Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 28 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3495278-3495418-3495444--0992-3496714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 28 Jüdische Korrespondenz Seite 5 Anschließend hieran veröffentlichen wir die folgende uns zugekommene Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Meinem Herzenswünsche als gute und treue Jüdin folgend, bitte ich höflichst um Aufnahme folgender Zeilen. Durch Zufall ging ich dieser Tage durch die Denisgasse, XX. Bezirk, woselbst eine Ausspeisung armer Kinder stattfindet. Als ich mir nun näher die bescheidene Tafel ansah, da lachte mir schon das Herz: Anitta Müller und die Fähnchen der Amerikaner! Eine Marke, die für sich spricht. Gerade dieser Umstand bewog mich nun recht, stehen zu bleiben und der Dinge zu harren, die da kommen werden. Es ist halb 11! Kinder reihen sich paarweise an. Nun erscheint ein Herr mit schwarzem Bart mit einer Weißen Binde, dessen Aufschrift lautet: „Orthodoxe Jugendgruppe". Kaum werden die Kinder des Mannes ansichtig, geht allgemeine Freude durch den Reihen, die sich durch Grüßen und verschiedene Fragest der Kinder äußerte: Was bekommen wir heute Gutes? Nun wagte ich, mich so recht mit dem Manne ins Gespräch einzulassen. Da bemerkte ich erst recht, wie gerechtfertigt die Aufschrift, und die Freude der Kinder mit dem Manne war. Herzerquickend ist es zuzusehen, wie der Leiter der Jugendgruppe mit den Kindern umgeht. Für jedes Kind ein liebes Wort, läßt er nun zwei und zwei Kinder hinauf, wo bereits der andere Teil der Ordner schon wartet. Erst als dies vorüber ist, wendet sich der Mann in liebenswürdigster Weise wieder an mich. Auf meine Frage, was der Zweck der Jugendgruppe ist, verwies er mich auf das Vereinslokal,-in welchem täglich am Abend Vorträge stattfinden. Freudestrahlend erzählte mir der Mann weiter, daß der Verein auch Krankenbesuch und sonstige Wohltätigkeit fördert; selbstredend, dies geschieht auf streng religiöser Basis. Als nun wieder Kinder kamen, und ich sah, daß es da wieder Arbeit gibt, ging ich in den Saal, um die Kinder beim Essen zu sehen. Was ich da gesehen, kann ich mit Worten nicht schildern. Der liebe Gott lohne alle, die das Glück haben, hier teilnehmen zu dürfen an diesem edlen Wohltätigkeitswerke! Mit tränenden Augen verließ ich diese Stätte! Glücklich und zufrieden im Herzen! Achtend Else F. Achad-Haam's Warnung. Der bekannte Publizist A ch a d - H a a m, eine anerkannte Autorität der Nationalisten hat vor kurzer Zeit einem Zeitungskorrespondenten gegenüber vor übertriebenen Hoffnungen hinsichtlich Palästinas gewarnt. In den zionistischen Kreisen hat man sich darüber stark aufgehalten. Nun veröffentlicht das New-Iorker hebräische Journal „Hatoren" eine weitläufige Erklärung Achad-Haams an Schmarjahu Lewin zur Entschuldigung seiner damaligen Warnung. Nach längerer Behandlung der rein formellen Seite, worin Achad Haam behauptet, daß seine Aeußerungen mehr privaten Charakter trugen und eigentlich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren — er hätte sonst auf andere Weise sich an das Publikum gewendet —, geht er auf das Meritum ein und schreibt: Nachdem die Veröffentlichung bereits ohne meinen Willen geschehen ist, muß ich zugeben, daß diese Anschauungen tatsächlich die meinen -sind, obwohl ich, wenn ich selbst zum Publikum gesprochen hätte, bemüht gewesen wäre, diese präziser und angenehmer zu formulieren. Ich habe mich tatsächlich Herrn Bernstein gegenüber beklagt, daß die jüdische Presse Amerikas aus Sensationssucht nicht genügend vorsichtig im Entfachen der Volksphantasie ist. Sie bringt durch ihre Berichte das Volk zum Glauben, daß in Kürze — in einigen Tagen, Wochen oder Monaten — Palästina unser sein wird, ein richtiger jüdischer Staat, in welchem Hunderttausende Juden, die ihren Leiden entrinnen wollen, unter ihrer nationalen Fahne Rettung und Ruhe finden werden. Es scheint, daß niemand sich der. großen Gefahr bewußt wird, die dies für die Massen im Galuth wie auch für unsere nationale Arbeit in Palästina bildet. Wenn ich auch überzeugt bin, daß die an der Macht Seienden ihre gegebenen Versprechen erfüllen werden, so dürffen dennoch Jahrzehnte vergehen, bis wir mit Recht einen tatsächlichen „Jüdischen Staat" werden fordern können. Im Verlauf dieser Uebergangszeit, bis wir die Mehrheit im Lande erringen, müssen unsere wichtigsten Eigenschaften: Fleiß und Geduld sein. Mit offenen Augen und ruhigem Sinn müssen wir den vor uns sich auftürmenden Berg besteigen, mit genauen und abgemessenen Schritten, mit unaufhörlichen Fleiß und Geduld, ohne Rücksicht auf Tage und Jahre. Mit bloßen Träumen richtet man ein Volk nicht wieder auf. Achad-Hamm schließt mit der Bemerkung, wenn man auch die- Höchstzahl der Palästina-Immigranten derzeit mit Sicherheit nicht bestimmen könne, glaube er doch nicht, daß bei dem zu erwartenden Emigrationsstrom aus den östlichen Ländern alle Emigranten Lebensunterhalt in Palästina finden können, lieber die eventuellen Folgen wolle er lieber nicht sprechen; „wollen wir hoffen, daß uns der Gott Zions vor diesem schrecklichen Unglück bewahren werde". von dev pveffeabtejlrmg beim Zentvalbuveau dev Agudas Jisroel. In Posen wurde eine Anzahl jüdischer Notabilitäten interniert. Auf Grund diesbezüglicher Meldung an das Zentralbureau der Agudas Jisroel in Zürich hat dieses die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Polen zu Schritten veranlaßt. Reichsratsabgeordneter Rabbiner Halpern reiste sofort nach Posen, wandte sich an den Obersten Volksrat daselbst und erhielt die Zusicherung, daß die Internierten baldigst freigelassen würden. Er besuchte sie auch im Lager. Ebenso wie der Waad Hoir Aschkenasim wurde auch das vereinigte sefardische und aschkenasische Rabbinat der Stadt Jerusalem von der interalliierten Kommission empfangen. Die Deputation, die von den Vorsitzenden des Rabbinats Eljaschar und Schuhwachs geführt wurde, brachte ebenfalls den Wunsch zum Ausdruck, daß bei der Verwirklichung der Balfourschen Deklaration Vertreter der orthodoxen Organisation „Agudas Jisroel" zugezogen werden mögen. Air eiMben ürmgenü m Erneuerung des Abonnements. mSSSSSSSSSSSSSSSSmSSSSSSSSSSSSm Rundschau. (Die Judenexzesse in Holleschau.) In Brünn findet gegenwärtig die Schlußverhandlung gegen die Exzedenten statt, die im Herbst 1918 in Holleschau Judenexzesse verübt haben. Das Urteil wird am Donnerstag verkündet werden, und wir behalten uns vor, darüber ausführlich zu berichten. Von dem Verlauf der Verhandlungen ist folgendes Detail bezeichnend: Der Verteidiger der Privatbeteiligten Dr. Donat kommt auf die Vorwürfe gegen die Holleschauer Juden zurück, gegen die er entschieden protestiert. Er weift auf Grund amtlicher Daten nach, daß die Juden zu großem Prozentsatz eingerüat waren, daß viele verwundet und gefangen wurden und ein großer Teil auch im Felde gefallen ist. Was Preistreiberei und Wucher anlangt, erwähnt er, daß von Holleschauer Juden wegen dieser Delikte nur neun Personen angeklagt waren, von denen aber niemand verurteilt wurde, während von der übrigen Bevölkerung 70 angeklagt waren, von denen 22 bestraft worden sind. (Gin Judengemetzel in Odessa.) Das rumänische Preßbureau meldet aus Kischinew: Aus Odessa eingetroffene Flüchtlinge erzählen, daß in Odessa ein großer Pogrom statt-