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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-01 · 28 (1.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
28 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bezugspreis: Ganzjährig K 16, halbjährig K 8, vierteljährig K 4. — Ausland jährlich K 30. Einzelnummer 40 Heller. Argon des orthodoxen 3ndentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Erscheint jeden Freitag. Nr. SS Wien, 5. Ab 5679, 1. August 1919. V, Jahrgang. Tisch« beab. Mit der Brandfackel, die die Soldaten des Titus an den heiligen Tempel zu Jerusalem gelegt haben, ward erst der Schlußatt der Tragödie vollzogen, die die Vernichtung des letzten Restes des jüdischen Staatwesens bildete. Das Land war längst vollständig von der römischen Soldateska überflutet; die Städte vernichtet, die Festungen geschleift, Aecker und Gärten zerstampft und das Gros des Volkes versklavt. Auch die Residenzstadt Jerusalem befand sich seit Wochen in der Macht der Römer; nichts war dem Volke zurückgeblieben, .als das Beth Hamikdasch, der heilige Tempel zu Jerusalem, der Brennpunkt des religiösen Lebens. Jnsolange jedoch das Haus des Ewigen aufrechtstand, konnte der Feind nicht triumphieren, war die Souveränität des jüdischen Volkes nicht vernichtet. Erst als die Brandfackeln der Römer auch den Tempel zerstörten, war das letzte Wort gesprochen. Der 9. Ab, an dem sich dieser letzte Akt der Tragödie abspielte, ward zum zweiten Male ein Trauer- und Festtag flir ganz Israel bis auf den heutigen Tag. Jawohl, erst die Zerstörung des Beth Hamikdasch vernichtete die Herrlichkeit des jüdischen Volkes, des Gottesvolkes, das nur dann seine Volksexistenz gesichert sehen kann, wenn es der Gotteslehre treu bleibt, wenn das Heiligtum der Brennpunkt seines Volkslebens ist. Rabbi Jochanan ben Sakkai wußte gut, was er tat, als er von Vespasianus die Erhaltung der Hochschule von Jabne und ihrer Gelehrten erbat. Die Hochschule von Jabne, die Stätte der Gotteslehre, war dazu bestimmt, das Heiligtum zu Jerusalem, dessen Schicksal besiegelt war, zu ersetzen in dem Sinne, daß von ihr nunmehr die Lehre und das Wort Gottes ausgehen sollen. Der Triumph des Feindes ob der Zerstörung des Beth Hamikdasch währte nicht lange, Jabne und ihre Gelehrten haben dem Judentum einen vollwertigen Ersatz geboten. Die Thora, die der Feind mit dem Churban beth scheni aus der Welt geschaffen wähnte, begleitete das jüdische Volk auf seiner Wanderung durch die Diaspora und bot ihm Schutz und Schirm bis auf den heutigen Tag. „ Im Zeichen der Thora wird Israel auch seine Erlösung finden. Wie die Niederbrennung des Heiligtums den Schlußakt der Tragödie bildete, so wird erst die Wiederaufrichtung des Heiligtums die Wiederherstellung der Herrlichkeit Israels bilden. Alles andere ist leerer Schall. „Li ato ha-schem bo-esch hirato ubo-esch ato ossid liwnauto." Mittels Feuer hat der Ewige Jerusalem zerstört und im Zeichen des Feuers — . rn-w'tt ~ wird es wieder aufgerichtet werden. Der Ewige ist der Tröster Zions und der Wiedererbauer Jerusalems! Achad'haoabanim. Zu den Kultuswahlen in Wien. In diesen Blättern wurde die Rolle der Orthodoxie bei. den-. Nächsten Wahlen skizziert. Da uns noch Monate von denselben trennen, ist eine Auseinandersetzung verfrüht, um so mehr als ja doch in Wien jüdische Angelegenheiten leider stets einen langen Sommerschlaf halten. Von Ende Mai bis September ist kaum irgend eine beschlußfähige Sitzung zu erreichen. ..Dies ist mit ein Grund, weshalb in Wien auf dem Gebiete jüdischer Organisation und zielbewußter Tätigkeit wenig zu erreichen ist. Man muß eben in allen Vereinen und Organisationen im Herbste wieder von vorne anfangen und kommt in den Paar Wintermonaten nicht weit. Da es der Wiener Judenheit aller Schattierungen auch an hervorragenden Männern fehlt, die selbständig Großes zu vollbringen vermögen (der Wiener läßt sich ja gerne führen, nörgelt, aber folgt), stehen wir gegenüber dem Ausland weit zurück. Eine Ausnahme machen die Zionisten, die sich als junge Partei, die ihre Position um jeden Preis und mit allen Mitteln erringen will, keine Kampfpause gönnt. Allerdings haben die Herren leichteres Spiel; da sie (bis auf verschwindende Ausnahmen) für Thora, Awaudo und Gamilos-chassadim (Lehre, Religionsübung und Wohltätigkeit) — sie hassen das Schnorrertum und begreifen darin alles, was nicht national-produktiv arbeitet — weder Zeit noch Mühe noch Geld übrig haben, haben sie eben sehr viel Zeit für ihre eigenen Bestrebungen. Nun zur Sache. Die radikalen Orthodoxen sind der Ansicht, daß ihre Vertreter in der Kultusstube nichts zu suchen haben, da — wie sich eine führende Persönlichkeit ausdrückte — die Rolle des jüdischen Protestanten zu lächerlich ist. Und doch könnten die orthodoxen Vertreter stets nur protestieren. Ob es sich darum handelt, Religionslehrer, die am Sabbat vor ihren Schülern schreiben; Kantoren, die nichtz^ituell speisen; Rabbiner, die den Talmud kaum dem Namen nach kennen, anzustellen; oder Gemeindeinstitutionen, oder von der Gemeinde subventionierter Nicht-Koscher zu führen oder in Wohlfahrtsdingen den langen Rock nahezu als Ausschließungsgrund zu behandeln, wie dies, dem Himmel sei's geklagt, in allen größeren Wohltätigkeitsanstalten der Fall ist; in all diesen Fällen werden die Vertreter der Orthodoxie überstimmt werden und protestieren. Eine vieljährige Erfahrung ergibt, daß jeder Versuch, das Gemeindewesen religiöser zu gestalten, vergebens ist; die Kämpfe der Orthodoxie wurden stets nur zur Verteidigung geführt, wenn der hochwohlweise Kultusvorstand die Errichtung eines Minjan oder einer verläßlich koscheren Fleischbank verhindern oder sonst die Zirkel der Orthodoxie stören wollte. Diese Kämpfe wurden mit der nötigen Schärfe geführt und endigten stets mit dem Siege der Orthodoxie, weil diese eben nichts verlangte, als für ihr Geld nach eigener Fasson selig zu werden. Wenn solch ein Kampf harte Forme,: annahm, kamen die Kultusgewaltigen schließlich doch zu der Einsicht, daß kein objektiver Verwaltungsrichter ihnen Recht geben könne und — ließen uns gewähren. Wie sich die Verhältnisse gestalten werden, wenn die Nurnationaljuden t in größerer Zahl in den Vorstand gelangen, läßt sich nicht vorhersehen. Die Verhandlungen auf dem Jugendtag in Berlin, auf dem Reichstag in Berlin und an anderen Orten lassen befürchten (unser äußerster Flügel sagt: hoffen), daß, ein Ausgleich mit selben nicht möglich ist. Dann bleibt der Orthodoxie nur mehr der Weg ins 'Freie: Der Austritt aus der Gemeinde. ' Auch diese Eventualität wurde schon in orthodoxen Kreisen vielfach erwogen, und die Partisane der Trennung haben eine diesbezügliche Agitation nur zurückgeftellt, weil die deutschösterreichische Nationalversammlung noch für geraume Zeit weit wichtigere Dinge zu tun hat, als sich mit Judensachen zu beschäftigen. Auch läßt sich derzeit noch nicht bestimmen, ob nicht denn doch — gegen alle Wahrscheinlichkeit, besonders nach den

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