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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-08 · 29 (8.8.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
29 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 29 Die Schattenseiten unserer wohlfahrtseinrichtungen. Von Josef Grob. Motto: .Zeäu^ob tLril mimowss!" Der Wohltätigkeitssinn der Wiener Juden ist weit und breit bekannt. In keiner Stadt der Welt ist die Bereitwilligkeit zu geben, zu helfen, zu spenden, zu unterstützen so ausgeprägt wie in Wien. Man kann fast sagen, daß die Wiener Juden in dieser Hinsicht sogar ein wenig übertreiben, indem sie oft mehr geben als es notwendig erscheint, wie zum Beispiel für eucharistische Kongresse, Lueger-Denkmal, Wohlsahrtsvereine ohne Unterschied des Glaubens und dergleichen. Es mag ja sein, daß bei vielen unserer Glaubensbrüder das Zedukoh-Gefühl sich dann erst regt, wenn ihnen die Aussicht winkt ihren Namen in der Zeitung gedruckt zu sehen. Die Mehrzahl jedoch gibt, weil ihr der Drang zum Geben innewohnt, da Zedukoh-Geben eine uralte jüdische Eigenart ist. Selbst in obgenannten Fällen ist die Wvhltatsübung nicht zu verschmähen, denn den Armen ist immerhin geholfen. Was wir hier kritisieren wollen und verurteilen müssen, ist die Art, wie vielfach mit diesen Wohlfahrtsgeldern gehandhabt wird und wie die tiHbedauernswerten Zedukoh-Konsumenten behandelt werden. In früheren Zeiten, als die jüdische Zedukoh kein Mittel für gewisse Streber und die jüdischen Wohlfahrtsvereine kein Tummelplatz für Reklamehascher war, suchte man zum großen Teil die Armen auf, gab ihnen unauffällig ohne Trommclschläge und ohne Reklamepauken je nachdem die Mittel erlaubten, so daß selbst die linke Hand des Empfängers nicht wußte, was die rechte erhalten hat. Das war jüdische Zedukoh. Wie ganz anders ist es um die heutigen Wohlfahrtsvereine bestellt. In jeder Aktion, die im Interesse der Armen errichtet wird, drängen sich Komiteemacher hinein, die zwar selten etwas beisteuern, dafür in Reklamaufwand unermüdlich sind. An allen Ecken und Enden muß es mit großen Lettern affichiert werden, in allen Tagesblättern, Zeitschriften und illustrierten Jonrnalen darf es nicht unterlassen werden zu verkünden, was der große Macher oder Macherin für die Armen alles tut. Selbst die weiße Leinwand im dunkeln Kellerkino wird nicht verschont. Das Aergste aber ist: je mehr Reklame für die hochlöblichen Komitee-Damen und -Herren um so weniger bleibt für die armen Bedürftigen, und wenn chnen schon nach gewisser Zeit eine kleine Stütze zuteil wird, so war sie gewiß mit so vielen Sekkaturen, Drangsalierungen und unwürdigen Herabsetzungen verbunden, daß es sich wahrlich nicht lohnt, als Armer auf die Welt zu kommen. Schon viel früher, vor dem Kriege, konnte man in so manchen Wohlfahrtsinstitutionen erkennen, konstatieren, daß es nicht mit dem Rechten zugeht. Protektions- und Freund erlwirtschaft waren auf der Tagesordnung, so daß selten jemand wegen seiner Würdigkeit und Dürftigkeit berücksichtigt wurde. Das Aergste und Schändlichste, kann man sagen, war und ist noch heute das Unterscheiden zwischen Juden und Juden. Ein galizischer Jude, der sogenannte „Polischer", mußte schon zu seinem Schlimmasel viel Masel haben, um in seiner größten Bedrängnis ein geeignetes Ohr zu finden. Ganz besonders, wenn er ein Orthodox war. Diese israelitische Wiener Spezies des „Polischenhasses" verdient, in einem besonderen Kapitel behandelt zu werden. Es kam der Krieg, und nicht lange darauf entstand die Notwendigkeit, Wohlfahrtsinstitutionen für jüdische Flüchtlinge in§ Leben zu rufen. Ein Nationaler- oder Fremdenunterschied war hier selbstverständlich nicht zu befürchten, waren doch alle Flüchtlinge durchwegs polnische Juden; aber etwas Aergeres hat hier Platz gegriffen: das Kommandieren, Herumstoßen, Beleidigen und Sekkieren ohne Grund waren und sind noch heute die ersten Vorzeichen einer nicht immer zu erwartenden Unterstützung. Es mag wohl sein, daß manchem hilfesuchenden Juden aus einem kleinen galizischen Städtchen der Bon-Ton, wie er in Wiener jüdischen Wohlfahrtsämtern herrscht, nicht eigen ist und er beim Eintritt es verabsäumt hat, dem Fräulein Amtsleiterin Küß-die-Hand zu sagen. Dieser Umstand wäre noch immer kein Grund, den armen Flüchtling barsch anzuschreien oder ihn nur ironisch zu bespötteln. Nicht zu vergessen, daß unter den armen Flüchtlingen sich ein großer Teil befand, dem der Weg in die Flüchtlingszenttale oder in ein anderes Beglückungsinstitut der Wiener Leopoldstadt nicht sehr leicht fiel. Wer zählt die Tränen, die auf solchen Wegen das Wiener Pflaster benetzten! Waren es doch die Meisten, die über Nacht von reichen, wohlhabenden Männern zu Bettlern gemacht wurden, und hier stehen sie, die von gestern Reichen, einer unbeschreiblichen Willkür ausgesetzt, manchmal von Personen, die viel weniger Intelligenz besitzen wie der gestrige Angestellte des Hilfesuchenden von heute. Um gleich mit Tatsachen zu kommen, möchte ich hier die Fürsorgestelle, welcher die Frau Anitta Müller vorsteht, ansühren. Es untersteht gewiß keinem Zweifel, daß Frau Anitta Müller, wo es nur möglich und notwendig erscheint, den besten Willen zu helfen bekundet; ihre Jnstittttionen verdienen auch den Ruhm, der ihnen gespendet wird. Aber bis der Arme zu einer Unterstützung gelangt/ verblutet er bald. Ein ganzer Stab von ehemaligen Soldaten hält am Eingang Wache, und nicht zu beneiden ist dieser Hilfesuchende, der nur einmal den Kommandobefehlen der uniformierten Türhüter ausgesetzt ist. Auch das sogenannte bessere Beamtenpersonal ist nicht vom besten „Rachmonesmaterial". Am meisten zeigt es sich bei der weiblichen Beamtenschaft. Während der Amtsstunden sitzen da zwei höchstwohlgeborene Bearntenfräulein und führen eine lebhafte Unterhaltung. Im Bureau erscheint ein alter, gebrechlicher Jude, und in seiner Angst vor dem gestrengen Amtspersonal traut er sich kaum zu atmen. Nicht zu vergessen, daß der Mann bereits einen großen, siegreichen Kampf hinter sich hat, da der Zutritt ins Bureau von den Türhütern im Waffenrock nicht so leicht gemacht wird. Da er aber alt, krank und schwach ist und ihm das lange Herumstehen nicht so leicht fällt, versucht er doch das höchstwohlgeborene Amtsfräulein in ihrem so wichtigen Gespräch zu unterbrechen mit der bescheidenen Frage: „Wann denn eigentlich seine Angelegenheit erledigt werden wird." Das Fräulein schaut ihn streng an und erwidert in barschem Tone: „Ich sagte Ihnen doch, daß Sie nicht Herkommen sollten." „Was soll ich aber machen?", klagt der Arme. „Ich stehe hilflos da, alt und sterbenskrank." „Man wird schon recherchieren", erwiderte das Fräulein. „Bis man aber recherchieren kommen wird," klagt der Arme, „kann ich daweil sterben." „Machen Sie, wie es Ihnen beliebt und stören Sie nicht weiter", fertigt ihn die Beamtin ab. Möglicherweise erlebt noch der Alte die Aushilfe. Anstatt ihn aber mit einer milden Auskunft zu beruhigen, wird er angeschrien, beschämt und beleidigt, so daß der Arme aus lauter Schamgefühl schwer den Ausgang finden kann. Die richtige Zedukoh ist das nicht. Ein zweiter Fall. Eine Frau kommt zur Türe herein und wünscht, einer Komiteedame einen Brief persönlich übergeben zu dürfen. Der Soldat bei der Tür aber sagt, sie möge ihm den Brief übergeben. Die Frau ist nicht gewillt, ihren Brief aus der Hand zu geben, und besteht darauf, denselben persönlich einzuhändigen. Wer kann wissen, welche Hoffnungen sie an diesen Brief knüpft! „Ich habe", schreit sie der Soldat an, „ein goldenes Nein, und wenn ich sage, Sie werden den Brief nicht übergeben, so bleibt es, wie ich sage, und du", ruft.er einem zweiten Kriegskameraden zu, „zeig' ihr, wo die Tür ist!!" Die Frau muß unverrichteter Dinge, vielleicht ihrer letzten Hoffnung beraubt, das Haus Nr. 17 in der Praterstraße mit tränenden Augen verlassen. Es .wurde zu weit führen, wollte ich mehrere solcher und ähnlicher Fälle anführen. Tatsache ist, daß der Weg eines jeden Hilfesuchenden voller Dornen ist, woraus zu schließen ist, daß den ausführenden Organen der wahre cchtjüdische Wohltätigkeitssinn noch ganz fremd ist. „Zedukoh tazil mimowes" deutet man gewöhnlich dahin, wer Wohltaten übt, ist eines langen Lebens sicher. Das mag wohl richtig sein, und wem dazu die Mittel geboten sind, der ist gewiß beneidenswert. Richtiger aber wäre dieser Satz folgendermaßen zu verstehen: Zedukoh-Wohltätigkeit linder Not, verscheucht das Elend, und die Not und das Elend sin

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