Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 29 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3495278-3495418-3495445--0998-3496749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Jüdische Korrespondenz -Nr. 29 Der zweite Schritt der Delegation betraf die Rechte der Juden in Polen. Das Memorandum hatte das Programm des Verbandes „Schlaume emune Jisroel" sowie die orthodoxe Erklärung im polnischen Landtage zur Grundlage, wonach die Juden als einheitliches Volk mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen anzusehen sind. Es muß für die Juden Polens vollständig garantiertes Bürgerrecht verlangt werden, ebenso religiöse und kulturelle Autonomie, Freiheit für die Entwicklung der jüdischen Gemeinden usw. Die jüdische Konfession darf kein Hindernis bei Erlangung von Regierungsstellen und Aemtern bilden. Die jüdischen Schulen und Wohltätigkeitsinstitutionen haben Anspruch auf finanzielle Beihilfe von seiten des Staates und der Kommune nach Maßgabe der jüdischen Bevölkerungszahl. Einen besonderen Platz nimmt in der Eingabe die Sicherung der Sabbatruhe ein. Ueber all diese Fragen wurde die Delegation von der Friedenskonferenz verhört, und man gewann den Eindruck, daß die Konferenz weitgehendes Verständnis für die Wünsche der gesetzestreueu Judenheit hatte. Alle diese Aktionen wurden vollkommen selbständig geleitet. An den Beratungen und Vorbesprechungen nahmen bekannte Persönlichkeiten — u. a. Baron Edmund von Rothschild — teil, die den Unternehmungen der Aguda in Erez Jisroel volle finanzielle Unterstützung zusicherten. Auch in London weilte die Delegation mehrere Wochen, wo sie mit den angesehensten Persönlichkeiten, des öffentlichen jüdischen Lebens verhandelte. Die Delegatiön wirkte dort mit an der Gründung der orthodoxen Palästinabank, die mit einem Mienkapital von einer Million Pfund Sterling ins Leben treten soll. Das Fiasko des Tanzes um die Seele der jüdischen Jugend. Die zionistische Partei hat es sich seit jeher zur Aufgabe gestellt, die Jugend für sich zu gewinnen, und zu diesem Behufs hat eine überaus energische Aküon eingesetzt, die äußerlich nicht ganz ohne Erfolg blieb. Außer einer ganzere Reihe Jugendvereine, eines speziellen Jugendheimes und einiger Jugendzeitschriften, wurde eine „Zentralstelle der jüdischen Jugendgruppen" ins Leben gerufen, mit der Bestimmung, die Aktion um die Gewinnung der Jugend zu leiten und zu beauffichtigen. Ein großzügiger Apparat wurde somit unter dem Anf- Der alte Iudenftredhof in Wien.* Einem allen Brauche entsprechend, besuchen am Tische beab zahl» reiche Männer und Jünglinge den allen Friedhof in der Seegaffe, der heute als ältester Friedhof der Juden in Wien gilt. Die einen versuchen, die verwitterten Grabinschriften zu entziffern, die anderen stellen bei Lesung der Texte Vergleiche zwischen jener Zeit und der unserigen au. Ohne den historischen Wert dieses Friedhofes genügend eiuzuschätzen, fühlen sie alle instinktiv, daß es gar sehr zu beklagen wäre, wenn diese Grabsteine noch mehr der Verwitterung verfielen, bevor ihr Inhalt festgehalten worden wäre. Nun ist diesen Grabsteinen ein klassischer Interpret in der Person des allseitig gelehrten Bibliothekars der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Herrn Dr. Bernhard W a ch st e i n, erstanden. In einem monumentalen, mit zahlreichen Abbildungen versehenen, großangelegten zweibändigen Werke wurden die Inschriften verewigt und so der Nachwelt erhallen. Waren wir ihm für die diplomatische Wiedergabe des Textes schon allein dankbar, so müffen wir es noch mehr sein, daß er mit profunder Gründlichkeit und mit seltenem Scharfsinn alles aufbietet, um uns Sinn und Quelle der Gravinschriftentexte bekanntzugeben. Er versucht die Beerdigten zu identifizieren, weist fast jedem seine Bedeutung für seine Zeit und für die Nachwelt zu. Und so wird der stille Gottesacker zum Haus des Lebens. Wir hören von Freud und Leid des Ghettos, wir erfahren, wie sie alle mit ihren Vorzügen und Fehlern eine Gemeinschaft gebildet haben, die die äußeren Feinde geeint hat. Wir vernehmen von den frommen und gelehrten Männern, von denen es manche auch zu einem Wohlstand und Ansehen gebracht haben, um W ach ft e i n Bernhard: Die Inschriften des alten Judenftiedhofes in Wien. Im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien bearbeitet: I. Teil 1540(?)—1670 (LXIV, 592 S.), Wien und Leipzig (Wilhelm Braumüller) 1912, II. Teil 1696 -1783 (XLIII, 636 S.) ebd. 1917. wände großer Geldmittel in Szene gesetzt, dazu bestimmt, den Tanz um die Seele der Jugend zu vollführen. Der Erfolg steht aber in gar keinem Verhältnisse zu den aufgewendeten Mitteln. Im Gegenteil, man kann direkt von einem Fiasko sprechen, was unsere Zionisten ganz offen zugeben. Bei der letzten Sitzung des zionistischen Landeskomitees gelangte die Angelegenheit zur Verhandlung, und der nachstehende offizielle Bericht, wie er im Wiener Ziouistenorgan veröffentlicht wurde, läßt jeden Kommentar überflüssig erscheinen. Der Bericht, der das Fiasko klar an den Tag tteten läßt, lautet folgendermaßen: Dr. Tisch erstattet den Kommissionsbericht über die Zentralstelle der jüdischen Jugendgruppen und. über das Jugendheim. Dr. Tisch stellt zunächst fest, daß es der Zentralstelle nicht gelungen ist, die Führerin der Jugend zu werden, ja, 'daß sogar jede einheitliche Leitung zu vermissen ist. Die Arbeiten der Zentralstelle finden daher auch keine Resonanz bei der Jugend. In der Kartothek der Zentralstelle finden sich 45 Gruppen mit zirka 2000 Jugendlichen. Die studentischen Verbindungen sind überhaupt nicht vertreten, die Vereine nur zum Teil. Ferner ein Mittelschülerbund mit 500 Mitgliedern. Es ist der Leitung nicht gelungen, den Zusammenhang der Gruppen untereinander und mit der Leitung selbst herzustellen. Von den Delegiertensitzungen, die sehr spärlich besucht sind, halten sich die besseren Elemente fern. Diese Zustände haben dahin geführt, daß sich einzelne Gruppen um Unterstützung - ihrer Täügkeit direkt an das Landeskomitee gewendet haben. Es wird Pflicht des Landeskomitees sein, in solchen Fällen seine Hilfe nicht zu versagen. Eine besondere Institution stellen dff Sprechsäle dar, in denen jedoch nie von jüdischen Dingen, sondern immer nur vom Sozialismus, von Jugendbewegung und von höherer Philosophie gesprochen wurde. Der Effekt dieses Vorganges ist leider auch nicht ausgeblieben. Insbesondere sei bedauerlich, daß die Leiterin des Sprechsaales, Fräulein Frida Schiff, von jüdischen Dingen nichts verstehe und. daher auch nicht in der-Lage war, den Sprechsaal wirklich -jüdisch zu machen. Es-.muß wundernehmen, daß Fräulein Schiff, die kaum zwei Jahre Zionistin ist, mit der Leitung betraut wurde. Der Lesesaal ist wegen Raummangel geschloffen worden. Die Bibliothek ist das einzige einigermaßen Erfreuliche im Jugendheim. Die „Jüdischen Jugendblätter" wurden wegen ihres hohen Defizits eingestellt, in den Jugendkursen wurde Hebräisch, jüdische Geschichte, Gegenwartskunde und Einführung in die Geisteswissenschasten vorgetragen. Was speziell die Kurse über jüdische dieselben in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, obwohl sie nie wußten, was der nächste Tag bringen werde. „Stadsen" zu sein, Fürsprecher zu werden seinem Volle, das war das Streben aller vom Glück Gesegneten! Selbst Thora zu verbreiten oder sein Haus der Thora zu öffnen, war das Ideal dieser außerhalb der Ghettomauern so Verschmähten. Die als Materialisten Verrufenen waren in Wirklichkeit die größten Idealisten, lieber all das und noch anderes berichtet uns Wachstein in den Einleitungen zu jedem einzelnen Werke, die etwas Selbständiges bilden, und man könnte sagen, jeder Band bestehe aus drei wertvollen Teilen: 1. Einleitung, 2.^Jnschriftenwiedergabe, 3. Weitgehende Erläuterungen zur Identifizierung der Personen, Besprechung ihrer Persönlichkeit, abgesehen von dem Quellennachweise der angewendeten Gcmoro- und Midroschstelleu. Namentlich im zweiten Teile wird nicht nur die einzelne Person, sondern auch ihre ganze Deszendenz vorgeführt. Wir Thoratreuen wollen aber dem Verfasser, dem wir nicht in allem folgen können', es zugute halten, daß er der Wesenheit und der Bedeutung, der Eigenart und dem Werte unserer Gedaule hathora gerecht zu werden sich bemüht. Wer Grätz zu lesen Gelegenheit hat, merkt, daß dieser Mann die Objektivität verliert, wenn es sich um Kämpfer zur Erhaltung des Alten handelt. Ganz anders Wachstein. Es soll in einem besonderen Artikel auf einzelne solcher Stellen in seinem Werke hingewiesen werden. Er ist eben ein Forscher, der trotz seiner redlichen Absicht, objektiv zu bleiben, m bte Seele und das Gemüt dieser Eiferer für die heilige Sache sich hinein» zuleben weiß. Wir wollen heute, wo mir auf Einzelheiten nicht einzugehen beabsichtigen, nur unseren Lesern anempfehlen, dieses Werk, vielleicht noch vor dem Besuche des Friedhofes, sicher aber unmittelbar darauf, zu studieren. Es bedarf wahrlich eines Studiums und es bietet viel sowohl dem Historiker, als auch dem, der sich mit Gemoro und Halochoh befaßt. Auch diejenigen, die speziell wissen wollen, was die Kehillo Kedauscho Wien gewesen ist, werden hier vieles erfahren, ebenso wie die Freunde der Gemeinden Eisenstadt und Preßburg usw. Den etwas mit der Materie Vertrauten braucht es nicht gesagt zu