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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-01 · 28 (1.8.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
28 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 28 jüngsten Beschlüssen in Weimar — die Trennung von Staat und Kirche in Deuischösrerreich Tatsache wird, in welchem Falle die Orthodoxie eigene Gemeinden wird bilden müssen. Daß diese Gemeinden blühen und gedeihen werden, unterliegt wohl keinem Zweifel. Mit dem Austritt wären die orthodoxen Juden gleichzeitig der Bevormundung und angemaßten Vertretung durch die „Nationalräte" ledig, denen Mandate niemand erteilt hat. Dieses Ziel zu erreichen und ein sür allemal sestzustellen, daß die Nationalräte von der großen Majorität der Wiener Judenschaft kein Mandat haben, dazu könnte das negative Programm des „nicht national-jüdischen Wahlkomitees" die Handhabe bieten. Um Mißverständnissen vorzubeugen, die gern künstlich erzeugt werden, kann nicht oft genug wiederholt werden, daß wir orthodoxe Inden unseren Nationalismus nie verleugnet haben, daß sich durch unser heiliges- Schrifttum die Bezeichnung als Volk wie ein roter Faden zieht. Wir sind jedoch nur als Gottes Volk, als heiliges Volk ein Volk. Ein jüdisches Volkstum, dessen Quintessenz nicht die Lehre, das heilige Gesetz ist, ist genau so ein leerer Schall, wie die nur negierende Reform. Das Ende beider sind Tauflisten.. . . _ Plauni - Almauni. Die Zerstörung Jerusalems. (Dem Midrasch nacherzählt.) Als die Babylonier Jerusalem erobert und den heiligen Tempel angezündet hatten, als die Leichen der Erschlagenen die Straßen bedeckten und das Wehgeschrei der Sterbenden die Luft erfüllte, eilte der Prophet Jeremias zu den Gräbern der Erzväter unb rief: „Wacht auf, ihr Väter, verlasset eure Gräber und kommt mit mir vor Gottes Thron!" Sie aber sprachen: „Was ist geschehen, daß du uns gerade heute rufft?" „Ich weiß es micht", sprach Jeremias, denn er scheute sich, die Wahrheit zu gestehen, weil sie ihm den Vorwurf machen möchten, er habe ihre Kinder nicht genug gewarnt, sie wären sonst nicht so vom Gotte ihrer Väter abgefallen. Dann eilte der Prophet zum Berge Nebo hin und rief: „O Amrams Sohn, steh' auf aus deinen! Grabe und sieh, was aus dem Tempel und aus deinem Volk geworden ist!" Jüdischer Mm. (Judenhetze und Pogrome.) Die Judenhetze will von der Tagesordnung nicht verschwinden und ebensowenig die Rubrik „Judenpogrome" aus den Spalten der Blätter. Bald da, bald dort wetterleuchtet es stärker. Der „ewige Jude" findet nie und nirgends Ruhe. D* *r „Abend" veröffentlicht folgenden, angeblich von der Szegediner Regierung ausgehenden Aufruf, der in Ungarn gegen die Räteregierung verbreitet wird. Jntereffant ist auch, daß dieser Aufruf in der Druckerei der Wiener „Reichspost" hergestellt wurde. Der Aufruf lautet: Ungarische Brüder (Blutsbrüder)! Fünf Jahre lang haben wir uns mit der ganzen Welt herumgeschlagen. Rach fünfjährigem Leiden sind uns die Budapest er Juden an den Hals gekommen, die sich während des Krieges in ihren Häusern verborgen hielten, und saugen uns jetzt unseren letzten Tropfen Blut noch aus. Sie haben unser Vaterland, uns selbst und unser Alles vernichtet. Sie haben das Land und das arbeitende ungarische Volk ausgeraubt. Sie wissen nun, daß ihre letzte Stunde geschlagen hat. Sie wollen jetzt in Sicherheit kommen. Die Macht wollen sie jüdischen Genossen übergeben — die sie rennen ließen —, damit diese die Gaunereien, die sie früher getan, weiter betreiben können. Michael Karolyi hat das Land an die Juden verkauft, er selbst ist geflüchtet, und jetzt wollen ihm seine Komplizen folgen. Christen, glaubt nicht an die Komödie, die in Budapest den Anfang genommen hat; den kürzeren werdet nur ihr ziehen! Wir wollen reine Arbeit im Land machen; ehrliche ungarische Ordnung muß geschaffen werden. Und Mose fragte, wie die Väter: „Was ist denn geschehen? Warum rufft du mich gerade heute?" Und wieder sagte der Prophet: „Ich weiß es nicht", und ging von ihm. Mose aber fragte einige Engel — er kannte sie vom Sinai her — warum denn Gott ihn heute rufen ließ. Sie sprachen: „Weißt du nicht, daß Gottes heiliger Tempel niederbrannte und daß Israel gefangen fortgeführt wird?" Als Mose dieses hörte, erhob er laute Klage, raufte sich das Haar und eilte zu den Vätern. Als diese ihn laut klagend und in Tränen kommen sahen, fragten sie ihn, warum er so klage. Und Mose sagte ihnen, was er wußte, und sie stimmten ein in seine Klagen und folgten ihn: bis an des Tempels ausgebrannte Pforten. Dort standen sie, und neu erhob sich ihre Klage. Gott aber ließ sich also hören: „Ihr Lieben, sagt, was wollt ihr hier vor meinem Hause? Was führt euch aus der langen Grabesruh hierher?" Und Abraham begann: „O Herr der Welt, wohin sind meine Kinder? Waruni hast du sie verworfen und gestraft, wie nie ein Volk auf Erden ist gestraft und schmachbeladen? Und hast des Bundes nicht gedacht, den du mit mir geschlossen und mit ihnen?" Nun trat auch Isaak vor und sprach: „Als mich mein Vater opfern wollte, habe ich mich nicht gesträubt; willig bot ich meinen Hals ihm, denn ich wußte, daß du es befohlen. Hättest daran du gedacht, du hättest meine Kinder wohl verschont." Dann sprach der fromme Jakob: „Zwanzig schwere Jahre habe ich Laban dienen müssen, stets bedroht von Hinterlist und Neid; dann mußte ich mich vor meinem Bruder Esau fürchten; dann folgten trübe Jahre, die mir meine Kinder schufen, so daß ich wenig Freude in meinem Leben hatte; und dennoch habe ich deiner nie vergessen. Hättest daran du gedacht, so hättest du Barmherzigkeit geübt an meinen Kindern." Auch Mose sprach: „O Herr der Welt, bin ich nicht vierzig Jahre lang der treue Hirt gewesen, der Israel geleitet, hat? Und da es einziehen sollte in sein Land, da ließest du mich sterben. Nun aber, da es ihm so schlecht ergeht, jetzt rufst du mich?" Und zum Propheten Jeremias hin sich wendend, sprach er: „Komm du und folge mir,. daß wir das Volk von neuem sammeln, und ich es wieder in sein Land verpflanze!" Doch der Prophet erwiderte:. „Die Straßen sind versperrt von ungezählten Leichen." „Komm immerhin!" sprach Mose. Wartet mit Geduld! In kurzer Zeit werdet ihr sehen, daß wir euch nicht verlaßen haben! Glaubt den Budapestern nicht! Was sie auch immer machen, zum Schluffe seid ihr doch immer wieder die Betrogenen! Christliche ungarische Bauern und Arbeiter, ihr seid die Mehrheit im Lande! Ihr dürfet nicht zulaffen, daß fremde Vampire euer Blut saugen! Wartet mit Gedulo! Wir kommen! Die Stunde der Freiheit naht! * Also die Gegenrevolutionäre beschuldigen die Juden umstürzlerischer Handlungen und wollen sich dafür rächen. Man sollte meinen, daß die radikalen Elemente zumindest den Juden freundlicher gesinnt sind. Aber weit gefehlt: auch die Sozialdemokraten in Tirol sind den Juden nicht grün. So wird berichtet: Leute, die nach Tirol einreisen wollen, um sich in einer der vielen Sommerfrischen dieses Landes zu erholen, machen die merkwürdigsten Erfahrungen. Ihre Gesuche um die Einreisebewilligung werden entweder gar nicht beantwortet — obzwar der vorgeschriebene Stempel beigelegt war — oder brüsk abgelehnt. Letzteres dann, und zwar durchgängig und ausnahmslos, wenn der Gesuchsteller einen jüdisch klingenden Namen trägt. Diese Praxis wird aber erst seit dem Zeitpunkt betrieben, wo die sozialdemokratischen Arbeiterräte die Kontrolle der Einreisen an sich genommen haben. - * Auch Deutschland will nicht zurückbleiben. So wird aus Kolberg gemeldet, daß seit einiger Zeit allabendlich am Strande und auf den Promenaden antisemitische Hetzplakate schlimmster Sorte angeklebt wurden. Hiegegen wandte sich in der „Kolberger Zeitung" ein jüdischer Einwohner der Stadt. In derselben Nummer der „Kolberger Zeitung" hatte ein gewisser Johann Bauduin sich entrüstet dagegen verwahrt, daß deutsche Soldaten jemals einen Pogrom machen würden, gleichzeitig aber die üblichen dummen Beschuldigungen gegen

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