Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 13-14 (10.4.1919)
- Date
- 1919-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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PESSACH-BLATT. Kart1? an „Das ist das Brot der Armut, welches unsere Väter in Aegypten gegessen haben, wer Hunger hat, komme und esse, wer bedürftig ist, komme und feiere Pessach; dieses Jahr hier, im kommenden Jahre im Lande Israel, dieses Jahr Knechte, im kommenden Jahre freie Leute." In welchem Zusammenhang stehen die Schlußworte „im kommenden Jahre im Lande Israel" zu den vorausgehenden: „wer Hunger hat, komme und esse" usw.? In dem Werke Chauvaus hal'vovaus (Lehrbuch der Herzenspflichten) von Bachja ibn Pakuda, Abschnitt über die Enthaltsamkeit, werden drei Arten der Genügsamkeit und Enthaltsamkeit aufgestellt: 1. Wer enthaltsam ist, weil sein Einkommen nur für das Allernotwendigste reicht. Ist er damit zufrieden und nimmt freudig an, was Gott ihm beschert, so'zeigt er auch eine lobenswerte Eigenschaft. 2. Wer seine Wünsche nach Wohlleben befriedigen könnte, es aber nicht tut, sondern sparsam lebt, um sein Vermögen zu vermehren, ist auch enthaltsam. 3. Die wahre und edle Genügsamkeit und Enthaltsamkeit desjenigen, der genug hat an irdischen Gütern, trotzdem aber Maß hält im Genuß, weil er weiß, daß das Wohlleben ihn hindert, seine wahre Aufgabe auf Erden zu erfüllen, die Gebote Gottes zu beobachten und sich Kenntnisse in der Thora zu verschaffen. Dieser Enthaltsame ist genügsam für sich, läßt aber andere von dem Segen genießen, den Gott ihm beschert hat; er ist nicht damit zufrieden, daß er mit seiner Familie in Wohlstand und Fülle Pessach feiern kann, sein Herz ist erst dann freudig gestimmt und zuftieden, wenn er auch anderen, denen von den Gütern dieser Erde nicht viel zuteil geworden ist, ermöglicht hat, ohne Sorge dem Pessachfeste entgegenzugehen und das schöne Fest in Freude und Innigkeit zu feiern. Das Ausüben der Mildtätigkeit ist aber sehr verschieden. Einer gibt, weil die Schilderung der Not des Armen ihm Herzweh bereitet. Um sich von dieser Empfindung zu befreien, gibt er dem Armen eine Spende; ein anderer aber wartet nicht, bis der Arme ins Haus kommt, die Not ihm vor Augen tritt und ihm das Herz erweicht, sondern er gibt dem Armen, von dem er weiß, daß er der Hilfe bedarf, ehe die Gabe von ihm verlangt wird.' Diese letztere Art ist die edle Art der Zedokoh. Die Thora warnt den Besitzenden, vor dem Armen sein Herz zu verschließen. „Geben, geben sollst Du, öffnen, öffnen sollst Du DeineHand Deinem dürftigen Bruder, sogar hundertmal, und Dein Herz soll nicht mißgestimmt werden, wenn Du ihm gibst, denn damit Du dies tun kannst, hat der Ewige, Dein Gott, Dich gesegnet." „Du sollst Dich fteuen an Deinem Feste. Du und Dein Sohn und Deine Tochter und der Levite und die Witwe und die Waise und der Fremdling und sollst gedenken, daß auch Du einst Knecht gewesen bist im Lande Aegypten." Auch Du oder Deine Eltern oder Deine Großeltern waren einmal nicht in dem Wohlstände, in dem Du jetzt bist. Wenn Du daran denkst, wirst Du den Armen gerne geben und wirst froh sein, daß Du geben kannst, daß — Du nicht der Arme bist. Aber nicht allein dem, der zu Dir kommt, sollst Du geben, bei dem die Not so weit gekommen ist, daß ihn der Hunger treibt (dich'fin), zu Dir zu kommen, sondern jedem, von dem Du weißt, daß er der Gabe bedarf, der zwar nicht in der äußersten Not des Dich'fin lebt, aber doch auch Unterstützung braucht (diz'rich), um freudig und sorglos das Pessachfest feiern zu können, soll Deine Hand geöffnet sein.. Eine solche edle Wohltätigkeit ist eine große, erhabene Eigenschaft; sie ist geeignet, die Erlösung herbeizuführen. G'dauloh Zedokoh schem'kareves ks hag'uloh. Groß ist die Zedokoh, sie bringt die Erlösung nahe. So schließt sich die Schlußstelle ganz richtig an -die vorhergehende an. Wer genügsam lebt für sich, das Brot ,der Bescheidenheit (lechem auni) genießt, um an anderen Wohltaten üben zu können, den Armen in edler Weise unterstützt, er Hilst die Erlösung herbeiführen: dieses Jahr hier, im nächsten' Jahre im Lande Israels, dieses Jahr Knechte, im kommenden Jahre freie Leute. Wer aber edle Wohltätigkeit übt und hilft, Laß arme Juden sich im nächsten Jahre als Bauern von ihrer Hände Arbeit im Lande Israel ernähren können, der übt gewiß edle Wohltätigkeit, welche die Erlösung näher bringt. Ge’ula sch’lema. Von N. Lothringer. Als die Kinder Israels aus Aegypten zogen, schloß sich ihnen eine bunte Menge fremdartiger Elemente, der sogannte „erew-raw“, an. Dieser konnte sich bis heute mit dem Blute der Kinder Israels nicht amalgamieren, so daß ein Fremdkörper am Leihe des jüdischen Volkes entstand. Es^ besteht keine seelische Wahlverwandtschaft zwischen den Kindern Israels und dem Erew-raw. Letzterer mag sich kraft der mimetischen Anpassung äußerlich dem Juden noch so verähnlicht haben, doch er bleibt dem echten Juden ewig fremd in bezug auf Charakter, Naturell und Wesenheit. Seine Seele bleibt unberührt von der allgewaltigen Mimikry. Der Erew-raw behält immer seine ureigenen, von seinen rohen heidnischen Stammeltern ererbte Natur. Beide, Jude und Erew-raw, sind physiologisch von einander nicht zu unterscheiden, aber psychologisch sind sie grundverschieden.. Der Erew-raw mag dem Juden an allem ähnlich sein: an Habitus, Wissen, Sprache und Sitten, und doch kein echter Jude sein, weil er den Keim von Abraham, Isaak und Jakob in seinem Blute nicht trägt, der sich vermöge des Vererbungsgesetzes auf die Nachkommen durch Fortpflanzung überttägt und deshalb die aus dem Adel des Geistes und der Reinheit der Seele geprägte Eigenart bewahrt. Die hervorstechenden Erkennungszeichen beziehungsweise Unterscheidungsmerkmale zwischen Jude und Erew-raw sind folgende: Der Jude, ist schamhaft, barmherzig, gastfreundlich und mildtättg — der Erew-raw frech, ungastlich, hart und mitleidslos; der Jude ist sanftmütig, friedsam, gerecht und gut — der Erew-raw hochmütig, streiffüchtig und barsch; der Jude ist treuherzig, aufovferungsfähig, hilfbereit — der Erew-raw tückisch, selbstsüchtig und herzlos; der Jude hält fest an dem von seinen Eltern übernommenen Glauben, ist bereit, für denselben die schwersten Opfer zu erttagen — der Erew-raw ist ein Heuchler in Glaubenssachen und kann die leichteste Probe nicht bestehen; er treibt Schacher mit seinem Glauben und wechselt ihn leichten Herzens, falls es ihm besser „konveniert". Der Jude, der in starker Seele Ideale trägt, sehnt sich nach seiner einstigen Heimat „Erez Jisroel" und erwartet znkunftsgläubig die Erlösung aus der Fremde „ge’ula keroba* durch Gott oder seinen Gesalbten, wie auch eine lichtreiche, gnadenvolle Zeit — der Erew-raw, der kein Ideal, kein gedankliches Ziel hat, strebt gottfremd entweder nach Auflösung, Assimilation mit andern Völkern oder betrachtet Palästina wie ein Geschäftsobjekt. Der Jude liebt sein Volk und dessen Lehre, arbeitet mit frommen Willen ftir dessen moralische Größe — der Erew-raw schert sich nicht darum und weiht seine Kräfte fremden Nationen, weil sie besser „rentieren". Das Leben der Juden ist ein Gottesdienst — das des Erew-raw ein Götzendienst; der Jude ist bescheiden, genügsam und schwelgt im Genüße der geistigen Schönheit, aus mystischen Tiefen des Gemüts — der Erew-raw, kühl bis ans Herz hinan, ist anspruchsvoll, genußsüchtig und jedes schöngeistigen Verständnisses bar; der Jude lebt in den Welten, die sein Wissen ihm auftut, er wandelt unter den Sternen und baut sich von innen den uralten Kosmos des Geistes — der Erew-raw kriecht gedankenniedrig im Staube und spottet jedes hohen Gedankenfluges; der Jude duldet, ergibt sich vertrauensvoll und glaubensselig dem unerforschlichen Ratschluß Gottes — der Erew-raw lehnt sich selbst gegen den Himmel auf, schimpft, verleumdet und flucht. Der Jude wird bleiben bis zum Ende aller Tage, weil «r in sich das Ewigkeitsgefühl trägt — der Erew-raw wird über kurz oder lang verschwinden, weil er am Irdischen haftet. Deshalb brauchen wir es uns nicht zu Gemüte führen, wenn wir sehen, wie der Erew-raw sich von unserem Stamme loslöst und abfällt, wir werden dadurch doch nur geläutert und der Gefahr enthoben, von ihm doch einmal beeinflußt zu werden. Wir erleben dadurch den von uns erbetenen „peäus nafschenu“ und bleiben die echten „sera ^brabam“ und „bene jiernel“, „kila sake“, der Erlösung würdig. Der Erew-raw, obgleich er uns, die „jisroel asm“, die Kräftigen, die Geistesstarken, nicht zu sehr beeinflußen kann, bildet doch einen Hemmschuh, eine Störung, ein Hindernis in unserer moralischen Tätigkeit, er fällt uns attzli oft in den Arm, wenn wir es unternehmen, Werke der Wohltätigkeit, der religiös-ethischen Erziehung der Jugend, Hebung des geistigen Niveaus unseres Volkes u. dgl. zu üben. Er ist der Satan, der „el sor“, der Götzen in uns, den wir um Gottes willen zertrümmern müssen. So wie uns vor vielen Jahren der Ewige aus dem golus mizrajim befreit hat, so möge er uns auch vom golus erew raw befreien und die volle Erlösung „ge’ula scheloma“ folgt. Dann wird auch alles Leid, das wir seit tausenden Jahren durch den Erew-raw, mit dem man uns leider identifiziert, erleiden, von uns, dem haßgemarterten Volke, überall weichen. _ Unsere Feste. Von Fabius Schach. Das Judentum stellt den reinsten Monotheismus dar. Nicht nur, weil hier die Form einheitlicher und schlichter ist, sondern auch weil der Gedanke, das Seelische über das Materielle zu erheben, ja alles Materielle zu vergeistigen, nirgends so klar und tief wie im Judentum ausgesprochen ist. Vielleicht ist dies in den Institutionen noch stärker, als in den Grundsätzen ausgedrückt. Das Judentum hat zuerst einen Tag in der Woche als Ruhe- und Weihetag eingeführt, und damit hat es dem sozialen wie dem moralischen Leben einen idealen Zug, einen gewaltigen inneren Halt gegeben. Wenn der Mensch erst mit der Erfindung des Feuers beginnt, dann beginnt der sittlich-religiöse Mensch erst mit dem Sabbat. Steinthal hat Recht, hätte das Judentum nur den Sabbat der Menschheit geschenkt, dann hätte es Anspruch auf ihre ewige Dankbarkeit. Als noch weitere, höher gelegene Stationen des Innenlebens wurden die Feiertage eingesetzt. Der Talmud sagt psychologisch sehr fein: „Das Ziel der Tage sind die Abende, das Ziel der Abende die Sabbate, das Ziel der Sabbate die Feiertage, das Ziel der Feiertage das Neujahrsfest, und das höchste Ziel der Versöhnungstag." Ja, man schafft die Tage hindurch freudig, weil die Stunden des Abends mit ihrer beglückenden Ruhe und ihrem seelischen Frieden als Lohn winken. Man arbeitet die ganze Woche und sehnt sich nach dem Tage der Ruhe, wo man ganz sich gehört und den Schönheiten der Innen- und Außenwelt leben darf. Und mit noch mehr Freude denkt man an die Feiertage mit ihrer herrlichen Poesie, mit ihrer Fülle von Erinnerungen und Hoffnungen. Und dann steigert sich die Sehnsucht bis zum höhen Tage der Jahreswende und erreicht ihren Gipfelpunkt im heiligsten Tage des Jahres, in der Versöhnung. Je höher die Stationen liegen, desto reicher sind sie an Poesie und Schönheit, einen desto herrlicheren Ausblick bieten sie auf das Leben. So ist alles fein abgestuft und abgetönt, man steigt immer höher von Stufe zu Stufe, ruht aus und voller Sehnsucht schweift die Seele in die Ferne und strebt immer auswärts. Das ist der Sinn' des Lebens. Aber auch diese Feste sind nicht vom Himmel als Geschenk gefallen, man mußte sie sich erst erkämpfen und erringen, und erst eine spätere Entwicklung verlieh ihnen diese Fülle von Poesie und Schönheit. Nur der Rahmen wurde uns von vornherein gegeben, die Ausfüllung müßte der Fortschritt der Zeit besorgen. Daher zeigen uns die jüdischen Feste in jeder Epoche der Geschichte ein anderes Gepräge, und in jedem Lande, wo die Juden weilen, treten neue Symbole und Formen hinzu. Jedes jüdische Fest hat nicht nur feine.,. Geschichte, sondern es verkörpert in sich jAe ‘ ganze Geschichte der jüdischen @emm-