Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-03-13 · 8-9 (13.3.1919) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
8-9 (13.3.1919)
Date
1919-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495426--0869-3496707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8 Jüdische Korrespondenz. Nr. 8/9 Oberrabbiner Horowitz (Bohorodczany): Es ist selbstverständlich, daß die Juden eine Nation sind. Aber man muß in Erwägung ziehen, daß wir uns nur als Gottesvolk betrachten. In Ostgalizien dürsten wir den Anspruch aus nationale Anerkennung haben, aber nur als Religionsnation. Delegierter E i s e n m a n n schildert in Vertretung der Litauer die Verhältnässe in Litauen und unterbreitet nachstehende Resolution: Die Weltkonserenz der jüdisch-orthodoxen Verbände in Zürich nimmt Havon Kenntnis, daß die Gesinnungsgenossen in Litauen für den Fall, daß auf der Friedenskonferenz ein selbständiger litauischer Staat in Form eines Nationalitätenstaates hervorgehen sollte, diejenigen Rechte fordern werden, die eine absolute Parität mit den andern im Lande vertretenen Naüonalitäten, Litauer, Polen und Weißrussen gewährleisten und sie spricht die Hoffnung aus, daß diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt sein werden. Sie nimmt weiter davon zur -Kenntnis, daß für den Fall einer anderen noch nicht vorauszusehenden Neuordnung der Dinge in Litauen, ihre litauischen Gesinnungsgenossen absolute Autonomie in Kultus, Schule und Sprache zur Verwirklichung der Ideale des thoratteuen Judentums fordern werden und sie verpflichtet ihre Mitglieder, dafiir Sorge zu tragen, daß diese Forderungen Interesse finden und in allen sonstigen öffentlichen Kundgebungen, vornehmlich aber gegebenenfalls vor der Friedenskonferenz, aufs Wärmste unterstützt werden. Rabbiner Dr. Breuer (Frankfurt), der abends zu verreisen gedenkt, richtet hierauf einige Abschiedsworte an die Konferenz und erklärt: Die Orthodoxie will niemandem nachlaufen, sie ist aber bereit, jeden aufzunehmen, der ausgenommen werden will. Nachmittags findet eine vertrauliche Sitzung statt, in welcher nach einer längeren Diskussion die Kommission gewählt wird, die die« jüdischen Forderungen vor der Friedenskonferenz zu vertreten hätte. Als Mitglieder der Kommission werden bestimmt: Oberrabbiner Schapira, Prof. Margulies, Frankl, Rosenheim, Dr. Weil, Dr. Kohn (Basel), Eisenmann, Wreschner. In der Abendsitzung gibt Oberrabbincr Dr. Sacerdotti seiner Befriedigung über die Beschlüsse der Konferenz Ausdruck. Nach vier Jahren gewaltsamer Trennung ist es gelungen, daß sich die Juden aller Länder die Hände reichen, ohne ein Gefühl der Verbitterung. Beweis, daß die Juden ein Volk sind, mit einem einheitlichen Ideal. Die Flamme vom Berge Sinai wird weiterhin leuchten und dem Volke als Wegweiser dienen. Holländer (Kopenhagen) berichtet über die großen Erfolge der Zeichnungen für die Siedlungsbank. Bereits eine Million Mark ist gezeichnet. . Direktor Dr. Lange (Frankfurt) berichtet über die Organisation der Jugend der ganzen Welt mit dem Ziele, das Palästinaprogramm zu verwirklichen und junge Männer und Mädchert für die Landarbeit vorzubereiten usw. Bauminger (Krakau) bringt einen Brief des Großrabbiners von Czortkow zur Verlesung, der ein Tätigkeitsprogramm für die Palästinaarbeit enthält und das mögliche Zusammenarbeiten mit den anderen jüdischen Organisationen in wirtschaftlicher Hinsicht empfiehlt. Hierauf gelangt der letzte Punkt der Tagesordnung „Die Einigrationsfrage" zur Verhandlung. Referant Dr. Birnbaum bespricht die Bedeutung des Emigrationsproblems. Es sei notwendig, den Emigrationsstrom zu regeln, aber auch für die Zukunft der Emigranten in materieller und geistiger Beziehung zu sorgen. Der Referent unterbreitet schließlich die folgende Resolutton: Resolution Birnbaum. In Anbettacht: 1. daß die wirtschaftliche und polittsche Lage der Juden im Osten das Wiederaufleben der jüdischen Massenwanderung mit aller Bestimmtheit erwarten läßt; 2. daß Palästtna momentan nicht in der Lage ist, all die Hunderttausende aufzunehmen, und daß andererseits eine vorzeitige Ueberflutung mit ungeeigneten Elementen jedes planmäßige Kolonifattonswerk in diesem Lande in schwerster Weise gefährden müßte; 3. daß eine unbedachte und planlose Emigration die größten Gefahren für das jüdische religiöse Leben heraufbeschwört (hauptsächlich für Sabbathelligung); 4. daß eine ungeregelte Emigration die Erschwerung der Einreiseverhältnisse in den Einwanderungsländern geradezu herausfordert; 5. daß der jüdische Wanderer samt Frau und Kindern während der Reise den Mißhandlungen der Zoll- und Transportorgane sowie der schamlosesten Ausbeutung seitens gewissenloser Agenten schutzlos preisgegeben ist; 6. daß die jüdischen Wanderer infolge Mangel an Jnformattonen in bezug auf Arbeitsverhältnisse in den Einwanderungsländern sich in den wenkgen bereits überflillten Ghettos zusammendrängen und dort der größten physischen und geistigen Not verfallen; 7. daß die Regulierung der jüdischen Emigration, wenn sie Erfolg haben soll, noch vor Eröffnung der Grenzen, d. h. bevor die Massen sich in Bewegung gesetzt haben werden, in die Wege geleitet werden muß, bettachtet die Weltkonferenz der orthodoxen Verbände in Zürich dieRegulierung der jüdischen Emigration als eine der dringendsten Aufgaben der Gegenwartsarbeit. Sie setzt daher eine Kommission am Orte der Leitung ein, die sich unter deren Teilnahme und nach Möglichkeit unter Verbindung mit anderen jüdischen Organisationen mit der Regelung der jüdischen Emigration zu befassen hat und deren Aufgabe im Besonderen es sein soll: 1. in den Auswanderungsländern Auskunftsbureaux, in den Durchwanderungsländern Emigrantenschutz-Komitees, in den Einwanderungsländern Arbeitsnachweisbureaux zu schaffen; 2. eine Emigrationsbank zu gründen, die alle mit der Emigratton zusammenhängenden Geldtransaktionen zu übernehmen hat, oder die Handelsabteilung der schon in Gründung begriffenen Jüdischen Handels- und Siedlungsbank mit diesen Geschäften zu betrauen. In der Diskussion spricht zunächst vr. med. Hoffmann, worauf Delegierter Deutsch (Wien) die Verhältnisse der jüdischen Flüchtlinge in' Wien schildert. Redner fordert eine dringende'Hilfe für die zahlreichen jüdischen Flüchtlinge aus Palästina, die zurzeit in Wien weilen. Ihnen muß in erster Reihe die Möglichkeit geboten werden, in die alte Heimat zurückzukehren. Charakteristisch für das Verhalten gewisser jüdischer Gruppen diesen Flüchtlingen gegenüber sei der Vorfall, den der Redner zur Kenntnis bringt. Als er sich für die baldige Repatriierung derselben einsetzte, erhielt er die Antwort: Hier in Wien können Sie alles für diese Flüchtlinge haben, aber ihre Rückkehr nach Palästina — darauf können wir nicht eingehen! — Redner spricht dem Agudas-Jisroel-Komitee den Dank für die Hilfe zugunsten der Pogromopfer in Galizien aus und betont, es sei notwendig, wenn man etwas für bestimmte Zwecke zu Händen der diversen Hilfskomitees in Wien spendet, man darauf achten sollte, daß diese Wünsche auch entsprechend berücksichtigt werden. Nur mit großer Mühe kann man etwas für die Armen aus Palästina von diesen Komitees erhalten, obwohl viele Gelder direkt für dieselben bestimmt sind. Man darf nicht , warten, bis die Hilfskommission Material für ein Spital in Jerusalem vorbereitet, sondern den Flüchtlingen aus dem heiligen Lande ein menschenwürdiges Dasein verschaffen. Es sprechen noch Rabbiner Groß, Louis Kahn, Dr. Hildesheimer, Dr. Bamberger, Spira (Scheveningen), Akiwa Schreiber und der Referent Dr. Birnbaum, wonach die Resolution dem Zentralkomitee zugewiesen wird. In Verttetung des inzwischen abgereisten Delegierten Freudiger verliest Delegierter Stupnitzky dessen Bericht über die Verhältnisse in Ungarn, dessen Juden infolge der Kriegsereignisfe politisch, wirtschaftlich und geistig arg bedroht sind. Er verlangt. Schutz für die Juden in den besetzten Gebieten. Mittwoch-Sitzung. In der Mittwoch-Sitzung wird zunächst die Diskussion über den Punkt „Di? Rechtsstellung der Juden in^der Diaspora" fortgesetzt. Oberrabbiner Fuchs (Großwardein) schildert die bedrohliche Lage der Juden Ungarns, besonders in jenen Gebieten, die zu Rumänien gelangen sollten und verlangt Abhilfe. Delegierter Schwarz (Prag) berichtet über die Verhältnisse im tschecho-slowakischen Delegierter Rosen heim betont, die Wünsche der Juden in den einzelnen Ländern müssen für die Regelung ihrer Rechtsstellung maßgebend sein. Wir verlangen die nattonale Autonomie für Litauen, Ukraine, eventuell auch für Polen, — wir verlangen sie aber nicht für den Westen. Redner hebt besonders;bie große Bedeutung der Sabbatftage hervor, .für deren beftiedigende Lösung unter allen Umständen eingetteten werden muß. Nachdem noch die Delegierten Dr. P. Kohn, Rosenheim, Dr. Simon gesprochen haben, wird der zweite Teil der Friedenskonferenz-Resolutton angenommen. f* Es folgt hierauf noch eine längere Diskussion über die Jeschibot, an der sich die Delegierten Oberrabbiner Schuster, Oberrabbiner Horowitz, Akiwa Schreiber, Botschko, Dr. Simon, Dr. Hoffmanü, Rabbiner Gros, Oberrabbiner Dr. Winkler, Dr. Hildesheimer beteiligen, wonach die im Laufe der Diskussion unterbreiteten Anttäge und Anregungen dem Zenttalkomitee zugewiesen werden. Es wird auch beschlossen, einen Spezialfonds zur Gründung und Erhaltung der Jeschibot zu schaffen. Die Tagesordnung ist damit erschöpft und es wird zum Schluffe der Konferenz geschritten. Der Vorsitzende bringt zunächst einige Anttäge zur Verlesung, die seitens der Kommissionen zur Annahme empfohlen werden und die sich vornehmlich auf die Schaffung der nötigen Fonds zur Durchführung der gefaßten Beschlüsse beziehen. Nachher werden die in, großer Zahl eingclangtep telegraphischen und brieflichen Zustimmungskundgebungen verlesen. Delegierter Pappen heim (Wien) bringt noch die Flüchtlingsftäge in Wien zur Sprache und ersucht, den Brüdern in Amerika nahezulegen, fernerhin für sie zu sorgen, nachdem die staatliche Unterstützung eingestellt werden dürfte. . .Delegierter Deutsch (Wien) unterbreitet folgenden Antrag, der angenommen wird, ebenso wird ein Protest gegen die Pogrome in nachstehender Fassung beschlossen. Resolution Deutsch. Die orthodoxe Weltkonferenz wendet sich au ihre amerikanischen Brüder, bei den zuständigen Regierungsstellen ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß in Anbettacht der schweren Bedrängnis ihrer Brüder in der ganzen Diaspora die Einwanderung erleichtert werde. Pogrom-Resolution. Die Versammlung legt im Namen der Menschlichkeit flammenden Protest ein gegen die an wehrlosen Angehörigen des jüdischen Volkes begangenen Pogromverbrechen und ruft Rechtsgefühl und Gewissen der Kulturvölker an, die Autorität der im Namen des heiligen Rechts geeinten Nationen zum Schutze auch der jüdischen Minderheiten überall, wo es not tut, einzusetzen. Delegierter Rvsenheim hält hierauf das Schlußwort, in welchem er die Beschlüsse der Konferenz rekapitulierte und deren Bedeutung hervorhob. Es folgen noch Schlußworte der Delegierten Dr. Munk, Rabbiner Horowitz (Jerusalem), Dr. Lewenstein, Dr. Kohn (Ansbach), Wreschner usw., worauf die Konferenz in überaus feierlicher Weise geschlossen wurde. In ebensolcher gehobener Sttmmung, wie bei der Eröffnung der Konferenz, gingen die Delegierten auseinander, in dem Bewußtsein, ein großzügiges Werk eingeleitet zu haben und in der Erwartung, daß dasselbe mit Gottes Hilfe gelingen und dem jüdischen Volke Heil und Segen bringen wird. Infolge Abwesenheit unseres 'Redakteurs, der der orthodoxen Konferenz in Zürich verwohnte und wegen der Werk^hrsschwierigkeiten nicht rechtzeitig heimkehren konnte, rst die „Jüdische Korrespondenz" in den letzte« Woche» nicht erschienen, was die geehrten Leser entschuldigend zur Kenntnis nehmen wolle«. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hemalser Gürtel 20.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.