Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 12 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 sich gewissenhaft prüfen, ob sie nicht selber mitgefährdet oder gar schon Glieder jener gefährdenden Reihe sind, die mit den Trotzkys abschließt. Sich prüfen und sich sozusagen abhärten, — namentlich auch der Versuchung widerstehen, einen Zusammenhang zwischen Zeitschlagworten und der Berufung und Aufgabe des jüdischen Volkes zu finden. Denn der Geist, der aus der Lehre Mosis, aus den gewaltigen Weissagungen unserer Propheten, aus dem liebe- und ftiededurchtränkten Wirken und Schaffen unserer Weisen zu uns herüberweht, der im Leben unseres Volkes bis aus den heutigen Tag in mächtigen wirklichen Ansätzen auf die ganze Wirklichkeit hinzielt, der in der sicheren messianischen Erwartung seinen höchsten Ausdruck findet, der — ich gestehe es gerne zu — selbst jenen Tramplern oft zum Antrieb dient —, hat nicht mit dem Geiste zu tun, der deren Methoden ersinnt und anwendet. Der Jude, der die Klaffen, die Staaten, die Völker, die Menschen vergewaltigen zu müssen glaubt, damit sie dadurch erlöst werden, hat auch nicht das geringste Recht, sich aus das Judentum zu berufen. Er hat seine Weisheit aus der Fremde her, von dort, wo ein wildes, atavistisches Heidentum immer wieder gegen die ihm eingeflößten jüdischen Ideen rebelliert. Mit diesem zusammen wird er auch Bankerott machen. Die £age der Juden in der tschechoslowakischen Republik. Auf der Tagung der jüdischen Volksräte Mährens, welche am 23. März in Brünn stattfand, erstattete der Präsident des jüdischen Nationalrates in Prag, Dr. Ludwig Singer, das politische Referat. Er führte unter anderem aus: Unsere augenblickliche Situation hier ist gekennzeichnet durch einen Antisemitismus, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Die Regierung denkt wohl nicht so wie das Volk, doch läßt sie sich bedauerlicherweise von der Volksstimme leiten; und in noch höherem Maße ist dies bei den untergeordneten Behörden der Fall. Der wirtschaftliche Boykott nimmt bedrohliche Folgen an und es ist notwendig, durch straffe Organisation und zielbewußte Arbeit dagegen anzukämpfen. Unsere Delegierten in der Schweiz und in Paris sind genau informiert und arbeiten für unsere wirtschaftlichen Rechte. Unsere systematische Arbeit sowie die Erkenntnis, daß jene Parteien, welche den Antisemitismus zur Ablenkung des Volkes von ihren eigenen Sünden brauchen, im Rückgänge sind,- lassen uns hoffen, daß die uns feindliche Sttömung nicht allzulange dauern wird und daß uns in unserer Republik eine fteundlichere Zukunft beschieden ist. Dr. Singer und Professor Dr. Engel berichteten im Anschlüsse daran über die Audienz des jüdischen Nationalrates beim Präsidenten Masaryk. Das Gespräch wurde in denkbar fteundschaftlichster Form geführt. Präsident Masaryk wurde auf alle Beschwerdepunkte und Mißstände, über welche die Juden in der Republik Klage führen, aufmerksam gemacht. Masaryk versprach in allen angeführten Punkten, so in der Frage der antisemitischen Agitation, der wirtschaftlichen Boykottbewegung und in der Flüchtlingsfrage, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß Remedur geschaffen werde. Insbesondere sprach Präsident Masaryk seinen lebhaften Unwillen über die Hetzpresse aus. Der erste jüdische Jugendfürsorge- und Lrzjchungstag. Dem Sisyphus — so wird erzählt — war auferlegt, einen schweren Stein auf einen Berg hinaufzuwälzen, von dem aber derselbe immer wieder herabrollte, so daß die Arbeit nie zum Ziele gebracht wurde. In ähnlicher Lage befindet sich in der Jetztzeit an der allgemeinen Volks- und Bürgerschule der israelitische Religionslehrer, dem die Aufgabe zugewiesen ist, die ihm anvertraute Jugend für das Judentum zu erziehen, welcher aber feines Wirkens nicht ftoh werden kann, weil es ihm versagt ist, seine Bemühungen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Was ist die Ursache, daß es selbst dem tüchtigsten und eifrigsten Religionslehrer nicht vergönnt ist, sich erzielter Erfolge zu erfteuen? Einer der wichtigsten pädagogischen Grundsätze lautet: „Die einzelnen Lehrgegenstände dürfen nicht ohne Beziehung zueinander auftteten, sondern alle sind als ein einheitlicher Bildungsstoff zu betrachten und müssen daher auch in wechselseitiger Beziehung zueinander behandelt werden." Im Gegensatz zu dieser Forderung nimmt der israelitische Religionsunterricht an der allgemeinen Volks- und Bürgerschule eine isolierte Stellung ein und wird durch keinen der übrigen Gegenstände gefördert. Oder befestigt vielleicht — um nur einiges zu sagen — der Geschichtsunterricht die religiösen Anschauungen des jüdischen Kindes? Stärkt etwa die Pflege des Kirchenliedes in den Gesangsstunden die Anhänglichkeit an den jüdischen Glauben? Unter solchen Verhältnissen könnten also die Worte des israelitischen Religionslehrers im Herzen seiner Zöglinge nicht Wurzel fassen; eine erfolgreiche Erziehung im jüdischen Geiste ist ausgeschlossen und die Folgen dieser bedauernswerten Tatsache machen sich immer, mehr fühlbar. Durch Jahrzehnte beliebte es uns, eine Vogel-Strauß-Politik zu spielen; in den letzten Jahren glaubten wir genug getan zu haben, wenn wir in verschiedenen Tagungen den geistigen Niedergang unseres Volkes erwähnten; erst der Jüdische Jugendfürsorge- und Erziehungstag, der am 23. und 24. März in Wien stattgefunden, hat nicht nur auf die trostlosen Zustände, welche auf dem Gebiete der religiösen Erziehung unserer Jugend herrschen, hingewiesen, sondern auch einmütig der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß nur die Errichtung jüdischer Schulen imstande sei, uns vor dem gänzlichen Zusammenbruch zu bewahren. Im Altertum gaben Vornehme ihren Gästen Geschenke mit auf den Weg; den Teilnehmern an dem ersten Jugendfürsorge- und Erziehungstag wurde zum Schluffe von berufener Seite die Zusicherung zuteil, daß in Wien die Errichtung jüdischer Schulen erfolgen werde. Chasak we-e-moz! Wir hoffen, daß schon im nächsten Schuljahr nach dem Beispiel von Budapest nicht nur jüdische Knaben-, sondern auch Mädchenschulen unsere Kinder erziehen werden zum Heile unserer Jugend und zur Ehre des jüdischen Volkes. Adolf Fried. (Es müßte nur darauf Bedacht genommen werden, daß diese Schulen wirklich jüdisch und nicht etwa ein Surrogat rein nationalistischer Färbung bilden sollten. Die Red.) Die Mazzothversorgimg. (Vollzugsanweisung der niederösterreichischen Landesregierung vom 30. März 1919, Z. W/1—258/34, betreffend die Abgabe von ungesäuertem Brot (Mazzoth) während der israelitischen Osterfeiertage des Jahres 1919.) Auf Grund des § 19 der Verordnung vom 26. Mai 1917, R.-G.-Bl. Nr. 235, wird angeordnet: 8 1. Beim Verkaufe von ungesäuertem Brot (Mazzoth) im Kleinhandel, das ist bei der unmittelbaren Abgabe an den Verbraucher, darf bis auf ausdrücklichen Widerruf der Preis von 12 Kronen 50 Heller pro Kilogramm nicht überschritten werden. 8" 2. Mazzoth und Mäzzothprodukte (Grieß) dürfen höchstens in der Gewichtsmenge von % Kilogramm pro Kops abgegeben werden. Jenen Personen, die Mazzoth beziehen, ist für die 210. Woche (13. bis 19. April 1919) der Bezug der normalen Brotration (1260 Gramm) oder, falls sie statt Brot Mehl beziehen, der Bezug der der Ärotratton entsprechenden Mehlmenge (900 Gramm) einzustellen. Zu diesem Zweck ist in Wien und in jenen Gemeinden, in denen Ausweiskarten nach Artikel I der Statthaltereiverordnung vom 18. September 1918, L.-G. u. V.-Bl. Nr. 187, ausgegeben werden, bei der Abgabe von Mazzoth der Bezug desselben auf der Brotbezugskarte ersichtlich zu machen, beziehungsweise der entsprechende, auf Störbrotmehl lautende Abschnitt der Störbrotmehlkarte abzuttennen; in den übrigen Gemeinden darf die Abgabe von Mazzoth nur gegen Abtrennung von 18 auf Brot lautenden Abschnitten der Ausweiskarten über den Verbrauch von Brot und Mehl, beziehungsweise von 18 auf Mehl lautenden Abschnitten der Ausweiskarten über den Verbrauch von Mehl erfolgen. 8 3. Die Abgabe von Mazzoth im Kleinhandel darf nicht vor dem 7. April 1919 erfolgen. 8 4. Uebertretuugen dieser Verordnung werden, insoweit nicht die strafgerichtliche Verfolgung eintritt, von der politischen Bezirksbehörde mit einer Geldstrafe bis zu 2000 Kronen oder mit Arrest bis zu drei Monaten, bei erschwerenden Umständen aber mit einer Geldstrafe bis zu 5000 Kronen oder mit Arrest bis zu sechs Monaten bestraft. Bei einer Verurteilung kann auch auf den Verlust einer Gewerbeberechtigung erkannt werden. Der Judenpogrom in Buenos Aires. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet: Ueber den Judenpogrom in Buenos Aires, über den wir seinerzeit berichteten, liegen uns weitere Nachrichten vor. Aus London erhalten wir folgende telegraphische Meldung: Der Poale-Zion-Führer Regalsty, der gegenwärtig auf einer Agitationsreise in Argentinien begriffen ist, beschreibt im New Iorker „Jüdischen Kämpfer" die staltaehabten judenfeinvlichen Exzesse und sagt, daß die Pogromszenen an den Kischinewer Pogrom erinnerten. Die Exzesse dauerten drei Tage lang. In der amerikanischen Presse lesen wir mehrere Telegramme aus Buenos Aires. In einem Telegramm vom 23. Jänner heißt eS' Eine judenfeindliche Hetze wird in mehreren südamerikaniichen Städten betrieben. In Buenos Aires wurden Plakate angeschlagen, die die Aufschrift „Nieder mtt den Juden!" trugen. Der Zionistische Berein beantwortete diese Aufrufe mit einem an de» Wänden angeschlagenen Aufruf an die Bevölkerung „im Namen der 150.000 Juden" des Landes. In dem Aufruf ivird festgestellt, daß die Juden seit den letzten Ereignissen (Generalstreik) von der „weißen Garde" verfolgt werden und wird an das Bolk von Argentinien und an die ausländischen Einwohner um „Gerechtigkeit gegen diese ungerechten Verfolgungen appelliert". Tags darauf war dieser Aufruf mit einem anderen typographnch ähnlichen bedeckt, der die russischen Juden für dce jüngsten Unruhen und ebenso für den „anarchistischen Aufstand" von 1910 verantwortlich macht und die Regierung auffordert, „die Nation von der jüdischen Pest zu befreien". Eine judenfeindliche Bewegung ist auch in Montevideo im Gange, und Nachrichten aus Chile berichten gleichfalls über judenfeindliche Hetzen, j Ein Buenos Aireser Preß-Telegramm vom 25. Jänner Mehrere jüdische PersSnlichkeiren besuchten heute den Prändenten (der Republik) Jrigoyen und protestierten gegen die Mißhandlung der Juden. Der Oberrabbiner ,agte m seiner Ansprache an den Präsidenten: „Während der jüngsten Unruheit waren die Juden Opfer ungerechter Grausamkeiten und unverzeihlicher Verfolgungen. Unter dem Verdacht, daß einige Russen sich unter den Agitatoren befinden, wurde die ganze indische Bevölkerung ohne Unterschied deS Alters und des Geschlechtes verfolgt und mißhandelt, ohne daß die mindeste Rücksicht auf Frauen, Kinder und Greise genommen worden wäre, wodurch eine feindliche Atmosphäre gegen die ganze jüdische Bevölkerung der Republik zurückgelasien wurde, in der wir neuen Angriffen und Repressalien in jedem Augenblicke und unter ledem Vorwände ausgesetzt lind." Der Rabbiner verlangte die Bestrafung der Schuldigen und appellierte um Gerechtigkeit „für einen wichtigen Teil der Bevölkerung, der friedlich und arbeitsam ist und der immer zu dem moralischen und ökonomischen Fortschritt des Landes beigetragen hat". Er verlangte, daß spezielle Maßnahmen zum Schutze der Juden' in den Provinzen, aus denen über Verfolgungen berichtet wird, getroffen werden sollen. Das wurde vom Präsidenten versprochen. In den letzten zwei Tagen befaßte sich die Deputiertenkammer auf ihren Sitzungen mit den jüngsten judenfeindlichen Ausschreitungen und verlangte von der Regierung eine Erklärung über die Vorfälle und über die Zahl der Opfer sowie warum die Sache mit so viel Geheimnistuerei umgeben wird. Ferner meldet uns < 20. Februar: Eine Kommission der argentinischen Juden besuchte den Prändenten und überreichte ihm eine Denkschrift, in der die, judenfeindlichen Exzeffe geschildert werden. Die Kommission verlangte Maßnahmen zur Verhinderung einer Wiederholung der Exzesse. Die Konferenz dauerte zwei Stunden. Der Präsident versprach, die Schuldigen der Strafe zuzuführen. Die argentinischen Juden richteten auch eine ausführliche Dentichrift an das Parlament. l Londoner Telegramm vom zuführt. Er stellte den Antrag, eine spezielle Kommission zur Untersuchung der Vorfälle einzusetzen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Die sozialistischen Mitglieder verlangten ferner, daß die jüdische Denkschrift dem offiziellen Parlamentsprotokoll einverleibt werden soll; dieser Antrag wurde angenommen. Die Juden haben ein Komitee zur Verteidigung ihrer Interessen eingesetzt. Das Komitee hat auch den Auftrag, eme Hilfsaktion zugunsten der vom Pogrom Betroffenen durchzuführen. Der Juden Argentiniens hat sich eine Stimmung der Berzwetflung bemächtigt. Biele bereiten sich zur Auswanderung vor.