Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 13-14 (10.4.1919)
- Date
- 1919-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13/14 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 Auch dies ist ZUM Guten. (Talmudische Legende.) I. In der Stadt Gimsu, die im Lande Juda liegt, lebte ein Mann namens Nachum. Der Ruf von seiner Weisheit und Gerechtigkeit war in aller Munde und von vielen Gegenden strömte Jung und Alt herbei, um von ihm belehrt zu werden. Dieser Mann hatte die Gewohnheit, zu allem Uebel, das ihm der Himmel sandte, zu sagen: „Auch das ist zum Guten" und die Leute meinten, daß er mit diesem Spruihe den Fluch in Segen verwandeln könne. — Eines Tages versammelten sich bei ihm die Aeltesten Israels und redeten also: „Siehe, ein neuer König ist auf Roms Thron gelangt, und der bedrückt Israel gar gewaltig. Mache Dich auf und gehe nach der großen Stadt mit diesem Schreine, den Du mit Edelstein füllen sollst, und schenke ihn im Namen ganz Israels dem Könige von Rom. Vielleicht wird Gott sein Volk in des Königs Augen Gnade finden lassen und das Joch erleichtern, das er auf Israels Nacken legte." Da entgegnete Nachum: „Werbin ich, daß ich zum Könige gehen soll?" Da sprachen die Aeltesten: „Wir' hörten, daß Gott mit Dir ist und alles, was Du unternimmst, läßt er gelingen." Und Nachum hörte auf die Stimme der Aeltesten, nahm den Kasten und begab sich auf die Reise. Als der Tag sich dem Ende zuneigte, ward Nachum von Müdigkeit befallen und kehrte in einer Herberge ein. Dort legte er sich nieder, verbarg den Schrank in den Kissen und schlief ein. Der Wirt, ein habsüchtiger Mann, beobachtete dies von ferne und war neugierig zu erfahren, was in dem Schreine enthalten sei. Langsam schlich er sich heran, zog ihn hervor und öffnete ihn. Und da blitzten ihm wunderbare Edelsteine entgegen. Rasch nahm er sie heraus, tat Staub an Stelle der Steine und stellte den Schrein wieder auf seinen Platz. Nachum, der sein Leben immer in Einfalt verbracht hatte und jeglicher Art von Listigkeit sehr fernstand, ahnte nicht, was ihm geschehen war. Freudig und fröhlichen Sinnes stand er am Morgen, auf, begrüßte den Wirt, zahlte seine Zeche und machte sich mit seinem Schreine auf den Weg. Der Wirt wünschte ihm eine gute Reise und verlachte ihn spöttisch in seinem Herzen. Kopfschüttelnd sprach er dann: „Ich habe den Besitz und die Macht, Du aber trägst die Sorge und den Schmerz mit Dir." H. Nach mehreren Tagen kam Nachum ii; Rom an und trat, vor den König. Der aber redete harte Worte zu ihm und schmähte sein Volk. Doch Gott war mit Nachum und stimmte das Herz des Königs milder, und dieser nahm das Geschenk an. Doch als die Diener den Schrein öffneten, da fanden sie schmutzigen Staub an Stelle des Edelsteines. Da erzürnte der König und rief: „Wollt ihr euch über mich lustig machen, ihr Juden? Ich lasse euch allesamt hinrichten!" Da erschrak Nachum heftig und blieb wie versteinert stehen. Indes stüsterte eine sanfte Stimme ihn zu: „Auch das ist zum Guten" und Nachum faßte wieder Mut. Da trat aus dem Kreise der Hofleute, die den König umgaben, ein Mann vor, dessen Aussehen ehrfurchtgebietend und majestätisch war. Er verbeugte sich und sprach also: „Zürne mir nicht, o Herr und König, und erlaube, daß ich zu Dir rede. Beim Anblicke Deiner Majestät erstürben diesem Mann da die Worte. Der Staub ist der Staub Abrahams, des Erzvaters, der, gegen den Himmel geworfen, zu vielen Schwertern erstarkt, die alles durchdringen. Darum versuche, o Herr und König, diesen Staub Deinen Getreuen in der Schlachtreihe zu übergeben, und wir werden sehen, wie Deine Feinde, wie von Pfeilen durchbohrt, zu Boden stürzen werden." Darauf entgegnete der König: „Wer hat Dich vor meinen Thron bestellt? Deinen Reden und Deiner Kleidung nach gleichst Du einem Edlen aus meiner Umgebung, aber ich hörte noch nie Deinen Namen und schaute bis heute noch nie Dein Antlitz. Aber da Dein Gebaren zeigt, daß Du ein mächtiger Kürst sein mußt, und da das Gesicht dieses Juden für eine rechtschaffene Seele spricht, so will ich nach Deinem Rate tun. Ich will den Staub zu meinen Kriegern ins Lager schicken, und ihr beide möget indes als Geißel hier bleiben, bis ich weiß, wie die Sache ausfiel. So ihr die Wahrheit gesprochen, könnt ihr in Ehren nach Hause zurückkehren, im Gegenfalle müßt ihr sterben." Nach diesen Worten ließ der König den Fürsten und den Juden in Gewahrsam bringen und befahl, daß man ihnen Speise und Trank von des Königs Tische reiche und Wächter zu ihrer Hut bestelle. III. Während sie im Gefängnisse allein waren, bemerke Nachum eines Tages, wie der Purpurmantel dem Fürsten entfiel und auf seinem Körper nichts als ein härenes Gewand und ein Ledergurt blieben. Da sprach der Fürst: „Fürchte Dich nicht, Nachum, denn Gott sandte mich, Dir beizustehen. Ich sah alles, was Dir in der Herberge passierte, wie der Wirt die Edelsteine herausnahm und Staub an ihre Stelle legte. Darum folgte ich Dir zu dem Könige und ward Dir ein Fürsprecher." Nun fragte Nachum: „Nenne mir, o Herr, Deinen Rang und Deinen Namen?" Da antwortete der Fürst: „Ich bin der Fürst der Heerscharen Gottes und heiße Elijahu." Da fiel Nachum auf sein Antlitz nieder, verbeugte sich und fragte: „Bist Du Elijahu der Prophet?" Doch Elijahu richtete ihn auf und sprach: „Fürchte Dich nicht und demütige Dich nicht. Denn Du bist ein Weiser, und ein Mann von Deinem Geiste fällt vor einem Propheten nicht nieder. Jetzt laß uns ruhig abwarten, bis die Abgesandten des Königs zurückkehren." Dann kamen die Diener des Hofes, bereiteten den Tisch und setzten den beiden Gefangenen die Speisen und Gettänke vor, wie es der König befohlen hatte. Elijahu aber hob seinen Stab, rückte den Tisch, und es kam ein Feuer hervor, das Fleisch und Suppe verzehrte. Hierauf schuf er ein dreijähriges Kalb und so hatten sie beide täglich in Hülle und Fülle zu essen. Eines Tages erhob sich Nachum von seinem Lager, näherte sich dem Fenster und vernahm ein großes Geschrei. Da tat sich die Türe auf und des Königs Gefolge trat ein, und die Männer bückten sich vor Nachum, indem sie sprachen: „Unser Herr der König entbietet Dir göttlichen Mann seinen Gruß. Du hast uns gerettet, denn der Staub vernichtete unsere Feinde, als ob sie von Schwertern durchbohrt worden wären. Nun folge uns zu unserem Herrn, damit er Dir Deinen Lohn gebe." Und Nachum ging und der König kam ihm entgegen, stteifte den Ring von seinem Finger und übergab ihn dem Juden. Dann fiel Nachum vor dem König nieder und bat mit weinender Stimme, die Leiden seines Volkes zu lindern, das böse Ratgeber bei ihm verleumdet hatten. Da antwortete der König: „Ich sehe, daß Gott mit den Kindern Israels ist. Darum sollen sie gleich allen meinen Untertanen Gutes genießen." Sodann befahl er seinem Palastvorsteher, den Schrein, welchen der Gottesmann gebracht hatte, mit Steinen aus des Königs Krone zu füllen, die ihnen ein Gedenken daran sein sollten, daß der römische Speer nur Tausende, aber Abrahams Staub Zehntausende schlägt. Der König küßte Nachum auf die Stirne und entließ ihn mit großen Ehren und einem Gefolge, das ihn in einem mit prächtigen Rossen bespannten Wagen geleitete. Und in jeglicher Stadt, durch die Nachum kam, zogen ihm Abgesandte der Kinder Israels mit Pauken und Zithern, mit Jubel und Freudengesängen entgegen. Das ganze Land ward erfüllt von Freude, und alle priesen Gott und seinen heiligenKnechtNachum. Solange derKönig lebte, herrschte Ruhe im Lande, und Nachum, der Mann von Gimsu, konnte sich dieses Gelingens freuen. V. Der Wirt aber, der Nachum so schnöde betrogen und bei dem dieser auf seiner Rückreise einkehrte, hörte von Nachum, was mit dem Staube geschehen.- Da nahm er viel Staub von jenem Orte, von welchem er in jener Nacht, genommen hatte und eilte damit nach der Residenz. Dort sprach er zu dem König: „Mit diesem Staube kannst Du alle Deine Feinde vernichten." Da ließ der König einen Versuch machen, aber es war nur gewöhnlicher Erdenstaub, und die Krieger wurden zum Gespülte der Feinde. Darauf befahl der König, dem Wirte tände und Füße abzuschneiden und ihn an einen aum zu hängen. — So geschieht es mit allen, die um des elenden Gewinnes Willen handeln. Die aber das Gegenteil tun, und ihr Herz ihrem Volke weihen, deren Ruhm dringt ewig bis zu den Sternen empor. Nach Jawetz von Ben Jakob. Israels Befreiung durch Mose aus Aegypten. (Aus Midrasch Wajoscha.) „Und es rettete der Ewige an diesem Tage Israel aus der Hand Aegyptens" (Ex. 14. 30). Die Weisen s. A. haben gesagt: In der Stunde, da die Aegypter die Jiraeljten verfolgten, und die Israeliten sie sahen, erfaßte sie Schreck und Zittern. Damals wurden die Ssraeliten mit einer Taube verglichen, die vor dem perber flieht; als sie zu ihrem Neste kam, fand sie daselbst eine Schlange. So verhielt es sich nut den Israeliten- In der Stunde, da die Israeliten die Aegypter sahen, sprachen sie zu Mose: Mo>e, unser Lehrer! wohin sollen wir gehen? Siehe, die Aegypter sind hinter uns und das Meer ist vor uns. Damals erhoben sie ihre Stimme und weinten, und auch Mose weinte mit ihnen. Sofort regte sich das Erbarmen des Heiligen, geb. sei er! und er sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Ich gedenke bereits ves Gebetes, das Abraham, mein Geliebter, in der Stunde betete, da ich zu ihm sprach: Geh und schlachte deinen Sohn vor mir! Sogleich nahm es Abraham in Liebe auf sich und machte sich morgens früh auf, meinen Willen zu tun, wie es heißt (Gen. 22, 3): „Und Abraham machte sich morgens früh auf und sattelte seinen Esel und nahm teine beiden Knaben mit sich und Isaak, seinen Sohn." Wer waren die beiden Knaben? Eli'ezer, der Knecht Abrahams, und Jsmael. Isaak sprach zu seinem Vater: Mein Vater! wohin gehen wir allein? Abraham antwortete: Mein Sohn! bis hierher, bis zu dem nahen Orte. So heißt es (das. V. 6): „Und Abraham nahm das Holz des Ganzopfers und legte es auf Isaak, seinen Sohn, und in seine Hand nahm er das Feuer und das Schlachtmesier, und sie gingen beide zusammen." Und Isaak sprach zu seinem Vater: Mein Vater! wohin gehen wir einzeln? Abraham antwortete: Mein Sohn! ein Opfer darzubringen. Darauf Isaak: Bist du denn ein Priester, um Opfer darzubringen? Darauf Abraham: Siehe, dort ist ein Hoherpriester, er wird das Ganzopfer darbringen. Sofort fiel ein großer Schrecken auf Isaak, weil er in der Hand seines Vaters nichts sah, was er als Opfer darbringen konnte. Es heißt (das. V. 7): „Und Isaak sprach zu Abraham, seinem Vater, und sagte: Mein Vater! Und er sprach: Hier bin ich, mein Sohn! Und er sprach: Siehe, das Feuer und das Holz, wo aber ist das Lamm zum Opfer?" Sofort erfaßte Jfaak Zittern, und seine Glieder bebten, denn er erkannte die Absicht seines Vaters und konnte kein Wort reden. Trotzdem ermannte er sich und sprach zu seinem Vater: Wenn es wahr ist, daß mich der Heilige, geb. sei er! erwählt hat. siehe, meine Seele ist ihm übergeben! Und so besänftigte >>ch Isaak, als er sterben sollte, um das Gebot seines Schöpfers zu erfüllen. Abraham sprach: Ich kenne dich, mein Sohn, daß du das Gebot deines Schöpfers und mein Gebot nicht aufhältst. Isaak antwortete seinem Vater: Mein Vater! beeile dich und vollbringe den Willen deines Schöpfers, und er wird deinen Willen tun. Noch waren sie unterwegs, da begegnete dem Abraham der Satan, er erschien ihm in der Gestalt eines Alten. Er sprach zu ihm: Wohin gehst du? Abraham antwortete: Um zu beten. Der Satan sprach: Wer zu beten geht, wozu braucht er Holz auf seiner Schulter und Feuer und ein Schlachtmesser in seiner Hand zu tragen? Abraham sprach: Siehe, wir verweilen vielleicht einen oder mehrere Tage, und wir schlachten, backen und effen. Der Satan sprach: Armer! war ich nicht dort, als der Hinderer (Versucher) zu dir sprach (Gen. 22. 2): „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst und opfere ihn mir zum Opfer?" Ein Alter deinesgleichen soll einen so geliebten Sohn wie diesen verlieren, einen Jüngling, den dir der Heilige, geb. sei er! im hundertsten Jahre schenkte! Abraham versetzte: Nicht der Hinderer (Versucher), sondern der Heilige, geb. sei er! selbst sprach zu mir: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Isaak" und bringe vor mir ein Ganzopfer! Der Sata» versetzte: Fürwahr, deine Gottesfurcht ist deine Torheit, deine Hoffnung und Untadeligkeit deiner Wege (Hi. 4. 6)." Abraham sprach: „Wer kam je schuldlos um, und wo wurden jemals Rechtschaffene vernichtet" (das. V. 7)? Als der Satan sah, daß er bei Abraham kein Gehör fand, sprach er: Abraham! wiffe, ich bringe dir eine Botschaft, ein Lamm sollst du opfern und nicht Isaak. Abraham sprach: Das »st die Strafe des Lügners, daß man, selbst wenn er die Wahrheit spricht, nicht auf ihn hört, ich glaube dir nicht, sondern der Heilige, geb. i«i er! möge tun, was in seinen Augen gut ist. Da ging der Satan zu Isaak, stellte sich vor ihm hin und erichien ihm wie ein Jüngling. m der Gestalt wie er war. Er sprach zu ihm: Wohin gehst du? Isaak antwortete: Um Thora zu lernen. Der Satan sprach: Bei deinem Leben oder bei deinem Tode? Isaak: Gibt es denn einen Menschen, der Thora nach'seinem Tode lernt? Der Satan: Wehe. Sohn einer Unglücklichen, wie sind deine Zähne stumpf geworden! Weißt du nicht, daß dich dein Vater auf diesem Wege zum Schlachten führt? Isaak: Ich weiß es von mir selost, siehe, meine Seele ist in die Hand des Heiligen, geb. sei er! übergeben und in die Hand meines Vaters, was er tun will, tue er. Da begab sich der Satan zu Sara und erschien ihr als ein alter Mann. Er sprach zu ihr: Wohin ist Abraham, dein Gemahl. (gegangen? Sie antwortete: Zu seinem Geschäfte. Er prach zu ihr: Und wohin ist dein Sohn Isaak gegangen? Sie erwiderte: Er ist mit ihm gegangen, Thora zu lernen. Er sprach zu ihr: Alte, Unglückliche, wie sind deine Zähne betrens deines Sohnes stumpf geworden! Weißt du nicht, daß er ihn zum Schlachten fuhrt? In dieser Stunde erzitterten ihre Lenden, und alle ihreGlieder