Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 13-14 (10.4.1919)
- Date
- 1919-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 13/14 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 keinen guten Tausch gemacht. Herr Stricker möge sich dies merken — wir stehen vor neuen Wahlen. Er hatte übrigens vorigen Sonntag die Gelegenheit, wahrzunehmen, welcher Wert seinen „Erfolgen" im eigenen Lager zugebilligt wird. Er muß nicht überall dabei sein . . . Die Abschaffung des Adels und ähnliche Maßnahmen werden schon ohne Mitwirkung des „einzigen jüdischen Abgeordneten" durchgeführt werden . . . Das Blutbad in proskurow. Allmählich werden über die Judenschlächterei in Proskurow, einem Orte des Gouvernements Podolien, im Bereiche der Ostukraine, Einzelheiten bekannt, die diesen Massenmord als den grauenhaftesten in der ganzen jüdischen Pogromgeschichte erscheinen lassen. In „Odeßkia Nowosti" vom 13. März d. I. berichtet ein Augenzeuge dieses Pogroms folgendes: Unter dem Vorwand, Bolschewiken hätten in der Stadt geschossen, gab der Kosakenhetman Simofenko am 15. Februar d. I. den Befehl, die jüdische Bevölkerung inProskurow abzuschlachten. Er habe —wie er sich selbst ausdrückte — seinen „Burschen" gestattet, sich einige Tage zu unterhalten. Die Schlächterei wurde systematisch vorgenommen. Von Viertel zu Viertel, von Haus zu Haus, gingen die kosakischen Mörder. Die Einwohner ganzer Gassen wurden hingemordet. Die Opfer wurden vor ihrer Ermordung in fürchterlicher Weise gepeinigt. Manche Leichen wiesen 30 bis 40 Stichwunden auf. Beim Hinmorden einer ganzen Familie wurde mit den Kindern begonnen, die in Gegenwart ihrer Eltern schrecklich gemartert wurden. Zum Schluß wurden auch die Eltern ermordet. Viele Körper wurden zerstückelt, die meisten geköpft. Die Fälle von Vergewaltigung und Schändung jüdischer Frauen sind zahllos. Die Schlächterei dauerte fünf Tage. Die Losung der Mörder lautete: „Heilige Ukraine, Tod den Juden!" Berechnungen zufolge beträgt die Zahl der Ermordeten gegen fünftausend Menschen. Die Zahl der Verwundeten läßt sich nicht angeben. (Die Bevölkerungszahl dieser Stadt beträgt zirka 30.000 Seelen, darunter 20.000 Juden.) Die Verwundeten haben in den Spitälern keine Aufnahme gefunden. Die Ermordeten durfte man nicht beerdigen. Den Wagemut einiger Juden, die.ungeachtet des Verbotes es unternommen hatten, eine Gruppe von Leichen zu beerdigen, bezahlten etwa 500 Juden mit ihrem Leben. Die Ermordeten wurden durch die Kosaken in Massengräbern außerhalb der Stadt beigesetzt und die Grabstätten unkenntlich gemacht, so daß man nicht wissen kann, wer beerdigt wurde und wo. - Den Pogrom leitete der genannte Hetman Simosenko selbst. Er begann, wie befohlen, um 2 Uhr nachmittags. Gegen 6 Uhr abends ruhten die Kosaken aus von der ermüdenden „Arbeit". Dann marschierten sie in Reih und Glied unter Musikbegleitung in die Kasernen, um am nächsten Morgen ihr Werk fortzusetzen. Am nächsten Tage begab sich der Bürgermeister Sikora zum Hetman, um die endliche Einstellung des Mordens zu erbitten. Nach vielem Flehen und Handküssen seitens des Bürgermeisters ließ sich der Hetman dazu bewegen, gegen Erlag von 520.000 Rubel in zwei Raten seitens der Juden, di» Schlächterei einzustellen. Der blutrünstige Stadtkommandant Simosenko bekleidet weiterhin sein Amt. Die KosakSn suchen auch weiter die jüdischen Geschäfte auf und mißhandeln deren Inhaber zu Tode. Am 20. Februar d. I. begaben sich die Proskurower Mörder nach Filsztyn, einem Städtchen bei Proskurow, sperrten alle Ausgänge des Ortes ab und veranstalteten eine Hetzjagd auf die jüdische Bevölkerung, die sie bis auf 25 Familien total abschlachteten. Der größte Teil der am Leben Gebliebenen ist verwundet und es gibt dort keinen, der die Verwundeten pflegen und die Toten beerdigen könnte. vom Rabdinate der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mit Rücksicht auf die drückende Notlage der Bevölkerung sieht sich das Rabbinat veranlaßt, auch für die diesjährigen Pessachtage den Genuß von HiUenfrüchten, und zwar Bohnen, Erbsen, Linsen, Mais (Kukuruz) und Reis, zu gestatten. Diese für den Genuß erlaubten Fruchtgattungen müssen jedoch in ihrem Naturzustände, das heißt ungemahlen, verwendet und vor der Zubereitung in kaltem Wasser gewaschen und von Fremdkörpern gereinigt werden. Nachdrücklichst wird auch betont, daß ausschließlich die namentlich bezeichneten Gattungen gebraucht werden dürfen, alle anderen Getreidearten jedoch dem strengsten Chomezverbote unterliegen und daher der Gebrauch von Rollgerste, Haferreis und ähnlichen Mahlprodukten als wirkliches Chomez strengstens untersagt ist. Wien, 8. April 1919. Das Rabbinat. Die Orthodoxie und die Gemeinderatswahlen in Wien. Unter dem bombastischen Titel „Die jüdische Orthodoxie für die jüdisch-nationale Liste" veröffentlicht das Wiener Zionistenorgan einen Bericht über den Verlauf einer Sonntag im Kolosseumsaale stattgefundenen Wählerversammlung für die bevorstehenden Gemeinderatsmahlen, laut welchem 'ein Herr, der sich zur Orthodoxie bekennt, angeblich „im Namen der hinter ihm (?) stehenden Kreise die Erklärung abgab, daß nach ihrer Ueberzeuguug lediglich die Jüdisch-nationale Partei wirklich die jüdischen Interessen wahrzunehmen wisse, so daß die jüdisch-orthodoxen Kreise beschlossen haben, für die nationale Liste einzutreten". Angesichts der zionistischerseits beliebten Irreführungen der öffentlichen Meinung darf man derartigen Nachrichten mit großer Skepsis gegenüberstehen. Es ist fraglich, ob die zitierte Erklärung tatsächlich so gelautet hat. Sollte dies aber wider Erwarten der Fall gewesen sein, so mag festgestellt werden, daß der erwähnte Herr weder ermächtigt, noch berechtigt war, im Namen der Orthodoxie eine derartige oder eine ähnliche Erklärung abzugeben. Es kann sich höchstens um die Aeußerung eines Einzelnen handeln, hinter dem niemand steht. Die Freude des Zionistenblattes ob des großen Erfolges, der seiner Partei in den Schoß gefallen ist, ist daher eine sehr voreilige.... Israelitischer Tempel- und Schulverein. Wien, VI., Stumpergasse 42. Sonntag, den 6. d. M., vormittags, fand die 22. ordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt. Präsident Herr M. Felfenburg begrüßre die in großer Zahl erschienenen Mitglieder, besonders die Delegierten der Tempelvereine für den V. und VIII. Bezirk, Präsident Hoffman und Vorstandsmitglied Weiß, widmete den im Laufe der letzten Jahre verstorbenen Mitgliedern des Vereines einen warmen Nachruf und erstattete hierauf den Tätigkeitsbericht für die Zeit seit der letzten Generalversammlung. Die Kriegsverhältnisse brachten es mit sich, daß seit 1914 keine Generalversammlung abgehalten werden konnte. Dem Vorstande sind im Laufe dieser Zeit neue Aufgaben erwachsen, darunter die Fürsorge für die zahlreichen Flüchtlinge ans Galizien, welchen ein Bethaus und eine Talmud- Thoraschule zur Verfügung gestellt wurde. Der Verein hat während der Zeit eine erfreuliche Entwicklung genommen. Die Jahreseinnahmen haben sich mehr als verdoppelt, aber auch die Ausgaben. Den Beamten und Funktionären wurden entsprechende Gehaltserhöhungen und Teuerungszulagen gewährt. Der Präsident hebt auch die segensreiche Tätigkeit des Rabbiners Flesch hervor, erwähnt die Weltkonferenz der Orthodoxie in Zürich, an welcher das Vorstandsmitglied Herr Eduard Deutsch teilnahm, die Gründung der Organisation „Admos Kodesch" für die Besiedlung Palästinas durch glaubenstreue Juden, die Mazzothaktion, hinsichtlich welcher sich Herr Deutsch große Verdienste erworben hat und schloß mit dem Wunsche nach einer baldigen Wiederkehr der friedlichen Verhältnisse. Präsident Hoffman überbrachte die Grüße des Tempelvereines für den V. Bezirk und hob die Verdienste des Herrn Felsenburg hervor. In der über den Tätigkeit- und Kasfabericht sich entwickelnden Diskussion ergriffen die Herren Saar, Müller, Viertel, Deutsch, Böhmes, Weiß usw das Wort, wonach der Bericht zur Kenntnis genommen wurde. Im Namen der Revisionskommission beantragte Herr 21 Ritterman, dem Vorstande das Absolutorium zu erteilen, was einstimmig geschah. Nach der Festsetzung des Jahresbeitrages in der bisherigen Höhe wurde zur Neuwahl des Gesamtvorstandes geschritten. Das Skrutinium führten die Herren Sigmund Neuman, Goldstein und D. Neuman. Es wurden gewählt die Herren M. Felsenburg, Eduard Deutsch, L. Fischer, M. Baltaxe, M. Bennau, Leopold Fürst, H. Münzer, E. M. Weiß, Samuel Zeisler. Als Revisoren Alexander Ritterman und Natan Pollak. Bethausoerein „Machsike-Ladaß". I.» Lazzenhof. Sonntag, den 6. d. M., nachmittags, fand die Generalversammlung dieses Vereines statt. Präsident Herr Bernhard Hofbauer begrüßte die Versammelten, erstattete den Tätigkeitsbericht und machte die Mitteilung, daß er zugunsten des Vereines X 10.000'— österreichische Rente spendet, was mit überaus lebhaftem Beifall begrüßt wurde. Nachdem der Bericht zur Kenntnis genommen wurde, schritt die Versammlung zur Neuwahl des Vorstandes. Es wurden gewählt die Herren Bernhard Hofbauer, Präsident, Kommerzialrat B. Jonas. Wilhelm Neuman, Michael Frommer, Wolf Broder, Mendel Bänder, Adolf Rosenthal, Sig. Fanto, Natan Weiß, Salomon Lind, Sekretär. Rundschau. (Mazzothversorgung ISIS.) Seitens des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien wird bekanntgegeben, daß auf Grund der Vollzugsanweisung der niederösterreichischen Landesregierung vom 30. März 1919, Z. W-l-258/34, und mit Rücksicht auf die große Zahl der Anmeldungen einerseits, auf das geringe zur Verfügung stehende Quantum an Mazzoth anderseits, nur ein halbes Kilogramm pro Kopf für die ganzen acht Tage ausgegeben werden kann. Dagegen bleibt der Mehlbezug aufrecht. Der Höchstpreis beträgt im Sinne der amtlichen Verfügung K 6 25 für das halbe Kilogramm. (Rumänische Erpressungstaktik.) Das Jüdische Preßbüro in Stockholm meldet: „?euple Juif" veröffentlichte einen Brief aus Bukarest, in dem die jüdische Lage in Rumänien geschildert wird. Im Briese wird u. a. berichtet, daß die rumänische Regierung die jüdischen Führer mit allen Mitteln des Terrors dazu zu zwingen sucht, sich gegen eine Einmengung der Friedenskonferenz in die rumänische Judenfrage zu erklären. „Herr Bratianu, der seit 1916 im 2luslande hat erklären lassen", heißt es im Brief, „daß unsere Frage die weitgehendste Lösung erfahren werde, Herr Bratianu, der Honig aus den Lippen hat, wenn er von uns zum Auslande spricht, ist nur Galle, wenn es gilt, das auszuführen, wozu er sich verpflichtet hat. Unsere Stellung hat sich nicht nur nicht verbessert, sondern niemals war der Druck so groß und so grausam, wie gegenwärtig. Unsere Vertreter hatten mit Herrn Bratianu eine Unterredung, der uns wissen ließ oder zu verstehen gab, daß, wenn die alliierten Mächte ihm zufällig eine Lösung der Judenfrage aufdrängen sollten, dieselbe toter Buchstabebleibenwürde.Diewillkürlichen Verhaftungen,die Strafen — bis zur Todesstrafe (und das ist keine Uebertreibung) — sind an der Tagesordnung. Was will Herr Bratianu? Er hat es verschiedene Male erklärt: er verlangt ganz einfach eine Erklärung unserer autorisierten Vertreter an die diplomatischen Vertreter der 2llliierten, in der mir unseren Willen zum Ausdruck bringen sollen, eine Lösung der jüdischen Frage nur im Lande und von dem Lande zu erhalten und unsere Ablehnung einer Intervention von seiten der Friedenskonferenz. Selbstverständlich haben wir uns diesem Ansninen entschieden midersetzt. Um uns zu strafen und uns einzuschüchtern und zu demoralisieren, organisiert man Massaker, Mißhandlungen uiib Demütigungen — eine wahre Inquisition". (Staatliche Regelnng des jüdischen Gemeinwesens in Griechenland.) Die „Agence d'Athenes“ meldet, daß im griechischen „Ivurrmt officiel“ vom 8. Februar ein Gesetz veröffentlicht wurde, demzufolge jede Gemeinde, die von 50 jüdi-