Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 13-14 (10.4.1919)
- Date
- 1919-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische Korrespondenz. Nr/ 13/14 doxie so angefeindet werden. In überaus entschiedener und wirkungsvoller Weise trat der Referent diesen Ausführungen entgegen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade die.Zionisten sind es, welche bei jeder Gelegenheit die Orthodoxie anfeinden und anrempeln. Es ist gewissermaßen die „Lsivas amliaarez le-talmid-chacham“, die zionistischerseits den glaubenstreuen Juden entgegengebracht wird, deswegen kann auch von einem Zusammenarbeiten keine Rede sein. Redner begründet seine Behauptungen mit verschiedenen Fakten, die geradezu Aufsehen erregen. Diese Ausführungen werden vom Vorsitzenden auf Grund eigener Erfahrungen ergänzt, und auch der nächste Redner, Herr Dr. Rosenstein, weiß darüber vieles zu erzählen. So berichtet der Redner von einer letzten Sonntag im 9. Bezirk stattgefundenen zionistischen Wählerversammlung, bei welcher der zionistische Listenführer, Dr. Pollak „von Parnau" sich als Bibelkritiker entpuppte und auf Grund seiner „Gelehrsamkeit" (sic!) den Beweis zu erbringen suchte, daß die Bibel erst von Esra verfaßt worden ist, daß das „alte Judentum" nichts von den religiösen Vorschriften, Geboten und Verboten, wie Sabbat, Speisegesetze usw. wußte und bloß ein rein nationales (?) Dasein führte und dergleichen Unsinn. Kann man mit Leuten zu-' sammenarbeiten, die sich derartige Dinge erlauben? Redner zählt zur Illustration noch mehrere solche Fakten auf, die geradezu von einer Verhöhnung der Religion seitens der zionistischen Wortführer sprechen. Deswegen kann von einem Anschluß keine Rede sein. Herr Isidor Frommer beantragt, den Delegierten zur Züricher Konferenz, dem Referenten und Herrn Eduard Deutsch für ihre Mühe und Arbeit den Dank der Versammlung auszusprechen. Der Antrag wird unter lautem Beifall angenommen. , Es spricht noch Oberleutnant Grzyb, der sich als glaubenstreuer Jude vorstellt, aber im Laufe der Rede als zionistischer Agitator auftritt, welcher in gewohnter Weise für die Nationalisten Propaganda 'machen und sogar Wahlagitation berreiben wollte. Trotz der Unzufriedenheit der Versammlu.ng, ließ der Vorsitzende den Redner gewähren — aber dieser Seelenfängerei-Versuch wurde seitens des Referenten in seinem Schlußwort entschieden zurückgewiesen. Die Orthodoxie läßt gerne -jeden zu Worte kommen — aber mit der Redefreiheit darf kein Mißbrauch getrieben werden. Die Herren Zionisten sollten es sich einmal abgewöhnen, bei allen Versammlungen zu erscheinen und unter Abweichung von der Tagesordnung Wahlagitation zu betreiben. Die Gemeinderatswahlen haben mit unserer heutigen Versammlung nichts zu tun. Herr Rabbiner Pollak und der Referent appellierten schließlich an die Versammlung, an den Aktionen der Orthodoxie mitzuwirken, worauf der Vorsitzende Herr Hofbauer dieselbe als geschlossen Die Versammlung brachte einen großen Erfolg. Ueber hundert neue Mitglieder sind dem Vereine zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums beigetreten. Die Sonntagsruhe im Landelsgewerbe. Die gesetzliche Einführung der Sonntagsruhe im Handelsgcwerbe legte den glaubenstreuen Juden sehr schwere Opfer auf. Da sie ohnehin am Samstag ihre Geschäfte geschlossen hielten, mußten sie Wöchentlich zwei Ruhetage feiern und man kann sich leicht vorstellcn, was dies für einen Geschäftsmann bedeutet, noch dazu in einer Stadt wie Wien, wo die Konkurrenz so groß war und wo der Handelsstand im allgemeinen einen schweren Kampf ums Dasein zu führen hatte. Es konnte natürlich den jüdischen Kaufleuten nicht einfallen, ihren Angestellten das Recht auf einen vollen Ruhetag in der Woche zu kürzen — aber dieses Recht hatten sie ohnehin; in den Wintermonaten, wo das Geschäft schon Freitag in den ersten Nachmittagsstunden gesperrt zu werden pflegte, in noch größerem Ausmaße als ihre anderen Kollegen. Die Forderung, diese ganz speziellen Zustände zu berücksichtigen, konnte sich bisher nicht durchsetzen und die Folge davon war, daß die glaubenstreuen Kaufleute entweder materiell viel zu leiden hatten, oder der Versuchung ausgesetzt wurden, ob ihrer materiellen Interessen die religiösen Vorschriften zu verletzen und den Samstag dem Sonntag zu opfern. Nunmehr ist Aussicht vorhanden, diesbezüglich Wandel zum Besseren zu schaffen. Ueber Antrag des Präsidenten des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", Herrn B. Hofbauer, hat das Gremium der Kaufleutc beschlossen, den maßgebenden Stellen den Vorschlag zu unterbreiten, daß es den einzelnen Kaufleuten gestattet sein sollte, die 48 (respektive 54 nach Aufhebung der Lichtsparmaßnahmen) Arbeitsstunden wöchentlich im Handelsgewerbe nach den eigenen Bedürfnissen — im Einverständnisse mit dem Personal — einzuteilen, so daß jeder Kaufmann die Möglichkeit haben wird, die bestimmte Zahl Arbeitsstunden wöchentlich voll und ganz zur Verfügung haben zu können. Es ist zu erwarten, daß die maßgebenden Stellen diese Anschauung des Handelsgremiums, für welche auch viele andere Momente sprechen, sich zu eigen machen werden. Dann wird der glaubenstreue Kaufmann, der am Samstag sein Geschäft gesperrt hält, die Möglichkeit erhalten, die Arbeitsstunden so einzuteilen, um hierbei nicht zu kurz zu kommen und von dem Dilemma: zwei Ruhetage wöchentlich oder Verletzung des Sabbat, befreit zu sein. „Adabei" Robert Stricker. , Don D e r i t a s. Kuckuriku, ich bin auch zur Hochzeit du! lOstjüdisches Sprüchlein.) Wer die Politik unserer Nationalisten aufmerksam verfolgt, dem war es immer klar, daß diese Herren und Herrchen, die sonst so den Mund voll nehmen und in ihrer Demagogie der.Wählerschaft alles mögliche und unmögliche zu versprechen belieben, in der Regel dieselben Fehler wie ihre Vorgänger begehen, kaum ist es ihnen gelungen, die so heiß ersehnten und angestrebten Mandate zu erlangen. Auch Herr Stricker, der jüngste jüdische Abgeordnete, macht es nicht besser als seine Vorgänger, die er so scharf und rücksichtslos bekämpfte. Im Gegenteil, bis zu einem gewissen Grade übertrifft .er dieselben noch um ein beträchtliches, da er ja mit einem ganz anderen Programme vor die Wählerschaft getreten war und demgemäß auch ganz andere Pflichten haben sollte. Das schärfste und zugkräftigste Argument, mit welchem die Herren operierten und das sie besonders gelegentlich der jüngsten Wahlen zur Deutschösterreichischen Nationalversammlung ins Treffen führten, war, daß die bisherigen asfimilatorifchen Abgeordneten sich in erster Linie darauf verlegten, große Politik zu machen, in allen Dingen dreinredeten, gar oft zum Aerger der Nichtjuden, die darin eine Anmaßung erblickten, ohne ihrer Pflichten als jüdische Repräsentanten eingedenk zu sein und sich darnach zu richten. Ganz besonders fcharf wurde gelegentlich der letzten Wahlkampagne dem gewesenen Abgeordneten Dr. Ofner zugesetzt, ob seines Eintretens für die Eherechtsreform, das im christlichsozialen Lager großen Aerger hervorgerufen hat und zu einer Judenhetze Anlaß gab. Man kann sagen, der derart mit großer Rücksichtslosigkeit geführte Kampf gegen Dr. Ofner hat Herrn Stricker am meisten zur Erringung des Mandats verholfen, da ein wesentlicher Teil der jüdischen Wählerschaft die Berechtigung des Anwurfes anerkannt hatte. Man sollte nun glauben, daß Abgeordneter Stricker zumindest in den Honigwochen 'seiner parlamentarischen „Tätigkeit" sich veranlaßt sehen werde, im Sinne seines Programmes zu wirken und sich davor zu hüten, die Fehler seines Vorgängers nachzuahmen. Wer sich dieser Erwartung hingab, befand sich aber in einem großen Irrtum. Abgeordneter Stricker, der ja als „ausgesprochen jüdischer Kandidat" gewählt wurde und dem aus diesem Titel ganz besondere Pflichten erwachsen, scheint seines Programmes ganz vergessen zu haben. Bis heute ließ er darüber kein Wort fallen, er sprach weder von dem ungerechten Staatsbürgerrechte, noch von der antisemitischen Hetze, noch von den Flüchtlingen und all den schönen und minderschönen Dingen, die das Bukett seines Programmes bildeten, sondern er beeilte sich, das Steckenpferd der „hohen Politik" zu besteigen und darauf lustig loszureiten, derart, daß ihn die Kuranda und die Ofner usw. wahrlich beneiden könnten. Die ersten Redesporne holte er sich bei der Behandlung der Anschlußftage. Da brillierte er mit seinen Volksversammlungsphrasen, zum Gaudium der christlichsozialen Bauern aus der Steiermark, die ebenso wie die bekannten Schwerindustriellen Gegner des Anschlusses sind. Man kann natürlich hinsichtlich der Anschlußftage verschiedener Meinung sein und sicherlich haben die Juden als Bürger das Recht, hiezu entsprechende Stellung zu nehmen. Aber der „ausgesprochen jüdische Vertreter", der „Ben-Jachid" in der Nationalversammlung, darf die Frage nicht vom Standpunkt der Schwerindustrie vertreten, mag er selbst dem Herrn Pollak von Parnau noch so gut gesinnt sein, dies um so weniger, als er sich in der Einleitung seiner Jungfernrede als spezieller Vertreter der jüdischen Nation deklarierte und ausdrücklich betonte, er wolle als solcher den Deutschen ihre Handlungsweise nicht vorschreiben. Aber Herrn Stricker handelte cs sich scheinbar in erster Linie darum, den Beweis zu erbringen, er verstehe gar manches von Politik, so im Sinne des bekannten ,,i' 6P wer!" Mit dem Triumph, den Stricker bei seinem ersten Auftreten im Lager der steirischen Bauern erreichte, nicht ganz zuftieden, verlegte er sich nun darauf, auch die Gegenseite für sich zu „gewinnen". Gelegentlich der Vorlage hinsichtlich Abschaffung des Adels und der Orden usw. ergriff Stricker wieder das Wort. Diesmal ritt er das radikale Steckenpferd. Die Ausführungen, des Referenten gegen den Adel waren Stricker — „zu zahm" und als „'ausgesprochen jüdischer Vertreter" — wie denn? — fah er sich veranlaßt, den ehemaligen Machthabern in Staat und Gesellschaft den Eselstritt zu versetzen . . . Die linken Parteien hatten diesmal ihre Freude daran, dagegen lösten seine Ausführungen auf der rechten Seite des Hauses eine wüste Judenhetze aus. Stricker hatte also eine regelrechte Judendebatte provoziert, nur fand er es später für richtig, sich in den Hintergrund zu halten und der Sozialistin Adelheid Popp die Verteidigung der Juden zu überlassen. Wir Juden kennen und anerkennen nur einen Geistesadel. Unsere Geschichte weiß nichts von Titeln und Orden und es könntekeinem Juden einfallen, sich ob der Abschaffung des Adels und der Orden zu echauffieren. Wir hatten übrigens ob der Ehrgeizigen und Eitlen unter uns, die uni Titel und Orden buhlten und hiebei gar manchmal gegen die Interessen des Judentums und der Judenheit handelten, viel zu leiden und von unserem Standpunkt können wir die Maßnahme nur begrüßen.- Man hätte es verstehen können, hätte Stricker eben diesen Gesichtspunkt zum Ausdruck gebracht. Aber der Ehrgeiz dieses „Adabei" geht viel höher. Er will große Politik machen, im Sinne des bekannten ostjüdischen Sprüchleins: „Kukuriku! ich bin auch zur Hochzeit du!" Er will mit seiner großen Politik brillieren und kümmert sich einen großen Pfifferling darum, ob dies seinem Programm entspricht und seinen Wählern recht und zuträglich fein kann. Die Herren Nationalisten waren übrigens nie Kostverächter. Sie haben stets mit großer Freude jeden kaiserlichen Rat in ihr Lager ausgenommen und ihm alle möglichen Ehrenstellen zugewiesen, mochten seine Verdienste und Fähigkeiten noch so minimal sein. Bekannt ist die geradezu komische Rolle, die der Vizepräsident der Organisation, der „k. k. Reichsratsrevifor" gespielt hat, der es bei keiner Gelegenheit unterlassen wollte, das k. k. seinem Namen vorzusetzen, wahrscheinlich um den Plebs zu imponieren. Auch der „Führer" des jüdischen Nationalrates dürfte diese Stellung in erster Linie seinem „von" zu verdanken haben. Herr Stricker hat demnach gar keine Veranlassung, sich heute so wild zu gebärden. Wie dem immer fein mag, er sollte sich im Interesse der Juden an die Maxime halten: „Schuster bleibe bei deinen Leisten!" Die hohe Politik „mitzumachen", bei jeder Gelegenheit sich vorzudrängen, das haben auch die Vorgänger des Abgeordneten Stricker verstanden, und zwar mit mehr Erfolg, denn sie verfügten über die nötigen Voraussetzungen und Fachkenntnisse, sie ' erstellten sich auch allgemeiner Achtung und hatten es nicht nötig, mit ein paar Witze zu brillieren. Von einem „ausgesprochen jüdischen Vertreter" wollen wir nur jüdische Politik gemacht sehen, sonst'müßte man sich die Frage vorlegen: „ma hauili chachamim be-tikantom?“ Man hätte dann