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Jüdische Korrespondenz · 1919-03-27 · 11 (27.3.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
11 (27.3.1919)
Date
1919-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig Kl 2, halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstrafie 55. Erscheint jeden Donnerstag. Mi*. 11. Wien, 27. Märx ISIS. V. Jahrgang. Abonnements-Erneuerung. Mit 1. Aprit beginnt ein neues Diertekiaf>r. ZSir ersuchen alT diejenigen, deren Abonnement zu ßnde ist, dasselbe umgehend erneuern zu wollen. Ebenso belieben diejenigen, die mit der Pränumeration im Htückstande find, dieselbe umgehend zu begleichen,, damit in der Zusendung des Atattes keine Ilnterbrechnng eiuträte. Gottvertrauen und Gotteshilfe. Don Dr. I. Awi - Schalom. An der Seine sitzen sie, die Bezwinger der Welt und beratschlagen darüber, wie die Länderkarte umzumodeln, wie die Grenzen zwischen Ländern und Staaten zu verschieben, wie alte Staaten zu verschwinden und neue zu entstehen hätten. In ihrem Uebermut erkühnen sie sich, über das Schicksal ganzer Völker zu würfeln und der Welt eine neue Gestalt zu geben. Monatelang dauern bereits die Beratungen, die nach einem viereinhalbjährigen, blutigen Kriege gequälte Menschheit seufzt nach wie vor unter den Entbehrungen und Leiden, die das Völkerschlachten mit sich gebracht haben. Sie s ch ein en"vergesieli"'zü"HWen, Die Herren von"Ler' Friedenskonferenz in Paris, daß die Augen der ganzen Menschheit ihren Beratungen zugewendet sind und von ihnen Heil und Glück erwarten. Im blinden Vertrauen setzten alle Unterdrückten und Verfolgten ihre Hoffnung auf den Frieden, der der Menschheit gesichert werden sollte, auf die neue Weltordnung, die auf Recht und Gerechtigkeit basieren, auf-das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das auch den Kleinen alle Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten sichern sollte. Aber dieses Vertrauen wird schnöde mißbraucht. Die Sieger — die angeblich im Namen des Rechtes und der Gerechtigkeit gesiegt haben — zeigen wenig Lust, von ihrer Beute zu lassen. Sie feilschen um jedes Stück Land herum und streben dazu, sich vor allem das Gewonnene und Eroberte unter allen Umständen zu sichern. Wie einst der stolze, übermütige Babylonierkönig wähnen sie in ihrem Siegesrausch sich alles erlauben zu dürfen. Aber da erscheint plötzlich eine unsichtbare Hand und zeichnet mit Flammenschrist das Menetekel an der Wand. Vom Osten her braust und heult ein Sturm heran, der die mächtigen Herrschaften erschüttert und ihre Stühle wanken macht. Das bolschewistische Gespenst, das sie in Rußland eingekreist und gebannt glaubten, greift über die Grenzen. Schon hat es von Ungarn Besitz ergriffen, schon breitet es in Ostgalizien seine Herrschaft aus. Nur noch eine Weile die bisherige Taktik sortsetzen und es wird den Rhein überschreiten, den Aermelkanal überfluten, vielleicht auch über den Ozean gelangen und wie einst in den Zeiten-der Völkerwanderung alle menschliche Kultur bedrohen und das zunichte machen, was durch Jahrhunderte mit so schwerer Mühe aufgerichtet, was Generationen mit so viel Schweiß und Kraft gebaut haben. Es rächt sich der Verrät an den Idealen, die mit so viel Emphase verkündet wurden. Heute noch ist es es Zeit zur Umkehr — morgen könnte es zu spät sein. Wenn die Herren von der Friedenskonferenz sich nicht beeilen und zu dem Punkte zurückkehren, von dem sie ausgeaangbn sind, dann könntm wir Schauderhaftes erleben. Das Schwert, das ihnen dm Sieg verschaffte, es ist durch Miß-! brauch schartig geworden. Die Uebermütigen könnten gar bald am eigenen Leibe erfahren, daß Sieg und Niederlage nicht in ihre Hand gegeben sind. Es ist die göttliche Vorsehung, die über das Schicksal der Völker entscheidet. „Aschur sehewet api!“ Assyrien ist meine Geisel! — Fach darf ebensowenig daraus Anspruch erheben, der Welt seinen Willen aufzudrängen, als es Ludendorff vermochte. „Mein ist der Sieg!" — sprach der Herr der Heerscharen. Hochmut kommt vor dem Fall. Unter denjenigen, die so große Hoffnungen auf das Resultat der Friedenskonferenz gesetzt haben, befindet sich nicht in letzter Reihe das jüdische Volk, zumindest derjenige Teil desselben, der sich starker Aktivität rühmt und den Anspruch daraus erhebt, die Führung in allen jüdischen Dingen inne zu haben. Mit welchem Vertrauen wurde nicht in gewissen jüdischen Kreisen den Beratungen und den Beschlüssen der Friedmskonferenz entgegengesehen. Diejenigen, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker verkündet haben, sie werden doch nicht umhin können, auch das Recht des jüdischen Volkes anzuerkennen, das Recht auf eine eigene Heimstätte im Lande seiner Väter, das Recht auf ein nattonales Dasein in den Ländern der Diaspora. Der Völkerbund, der ins Leben gerufen werden sollte, er wird nicht umhin können, auch das jüdische Volk als gleichberechtigtes Mitglied aufzunehmen. So^ wird denn die Judenfrage eine radikale Lösung erfahren und das zweitausendjährige Judenelend ein Ende bttftffein^Gotteswunder, durch das Erscheinen eines Messias, durch die Spaltung eines Meeres, durch das Einstürzen fester Mauer» infolge eines Posaunenschalles, sondern auf natürlichem Wege, dank der politischen Evolution, dank einem Siege der Westmächte, dank den Grundsätzen Wilsons... Wie einst die Verkünder des Reformjudentums zu rufen pflegten: Berlin ist unser Jerusalem, so ertönten jetzt die Rufe: Wilson ist unser Messias, Balfour sein Schrittmacher. Wir glauben an Wilson, vertrauen auf Englands Staatsmänner. Die Stunde der Erlösung ist gekommen. Der Messiasismus ist ein überwundener Standpunkt... Die Narren! — Was ist heute von all diesen Hoffnungen übrig geblieben? — Wenn die Herren der Friedenskonferenz sich nicht rasch besinnen, in sich Einkehr halten und zur Umkehr blasen, dann wird die Konferenz heute oder morgen gesprengt und ein Chaos, ein Tohu-wabohu wird entstehen, wie einst vor der Erschöpfung der irdischen Welt, ein Zustand, daß wieder die göttliche Allmacht wird auf den Plan treten und das „Es werde Licht!" verkünden müssen. Kein Menschenwerk ist vollkommen, „jezer lew haadam ra mineurow!“ der Trieb des Menschenherzens ist böse von Natur aus. Es war und ist verfehlt, die Erlösung von irdischer Seite zu erwarten, auf Menschensöhne Vertrauen und Hoffnung zu setzen. „Ich glaube an Wilson!" sagte mir vorkurzem ein Glaubensgenosse aus jenem Lager, das die Erlösung so nahe zum greifen sah. „Wenn ich schon dabei bin, meinen Glauben zu Hilfe zu rufen", replizierte ich, „dann will ich lieber an dasjenige glauben, woran meine Eltern und meine Ureltern geglaubt haben." — So ist es! — Die Friedenskonferenz, der Völkerbund, die uns die Erlösung bringen sollten, — was sind sie und was haben sie zu bedeuten. Ein Heranbrausen des Sturmes aus dem Osten und sie sind entwurzelt, ein scharfer Lufthauch und sie sind dahin. Da lobe ich mir schon unsere Altvordern, die einen ganz anderen Glauben hegten, in eine ganz anderen Mmacht chr Vertrauen setzten, der auch der Bolschewismus nichts anhäben könnte. „Gottvertrauen!" Das muß nach wie vor unsere Losung fein. „Aschrei sche-el Jaakauw be-esrau!“ Wohl dem, der auf Gott vertraut! Friedenskonferenz, Wilson, Selbstbestimmungsrecht, Völkerbund, und wie all diese schönen Dinge heißen mögen, sie sind leerer Schall und eitler Wahn. Die Erlösung der Menschheit und die wahre Genta für das jüdische Volk, sie werden von anderer Seite kommen, von der Seite, die keinen Haß und keine Rachsucht kennt, keine Beute sucht und kein Volk gegen das andere ausspielen will. In der ernsten Stunde, die wir heute durchleben, da viele unserer Hoffnungen geknickt sind, da uns bittere Enttäuschung droht, wollen wir uns, wie zu jeder Zeit seit unserer Volksexistenz, mit Gottverttauen wappnen. Gottvertrauen bringt Gotteshilfe! Oer Kampf um das Wiener Kultusgemeindestatut. Der Kampf um das Statut der Wiener Kultusgemeinde tobt weiter mit ununterbrochener Heftigkeit. Bereits mehrere Plenarsitzungen sind der Beratung des neuen Entwurfes gewidmet worden, ohne daß derselbe zu Ende beraten wurde. Es wird beiderseits um jeden Punkt ein heftiger Strauß ausgefochten, wilde Redeschlachten darüber geliefert, ob die Kurie der Höchstbesteuerten weiter aufrecht erhalten bleiben oder abgeschafft werden sollte, ob der Wahlzensus K 10 - oder K 6 — betragen soll, ob den Kultusgemeindebeamten bloß das aftive ^oder-anch daS pafsivr- Wahlrecht zuzuerkennen wäre, ob das Wahlrecht für Frauen an eine Steuer- Sung geknüpft sein sollte, ob die Ausländer das hlrecht auszuüben hätten und was mit denjenigen Ausländern geschehen sollte, die bisher das Wahlrecht besitzen — man sieht, lauter Dinge von höchst prinzipieller Bedeutung, die die Gemüter erhitzen und die Geister in Auflegung bringen. Wir gestehen es offen ein: wir stehen diesem so hitzig geführten Kampfe kühl bis ans Herz gegenüber. Wir wissen es, mortlm es sich beiden Kampßparteien in erster Reihe handelt. Die bisherigen Machthaber wollen solange als möglich das Heft in ihren Händen behalten; ihre Rivalen wollen dasselbe so rasch als möglich erlangen. Wir müssen uns aber flagen, ob es sich denn hauptsächlich darum handeln darf, welche Advokaten und Aerzte um den Beratungstisch sitzen sollten. Was würde es nützen, wenn schon Herr X an Stelle des Herrn I Kultusvorsteher sein wird, wenn die Kultusgemeinde, die in erster Reihe dazu berufen sein sollte, eine jüdischreligiöse Jnstitutton zu sein, es fernerhin nicht in wünschenswertem Maße sein wird? Die heutige Kultusgemeinde ist konfessionell, die neue soll völkisch sein — daß sie religiös in des Wortes eigentlicher Bedeutung sein sollte, davon ist nichts zu hören. Und doch könnte nur eine Reform nach dieser Richtung heilbringend sein. Wir leben in einer sehr ernsten Zeit. Das Judentum und die Judenheit sind von allseittgen Gefahren bedroht. Im Innern der religiöse Verfall, der Abfall, der immer mehr um sich greift; von außen her die politischen Umwälzungen, die unübersehbare Gefahren in sich bergen. Welche Bedeutung hat da die Frage einer Höchstbesteuertenkurie, des passiven Wahlrechtes der Beamtenschaft, des Wahlzensus usw.? Als der furchtbare Kampf um Syrakus tobte, saß Archimedes m seinem Garten und zeichnete geometrische Figuren in den Sand. Diejenigen, die heute um die Reform des Wiener Kultusgemeindestatuts angesichts der uns umbrausenden Stürme kämpfen, sind keine Archimedes', und auch der Wert der geometrischen Figuren, die sie zeichnen, dürste nicht allzu hoch einzuschätzen sein. Hamabit.

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