel Stern. Mittwoch von V28 bis V29 Uhr: Berachot. — Pappenheim. Donnerstag von V» 8 bis 7-29 Uhr: Mussar, Mischnajot. — Pappenheiin. Lin Blutbad in pinsk. Aus Warschau wird berichtet: Die in Warschau erscheinende Zeitung „Jüdisches Volk" veröffentlicht in der Nummer vom' 8. April folgenden Brief des im Auftrag der amerikanischen Lebensmittelkomm'lssion zurzeit in Polen weilenden -Delegierten Zuckermann an die Abgeordneten des polnischen Landtages: Sehr geehrte Herren! Ich Unterfertigter, Mitglied der amerikanischen Lebensmittelkommission, halte es für meinePflicht, über das große Unglück zu berichten, welches die Juden von Pinsk bettoffen hat. Als ich-in Pinsk war, befaßte ich mich mit der Frage der Gründung eines Komitees zwecks Verteilung der von den amerikanischen Juden gesammelten Unterstützungsgelder. Eine der dringendsten Aufgaben dieses Komitees war die Verteilung von Mazzothmehl für die ärmste jüdische Bevölkerung. Als Verteilungsstelle sollten die städtischen Kooperativgeschäfte fungieren. Um eine gleichmäßige Zuteilung zu erreichen, beriefen die städttschen Kooperativgeschäfte eine allgemeine Konferenz ein, welche am Samstag, den 5. April, nachmittags, im Volkshause, dem einzigen legalisierten jüdischen Lokal in der Stadt, abgehalten werden sollte. Ich selbst fuhr Samstag ftüh von Pinsk ab und langte abends in Brüsk (?) an. Am Sonntag abends kamen einige Juden aus Pinsk zu mir und erzählten, daß das polnische Militär das Volkshaus umzingelt, alle Anwesenden verhaftet, auf den Markt geführt und bis auf den letzten Mann erschossen habe. Die Zahl der Ermordeten erreicht laut meinen Informationen, die ich später auf Grund meiner Unternehmungen erhielt, fünfzig bis hundert. Später erftihr ich, daß das Militär auch auf zufällig des Weges kommende Juden geschossen habe. Dieselbe Quelle berichtete, daß weitere dreißig bis vierzig Juden verhaftet wurden und es ist möglich, daß sie in diesem Augenblick, wo ich schreibe, ebenfalls erschossen sind. Ich halte es für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß ein sofortiger Eingriff notwendig ist, weil polnische Soldaten, die mit den Juden, welche aus Pinsk hier waren, zusammen gefahren sind, sich gerühmt haben, das Geschehene sei noch gar nichts und den Juden solle es noch viel „heißer" werden. Die erwähnte Zeitung berichtet ergänzend, daß die jüdischen Landtagsabgeordneten diesen Artikel dem Präsidenten Pilsudski und dem Kriegsminister Leznietvski übergeben haben. Der zionistische Abgeordnete Grünbaum überreichte ferner bei der Landtagstagung am 9. April Briefkopien dem Innenminister und dem stellverttetenden Ministerpräsidenten. Srühlingsgedanken im Jahrhundert des Völkerbundes. Komme herrliche, friedliche Frühlingssonne, Revolution des Herzens! Aus dir allein entsteht die brüderliche Welt. Brause, stürme jauchzender Frühling des Herzens! Vorbei des Winters Not unv Leid. Vorbei Finsternis und Kälte! Mit tausend goldenen Pfeilen durchbohrt die Frühlingssonne unser Herz und vervielfacht frohlocken die Strahlen aus jedem Glassplittcr über unser Elend. — Der Frühling kommt in das Land mit Keimen und Blühen, mit Winden, die den Duft der Verheißung und der Hoffnung tragen. — Wie ein grüner, glänzender Teppich -liegt die Erde, benetzt vom kühlen, feuchten Morgenlüfte des Frühlingstaues - vor dem entzückten Auge des menschlichen Beschauers. Frühlingsglück! — Die jungen Blüten Sonnen sich in milden Strahlen. Hell vom Neste schlägt die Amsel. Jauchzend springt der Bach zu Tale. Hoffnung wirkt auf allen Wegen, Schaffensdrang und frohes Streben GIüh'n in jedem Menschenauge. Eine Lust ist es zu leben! Laut und feierlich erklingt unser Festgesang am Frühlingstage, am Geburtstage des jüdischen Volkes, in allen Bethäusern Israels auf der ganzen Erdenrunde „becejs Jisroel mi-microjim“. Der Herr hat uns herausgeführt aus Aegypten, aus Knechtschaft zur Freiheit, aus -Trauer zur Freude, aus Betrübnis zur Festwonne, aus Finsternis zum Licht. — Das Erlösungsfest ist ein Himmelsherold, ein Himmelsbote, es kommt zu uns, um uns zu heilen von unseren tiefsten Wunden, an denen das Menschenherz noch immer blutet. Die Erlösung Israels ist das glühende Morgenrot am Himmel der Menschheir. Durch den Eintritt die Gemüter umfing, die so dicht war, daß keiner im andern den Menschenbruder sah. Durch Israels Befreiung aus Aegypten kam der Freiheits- und Gleichheitsgedanke erst in die Welt. — Wir haben stets freudig nur unsere friedlichen Fahnen des Glaubens aufgerollt und entfacht. Diesen Glauben weckt nicht Pulverdampf, den weckt nicht Wüten, den weckt nicht Sieg und freche Siegerstirne, — der treibt im Herzen seine reinsten Blüten und ist wie im ergriffenen Hirne. Aber schon seit Jahrzehnten haben wir kein Peffachfest in so ernstesschwerer Sttmmung gefeiert wie dieses. — Noch haben wir vom Lenze der Geister geträumt, und unsanft,verden wir aufgerüttelt und erwachen zu einem qualvollen Dasein. „Hin ha-mecer korosi Job.' — Das jüdische Volk, umflossen vom Sttahlenglanz einer glorreichen Vergangenheit, geschmückt mit der Märtyrerttone von Jahrtausenden. das Bewußtsein im Herzen, der Träger der größten Idee in der Geschichte zu sein, kämpft heute noch den Heldenkampf gegen eine Wett voll Neid, Haß, Bosheit. Die Menschheit ist leer, Es blüht auch keine Liebe mehr, Es ist kein Licht, das aus ihr sttahlt, Sie hat ihre Fenster schwarz übermalt, Sie läßt kein Licht zu sich herein. Sie muß in ihrer Leere einsam sein. Leer, einsam und vom Licht verwaist, Sie lebt. — wenn das „leben" heißt! „Lurik Jugati.“ Vergebens habe ich mich gemüht, umsonst habe ich all' meine Kraft angewendet, um die Liebe der Völker zu gewinnen. Bleiche Wangen, stierer Blick, Die Menschen scheuen vor einander zurück, Das trauliche Nähern, des Grußes Klang, Der, inniger Teilnahme eifernder Drang Sie sind vcrgeffen. sie sind verlernt; Der Bruder hält den Bruder entfernt. Mit wehmütigem Zagen sehen mir das brausende Gewoge des Völkerkampfes, der die Fackel selbstmörderischen Vruderkampfes von Kindern desselben Staates entzündet. Martervolle Unruhe ist in uns. Wie zum Tode Verurteilte sind wir. Ein Triebwerk des Halles wird aufgerichtet, wie die Welt noch keines sah. — Die Weltkatastrophe ist mit dämonischer Urgewalt hereingebrochen. Die alte Welt brennt lichterloh. Man taumelt haltlos durcheinander, jammert, fleht, bettelt, verdächtigt, hetzt und wiegelt zu neuen Kämpfen auf. Ein schweres Geschick lastet auf unseren Brüdern. Tief und schwer seufzt die Gesamtjudenheit unter der Last des Judenhaffes. — Die übermütigen und verrohten Gewaltmenschen haben die Weltseele vergiftet und verscheucht und den Geist der Unduldsamkeit, der Verachtung der Judenheit bis in die tiefsten Schichten des Volkes verpflanzt. Der Tempel der Weltverbrüderung liegt zerstört. Die Priester dieser hohen Idee müffen ihre Tätigkeit einstellen. In Schutt. und Moder ist der Bau zerfallen. Die zertrümmerte Welt ist ein Meer voll Blut und Tränen der Gesamtjudenheit. Ich werde verhöhnt, ich werde verstoßen, Ich werde gettieben her und hin. Ich werde verachtet von den Großen Weil ich ein Jude bin! Nicht die Toten will ich wecken. Ach, sie schlummern sanft und leicht. Um die Leidensbrüder, die noch leben. Ist mein Auge trüb' und feucht. „Naar hojisi gara sukanti.* — Mitten im Alter bin ich noch Jüngling. Israel blutet noch immer aus unzähligen Wunden, die ihm täglich von neuem geschlagen werden, bald in diesem, bald in jenem Lande, und seine Leiden wollen kein Ende nehmen. Die Judennot ist ungeheuer groß. Wehrlos und schutzlos jeder Grausamkeit der hoffnungslosen Leiden im Lebenslenz ausgeliefert. Aber fürchte nichts, ohnmächtiges Israel! „Adonaj mögen baadi.“ Gott ist unser Schild, er ist der Erheber unseres Hauptes. Nichts anderes kann uns in der Gegenwart vor Verkennung, Neid und Haß sicherer bewahren und behüten, als uns zu hüllen in das Gewölk des Judentums. Denn der Glaube ist dem Menschen alles, der Schutzengel an seiner Wiege, der Freudenengel an seinem Altäre, der Trostengel an seinem Schmerzensbett, der Friedensengel an seinem Sarge. Der Glaube ist unser Wanderstab, unser Wunderstab und unser Wehrstab. — Die Städte Judas sind in Trümmer, sein Heiligtum verwüstet, sein Reich zerstört, das Volk Juda verttieben, verjagt, verfolgt und verachtet, aber Juda lebt ttotzdem, Israel leidet, aber es lebt, es duldet und es lebt dennoch und es wird leben und muß leben, weil auch sein Gott und deffen Wort lebt! Die „Moraur" haben uns noch nie gefehlt, wir genießen heute noch die bitteren Kräuter, nicht nur in den Nächten des Peffachfestes, auch sonst fehlt es uns wahrlich nicht an Moraur. Aber wir schauen empor zu demjenigen, der von Knechtschaft zur Freiheit führt, von Kummer zur Freude, von Finsternis zu hellem Lichte, er wird auch über uns ein neues Licht der Versöhnung aller Menschen ersttahlen lassen. Ja, die Finsternis weicht, das Dunkel wird erhellt „ulobo! benej Jisroel hoju aur bemauschwausom'. Allen Kindern Israels wird Licht in ihren Wohnungen. Wie auf die Nacht der Tag folgt, so wird auf diese entsetzliche Verfinsterung des menschlichen Geistes, die Morgenröte einer neuen Gesinnung der Völker folgen, aus dem Winter des Haffes und der Zerstörung, hinein in den Frühling der gegenseitigen Würdigung und des Zusammenarbeitens. Mit der Sonne wird auch Güte, Vernunft und Frieden über der Winternacht des Weltschmerzes aufsteigen und der Messias der Menschenliebe muß doch kommen. An der Schicksalsschwelle des jüdischen Volkes schwingen wir das heilige Banner der Menschenliebe. Gelaffen trugen wip bis heute das Ehrenzeichen der Verfolgung^ trugen den Schimpf, die Nöte, das Leid lebensjang vom Morgen bis zum Abend. Wir bluteten hin, umfaßten noch einmal glaubwürdig die bunte, hadernde Welt, bluteten hin und flüsterten sterbend: „Liebt euch, ihr Menschen, in dieser eisigen Wüste!" Sttakonitz, 18. April ISIS. Rabbiner Dr. Ezechiel Landau.

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