Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (27.3.1919)
- Date
- 1919-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 11 I Verschiebung der LrttscheibukA in der pMMnnfrage. Aus Paris koitnnt.eine Nachricht, die nicht verfehlen dürftö, in allen jüdischen Kreisen das peinlichste Aufsehen zu erregen. Die offiziöse „Agence Havas" verbreitet eine Nieldung des „Temps", wonach die E n t s ch e i d u n g über die Palästinafrage, nach Anhörung eines Berichtes des General Allenberg, biszurRückkehr einer nach Palästina zu entsendenden Kommission verschoben wurde. Die Kommission hat die Aufgabe, die Bevölkerungs- und die Siedlungsvcrhgltnisse an Ort und Stelle zu untersuchen und der Friedenskonferenz hierüber zu berichten. Die Entscheidung über das Schicksal Palästinas dürfte erst nach einigen Monaten fallen. Diese Meldung steht im krassesten Widerspruch zu den in jüngster Zeit zionistischerseits verbreiteten Nachrichten, wonach der Zehnerrat der Friedenskonferenz die zionistischen Forderungen einstimmig angenommen hatte. Bei der bekannten Gegnerschaft Frankreichs hinsichtlich der zionistischen Forderungen wäre man versucht, anzunehmen, daß es sich um eine Tendenznachricht handelt. Allein dieselbe findet auch in Meldungen von anderer Seite ihre Bestätigung und selbst zionistische Blätter haben die Havas-Meldung ohne Kommentar reproduziert, was für deren Richtigkeit spricht. Die Bestätigung dieser Nachricht vorausgesetzt, muß konstatiert werden, daß es sich um einen schweren Schlag für die jüdische Sache in Palästina handelt. Nicht so sehr der Verzögerung der Entscheidung wegen — mag auch diese höchst peinlich sein, sondern hauptsächlich deshalb, weil daraus zu ersehen ist, wie starke Kräfte an der Arbeit sind, den jüdischen Aspirationen entgegenzuwirken und wie weit" es diese Machinationen bereits gebracht haben. Die Siedlungsverhältnisse in Palästina sind ja hinlänglich bekannt. Es wird auch von jüdischer Seite nicht geleugnet, daß die Juden dortselbst momentan eine kleine Minorität bilden, und zwar deswegen, weil eben die Verhältniste unter der türkischen. Herrschaft eine stärkere jüdische Einwanderung unmöglich gemacht haben. Wenn sich die Konferenz dennoch entschlossen hat, gerade jetzt, gewissermaßen vor Torschluß, eine Untersuchungskommission zu entsenden, so spricht dieser Umstand dafür, d a ß eben dieHerren vom Zehnerrat zurzeit keine Entscheidung treffen w o l l t e n, um die Gegner der zionistischen Forderungen nicht an den Kopf zu stoßen. Man denkt sich in Paris: Kommt Zeit, kommt Rat!... Diese Mgner, vor allen Frankreich, dann der Vatikan und schließlich die Araber und die Syrer, sind keineswegs zu unterschätzen. Dazu kommt noch, daß die Verhältnisse innerhalb der Friedenskonferenz keine besonders erfteuliche sind. Die Sprengung derselben ist nicht ganz ausgeschlosten. Was soll denn mit Palästina geschehen? Angesichts dieses ziemlich unerfreulichen Standes der Dinge muß man geradezu über die Taktik der zionistischen Pressepropaganda staunen. Welchen Zweck hatten all die rosig gefärbten Nachrichten der letzten Wochen? Haben sich die Herren keine Rechenschaft darüber abgegeben, daß Enttäuschungen viel deprimierender wirken als die bitterste Wahrheit? Warum wurde der Oeffcnllichkeit eingeredet, die Entscheidung sei bereits gefallen, wenn dem nicht so war? Darf man, momentaner Erfolge wegen, eine derartige Taftik anwenden? Die Mische Oeffentlichkeit hat das Recht, volle Aufklärung zu fordern, sie muß die ganze Wahrheit erfahren. Zu verzweifeln ist trotz allem keine Veranlassung vorhanden. Wie die Dinge nun einmal liegen, kann die Welt über die jüdischen Forderungen in Palästina nicht mehr zur Tagesordnung übergehen. England, das für alle Fälle Herr des Landes bleiben dürste, wird seine Versprechungen bis zu einem gewissen Grade einlösen wüsten. Aber die Erfahrungen der letzten. Tage sollten den führenden zionistischen Kreisen die Pflicht auferlegen, keine Illusionen zu erwecken. Wir müssen alle Bolkskräste anspornen Und schrittweise. Vorgehen; daün, aber nur dann, wird der greifbare Erfolg nicht ausbleiben. _ Der neue Typ. Von Sr. Nathan Birnbaum.' Die Tatsache, .daß sich ünter den durch die große Umwälzung in Rußland, Deutschland, Deutschösterreich und Ungarn zur Regierung oder sonst in den Vordergrund gekommenen Männern eine beträchtliche Anzahl Juden befindet, gibt nun auch den weitesten jüdischen Kreisen zu denken. Alan begnügt sich nicht mehr mit dem berechtigten abwehrenden Hinweise, daß selbst unter den jüdischen Sozialisten, geschweige unter den Juden Überhaupt, die „bolschewistisch" gesinnten eine verschwindende Minderheit bilden. Auch die Zahmsten, ich meine damit diejenigen, bei denen die Angst davor, was die Antisemiten sagen werden, am stärksten ausgebildet ist, lassen vorsichtig mahnende Worte oder zumindest deutlich hingehauchte Seufzer hören und verraten damit unwillkürlich ihre große Unruhe. Die weniger Zahmen richten gegen die Schuldigen, die in ihrem hemmungslosen Fanatismus oder Ehrgeiz große Gefahren für die jüdischen Bevölkerungen heraufbeschwören, die heftigsten Angriffe. Und die Unzahmsten kennzeichnen das Vorgehen jener Juden, welche nichtjüdische Völker und Staaten mit ihrer Führung beglücken, als unerhörte Anmaßung. Aber ich glaube, daß sie alle ob der Gefahren, mit denen dieser neueste so dreist in den Vordergrund des Geschehens sich drängende Typ der Judenheit bedroht, die Störung der Laufbahn des jüdischen Geistes vernachlässigen, die er bedeutet; daß sie ob seiner Anmaßlichkeit seine ihr weit mehr belastende geistige Armseligkeit übersehen; daß sie sich viel zu wenig Rechenschaft über seinen Ursprung und über den Inhalt des Widerspruchs geben, der zwischen ihm und dem Judentum, wie es seit Jahrtausenden gelebt wird, besteht. Kein Zweifel: Das Judentum selbst ist in seinem Auftreten und Verlauf eine Revolution, sogar, wie ich an anderem Orte („Gottes Volk", Seite 6) ausführte, die einzige des Menschengeistes, die es je gegeben hat, die einzige, die diesen Namen verdient, weil sie, die einzige, den Menschengeist tatsächlich aus ewig scheinenden Bahnen — denjenigen der Sinnen-Untertänigkeit — zu heben unternahm. Das Judentum ist Empörung gegen eine Menschheit, die, in ihrem sinnlichen Dasein befangen, ein Leben lebt, das sich aus Eindrücken, Wünschen und Lüsten sinn- und planlos zusammenaddiert, statt sich es von innen heraus nach Gottes Plan aufzubauen. Das Judentum ist Aufftand gegen jenen urvererbten, urveralteten, immer wieder ausbrechenden heidnischen Größenwahn, der sich manchmal „Freiheit" nennt, ist Ruf nach Bindung, nach innerer, befreiender Gottverbundenheit und nach Verbundensein durch die gemeinsame Anerkennung des göttlichen Willens und Gesetzes. Das Judentum ist Absage an eine Welt, die aus ihrer vorjüdischen Kinderstube nicht herauskann und deren immer gleichen Kindereien immer wieder als neue Offenbarungen feiert, ist Preis der Urkraft der Gewaltigen, die niemals in Neuerungen machen, aber der Menschheit ewig neu bleibende Gottesgeschenke überbringen. Das Judentum ist Auflehnung gegen jene urheidnische Rebellionssucht, die mit ihren errechteten, kurzfristigen Idealen die alte leichtsinnige Gewohnheitssünderin Menschheit samt ihren Kulturen immer wieder in den Sumpf treibt, ist Wille zur Entsündigung durch Ewigkeitszucht für den Alltag. Das Judentum ist ein mächtiges „Hände weg!" gegen die polternden Geschichtemacher aller Art und aller Titel, ist Mahnung an die Menschen, die Geschichte als Gottes zu erkennen und sich selber in ihren Handlungen als ehrfürchtig ahnende Bausteine zu dem gewaltigen Werke zusammenzufügen. Und darum kann kein Friede sein zwischen dem Judentum, dem tiefftinneren Wesen des Judenseins, und denjenigen Juden, welche jetzt so unliebsames Auffehen erregen, — den Juden, die Gottes Bauplan weit von sich weisen und an dessen Stelle ihre Willkür setzen; die alle Bindung des Menschen - als überholten Standpuntt belächeln, während ja gerade ihre „Freiheit" ein Ladenhüter der Menschheit noch aus deren blindesten Vergangenheiten ist; die ruhig die Worte der Größten und Ahnendsten in den Wind schlagen, well sie sich auf kon„geniale" Geister berufen können; die mit einer einer besseren Sache würdigen Gläubigkeit warten, daß morgen schon ihren geliebten Kultursümpfen die Verwirklichungen ihrer Ideals entsprießen; die sich nicht einmal damit begnügen, Geschichte machen./ zu wolle», sondern sie nöch dazu, sozüsaäen als Postarbeit erledigen zu können sich einbilden. Dabei treffen diese Kennzeichnungen — ausgenommen etwa die letzte — nicht bloß auf die Trotzkys zu. Und die jüdische Oeffentlichkeit täte wahrlich gut daran, die besorgte Aufmerksamkeit, zu der sie so plötzlich erweckt ist, von den Weckern, den paar jüdischen Machthabern des Tages, auf eine breitere jüdische Schicht auszudehnen, die schon seit längerer Zeit in gewissen Abtönungen uns Steigerungen die Etappen auf dem Wege zum heute erreichten Gipfelpunkt darstellt. Allerdings wird sich dann so mancher von den Besorgten selbst an der Nase zu packen haben, — wenn anders ihm die Bewegung, von der auch er erfaßt ist, die Fähigkeit, die Zusammenhänge zu erkennen, gelassen hat. (Schluß folgt.) Jüdisch-Historische Sunde in der Schweiz. Aus Zürich wird geschrieben: Vor kurzem ging die Nachricht durch die Tagesblätter, daß bei Andelfingen interessante Ausgrabungen vorgenommen wurden und dort wieder Spuren alter römischer Ansiedelungen vorgefunden worden sind. Wie nun mitgeteilt wurde, haben die dort gemachten Funde einen viel größeren historischen Wert, als man anfänglich glaubte. Herr Lehrer N., dessen Verdienste um die archäologische und geologische Forschung auf Schweizer Boden auch von bedeutenden wissenschaftlichen Instituten des Auslandes durch Ernennung zum Ehrenmitglied«: anerkannt wurde, stieß bei weiteren Grabungen auf eine weit ausgedehnte Muschellagerung, die den Beweis liefert, daß dort einmal Meeresgrund gewesen sein muß, die aber, als sie den Luftströnlungen ausgesetzt war, sofort zu Staub zerfiel. Dadurch konnte Herr N. tiefer dringen und gelangte zu seinem großen Erstaunen in einen Höhlengang, der sich rechts und links ausdehnte. - In seiner Fortsetzung nach Süden führte dieser Höhlengang bis an den Zürichsee und stieg dort in wohlaüsgehauenen Steintreppen bis über den Seespiegel hinauf. Das ist schon vor einigen Monaten geschehen. Herr R. verstand es aber, bisher diesen Fund vor der - Oeffentlichkeit geheim zu halten, damit keine Zerstörungen daran vorgenommen werden und ließ große Erdmassen auf eine hölzerne Unterschicht werfen, um den Eingang zu verstecken. Man kann diese Erdmassen sehen, wenn man sich die Mühe nimmt, an die Landungsstelle in Wollishofen zu wandern. Auch unweit der Badanstalt in der Enge sieht man solche Erdhaufen. Betrachtet man diese Massen aufmerksam, so findet man die Stelle, die zu dem alten Tunnel führen. Aber viel merkrvürdiger ist, was Herr N. in diesem labyrinthähnlichen Tunnel, der reichlich zivei Mann hoch ist, und dessen Erbauungsursache sich Herr N. anfänglich nicht erklären konnte, ferner entdeckt hat. 'Er kam zu einem großen runden Platze und fand dort, tiefgehend amphitheatralische Mauerwerke, die einem alten Tempel anzugehören schienen. Und bald sollte ihm hier auch eine Aufklärung beschieden sein. Papyrusrollen, die in Lederkapseln eingeschlossen in die Erde eingegraben waren, wiesen klar den Zweck des Tempels nach. Die Römer hatten ihre Eroberungszüge bis nach Helvetien ausgedehnt und sich hier eine Schutzwehr gegen die wilden Germanen errichtet. Zum Schutze hatten siejüdischeSöldner hierher geschleppt, die sie als Gefangene aus Paläsüna gebracht hatten und deren Tapferkeit weitberühmt war. Diese, von ihrem Tempel in Jerusalem weit entfernt, hatten sich hier unten einen salomonischen Tempel en miniature gebaut, um ihrem Gotte zu dienen. Da ihre Umgebung noch Götzen anbetete und auch Menschenopfer darbrachte, mußten die jüdischen Söldner, die von den Ureinwohnern,. die nicht verstehen konnten, daß man zu einem Gotte beten kann, den man nicht sieht, als Wilde betrachtet wurden, ihre gottesdienstlichen Verrichtungen . verstecken und flüchteten damit üef unter die Erde. Auf einem der Papyrus war. die ganze Geschichte von Mordechai und Esther verzeichnet, ein Beweis, daß diese Geschichte, die von vielen als . apokryph angesehen wird, auf Wahrheit beruht. Aber noch mehr fand er vor: die Geschichte des Auszugs Aus „Neue Jüdische Monatshefte" (Berlin).