Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 28 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 28 Zeit noch Mühe sparten, um das Unternehmen zu finalisieren. Auch die Jugendgruppe des „Vereines zur Wahrung der Interessen der Orthodoxie" hat an der Sammlung und Sichtung des Materials eifrig mitgewirkt. Frau Herzog und Herr Rabbiner Dr. Pollak haben die-orthodoxen Kinder nach Holland begleitet, wo sie deren Unterbringung beaufsichtigen werden. Wie wir hören, wird in nächster Zeit ein weiterer Transport erholungsbedürftiger jüdischer Kinder, darunter ein großer Teil orthodoxer, nach Dänemark abgehen. Auch ein weiterer Transport nach der Schweiz ist in Vorbereitung. Die Rabbiner-Konferenz in Palästina. Das Vereinigte Nabbinat zu Jerusalem, das von der Palästina- Kommission gegründet und unterstützt worden ist, plante seit langem die Einberufung einer Konferenz aller palästinensischen Rabbiner. Da in diesem Rabbinat sämtliche Gemeinden Jerusalems vertreten sind, schien es auch allein berufen, eine Organisation aller Rabbiner zustande zu bringen. Die Vorbereitung zur Einberufung der jüdischen konstituierenden Versammlung und der Kampf der Meinungen, der sich in der palästinensischen Judenheii erhoben hat, gab dieser Konferenz die besondere Bedeutung. Außer den Delegierten waren auf der Konferenz auch Vertreter der Palästina-Kommission und der Regierungsbehörden anwesend. In einer der ersten Sitzungen wurden die politischen Forderungen angenommen, die siir die Außenwelt bestimmt sind und die auch in die englische Sprache übersetzt wurden. In diesen Forderungen drückte die Konferenz der britischen Regierung und den Ländern der Entente ihren Dank für ihre Versprechungen aus, „eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu gründen und die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden in allen Ländern zu verteidigen", und erklärte im Namen der Thora, daß „das Ideal des jüdischen Volkes ist, eine gesicherte Heimstätte, ein nationales Heim und ein geistig-religiöses Zentrum in Palästina zu schaffen, dort von neuem sein nationales und religiöses Leben zu führen und sein brachliegendes Land zu beleben". Die Konferenz verlangte dann die Anerkennung des Sabbats und der jüdischen Festtage als offizielle Ruhetage für die Judenheit Palästinas, die Aberkennung der hebräischen Sprache als eine der offiziellen Sprachen in allen Regierungsbehörden und die Anerkennung des Rabbinates und der Rabbinergerichte als autonom und autoritativ für alle Fragen der Religion, Konfession und sämtliche Fragen des zivilen und Familien rechts für die Juden untereinander. Znm Schluß drückte die Konferenz ihren Protest gegen die Progrome in Rußland, Galizien und Polen aus und forderte die Friedenskonferenz auf, diesen Schandtaten ein Ende zu bereiten. Diese Beschlüsse hatten aber mehr einen deklarativen Charakter für die Außenwelt. Das Hauptinteresse lag auf einem anderen Gebiet. Wie aus denl Berichte hervorgeht, scheint den Rabbinern in erster Linie jetzt daran gelegen zu sein, ihre Stellung innerhalb der neu zu schaffenden Organisation der palästinensischen Judenheit zu festigen und neue Positionen zu erobern. Nach dem Kampf, den die palästinensische Orthodoxie gegen das Wahlrecht der Frauen geführt hat, entschlossen sich jetzt manche Kreise der Orthodoxie, die Autonomie des Gerichtswesens zu einer Hochburg für die Rabbiner zu gestalten, und erklärten dem bis jetzt bestehenden und auch in den schlechtesten Zeiten der letzten Vergangenheit so bewährten „Mischpat Haschalom" (Friedensgericht) einen nicht weniger heftigen Krieg. In seinem Vortrage, den der Rabbiner Ostrowski, ein Misrachist aus Ekron, in einer geschlossenen Sitzung der Konferenz, ohne Zulassung der Vertreter der Presse über das Gerichtswesen hielt, entwickelte er den Gedanken, daß ein Rabbinat, das nur auf die Fragen von „koscher" und „trefa" seine Kompetenz ausdehne, nie in der Lage sein werde, die Ehre der Thora zu retten, und daß die Existenz eines gewählten Schiedsgerichtes, das nicht aus Rabbinern besteht, eine Verletzung der Würde der Rabbiner bedeute. Er unterzog auch die Tätigkeit des bisherigen „Mischpat Haschalom" einer vernichtenden Kriük und wies auf die Gefahr hin, daß die Protokolle des Gerichtes einmal eine Entwertung des „Choschen Mischpat" werden könnten. Als erste seiner Forderungen stellte er den Vorschlag auf, daß an jedem Kolonisationspunkt ein Rabbiner sein müsse, der mit Hilfe von zwei Laien das Recht spricht. Die zweite Frage, die im Mittelpunkt der Verhandlungen stand, war die Frage der Erziehung. Der Referent, Rabbiner Porat, protestierte dagegen, daß sämtliche Kindergärten sich in den Händen der Freisinnung befinden, und legte Verwahrung dagegen ein, daß der „Waad Hachinuch" mit der Hilfe der „Palästina- Kolninission" seine Aufsicht auch auf die orthodoxen Schulen ausdehne. Noch schroffer trat Dr. Mirkin gegen den Geist der bestehenden Schulen auf. Der Chachambaschi Usiel aus Jaffa und Dr. Keller aus Amerika verlangten dagegen Reformen auch in den orthodoxen Talmud Thoras und forderten die Einführung von profanen Unterrichts-Gegenständen, die Festlegung eines bestimmten Programmes, die Errichtung eines orthodoxen Gymnasiums usw. Die Konferenz ließ auch die Sprachenfrage nicht unbeachtet und es fand sich sogar ein Rabbiner, der zeigte, daß die Entwicklung der hebräischen Sprache zur Freisinnigkeit, und Gottlosigkeit führe. Dieser Redner scheint aber weniger Gehör gefunden zu haben als seine Vorredner auf dem Gebiete des Gerichts- und Schulwesens. Der entgegengesetzte Vorschlag, die hebräischen Sprache zur Unterrichtssprache an allen Schulen der Orthodoxie zu erklären, wurde von der Konferenz abgelehnt, es fehlte jedoch nicht an schönen Reden, in denen man die Bedeutung der hebräischen Sprache lobte und pries. Durchaus am Platze war jedenfalls die Schlußrede Chachambaschi aus Jaffa, in der er die Orthodoxie aufforderte, mehr Toleranz zu zeigen und aufrichtiger die Interessen der gesamten Judenheit Palästinas im Auge zu haben. (Anmerkung der Redaktion: So lautet der Bericht über den Verlauf der Konferenz in der zionistischen-„Jüdischen Rundschau". Die Tendenziösität dieses Berichtes ist augenfällig und es bleibt ein Bericht von orthodoxer Seite altzuwarten. Immerhin ist aus dem Bericht zu ersehen, daß die Orthodoxie in Palästina sich energisch zur Geltung bringen will, was nur mit Genugtuung zu begrüßen ist.) Ausspeisung armer jüdischer Kinder. Wie bekannt, besteht gegenwärtig in Wien eine seitens der amerikanischen Hilfskommission geleitete Aktion zur Ausspeisung armer Kinder, zu welchem Zwecke spezielle Kinderküchen errichtet wurden. Die jüdischen Kinder konnten zunächst an dieser Aktion nicht partipizieren, besonders war dies den Kindern der Orthodoxie versagt, die trotz ihrer notorischen Unterernährung nur rituell speisen wollen. In orthodoxen Kreisen ist deswegen der Gedanke entstanden, für die Errichtung spezieller jüdischer Küchen einzutreten. Herr Alfred Stroh hat sich in rühmenswerter Weise der Aufgabe unterzogen, diesbezüglich zu wirken. Es gelang ihm auch, Frau Anitta Müller hiefür zu gewinnen, und dank ihrer Intervention konnte der Gedanke realisiert werden. In . erster Reihe wurden zwei jüdische Kinderküchen, im II. und im XX. Bezirk, eröffnet. Demnächst steht die Eröffnung einer dritten Küche bevor. Seine Ehrwürden Herr Schiffschul- Rabbiner S. Fürst unterzog sich der Mühe, die rituelle Einrichtung der Küchen zu leiten und zu beaufsichtigen. Die Herren Ludwig und Sandor Adler, Lehrer Müller sowie Frau Herzog wirkten energisch mit, und dank diesen vereinten Bemühungen konnte das segensreiche Unternehmen durchgeführt werden. Die „Jugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen der Orthodoxie" hat die Registrierung und die Auswahl der in Betracht kommenden Kinder besorgt, und sie ist es auch, die die Leitung der Küchen beauffichtigt und zum großen Teile inne hat.