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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-01 · 28 (1.8.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
28 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 28 Jüdisehe Korrespondenz Seite 3 Und so gingen sie; und als sie die Erschlagenen haufenweise in den Straßen sahen, erhoben sie von neuem laute Klage. Etliche, die den Propheten kannten, fragten ihn, wer sein Begleiter wäre. „Es ist Mose," sagte er, „er will euch wieder sammeln und befreien." Des waren sie sehr froh. Doch eine Himmels stimme ward gehört: „Laß ab, du Amrainssohn, denn also ist des Ewigen Beschluß!" Da kehrten beide Männer um und kamen wieder zu den Vätern. Diese fragten sie: „Wie geht es unseren Kindern?" Und Mose sprach: „Die einen liegen hingemordet in den Straßen, die anderen verschmachten ohne Speise und Trank; noch andere gehen nackt und bloß umher, und wieder andere werden fortgetrieben, gefesselt und die Hände auf dem Rücken, daß sie nicht einmal ihre Tränen trocknen können, die zum Grind auf ihrem Antlitz werden müssen; noch andere gehen barfuß auf den Steinen, und andere liegen sterbend auf den Straßen." Da hebt von neuem sich der Jammer und der Väter Klage: „Weh des Tages, da unsere Kinder hungern müssen und vor Durst verschmachten! Weh des Tages, da unsere Kinder gehen müssen unbeschuht auf Kieselsteinen! Weh des Tages, da unsere Kinder auf den Straßen hilflos liegen und sich keiner ihrer annimmt! Weh des Tages, da ihre toten Leiber kein Begräbnis finden, eine Speise für des Feldes Tiere und die Vögel unterm Himmel! Weh des Tages, daß unsere Kinder mit gebundenen Händen wandern in die Sklaverei! Und wehe dir, du heiliges Gotteshaus, das eine Leuchte war für alle Völker, daß die Heiden dich entweiht und dich in Schutt und Trümmer legen durften!" Und Mose rief: „So fluch' ich, Sonne, dir, daß du dem Brand des Gotteshauses hast geleuchtet!" Doch die Sonne sprach: „Du treuer Hirt, was fluchst du mir, daß ich geleuchtet habe? Mußte ich nicht gehorchen?" Mose aber rief: „O weh des Tages, da das Licht der Welt erlosch, da die Priester in Gefangenschaft geschleppt und die Leviten hingemordet wurden samt den unschuldsvollen Kindlein! O, du Allbarmherziger, das ließest du geschehen, der du doch in deiner Thora hast verboten, selbst ein Tier mit seinem Kind am selben Tage zu töten?" Zuletzt kam Rahel, sie, die mütterlichste aller Mütter; eilends nahte sie und rief in Jammer und in Tränen: Herr, bei dir ist kein Vergessen, und so weißt du noch, wie Jakob treu um mich gedient, weil er so sehr mich liebte; wie mein Vater ihn die Juden erhoben. Am nächsten Tage erschienen etwa 100 Soldaten vor der Redaktion, die die Namensnennung des Einsenders verlangten. Erst nach längerer Zeit und Einschreiten von Polizei und Militär wurden die Ansammlungen zerstreut. Gegen diese Judenhetze wandte sich in einem Aufruf in der Zeitung der Kolberger Arbeiterrat, die „Sozialdemokratischen Parteien" und das „Gewerkschaftskartell" und warnten davor, sich von diesen bezahlten „Agenten der Gegenrevolution" verleiten zu lassen. Auch der Vorsitzende der Kriegsbeschädigten-Organisation Kolbergs richtete sich gegen diese Hetze, die bereits dazu geführt hatte, daß jüdische Badegäste öffentlich belästigt wurden. * Polen scheint sich endlich entschlossen zu haben, der antisemitischen Hetze einigermaßen entgegenzutreten. Die Korrespondenz „Expreß" berichtet: Der polnische Generalkommiffär für die östtlichen Länder, Teile des Großherzogtums Litauen und Wolhynien, Osmoldsowski, erteilte den Vertretern der Warschauer Presse Informationen über die Verhältnisse in den von ihm verwalteten Ländern. Er betonte ausdrücklich, daß die polnische Politik in den Gebüten. welche von einer gemischten Bevölkerung, namentlich Polen, Weißruthenen und Juden, bewohnt sind, darauf bedacht sei, diesen Ländern volle Selbstverwaltung zu geben, ohne der endgültigen Entscheidung über ihre staatliche Zugehörigkeit vorzugreifen. Ein großer Teil der Juden, namentlich die studierende Jugend und die kommunistisch gesinnten Arbeiter, sind russenfreundlich, dagegen suchen die Orthodoxen eine Anlehnung an die polnische Republik. Nach einer weiteren. Meldung der Korrespondenz „^preß" wurden, wie das polnische Amtsblatt „Monitor" vom 25. d. M. berichtet, die Zeitung „Pravda robotnica" und die Wochenschrift „Rozwoj" eingestellt und gegen die Redakteure ein Verfahren wegen Verhetzung eines Teiles der Bevölkerung eingeleitet. Es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie einige antisemitische Artikel erscheinen ließen. Zur Abwechslung langen furchtbare Nachrichten aus der Ukraine ein: Aus Odessa in Paris ankommende Reisende geben Schilderungen betrog, indem er ihm statt meiner meine Schwester Lea gab. Wohl hatte ich seine Absicht schon gemerkt und solches meinem Manne mitgeteilt, und beide hatten wir ein Losungswort bestimmt, an dem wir uns am Hochzeitstage erkennen wollten, um des Vaters Trug zu hintertreiben. Doch was sollte aus meiner Schwester werden? So fragte ich mich; und ich beschloß, sie vor Beschämung zu bewahren und verriet ihr unser Losungswort, und sie ward Jakobs Gattin. Das habe ich getan und bin doch nur ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen; habe jegliche Begier, habe Neid und Eifersucht in mir getötet! Und du, Erhabener, des Name sei gelobt in Ewigkeit, willst du der nichtigen Götter wegen, die sich meine Kinder machten, so in Eifersucht geraten, daß du sie verstoßest? Nein, ich kann es nicht glauben, und nicht hören meine Tränen auf zu rinnen, und nicht enden meine Klagen, bis du wieder meiner Kinder dich erbarmst." Da sprach der Herr: „So hemme deine Klagen, meine Tochter! Deine Augen sollen fürder Tränen nicht vergießen. Es gibt für deine Taten einen Lohn, und deine Kinder kehren wieder aus dem Feindesland." (Jerem. 31, 16.) Jüdische Kinder nach Lolland. Im Rahmen der Ferienaktion für jüdische Kinder ging Montag der zweite Transport erholungsbedürftiger Wiener jüdischer Kinder nach Holland ab, wo sie bei jüdischen Familien Erholung finden werden. 500 Kinder sind diesmal abgereist, davon mehr als die Hälfte aus orthodoxen Familien, die auch in Holland in strenggläubigen Häusern Unterkunft finden werden. Die Initiative zu dieser Holland-Aktion ging diesmal von orthodoxer Seite aus. Ueber Anregung des „Jeschurun", Verband der thoratreuen Jugend, hat sich dessen Vorstandsmitglied, Herr Alfred Stroh, an die glaubenstreuen Kreise in Holland gewendet mit dem Ersuchen, es möge in Holland ebenso wie in der Schweiz eine Aktion zwecks Unterbringung Wiener jüdischer Kinder während der Ferien unternommen werden. Das Ersuchen fand bereitwilliges Gehör, und nachdem der Boden für das Unternehmen entsprechend vorbereitet war, setzte sich Herr Stroh mit der Frau Anitta Müller, der Seele der jüdischen Jugendfürsorge in Wien, in Verbindung, und so wurde die Aktion glücklich zur Durchführung gebracht. Besondere Verdienste haben sich von orthodoxer Seite Herr Alfred Stroh und Frau Herzog erworben, welche weder über die in der Ukraine stattgefundenen Judenschlächtereien. Die Juden wurden von den roten Truppen des Verrates an der kommunistischen Sache beschuldigt, während ihnen die antibolschewikischen Armeen wieder vorwerfen, daß sie die Bolschewiken unterstützen. Ganze jüdische Gemeinden wurden von den Horden hingemordet, wobei weder Frauen noch Kinder geschont wurden. Plünderungen sind an der Tagesordnung. Die in den einzelnen Orten zerstreut lebenden Juden haben sich größtenteils in die benachbarten Städte geflüchtet und all ihr Hab und Gut besteht meistens nur in dem, was sie auf dem Leibe haben. In den Städten herrscht Wohnungsmangel, und unter diesen wie Tiere zusammengepferchten Juden wüten Seuchen jeder Art, zu deren Bekämpfung weder Medikamente noch Aerzte in genügender Zahl vorhanden sind. Auch beginnen die Lebensmittel knapp zu werden und haben bereits derartige Preise erreicht, daß sie für die geflüchteten Juden unerschwinglich werden. Man sieht daher Scharen von bettelnden Frauen und Kindern auf den Straßen, die ein Stück Brot erflehen. Ein Komitee jüdischer Delegationen bei der Friedenskonferenz bestreitet die Dementis der Judenmassakers in der Ukraine Die Pogrome hätten Zehntausende Leben gekostet und hätten die vollständige Ausrottung der Juden zum Ziele. Es werden llnter anderem folgende Detailziffern angegeben: Zitomir ist vollständig verwüstet, 70 Tote, Hunderte von Verwundeten. In Proskurow sind nach den von einem Arzte angegebenen Ziffern 3964 ansässige und zahlreiche durchreisende Juden getötet worden. In Filtschin ist die ganze jüdische Bevölkerung, mehrere Tausende, bis auf 25 Familien getötet worden, das ganze jüdische Viertel ist durch Brandbomben vernichtet. In Kamienetz Podolski sind hundert Personen getötet worden. Verschiedene jüdische Kolonien im Gouvernement Jekaterinoslaw sind vernichtet. Die Liste führt mehr als 80 Ortschaften an, wo Morde, Schändungen und Plünderungen begangen wurden. * Man sieht, die Lage der Juden ist nur allzu geeignet, eine Tischebeab-Stimmung auszulösen. Star.

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