Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-03-13 · 8-9 (13.3.1919) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
8-9 (13.3.1919)
Date
1919-03-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495426--0868-3496706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdische Korrespondenz. Seite 7 Eigentum der jüdisches Bevölkerung auf Grund des internationalen Rechtsgrundsatzes. Gewährleistung der gleichberechtigten Berücksichtigung der jüdischen Wirtschaftsgebiete bei Wiederaufbau aus internationalen Mitteln. 2. Volle, tatsächliche, bürgerliche, politische und -wirtschaftliche Gleichberechtigung sowie unbeschränkte Religionsübung. 3. Gewährleistung des Rechtes auf Bildung staatlich anerkannter jüdischer Gemeinwesen. Für die staatsrechtliche Form dieser Gemeinschaftsbildung müssen die Ansprüche und die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung, die in den verschiedenen Ländern verschieden sind, sowie die besonderen Verhältnisse jedes Landes maßgebend sein. Im Besonderen fordern wir Schütz des Sabbats und Selbstbestimmungsrecht der Eltern auf dem Gebiete des Schulwesens. - Anmerkung: Das in der heutigen Resolution in Aussicht genommene eventuelle gemeinsame Vorgehen mit anderen Organisationen gegenüber dem Friedenskongreß berührt in keiner Weise die UeberzeugMg von der Notwendigkeit dauernder Selbständigkeit der auf der Konferenz vertretenen thoratreuen Organisationen und den Willen, in dieser Selbständigkeit zu verharren. Die Diskussion wird durch ein Referat des Rabbiners Dr. Munk (Berlin) eingeleitet. Der Referent erklärt: Es wäre ein Zeichen unverzeihlicher Gleichgültigkeit, wenn über diesen Punkt keine Meinungsverschiedenheit herrschen sollte. Ich habe gegen den Zionismus öffentlich Stellung genommen, auch gegen den Misrachi. Aber die Person habe ich völlig von ihrer Anschauung getrennt, besonders gegenüber dem Misrachi. Ich billige ihnen guten Glauben zu. Sie wollen sicherlich das Beste. Wer von uns hat das Recht, zu sagen, der und der dient nicht der Sache? Oder er reitet das Volk in den Abgrund hinein? Aber auch wir haben das Recht, dies für uns -in Anspruch zu nehmen. Der Krieg hat vieles seiner Bewegungskraft entkleidet. Aber auch manches ins Leben gerufen. Beispielsweise auch die Bestrebungen der Zionisten, die früher zum Warten für lange Zeit verurteilt waren. Der Krieg hat neue Probleme aufgeworfen und alle aufgerufen, über dieselben nachzudenken und ihre Stellung zu präzisieren. Sicherlich haben die Zionisten hiefür mehr vorgearbeitet, als die Orthodoxie. Entschuldigen brauchen wir uns deswegen nicht. Die Orthodoxie hatte sich soviel mit den Tagesfragen zu befassen, daß ihr nicht viel Zeit für die anderen Fragen übrig blieb. Zum Jischnw-Erez-Jisroel haben wir stets positiv Stellung genommen. Für den Zionismus war dies ein Spezialbestreben und er konnte' sich ihm ganz widmen. Heute aber haben auch wir die Pflicht, auf diesem Gebiete unseren vollen Eifer in Bewegung zu setzen. Keineswegs ist es unsere Absicht, unter allen Umständen getrennt zu marschieren. Niemand ist heute in der Lage, zu sagen, wie die Dinge sich gestalten werden. Es scheint eine Frucht zu reifen, aber wir wissen , nicht, ob sie reif wird. Unsere Hoffnung ist es und wir werden von dieser Hoffnung nicht lassen. Wir müssen aber dafür sorgen, daß, wenn das Land den Juden gegeben wird, die Jerejim davon nicht ausgeschlossen bleiben. Das Land darf nicht einem Teile des Volkes gegeben "werden, der durch irgendeine politische Haltung charakterisiert wird, sondern dem ganzen Volke. Wir müssen die Forderung stellen, daß wir dort voll und ganz im Sinne und Geiste der Thora leben und gebieten können. Deswegen müssen wir in die Erscheinung treten, und zwar dort, wohin die ganze Welt blickt, wo man gehört und verstanden werden kann. Nicht indirekt, sondern direkt. Davon können wir unter keinen Umständen lassen. Es handelt sich um die Form, in welcher wir dies tun werden, ob wir getrennt marschieren müssen oder ob wir gemeinsam Vorgehen wollen. Es besteht bei uns nicht die Absicht, unbedingt selbständig vorzugehen. Wir rechnen mit der Möglichkeit und haben die Geneigtheit, mit den Anderen Lusammenzugehen. Wir haben aber auch Pflichten nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Wir haben die Pflicht, vorauszusehen, ob eine gemeinsame Tat mit Kreisen, deren Anschauungen den unseren zuwiderlaufen, vorteilhaft sein kann. Wir müssen uns selbst und unseren Kindern sagen, es ist ein- Irrtum, anzunehmen, daß wir damit unseren Anschauungen untreu geworden sind. Wir müssen im Voraus erklären, daß unsere Gewissensanschauung, durch dieses eventuelle gemeinsame Vorgehen unberührt bleibt. Deswegen der letzte Zusatz als Reservation nach innen. Delegierter Rosenheim: Es war nicht so leicht, dieser Resolution die richtige Form zu geben. Lange Beratungen gingen voraus. Es herrschten in unserem Kreise verschiedene Ansichten über die Form, wie wir nach außen austreten sollen. Es ist gelungen, zuerst unseren eigenen Willen festzustellen, zugleich aber den Mächten der Erde den Entschluß kundzugeben, möglichst einen einheitlichen Willen vorzubringen. Die Resolution ist unter Berücksichtigung aller Nuancen festgeftellt worden. In der Kommission waren alle Richtungen vertreten. Sie verdient das Vertrauen,- daß die Resolution en bloe angenommen werde. Delegierter Pines betont die Notwendigkeit, nach außen hin-eine einheitliche Front zu zeigen. Hinsichtlich Palästinas soll es eigentlich keine Meinungsverschiedenheiten geben. Oberrabbiner Dr. Sacerdotti wünscht Aufklärung darüber, ob die Delegierten der Konferenz sich mit der zionistischen Kommission in Verbindung setzen oder die Resolution direkt der Friedenskonferenz vorlegen werden. Referent Dr. Munk und Oberrabbiner Margul ies erklären, daß zunächst eine Verbindung mit den Zionisten gesucht werden wird. Dr. Isaak Breuer: Die Würde der Orthodoxie darf nicht gering geschätzt werden. Sie muß gewahrt werden, denn sie ist zugleich die Würde der Thora. Wir wissen noch gar nicht, wie sich die zionistische Organisation zu einem gemeinsamen Vorgehen stellt. Wir wollen den Versuch einer Verständigung ehrlich und aufrichtig. Die zionistische Organisation spielt sich bisher aks der legitime Vertreter der jüdischen Nation auf. Wir können ihr dieses Recht nicht zubilligen. Wir müssen Parität verlangen. Wir können nicht im Schlepptau an den Rockschössen der Zionisten marschieren. Wir verlangen Palästina in der Sprache des jüdischen Volkes, nicht in der Sprache der letzten 30 Jahre. Die Zionisten müssen uns dankbar sein, wenn wir ihre politischen Forderungen mit unseren Argumenten unterstützen. Auch Rabbiner Kuk (Jerusalem) drückte den Wunsch aus, die politischen Forderungen der Zionisten mit religiösen zu unterstützen. Die Zionisten wissen gut, was sie von unserer Stellung zu halten hätten. Die jüdische Oeffentlichkeit stellt die offene Frage: Wollt Ihr Euch dem Zionismus anschließen oder nicht? Wir müssen klar und deutlich antworten: Nein! Es handelt sich nur um ein gemeinsames,Vorgehen bezüglich Palästinas. Sonst können wir nur von Macht zu Macht gegeneinander stehen. Die Thora will König sein im Israel, sie will herrschen und nicht geduldet sein. In der Abendsitzung verliest Delegierter Rosenheim über Wunsch des Oberrabbiners Dr. Sacerdotti eine Instruktion.an die Delegierten der Konferenz, zunächst einen'Verständigungsversuch zu unternehmen und nur im Ablehnungsfälle selbständig vorzugehen. Delegierter Landau (Grodno) spricht sich für das möglichste Entgegenkommen den Zionisten gegenüber aus, um ein gemeinsames Vorgehen herbeizuführen. Delegierter Frankel (Budapest) empfiehlt die unveränderte Annahme der Resolutton. Es handelt sich jetzt um den Anfang der Erlösung. Die wirkliche Geula im Sinne des „Ani mamin“ wird erst kommen. An diesem Glauben halten wir fest. Nachdem noch Dr. Kohn (Basel), Rechtsanwalt Dr. H o r o w i tz (Frankfurt a. M.) und der Referent Dr. Munk gesprochen haben, empfiehlt Oberrabbiner Schapira (Kowno) die Resolution zur Annahme. Dieselbe, das heißt der erste Teil bezüglich Palästinas, wird auch in der vorgelegten Fassung angenommen, ebenso die Instruktion im Sinne des Antrages Dr. Sacerdotti. Dienstag-Sitzung. In der Sitzung vom Dienstag, den 25. Februar, gelangte der 7. Punkt der Tagesordnung, „Die Rechtsstellung der Juden in der Diaspora'", zur Verhandlung. Rabbiner Dr. P. Kohn (Ansbach) erklärt zunächst, bloß im eigenen Namen zu sprechen. Für den orthodoxen Juden gibt es nur ein konstruktives Moment der Nation: die Thora hakedaufcha, die Verpflichtung zur Thora. Dies allein macht uns zur Nation. Man hat dafür in jüngster Zeit neue Worte gesucht: Gottesvolk, Religionsnation usw. Nun liegt aber eine große Gefahr vor. Es ist in diesen Tagen so viel davon gesprochen worden, was wir unserer Jugend schuldig sind. Was sind wir der künftigen Generation schuldig? Die Stellungnahme der heuttgen Konferenz ist von großer Bedeutung, deswegen muß auch die Verantwortung groß sein. Die Bindestrich-Begriffe werden fortfallen und das Wort „Nation" wird bleiben. Wir haben das nationale Dasein durch 2000 Jahre unter Leiden und Drangsalen erhalten. Wo waren die Bausteine, aus denen man es heute hätte zusammensetzen können? Es gibt ein jüdisches Volkstum, aber es. ist latent. Es ist dies unsere innere Angelegenheit. Wir verlangen von den Völkern, daß wir es erhalten können, als am echod, als gau echod. Die Beschuldigung, die Gedaule Hathora hätten das jüdische Volk für ein Linsengericht verkauft, ist falsch. Es kamen die Zeiten, da der nationale Gedanke wieder lebendig geworden ist, man konnte mit der Religion die Herzen der Jugend nicht mehr ausfüllen. Man suchte nach einer Weltanschauung. Der Zionismus dachte, das nationale Sein sei verloren, wenn es nicht seinen Ausdruck in realen Tatsachen findet. Der Nationalismus muß die Formen annehmen, die er sich im 19. Jahrhundert geschaffen hat. Karl Renner kam ihm zu Hilfe mit seiner national-kulturellen Autonomie ohne eigenes Land. Wir haben aber auch Anspruch auf ein nationales Land. Da begann der Unterschied zwischen „national" und „nationalistisch". National sind wir alle, nationalistisch nicht alle. Nationalistisch ist die Frage gestellt im Verhältnisse zu den anderen Völkern, welche uns entweder als gleichberechtigt in sich ausgenommen oder vor die Türe gefetzt haben. Man darf nicht sagen, wer den Nationalismus bekämpft, tue es im Interesse seiner persönlichen Vorteile. Mit solchen giftigen Waffen kämpft man nicht im Kreise anständiger Menschen. Wir würden nicht ein I-Tüpfelchen für die ganze Emanzipation preisgeben. Wir würden es vorziehen, als „Fremde" behandelt zu werden. Etwas anderes ist es aber, und damit komme ich über Polen zu sprechen, wenn es jemandem scheint, das nationale Sein ohne nationalistische Ansprüche erhalten zu können. Wer hat das Recht, einen Stein auf ihn zu werfen. Es ist leicht, von Berlin aus zu sagen, die Juden im Osten müßten nationalistisch sein, wenn man für sich selbst alle Rechte behält und die anderen großen Gefahren aussetzt. Es darf kein Unterschied sein zwischen Ost und West. Es wirkt verbitternd, speziell in Polen, wenn es heißt, die Brüder in Polen müssen das Versuchskaninchen für Experimente abgeben. Es ist begreiflich, wie hoch das polnische Volk sein nationales Dasein einschätzt/ wenn uns auch die Formen nicht angenehm sind, weil aus einem Patriotismus ein heilloser Chauvinismus sich entwickelt hat. Die Polen wollen einen Nationalstaat haben. Die Frage tauchte auf: sollen die Juden den polnischen Traum stören? Ist es notwendig, für die Erhaltung des Judentums in Polen nationalistische Ansprüche zu stellen? Besonders nachdem die Polen erklären, sie würden derartige Forderungen als Kriegserklärung auffassen. Es wäre ein Danaergeschenk, wenn die Polen heute Entgegenkommen zeigten. Die Juden in Polen müssen leben und wenn heute unter ihnen unter dem Eindruck der Pogrome nationalistische Strömungen überwiegen, morgen könnten andere Strömungen aufkommen. Die Konferenz darf keine Beschlüsse fassen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Dort, wo kein Nationalitätenstaat vorhanden ist und nur die Juden dazu beitragen würden, sollten derartige Forderungen nicht gestellt werden. Der Redner verwahrt schließlich die deutsche Orthodoxie gegen den Vorwurf, in Polen andere als Klal-Jisroel-Jnteressen vertreten zu haben. Es wird eine Zeit kommen, wo man die Sache anders beurteilen wird. Es wird eine Zeit kommen, wo die Jugend an uns mit der Bitte herantreten wird: ein Königreich für eine Weltanschauung!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.