Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 12 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 12 die sich Heuer der Mazzothbeschaffung entgegenstellen und die großen Bemühungen, die der Vorstand der Schiffschul aufgewendet habe, um derselben Herr zu werden. Nachdem alle Versuche, das nötige Getreide, resp. Mehl aus Ungarn hereinzubekommen, infolge der gegenwärtigen Verhältnisse sich als vergeblich erwiesen haben, wandte sich der Vorstand an Bekannte und Freunde in der Schweiz, die nach vielfacher Mühe die Ausfuhrbewilligung erwirkten. Ganz besondere Verdienste haben sich hiebei die Herren Julius Leitner und Oskar Grün in Zürich erworben. Ursprünglich wurden 25 Waggons bewilligt, später jedoch auf bloß 10 reduziert. Im letzten Moment stellten sich neue Schwierigkeiten ein und es mußte wieder interveniert werden, um die Sache in Ordnung zu bringen. Hiebei hat sich auch der zufällig in der Schweiz weilende Oberrabbiner Dr. Chajes verdient gemacht. Redner beantragt, den Herren Leitner und Grün, sowie dem Züricher Rabbiner Kornfein, der das Kaschrut der Mühle besorgte und die Aufsicht bei der Vermahlung führte, den Dank auszusprechen. In der sich hierauf entwickelnden Diskussion beteiligten sich die Herren Hofbauer, Deutsch, Stern, Pappenheim, Dr. Reiniger u. a., wonach der Bericht des Referenten zur Kenntnis uud die Anträge desselben angenommen wurden. Ueber Antrag des Herrn Fleischmann wurde dem Vorstand der Schiffschul für seine Mühewaltung in der Mazzothangelegenheit der Dank ausgesprochen. Hierauf erstattet Herr Pappenheim einen eingehenden Bericht über den Verlauf und die Beschlüsse der orthodoxen Konferenz in Zürich. Nach einer lebhaften Diskussion wurde der Bericht mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen und beschlossen, im Sinne der Züricher Leitsätze tätig zu sein. Nachdem noch Organisationsfragen besprochen wurden, ist ein Komitee gewählt worden, dessen Aufgabe es sein soll, hinsichtlich aller das jüdische Leben berührender Fragen gemeinsam vorzugehen und eine einheitliche Organisation zu schaffen. Zionistischer Parteitag in Deutschösterreich. Sonntag fand hier ein außerordentlicher Parteitag der Zionisten in Deutschösterreich statt. Die Beratungen drehten sich hauptsächlich um die Frage, ob die zionistische Organisation auch die Führung der sogenannten Landespolitik innehaben, oder ob dieselbe fernerhin durch den „Nationalverein" geführt werden sollte. Die Diskussion war stellenweise sehr lebhaft und die bisherige Leitung des Nationalvereines wurde heftig angegriffen. Es wurde derselben vorgeworfen, vornehmlich eine Mandatspolitik betrieben und sich Erfolge zugeschrieben zu haben, deren Wert höchst problematisch sei. Es wurde schließlich die Fusionierung des National- Vereines mit der zionistischen Leitung beschlossen, die nunmehr auch die Landespolitik zu leiten hätte. Plenarsitzung des Kultusvorstandes. In der am 30. März stattgefundenen Plenarsitzung wurde eine wesentliche Verbesserung der Versorgungsansprüche der Beamten der israelitischen Kultusgemeinde Wien beschlossen; weiters wurden an Beamte und Diener übliche Remunerationen bewilligt. Die mit Kriegsende zurückgekehrten Angestellten erhielten ohne Unterschied ihres Ranges einen außerordentlichen Heimkehrerbeitrag von je X 400'—. Nach Behandlung weiterer Personalangelegenheiten wurden Subventionen an folgende Vereine bewilligt: An den Ersten Wiener Jüdischen Turnverein, den Jüdischen Turnverein in Fünfhaus, den Jüdischen Turnverein Favoriten, den Turnverein „Mafsada", den Verein Jüdischer Hörer an der Hochschule für Bodenkultur, den Jüdischakademisch-technischen Verband, die Akademische Verbindung „Libanonia", die Wiener Zionistische Vereinigung, den Verband Jüdischer Hochschüler „Theologia", den Verband für hebräische Sprache und Kultur, die Schülerlade der Staatsrealschule im IX. Bezirk, die Schülerlade des Rainer-Gymnasiums im II. Bezirk, den Verein „Atheneum" weiblicher Bildung, den Jüdischen Schulverein im X. Bezirk, die Bibelschule des Tempelvereines Wieden - Margareten, die Talmud - Thvraschule II., Malzgasse 16. Die jüdische Frage bei den Friedens- Verhandlungen. Aus Berlin wird berichtet: In der Geschäftsstelle des Auswärtigen Amtes für die Friedensverhandlungen fand am 31. März eine Sitzung zur Beratung der jüdischen Frage bei den Friedensverhandlungen statt. Die Sachverständigenkommission für jüdische Angelegenheiten schlug folgende Forderungen vor: Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt, also auch Beseittgung aller Gesetze, Verordnungen und Äestimmungen, welche Beschränkungen lediglich für Juden enthalten. Die Forderungen über die nationale und die kulturelle Autonomie in den neugebildeten Staaten sind in dem Umfange, wie ihn die dortigen Juden fordern, zu erfüllen. 'Die Vertreter der jüdischen Parteien bei der Ententemission in Warschau. Aus Warschau wird berichtet: Die politische Ententemission in Warschau hat vor ihrer Abreise von Warschau Vertreter sämtlicher jüdischer Parteien empfangen, um sich über den Stand der Judenfrage in Polen und über ihren Standpuntt in dieser Frage zu informieren. Ueber Einladung des italienischen Ministers Montonio erschienen als Vertreter der Orthodoxen die Rabbiner Halpern, Leiner, Ratsmann, Davidsohn, für die Assimilanten Eiger und Bernensohn, für die Zionisten Dr. Gottlieb, Dr. Posnauski und Abgeordneter Grünbaum, für die Volkspartei die Abgeordneten Hirschhorn und Prilucki. Die Vertreter der genannten Parteien wurden gesondert empfangen und konnten ihren Standpunkt in längerer Unterredung zum Ausdruck bringen. Sie überreichten dabei auch ausführliche schriftliche Memoranden, in denen sie ihre Forderungen im Zusammenhang mit der jetzigen Lage der Juden im polnischen Staate präzisierten. Das palLstinaprogramm des Gwßrabbiners von Lzortkow- Wie wir bereits berichtet haben, hat der Großrabbiner von Czortkow an die Weltkonferenz der orthodoxen Verbände in Zürich ein Schreiben gerichtet, in welchem ein eingehendes Tätigkeitsprogramm für Palästina entwickelt wurde. Im Nachstehenden reproduzieren wir eine Uebersetzung dieses Schreibens: 1. Palästina ist dem jüdischen Volke uneingeschräntt und vorbehaltlos zu übergeben. Sollte sich dies vorläufig als unmöglich erweisen, weil wir in der Minorität sind und deshalb Reibungen mit den anderen Landesbewohnern zu befürchten wären, müßte man auf eine Autonomie im vollen Sinne des Wortes beharren. 2. Das Hauptziel besteht darin, alle gottesgläubigen Elemente zu dem Zwecke zu organisieren, um den Gedanken der jüdischen Kolonisation in Palästina nach den Grundsätzen der Thora zu bekräftigen und denselben unter den breiten Volksmassen zu propagieren, damit die Friedenskonferenz die Ueberzeugung gewinnt, daß es notwendig ist, mit der jüdischen Orthodoxie in dieser Sache zu verhandeln, und damit auch die zionistische Organisation einsieht, daß es zweckdienlich ist, mit uns ein Uebereinkommen in bezug auf die öffentlichen Religionsangelegenheiten zu treffen, alsdann sich für uns die Möglichkeit ergeben wird, zusammen mit den zionisttschen Führern als Vertreter eines und desselben Volkes bei der Friedenskonferenz vorstellig zu werden. 3. In jeder Stadt ist eine Talmud-Thora nach dem Programm der Orthodoxenorganisaüon zu gründen. 4. Alle Kriegs- und Pogromwaisen sind nach Palästina zu überführen, zu Arbeitern zu erziehen uyd im Lande zu akklimatisieren, damit sie als vollwertige Menschen dem Lande Nutzen bringen können. 5. In allen Ortschaften, wo Juden wohnen, sind Jeschiboth und Talmud-Thoras nach dem Programm des Orthodoxenverbandes zu errichten und Mittel zu suchen, um unsere Jugend zum Thora-Studium anzueifern. 6. Zwecks Fördemng der kolonisatorischen Tätigkeit sind zwei Banken zu gründen, eine für Landwirtschaft und eine für Handel und Gewerbe. Diese Banken haben durch entsprechende Anleihen und Finanzierungen die Siedlungsarbeit zu ermöglichen und den Unternehmungsgeist zu wecken. 7. Wenigstens einmal jährlich ist eine Konferenz abzuhalten und Bericht über die geleistete Arbeit zu erstatten, sowie ein Programm für die Zukunft zu entwickeln. 8. Um einer Masseneinwanderung, welche nach sich schädliche Folgen ziehen muß, vorzubeugen, ist unverzüglich eine diesbezügliche warnende Kundmachung in allen Zeitungen zu verlautbaren. Der neue Tvp. Bon Dr. Nathan Birnbaum. Die Reihe fangt schon bei jenen an, die mit ihrem Gemüte eigentlich noch ganz auf der Seite derjenigen stehen, für die das Judentum nicht umsonst in die Welt getreten ist, die noch von Gott als der Quelle aller Menschenkultur ausgehen, die die Ewigkeitshebel Religion und religiöse Disziplin noch dankbar bejahen, vor übergroßen Gottesboten noch verehrend sich neigen, noch Abscheu vor alter Geschichtsmache haben und doch schon mit irgendeiner der herumfliegenden Losungen des Heidenwahns den Keim der Verwüstung und Verarmung ihrer Seele in sich ausgenommen haben. Von ihnen geht es in tausend Uebergängen und Stufen weiter zu immer umfassenderer und keckerer Emanzipation von den Verantwortungen einer edleren Geistigkett und von den Voraussetzungen einer feineren Gesellschaftlichkeit, bis — knapp vor dem mehrerwähnten Gipfelpunkt — fast schon die Vollreife in Verantwortungs- und Voraussetzungslosigkeit erreicht ist. Wem, wie mir, das Schicksal beschieden hat, in einem verhältnismäßig regen privaten Verkehr mit Leuten dieses letzten Wegstückes zu stehen, der weiß von ihrer Art ein Lied zu singen: Wie sie niemals in sich hinein- und in die Ewigkeit hinaushorchen, desto empfänglicher aber für jeden Lärm sind, den ihnen irgendein Modewind zuträgt. -Wie sie nicht imstande sind, die Kategorien menschlichen Gesamtheitslebens: Religion, Nation, Staat von innen heraus zu erfassen, den innersten Wert ihres Wesens und ihrer Gegebenheit zu erspüren, in ihr Weiterwerden stolz und schöpferisch sich einzufügen, ihre Unzulänglichkeiten mit Würde zu erttagen oder liebend zu überwinden; sondern wie sie im besten Falle — wenn nämlich noch etwas Echo von dem Gott über Natur und Geschichte in ihnen ist — nach vermittelnden Formeln suchen, sonst sich mit entschiedenen Formeln über die „romanttschen" oder „verbrecherischen" „Ueberflüssigkeiten" und „Ueberholtheiten" stellen.. Wie sie nervös werden, wenn ihnen irgend etwas, was Anziehungspunkt, Richtlinie, Gestaltungsebene oder Inhalt einer geschichtlichen Schöpfung ist, nur in die Nähe kommt, und dann nicht ruhen, bis sie es nicht mit den Gaswolken und den Minen ihrer feindseligen Respektlosigkeit eingekreist haben. Wie sich in ihnen eine Art Wahnvorstellung festgesetzt hat, als oh alles göttliche Gesetz und alles, was die Geschlechterfolgen ausgearbeitet haben, nur dazu da ist, um von ihnen nach allen Regeln der Impotenz zerzaust und bespien zu werden, und als ob ihr Verdienst um so größer würde, je kräfttger sie dies tun und je weniger Gegenstände sie verschonen. Wie sie größenwahnsinnig genug sind, sich für die Exponenten und Lehrer der Völker zu halten, während sie nur die Symptome der Entseelung der Völker und deren Vergewaltiger, dabei gewöhnlich auch nur von den Blasebälgen der Mode und Reklame aufgepumpt sind. Wie sie sich so erleuchtet und so hoch erhaben über die „Zurückgebliebenen" dünken, welche zuviel Ehrfurcht und Wesentlichkeit in sich haben, um mit ihnen zusammen ein Wettauffpießen aller ewigen oder dauerhaften Werte zu veranstalten. Und wie sie mit ihrer aller Voraussetzung' wirklich baren, schwankenden Geistigkeit — drollig genug — sich unterfangen, das geistige und seelische Gleichgewicht der anderen für abnorm zu erklären. Wenn man mich aber fragt, was zu tun sei, damit unter uns Juden die Zahl dieser Leute nicht zunehme, welche da glauben, schwere Gesellschafts- Probleme durch eine Art geistigen Getrampels lösen zu können, — so weiß ich vorläufig keinen anderen Rat, als daß alle diejenigen, die der Tyrannei der Trampler widerstreben, fest bleiben und sich gegenseittg ermuttgen. Dazu gehört vor allem, daß sie