Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 29 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495418-3495445--1001-3496752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 29 Jüdische Korrespondenz Seite 5 .es, die einen frühzeitig in den Tod treiben. Wenn aber die Not und das Elend der Armen in mildtätiger Weise gelindert wird, wenn ihnen durch ausreichende Zedukoh neue "Lebensmöglichkeiten erstehen, so werden sie dadurch vom frühzeitigen Tode errettet. Aber zart und milde, mit Erbarmen, in schonender Weise muß diese Zedukoh geübt werden,' mit dem Herzen und nicht bloß mit dem Bleistift in der Hand, in alt hergebrachter echt jüdischer Art, nicht verbittert durch Sekkaturen und Drangsalieren. In diesem Falle ist die Zedukoh von sehr kleinem Wert. Die wahre jüdische Wohltätigkeit heißt: Zedokoh schetazil mimowes! Wien, im August 1919. Die Flüchtlinge in Wien. Vorigen Donnerstag erfuhren die in Wien weilenden Flüchtlinge plötzlich eine unangenehme Ueberraschung: die „Arbeiter- Zeitung" wußte zu melden, daß die Herausgabe einer Verordnung bevorstehe, wonach die in Wien und Niederösterreich sich aufhaltenden Flüchtlinge bis zum 15. August Stadt und Land zu verlassen hätten unter Androhung von Arreststrafen und gewaltsamer Abschiebung. DaS Blatt veröffentlichte sogar den angeblichen Text der bezüglichen Verordnung, so daß man den Eindruck gewann, es tatsächlich mit einer authentischen Mitteilung zu tun zu haben. In den Kreisen der Flüchtlinge herrschte darob begreiflicherweise eine große Aufregung. Sind doch die Verhältnisse in Galizien noch immer derartige, daß eine Rückkehr der Flüchtlinge aus politischen und aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich erscheint. Von jüdischer Seite wurde sofort bei den maßgebenden Stellen interveniert und erwirkt, daß der allerdings bestandene Plan, eine Ausweisung der Flüchtlinge mit Rücksicht auf die ErnährungS- und Wohnungsschwierigkeiten, fallen gelassen wurde. Es dürfte zunächst zu einer Perlustrierung der Flüchtlinge kommen, und bloß diejenigen, die sich manche Vergehen zuschulden kommen ließen, keine bestimmte Beschäftigung haben, oder sich sonst lästig erweisen, werden zur Abreise gezwungen werden. Auch seitens der polnischen Gesandtschaft in Wien ist diesbezüglich ein energischer Schritt unternommen worden. In einer Note der Gesandtschaft an die deutschösterreichische Regierung wurde darauf hingewiesen, daß die Flüchtlinge seinerzeit als österreichische Bürger nach der Hauptstadt des Reiches gekommen sind, und daß sie nicht ausgewiesen werden können, insolange die Liquidation der ehemaligen Monarchie nicht durchgeführt wurde. * .In Deutschösterreich ist es somit trotz der unleugbaren Not gelungen, die Flüchtlinge vor der Ausweisung zu schützen. Ganz anders verhält sich die Sache in dem „freiheitlichdemokratischen" tschechoslowakischen Staate. Dort wird gegen die Flüchtlinge rücksichtslos vorgcgangen. Brünn sollten sie bis 5. August verlassen, aus Prag werden sie ab 20. August verwiesen. Warum schweigt der jüdische Nationalrat in der Tschechoslowakei, der sich zum alleinigen Vertreter der dortigen Judenschaft aufgeworfen hat und sich großen Einflusses rühmt? Vielleicht weil es sich um galizische Juden handelt? U. A. w. g. Die Lage der Jeschiwos und Talmud-Thoraschulen im heiligen Lande. Der „Israelit" (Frankfurt) schreibt: Entgegen den von der zionistischen Presse in höchst unhöflichen Formen verbreiteten Dementis müssen wir die in unseren ausführlichen Korrespondenzen aus Jerusalem gegebenen authentischen Mitteilungen über die Vorgänge bei der Zurückhaltung der Unterstützungen für die Jeschiwos in allen Teilen auftechterhalten. Die „Verdrehung der Tatsachen" liegt einzig und allein auf der Gegenseite. Es wirkt geradezu komisch, wenn z. B. die Sache jetzt so dargestellt wird, als habe der Waad Hazirim die Unterstützungen erst dann zurückgehalten, als von anderer Seite Geld für die Jeschiwos eingetroffen war, während längst festgestellt und zugegeben worden ist, daß die Nichterfüllung der übernommenen Verpflichtungen einfach in dem Ausbleiben der notwendigen Barmittel aus Amerika ihren Grund hatte. Wenn die „Jüdische Rundschau" sich darauf beruft, daß über 34 % der Gesamtausgaben der zionistischen Palästinakommission für das „Schulwesen und die Kulturarbeiten" aufgewandt worden seien, so vergißt sie, daß Jeschiwos und Jerusalemer Talmud-Thoras in den Augen der zionistischen Kommission weder als Schulen noch als Kultnrinstitutionen gelten, sondern höchstens als Versorgungsanstalten, denen man aus Mitleid ein Almosen reicht. Diese Auffassung, die in dem Unterschied der Weltanschauung ihre ganz natürliche Begründung und subjektive Rechtfertigung findet, sollte man doch lieber offen und ehrlich zugeben, statt die Auseinandersetzung durch persönliche Beschimpfungen zu vergiften. Nach neuerdings eingegangenen Nachrichten hat die zionistische Kommission für die Monate Jjar und Siwan die Hälfte der seinerzeit bis Nissan bewilligten Subventionen für die Talmud- Thoraschulen ausgefolgt. Schwere Klagen über die Zurücksetzung der altjüdischen Kreise und Institutionen gegenüber den modern-zionistischen „Kultur" - schöpfungen gehen uns jetzt aus Nordpalästina zu, und zwar von einer Seite, bei der Uebertreibungen nicht angenommen werden können. Soviel steht fest: orthodoxe Kreise, mögen sie nun in Amerika oder in Europa wohnen, die ihre Gelder zionistischen Instanzen zur freien Verwendung anvertrauen, handeln nicht nur leichtfertig, sondern geradezu selbstmörderisch. Dem amerikanischen Misrachi scheint ja diese Erkenntnis, wie aus seinem Schreiben an die zionistische Zentrale hervorgeht, erfreulicherweise allmählich aufzudämmern. Rundschau. (Pogromhetze in Budapest.) Aus Budapest wird berichtet: Hier zeigt sich offenkundig unter dem Eindrücke des rumänischen Einmarsches eine antisemitische Propaganda, die sehr aktive Ziele verfolgt. Insbesondere die Zöglinge des nach Emmerich dem Heiligen benannten Kollegiums tun sich als Träger dieser Propaganda hervor. Dienstag sind 150 Zöglinge dieses Kollegiums in die Mensa Academica der jüdischen Universitätshörer in der Räkoczistraße eingedrungen und haben die dort speisenden jüdischen Studenten vertrieben. Hiebei kam es zu blutigen Zusammenstößen, bei welchen es zahlreiche Verwundete gab. Das rumänische Militär schritt hier nicht ein. Im Zentralstadthause versammelte sich Mittwoch gegen Mittab eine Menge von ungefähr 200 Personen, zumeist Univerfitätshörer, und drang, mit Stöcken, Ochsenziemern und Hundspeitschen bewaffnet, in die einzelnen Amtslokale ein, wo die noch dort befindlichen kommunistischen Beamten blutig geschlagen wurden. Besonders arg wurde der gewesene Präsident des hauptstädtischen Arbeiterrates Eugen Barna zugerichtet. Die Kommunistenverfolgung artete später in eine Judenverfolgung aus; ein jeder, von dem man vermutete, daß er ein Jude sei, wurde geprüAelt. Durch Einschreiten des Militärs wurde den Szenen ein Ende gesetzt. An der technischen Hochschule kam es zu einer blutigen Schlägerei. Die zum Zirkel der sogenannten „Erwachenden Ungarn" gehörenden Techniker überhäuften ihre jüdischen Kollegen mit Schimpfworten, die von diesen erwidert wurden. Es entstand eine große Schlägerei, bei der 15 jüdische Techniker blutig geschlagen wurden. Die Freiwilligen Retter wurden herbeigerufen, hatten jedoch keine Veranlassung mehr zu intervenieren, da die Verletzten von ihren Kollegen bereits verbunden worden waren und das Gebäude verlassen hatten. (Progromstiminung in Deutsch-Westungarn.) Aus Oeoenburg wird gemeldet: Gewissenlose Agitatoren suchen die deutsche Bevölkerung gegen die Juden aufzureizen so daß allenthalben eine bedenkliche Progromstimmung herrscht, und