Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 13-14 (10.4.1919)
- Date
- 1919-04-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 13/14 schüft. Das ist eben das Schöne und Gewaltige an den jüdischen Festen, daß sich in ihnen die Geschichte der Vergangenheit und die Wandlungen des Seelenlebens wiederspiegeln. Auch sie sind nicht erstarrt und zu toten Formen geworden, sondern sie lebten mit der Zeit und für die Zeit. Es ist sehr interessant, den Entwicklungsgang der jüdischen Feste zu verfolgen. Alle unsere Feste nehmen ibren Ausgang vom schlichten bürgerlichen Leben und im Laufe der Zeiten veredeln und verinnerlichen sie sich und werden zu Weihefesten. Darin besteht ihre gewaltige Bedeutung für uns. Sie strahlen eine eigenartige Schönheit und Poesie aus und bereichern unsere Herzen, weil sie so fein für die jüdische Psyche abgestimmt sind. Es kommt eben nicht auf den Ursprung allein an, und es ist der Ruhm des Judentums, daß es den Geist hochhält, und sich nicht an Buchstaben klammert. Was uns eine gesunde Entwickelung gebracht hat, ist uns wertvoll und teuer, weil wir darin unser Leben und das Leben unserer Väter zugleich noch einmal durchleben und stark empfinden. Und daher gibt es keine dankbarere Aufgabe als die, die gewaltige Poesie der jüdischen Feste in ihrer Reinheit zu erhalten und namentlich für unsere Jugend fruchtbar zu machen. Wir bedürfen der jüdischen Feste, um in den Herzen der Jugend die jüdische Poesie des Familienlebens wieder aufkeimen zu lassen. Unsere Jugend soll nicht erkalten, sondern voller Wärme und Begeisterung des Judentums gedenken. Vor allem soll unsere Jugend wissen und erfahren, was Judentum ist, denn das Judentum kennen, heißt es lieben. Liebe kann nicht gepredigt werden, wohl aber kann sie gepflegt werden. Das alte Judentum war eine große Familie mit einem Leben voller intimer Schönheiten und verborgener keuscher Reize. Das hat unsere Väter erhalten, das hat ihre sittliche und geistige Kraft konserviert. Suchen wir, davon zu retten, was noch zu retten ist. Suchen wir, die gewaltige Individualität der Judenheit zu erhalten, denn aus ihr fließt Kraft und Schönheit. Wir wollen moderne Menschen sein und alle wahre Kultur pflegen, dabei aber auch das Jüdische in uns nicht verleugnen. Wir wollen nicht stehen bleiben, sondern weiter bauen im Geiste der Väter und in den Formen unserer Zeit. Man macht ein teures Erbe fruchtbar, nicht wenn man es vergräbt, sondern wenn man es genießt und vermehrt. Moses Geburt. Ein kecker Wind fährt durch die Wüste und kühlt den lohenden Sand. Der Wind ist übermütig, froh, denn er weiß ein gar süßes Geheimnis: bald wird die Wüste einem Garten, gleich erblühen und duftige Lebensfülle ausatmen. Von der Wüste streifte der Wind zu den Bäumen. Wie freuten sich diese, daß er da war. Ihr Grün erstrahlte, die Blätter bebten vor Wonne, selbst die kahlen Stämme reckten sich: Denn der Wind hat ihnen gute Botschaft mitgebracht: von keinem Beile oder Mordwerkzeuge soll ihr Leben bedroht werden. Der Wind gelangte in Feld und Garten und alles, was da wuchs, vom winzigsten Gräslein bis zum mächtigsten fruchttragenden Baume, jubelte ihm zu: Besonders errötete die Rose und die Tautropfen in ihrem Kelche glichen den Freudenträncn einer geschmückten Braut.... Zartes Morgenlicht, rauschender Dust und buntes Farbenspiel — sie strömten ineinander. Der Himmel — ein feierlich majestätisch Blau, wie das eines Königsgewandes, ein Rauschen und Schlagen von Engelsflügeln durchzittert die Luft und das Echo eines neuen Liedes rollt am Firmajnentc, senkt sich vom Himmel zur Erde herab und dringt in die Herzen der Menschen. Nur der Nil, der Beherrscher und Pflegevater Aegyptens, zeigt ein verzerrt böses und verstörtes Gesicht. Voll Unmut und Unheil im Herzen stöhnt er tief auf, so daß die Wellen turmhoch übercinanderschlagen, und alle Massen des Abgrundes mit seinen Ungeheuern hinaufgepeitscht werden. Der Thron Pharaos wankt und die Krone auf seinem Haupte erbebt. Seine Weisen und Ratgeber sind bestürzt und aus allen Teilen seines Reiches kommen Boten herbeigerannt: Unglücksbotschasten überbringen sie. Die Götzen sind zusammengebrochen, ihre Tempel sind niedergestürzt. Sogar der Palast der Sonne hat zu wanken begonnen.... Da ward das Herz Pharaos gar schwer und er befahl: Jedes neugeborene Kind soll in den Nil geworfen werden! Dem Hebräischen des I. L. Perez nachgebildet von A. Robinsohn. Israels Durchzug durchs rote Meer. (Zum siebenten Pesiachtage.) Die Wogen branden Es tost das Meer; Auf schnellen Rosien Jagt Pharo her. Sechshundert Wagen Und kühne Reiter; Er führt zum Kampf Die besten Streiter. Ln Ketten schmieden Will ich den Knecht, Der wagt zu brechen Tyrannen Recht I Seinem Gotte opfern, dienen. Zog er aus mit dreistem Mut! Fühlen soll er meine Geißel, Meines Zornes Racheglut l Meines Dienstes Arbeit, Rot Sei ihm höchstes Pflichtgebot l Niemals seinem Gotte wieder Klingen fromme Gebetes Lieder!" Der Zwingherr spricht's Mit trotz'gem Sinn, Und lenkt den Wagen Zur Wüste hin.- Die Wogen branden; Es tobt das Meer, Israel lagert Am Meere her. Ferne erblickt es Aegyptens Troß, Pharaos Mannen, Reiter und Roß. Und mit des Kleinmuts finstrem Sinn Eilt es zum Zelte Moses hin. Murrend und zankend fällt es ihn an, Und es sängt zu klagen an: „Waren Gräber reich an Zahl Nicht im Lande des Nilestal?! Mußtest hieher Du uns führen, Der Bedränger Zorn zu schüren?! Aus Aegyptens Sklavenketten Kann der Tod uns nur erretten! In der Wüste Glurenbrand Sterben wir am Meeresrand!" Moseh, der Göttliche tritt zum Gebet. Flehend die Stimme zu Gott er hebt. „Heut" — spricht er dann — „Wird zu eurem Heil Gottes Hilses euch zuteil! Ihr seht Aegyptens Heer In Zukunft nimmermehr! Gott ist euer Streiter, Banget euch nicht weiter!" — Und von der Höhe nieder Zum Meeresbctte wieder In mächt'gcm Bogen Entstürzen die Wögen. Schäumender Gischt — Feuer vermischt — Weilet die Kreise, Grimmiger Weise. Das User schwindet; Es wird zum Meer; Darüber zucken Blitze her; Berdunkelt ist der Sterne Heer. Die Erde bebt und wankt; - Der Berge Krone schwankt; Es zieht der Herr daher Zu Judas (Streit und Wehr. Pharos Heer, Ringsumher, Will flieh'n und weichen. Sein Land erreichen. „Lastet uns fliehen! Heimwärts uns ziehen! Es kämpft für sie ihr Gott. Bringt uns zu Fall und Spott!" Zum Meere wendet Moseh den Blick, Vertraut dem Herrn des Volkes Geschick. Hebt dann den Stab zum Himmelsbogen Und neigt ihn auf die Meereswogen. Woge auf Woge himmelan. Türmt sich gewaltig empor. Zur Mauer gebannt von der Gottheit Hand, . Steh'n die Wasser zur kristall'nen Wand. Und untenher — Ist trocken das Meer. In des Meeres Mitten Ist der Herr geschritten.- Sie folgen des Führers rettender Spur, . Er führt sie auf Wegen zur Freiheit Flur, - Sie schreiten im Meere auf trock'ner Bahn, Mit Ingrimm und Haß Aegypter es sah'n. Sie eilen nach, Verfolgen die Spur; Allein für sie — Verderben nur. Wieder hebt Moseh zum Meere den Stab, Da wanken die Säulen; sie stürzen herab, Führen zur Tiefe Pharaos Heer, Roß und Reiter und grimme Wehr.- t:ael es sieht voll Staunen, ei vom Fron der Pharaonen Stimmt es an den Sang, Hoch und hehr es klang: „Mein Sieg und Lied ist Gott, Er ist mein steter Hort; Schützt mich in Lebensgraus, Führt mich zur Freiheit aus. Aegyptens stolzes Heer Senkt er hinab ins Meer; Und alle seine Pracht Bedeckt die ttefe Nacht. Er löst der Knechtschaft Ketten Den Schwachen frei zu retten. Er will sein Recht ihm geben Auf daß Tyrannen beben. Liebend faßt mich seine Hand. Leitet mich durch Wüstensand In das Land, das er erkoren. Wie den Vätern er geschworen. Dort auf Morias Höhen Läßt er das Heil mich sehen; Ich bau ihm ven Altar Und bring ihm Opfer dar. Und auf Horeb leuchtend, klar Wird die Lehr' mir offenbar. Moseh ist sein Knecht, Lehrt mich Gottes Recht." Gabriel L evi. Der Llias-Lelch. gut Uessachwort für unsere Kinder. Von Bez.-Rabb. Dr. Beermann (Heilbronn). Am Sedertisch gilt der schönste Kelch einem unsichtbaren Gaste. Elias, der glutvolle Sendbote seines Gottes, einst in Feuerlohe zum Himmel enttückt, ist seinem Volke nach der Sage immer nahe. Er stellt das jüdische Gewisien dar. Darum denkt man ihn sich als Vorbote der messianischen Heilszeit, die ja der Endsieg der Güte und Gewisienstreue in der Menschheit ist. Was hat er den Kindern zu sagen? „Er führet das Herz der Kinder zu den Vätern und das Herz der Väter zu den Kindern." Er schlingt ein Band der Treue und Liebe um Eltern und Kinder. Er schlägt die Bibel auf und zeigt ihnen die Lichtgestalt Josephs, des gehorsamen Sohnes, der auch in Glanz und Glück dem greisen Vater die Treue hielt, zeigt chm auch den Volksbefreier Mose, den es aus dem Prunk und der Pracht des Königspalastes in die arme Lehmhütte der Eltern zog. und läßt dann bedeutsam seinen Finger ruhen auf dem Psalmworte: Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder in Eintracht bei einänder weilen und gemahnt die Geschwister zur Verträglichkeit. Dann aber läßt er noch einen Psaltergruß ertönen: „Wenn der Ewige nicht bauet das Haus, bauen vergebens, die dran bauen!" Gottesfurcht — des Heimes Grund, des Hauses Mauern; dann gilt der biblische Lobspruch auch den schlichtesten Hütten: „Wie schön sind Deine Zelte, Jakob, Deme Wohnungen, Israel!" Ins Gotteshaus führt er die Kinder. Da rauscht der Born der Kraft. Da walte heilige Weihe. „In seinem Tempel atmet alles Ehrerbietung." „Die Feueropfer Israels und ihr Gebet in Liebe — nimm auf in Wohlgefallen." Diese Gebetsworte spricht er mit bewußter Eindringlichkeit. Die Glut der Liebe umlodere das Gebet und durchglühe es. Die Sehnsucht nach Gott trage es zur Höhe. Vom Kinderherz zu Gottes Herz! Dazu gehört, .daß die Kinder das heilige Gebetswort verstehen. Darum führt er sie in die Religionsschule. Heute setzt er sich aufs Katheder und erzählt von einem Wunderschlosie, darin im Hofe ein Brunnen mit Heilwaffer, im Schlöffe an den Wänden prächtige Bilder und ringsum photographische Werkzeuge zu ihrer beliebigen Vervielfältigung. Wer aber in das Schloß hinein will, der muß aus dem Stücklein Eisen — und dabei überreicht er jedem Kinde ein solches — sich selbst den Schlüffe! schmieden. Das Schloß, es ist das Judentum, der Brunnen mit dem gesund machenden Wasser die läuternde Kraft seiner Lehre, die Bilder die beseligenden Gedanken seines heiligen Schrifttums, das Eisen der Fleiß und der Schlüffe! das Wissen ... „Sieh, ich sende euch Elias, den Propheten!"