Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-03-13 · 8-9 (13.3.1919) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
8-9 (13.3.1919)
Date
1919-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495426--0866-3496704
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8/9 Maasser Am usw. .',ur Linderung der sozialen Not. Die Arbeiterfrage soll im Geiste der Thora gelöst werden. Auf dieser Basis werden wir nicht bloß den Juden, sondern auch der ganzen Welt eine Erlösung bringen. Referent unterbreitet die nachstehenden Leitsätze: Leitsätze für die geistig religiösen Aufgaben in Palästina. Die thoratreue Gesamtjudenheit betrachtet es als ihrePflicht, Palästina zum geistigen und religiösen Zentrum zu machen. Hierzu ist notwendig: I. Heranbildung der jüdischen Jugend in Palästina zu bewußten thoratrenen Juden, die der Diaspora als mustergültige Träger der jüdischen Kultur voranleuchten sollen. Zur Erreichung dieses Zieles sind in Palästina zu gründen, beziehungsweise aufzubauen:" 1. Kindergärten; 2. Bildungsanstalte» für Knaben (Talmud-Thora Schulen) und für Mädchen vom 15. bisj 18. Lebensjahre; 3. Jeschiboth für reifere Jugend; 4. Anstalten zur Vorbildung von Lehrern und Lehrerinnen; 5. Wirtschastsschulen für die weibliche Jugend; 6. Landwirtschafts- und technische Schulen. Das beherrschende Prinzip all dieser Anstalten, um das alle anderen Bildungs- und Fachbildungsmomente sich gruppieren, ist die Thora in Leben und Lehre. Besonders bei der Fachausbildung ist immer wieder zu betonen, daß die Aufgabe eines jeden Juden und einer jeden Jüdin ist, das Gottesgesetz zu betätigen, und daß der Beruf nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck ist. Auf die physische Regeneration der Jugend und auf die hygienische Belehrung ist besonders Wert zu legen. II. Schaffung einer das ganze Land umfassenden Organisation zur Sicherung aller Bedürfnisse, des religiösen Lebens und zur moralischen und materiellen Sicherstellung der religiösen Funktionäre (Rabbonim, Dajonim, Schochtim), Schaffung einer guten Jugendbibliothek. IH. Einrichtung einer Zentralhochschule (Akademie desTalmuds). In Jerusalem soll eine Akademie des Talmuds gegründet werden, deren Mitglieder die Pflicht haben, auf den verschiedensten Gebieten des Talmuds tätig zu sein, schriftstellerisch wie auch im Lehramt. Die Mitglieder der Akademie werden zum ersten Male von den hervorragendsten Gedaule Hathauro in Palästina und im Auslande bestimmt. Möglichst soll ein Fonds gesammelt werden, dessen Zinsen zum Mindesten zur Hälfte die Ausgaben decken. Den Mitgliedern muß zumindest immer auf drei Jahre im Voraus ein den jeweiligen Lebensverhältnissen in Jerusalem entsprechendes, gut ausreichendes Einkommen zugesichert werden. Die Mitgliedschaft ist lebenslänglich. Aus den Kreisen der Akademiker ist ein Lehrkörper zu bilden für eine talmudische Hochschule zur Vervollkommnung talmudisch gebildeter Männer aus aller Welt. Die- Gemeinden des Auslandes sollen bei der Wahl ihrer Rabbiner darauf sehe», daß diese sich in dieser Hochschule vervollkommnet haben. IV. Engster Zusammenhang der Diaspora mit Palästina. 1. Wem es irgend möglich ist, soll eine Zeit seiner Ausbildung in Palästina zubringen; besonders die zukünftigen Führer der Gemeinden sollen ihre Ausbildung ganz oder teilweise auf den palästinensischen Hochschulen suchen. 2. Die geistigen Führer der Diaspora sollen in ständigem Gedankenaustausch mit den Gelehrten der Akademie stehen und die folgenschweren Fragen der Entscheidung der Akademie unterbreiten. 3. Möglichst alle drei Jahre sollen die hervorragendsten Führer der Diaspora sich in der Akademie versammeln, um mit den Akademikern alle wichtigen Fragen des jüdischen Volkes zu besprechen. V. Zur Gewinnung der Geldmittel für die Verwirklichung der unter Punkt I dargestellten Zwecke wird ein interterritorialer Verein „I a w n e", Verein zur Förderung des Erziehungswesens im heiligen ' Lande, mit dem Sitze in der Schweiz oder in Holland gegründet. Der Verein soll in erster Linie feste Jahresbeiträge aufbringen. Jüdische Korrespondenz. Seite 5 RabbinerHorowitz (Palästina) konstatiert auf Grund der Taffachen, daß in Palästina die Grundlage für Thora und Derech-Erez bereits geschaffen fft. Ein Brief des Oberrabbiners Kuk (Jerusalem) stimmt vollkommen mit dem Programm überein, das der Referent vorgelegt hat. Redner schildert die trostlose Lage der Rabbiner und der Talmide- Chachamim in Jerusalem, die infolge der Kriegsereignisse brotlos geblieben. sind. Hunderte sind buchstäblich verhungert. Die Orthodoxie hat ihr möglichstes zur Abhilfe geleistet. Die Hilfsaftion erforderte zirka eine Million Francs jährlich. Oberrabbiner Tal (Utrecht) erstattet ein Korreferat zu dem in Verhandlung stehenden Thema. Die Schwierigkeiten der inneren Verfassung der jüdischen Siedlung in Palästina sind nicht von außen her, sondern von innen hinaus zu betrachten. Das Problem: „Staat und Kirche zusammen oder getrennt?" kann für unsin Palästina gar nicht existieren. Das Judentum kennt den Begriff Kirche nicht, das Wort Religion ist für uns ein fremder Begriff. Wir kennen bloß das Wort Thora, das sich nicht übersetzen läßt. Damit ist alles gesagt, was gesagt werden muß. Wir müssen es aber zum Fenster hinaus erllären. Der Referent unterbreitet nachstehende Resolution: Resolution Tal. Die Weltkonferenz der Orthodoxie in Zürich fordert, daß der Aufbau jedes jüdischen Gemeinwesens im heiligen Lande nur auf Grundlage des jüdischen Gesetzes geschehe/ wie es in schriftlicher und mündlicher Ueberlieferung in uns bindender Form vorliegt. Es ist eine Kommission von Gedaulei-Thauro und sonstigen Sachkundigen zu bilden, die in Verbindung mir den an erster Stelle zuständigen Gedaulei-Harauroh des heiligen Landes die Art der Anwendung des obigen Prinzips auf die konkreten künftigen Verhältnisse des heiligen Landes in einem ausführlichen Entwurf ausarbeitet und dabei vor allem die sofort zu verwirklichenden Bestimmungen über Sabbath, Eherecht, Schmitto und Schulverfassung wegen ihrer zeitlichen Dringlichkeit an erster Stelle berücksichtigt. Rabbiner Schuster (Soholki) erinnert an den Talmud-Aüssprüch: Die Münze" unseres Urvaters Abraham enthielt die Abbildung eines Greisenpaares auf der Aversseite und die Bilder eines Jünglings und einer Jungfrau auf der Reversseite. Dies ist das Symbol dessen, daß das Alter und die Jugend Zusammenwirken müssen. Das Wort „Matbea" bedeutet auch Programm, was wir uns merken müssen. Das irdische Jerusalem muß analog dem überirdischen sein. Rabbiner Dr. Klein (Nürnberg): Der gute Wille sei wohl das Wichtigste, aber ebenso wie beim Bau des Mischkan, muß ein äußeres Zeichen für diesen guten Willen geliefert werden. Redner regt an: Jeder Agudafreund möge noch in diesem Jahre Maasser min ha-maasser bis Maasser min ha-chomesch spenden, woraus ein Fonds für Limud hathora geschaffen werden soll. Zahnarzt Ehrmann (Basel): Wir wollen nach Palästina nicht nur Pioniere der Landarbeit, sondern auch Pioniere der Thora bringen. Die Kenntnis des Hebräischen, das für uns loschen ha-kaudesch ist,' soll vornehmlich durch das Thora-Studium erworben werden. Rabbiner Groß (Jerusalem): Wir haben heute keinen Esra, aber auch keinen Zerubabel. Redner regt die Errichtung einer Institution für Sofrim in Palästina an. Thorarollen, Tefilin und Mezuzoth sollen nur aus dem heiligen Lande bezogen werden. Tausende und Wertausende könnten dadurch eine Existenz finden. Oberrabbiner Dr. Sacerdotti (Rom): Der neue Jischuw kann nur auf dem Boden der Thora errichtet werden. Das Judentum ist keine Theologie, sondern eine Lebensanschauung mit Moschiach als Endziel. Das Judentum ist keine Institution, der man Klerikalismus vorwerfen kann. Wir sind ein heiliges Volk, wie unser Gott heilig ist. Redner drückt die Hoffnung aus, es möge gelingen, die Volksmassen' für unser Ideal zu gewinnen. Rabbiner Dr. Kohn (Ansbach): Viele Orthodoxe-sind für die Trennung von Kirche und Staat, in der Annahme, nur aufdiesem Wege sei die Erhaltung der Religion zu garantieren. Man darf nicht vom jüdischen Recht sprechen, sondern vom Religionsgesetz, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen. Eine Analogie mit den Zeiten Esras ist nicht vorhanden. Damals hieß es: „liwnaus bejs ha-schem“. Weder die Friedenskonferenz noch der Völkerbund haben etwas Aehnliches zum Ausdruck gebracht. Delegierter Schterenbuch (Basel): Man muß der schädlichen Jugendliteratur entgegenwirken. Beim Hebräischen kommt es nicht auf die Aussprache, sondern auf den Inhalt an. Dr. Isaak Breuer (Frankfurt a. M.): Die Trennung von Kirche und Staat darf nur als Ausweg, falls es nicht anders möglich sein sollte, in Betracht gezogen werden. Der Begriff „jüdisches Recht" bezieht sich auf das nationaleRechtdesjüdischen Volkes, das bei feinem Volke eine Analogie findet. Delegierter Rosenheim (Franffurt a. M.): Bei dem Aufbau des jüdischen Gemeinwesens in Palästina kann nichts Anderes als die Thaura maßgebend sein. Auf dem Boden des heiligen Landes kann ein jüdisches Gemeinwesen nur im Geiste der Thora entstehen. Sollte es dort zum Kulturkampf kommen, dann wird dem Trennungsgedanken näherzutreten sein. Vorläufig müssen wir die Vorherrschaft des jüdischen Rechtes fordern. Redner bespricht die Aufbringung der Geldmittel für die religiösen Aufgaben, die so wichttg sind wie die wirtschaftlichen Unternehmungen. Was nützt uns Land und Staat, wenn die jüdische Seele nicht gewonnen wird? Nachdem noch einige Redner zu den Resolutionen gesprochen haben, werden dieselben angenommen. Die anderen Anträge werden der Kommission zugewiesen. * Montag-Sitzung. Montag, den 24. Februar, gelangte zunächst Punkt 6 der Tagesordnung, „Die Organisation der gesetzestreuen Judenheit", zur Verhandlung. Referent Rosenheim (Franffurt a. M.): Die bisherige Zersplitterung der Orthodoxie kann heute, da alle Welt sich organisiert, nicht mehr geduldet werden. Zur Schaffung einer einheitlichen Organisation wurden bisher verschiedene Versuche unternommen, darunter der wichtigste, die „Agudas Jisroel". Das Programm derselben zielt dahin, die jeweiligen Probleme im Geiste der Thora zu lösen, die Wiederbelebung der Judenheit und die Wiederbelebung des heiligen Landes im Geiste des überlieferten Judentums. Das jüdische Volk ist ein anderes als alle übrigen Völker, was sich nicht verschleiern läßt. Um Mißverständnisse zu vermeiden, perhorreszierten wir ftüher das Wort Nation, heute aber können wir diesen Begriff gebrauchen, müssen aber dabei die Einzigarttgkeit des jüdischen Volkes zum Ausdruck bringen. Die Stellung, die dem rabbittischen Rat innerhalb der Organisation zugewiesen wird, ist für dieselbe maßgebend. Der demokratische Charakter der Organisation wird durch ihren jüdischen Charakter nicht negiert. Redner bespricht die Details der Organisation, die nach Ländern dezentralisiert sein soll. Die Verschiedenheit der Verhältnisse und die berechtigten Eigentümlichkeiten müssen berücksichtigt werden. Es hat viel Geduld erfordert, bis die bisherigen Resultate erzielt werden konnten. Hoffentlich gelingt auch der weitere Ausbau. Durch den Krieg sind der Organisationsarbeit neue Schwierigkeiten enfftanden. Un-> geheure Geldmittel sind erforderlich. Die Organisation muß alle Aufgaben in ihren Wirkungskreis ziehen. Politisch, wirtschaftlich und geistig. Wenn es uns nicht gelingt, die Massen zu überzeugen, daß sie auf dem Boden der „Agudas Jisroel" alles erfüllt sehen, wonach sie sich sehnen, dann wird die Zerrissenheit weiter bleiben. Dementsprechend muß die Aguda ausgebaut werden. Der Agudagedanke entstand zunächst in den Köpfen deutscher und litauischer Gedaule Jisroel. Nachher wurden Vertreter aus anderen Ländern herangezogen. Der Sitz war zunächst in Deutschland wegen seiner geographischen Lage zwischen Ost und West. Die Aguda hat in all der Zeit nur jüdische Politik getrieben, ohne jede politische Nebenabsicht. Heute aber ist die Ueberzeugung gereift, daß der Sitz in einem neutralen Lande, und zwar nicht etwa scheinbar, sondern faktisch sein muß. Vor Kriegsausbruch sollte die Kenessija gedaula zusammentreten. Der Krieg hat störend eingegriffen. Heute stehen wir wieder vor der Kenessija gedaula. Wir haben die Vorbedingungen zu schaffen, damit die, Vertreter des Älal-Jisroel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.