Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 15 (24.4.1919)
- Date
- 1919-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Idische Korrespondenz Ganzjahd^rh^gKe, viert.i-! Wochenblatt für jüdische Interessen. iährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Redakteur:-Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: i ' Wien, VIII. Alserstraße 55. j Erscheint jeden Donnerstag. Wien, 24. April 1919. V.Jahrgang. Juden und Bolschewismus. Die jüngsten Ereignisse in Bayern und in Ungarn haben unseren „Freunden" aus dem Lager Antiseins wieder einmal die Gelegenheit zu einer .Judeuhetze gegeben. Der Umstand, daß es zufällig einige Juden sind, die in München und in Budapest die erste Geige führen, wird dazu benützt, um die Dinge derart darzustellen, als ob es überall Juden und nur Juden wären, die den Bolschewismus und den Kommunismus propagieren und in Szene setzen. Gegen die Juden soll demnach die Wut' der Völker, die sich bedroht fühlen, sich kehren und speziell bei uns in Wien fehlte es auch nicht an direkten Pogromdrohungen und Verhetzungen, die. als die „einzige richtige Antwort" auf das „Treiben der Juden" gelten konnten. Minder blutrünstige Organe und selbst sogenannte „demokratische" Blätter fanden es ebenfalls geboten, den Juden ans Herz zu legen, jede Gemeinschaft mit dem Bolschewisten abzulehnen und diese energisch von sich abzuschütteln. Es haben sich auch etwa anderthalb Dutzend Wiener Bürger gefunden, die eine diesbezügliche öffentliche Erklärung verlautbaren ließen. ES ist hier nicht die geeignete Stelle, sich darüber ausbreiten zu wollen, ob der Bolschewismus und der Kommunismus in ihrer heutigen Form ideellen Motiven entspringen oder bloß ausgesprochen materialistischer Natur seien. Wir wollen es auch ununtersucht lassen, ob die „Juden", die zufällig hie und da die treibende Kraft der-Bewegung abgeben, es ans purem Idealismus oder bloß aus Materialismus, oder gar Wahnwitz und Dekadenz tun. Es mag nur so ganz nebenbei daran erinnert werden, daß jede neue Bewegung, die eine Aenderung des Bestehenden anstrebt, in ihren ersten Stadien eine gar gefährliche Gestalt annimmt und sich erst später, wenn sie dazu gelangt, von der Theorie in die Praxis überzugehen, mäßigt und den realen Verhältnissen Rechnung trägt. Seinerzeit waren der Liberalismus, die Demokratie und nachher der Sozialismus nicht minder der herrschenden Gesellschaftsordnung gefährlich und Furcht einjagend. Audi an der Wiege dieser Bewegungen standen Juden Paten und and) damals wurde die Gesamtheit der Judenheit für das Treiben der Einzelnen verantioortlich gemad)t. Die Schlagworte vom „Judenliberalismus", von der „verjudeten Demokratie" und von der „verjudeten Sozialdemokratie" sind hinlänglich bekannt und lassen sich noch heute hie und da vernehmen, obwohl diese Richtungen gerade hinsichtlicksi der Judenfrage gar vieles zu wünschen übrig lassen. Der Bolschewismus und der Kommunismus haben aber ebensowenig mit dem Judentum und mit der Judenheit zu tun, wie alle anderen Bewegungen, an deren Spitze zufällig einige Juden eine Rolle spielten. Es kann keinem Menschen mit gesunden Sinnen einfallen, den Juden als Gesamtheit zuzumuten, sie hätten ein Interesse an den Bolschewismus oder an der Einführung der kommunistischen Weltordnung, die gerade die Interessen des Mittelstandes bedroht, dem das Gros der Judenheit in allen Ländern angehört. Es hieße demnach offene Türen einrennen, wollte man von jüdischer Seite eine spezielle Kundgebung gegen de» Bolschewismus provozieren, und es mutet naiv an, wenn sich gewisse jüdische Kreise zu einer derartigen Kundgebung veranlaßt sehen. Selbstverständliches muß nicht erst bewiesen werden. Der Umstand, daß es gerade einige Juden sind, die sowohl in Rußland, als auch in Bayern und in Ungarn, wie nicht minder in Wien an der Spitze dieser Bewegung stehen, ist dem Judentums und der Judenheit furchtbar peinlich, nicht bloß aus Furcht vor einer Pogromhetze, sondern im eigenen Interesse als Bürger und als Volk. Wie die Dinge nun einmal liegen, sind es vornehmlich Desperados und Exaltados, die hiebei tonangebend sind. Es ist der Fluck) des Golut, die Folge der Verfolgungen und Drangsalierungen, die gerade ausjüdischer Mitte derartige Elemente erstehen lassen. Die Völker, unter welchen mir wohnen und die sich hiebei vieles zuschulden kommen ließen und lassen, haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn das geknechtete und verfolgte Volk derartige Elemente hervorbringt. Das Judentum und die Judenheit sind unschuldig an den Trotzkij, Kun, Eisner e tutti quanti. Was würde da ein Protest von jüdisckier Seite nützen?! Anderseits aber mag es gesagt sein, daß es vielfach die sogenannte moderne Erziehung ist, der hiebei ein Teil der Schuld zufällt. Die Radikalisierung unserer Jugend, mag sie sich zunächst in politischer und nationaler Richtung bewegen, machte das Entstehen derartiger Elemente aus unserer Mitte möglich. Das Hineintreiben itf eine Politik der Verzweiflung fördert alle möglichen und unmöglichen Tendenzen. Diesbezüglich müßte unserseits der Hebel zur Abwehr und - Abkehr eingesetzt werden. Der Jude, dessen Gottvertrauen unerschüttert ist, hat es nicht nötig, jeder neuen Richtung politischer oder sozialer Färbung nachzulaufen und seine Umgebung im Radikalismus übertrumpfen zu wollen. Rur wer dem Wahnwitz verfallen ist, in jedem Radikalismus das Heil des Volkes zn erblicken, der wird im Laufe der Zeit für jede Desparadopolitik reis, jeder hirnverbrannten Idee zugänglich. Die Enttäuschungen, die da unausbleiblich sind, führen zu inimer radikaleren Konsequenzen. Kaum ist der erste Schritt gemacht, dann geht es unaufhaltsam die sckiiefe Ebene abwärts. Da müßte Wandel geschaffen werden. Die jüdische Politik mnß auf eine neue, mehr reale Grundlage gestellt werden. Einzelne werden sich auch fernerhin finden, die ihr Heil im. Umsturz und in der Umwälzung erblicken, aber ihre Zahl wird beschränkt bleiben. Es werden nicht viele Juden sein, welche au der Spitze der diversen radikalen Bewegungen stehen würden, wenn das Gott vertrau en wieder einmal die Basis der jüdischen Politik, des jüdischen Volkslebens bilden werde. Dr. I. Awi-Schalom. Die jüdische Frage bei den Friedensverhandlungen. Aus Berlin wird berid)tet: Im Auswärtigen Amte fand am 31. März nach längeren Vorbereitungen eine Plenarsitzung statt, in der die von den deutschen Delegierten in Angelegenheit der Judenfrage bei der Friedenskonferenz vorzulegenden Forderungen beraten wurden. Auf Antrag der jüdischen Sachverständigenkommission, in der alle Richtungen des deutschen Judentums vertreten waren, gelangten folgende Postulate zur Annahme: 1. Gleichberechtigung und Gleick)stellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt. 2. Beseitigung und Verbot aller Gesetze und Verordnungen, die "Beschränkungen lediglich für Juden enthalten, insbesondere von Einwanderuügsverboten und Grenzsperren. 3. Nationale Autonomie in den Ländern der jüdisd>en Massensiedlung, in denen sie von der Mehrheit der Juden gefordert wird, unter Wahrung des Rechts der Minderheit. Berücksichtigung des Sabbats in der Gesetzgebung. 4. Festsetzung solcher politischen, administrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, daß seine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheit getragenen autonomen Gemeinwesen (comman weal'th) gesichert wird. 5. Entschädigung von Pogromopsern durch den betreffenden Staat. 6. Einsetzung eines internationalen Ausschusses mit der Aufgabe, darüber zu wachen, daß die Grundsätze und Beschlüsse der Friedenskonferenz hinsichtlich der Juden durchgeführt werden. An der Diskussion beteiligte sich der größte Teil der Anwesenden, insbesondere auch die Vertreter der Negierung. _ Zur Ausweisung der Ariegsflüchtlinge. (Eine Warnungstafel gegen den Bolschewismus.) Im Interesse der von der Auswanderung beziehungsweise Internierung bedrohten Kriegsflüchtlinge aus den östlichen Provinzen hat am 23. April 1919 eine Deputation deS „Verbandes der östlichen Juden" in Wien, bestehend aus dem Präsidenten Dr. S. R. Landau, sowie den Herren I. Straßberg und Direktor I. Grobtuch beim Staatskanzler Dr. Renner vorgesprochen. Die Deputation überreichte dem Staatskanzler ein ausführliches Memorandum, in welchem um Aufschiebung der Ausweisungsmaßregeln bis zur Wiederkehr friedlicher Verhältnisse gebeten wird und die politische», wirtschaftlid)en und technischen Sck)wierigkeiten gesck)ildert iverden, die den Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina derzeit eine Rückkehr in ihre Heimat uirmöglich machen. Schließlich bat die Deputation um Erlassung entsprechender Instruktionen an die Steuerbehörden, die wieder den zur Rückkehr entschlosienen Flüchtlingen bei der Bewilligung der Paßerteilung fiskalische Schwierigkeiten bereiten. Staatskanzler Dr. Renner nahm das Memorandum entgegen, versprach, dasselbe einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und erklärte, nur neuerlich versichern zu können, daß sich die Ausiveisiiiigsmaßregeln keineswegs gegen die seit Kriegsbeginn in Wien befindliche» Flüchtlinge aus dem Osten richte». Die Enunziation der Regierung sei eine Warnungstafel vor jedem weiteren Zuzug und richte sick) in erster Linie gegen den Bolschewismus aus dem Osten, damit es uns nicht so ergehe, wie den Ungarn. Iugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums. i Einem längst empfundenen Bedürfnis entsprechend,! fanden sick) einige tatfreudige junge Leute der hiesigen Orthodoxie zur Bildung einer gesetzestreuen Jugendorganisation zusammen, welche für Sonntag, den 20.?lpril, in das Beth Hamidrasch Thora-Ez-Chaim eine gründende Versammlung einberief, bie_ auch unter der lebhaftesten Beteiligung aller interessierten j Kreise stattfand. Herr David Baum garten entwickelte nach ° einer kurzen Begrüßung der Erschienenen die Notwendigkeit einer Organisation der gesetzestreuen Jugend, welche es sich zur Aufgabe gemack)t hat, das'Gesellschaftsleben in echt jüdischem Sinne zu heben und zu fördern. Eine weitere Notwendigkeit der Organisation hat sich auf religiössozialem Gebiete ergeben. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß unsere humanitären Vereine zumeist nur unterstützende Mitglieder haben, während die Arbeit immer wieder auf nur einige gezählte Leute füllt, die dann schließlich die ganze Last nicht tragen können. Hier wollen wir nun, nicht etwa durch Revolution, sondern durch unsere Jugendkraft zur Geltung kommen. In kurzen kernigen Worten forderte er die Anwesenden auf, denjenigen, die