Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 8-9 (13.3.1919)
- Date
- 1919-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8/9 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 implicite das ganze jüdische Schulwesen, denn noch viel schlimmer als Jeschiwaus ist es den Chedorim ergangen. Gibt es doch auch jetzt noch Orte, wo kein einziges Cheder besteht. Orte, in denen früher 20 bis 30 Chedorim an Ueberfülle zu leiden hatten. Wenn sich manche Institutionen in dieser schweren Zeit noch haben erhalten können, so gebühre der Dank dafür zum großen Teile der „Agudas Jisroel" in Deutschland, die Mühe und Kosten nicht sparte, um was nur möglich war dafür zu tun. Zum weiteren Bestehen der Jeschiwaus sei vor allem ein großer Geldbetrag notwendig und zum Teil auch bereits von russischen Juden zugesichert. Was die Rabbinatschulen im Westen betrifft, so erlaubt sich Redner den deutschen Lehranstalten zur Erwägung zu bringen, ob es nicht besser wäre, ebenso wie in Litauen hauptsächlich auf die Quantität des zu verarbeitenden Stoffes zu achten, wenn auch dabei die Qualität, d. h. das tiefere Eindringen in den Geist der Materie wie auch in die richtige Art des Lernens etwas leiden würde. Rabbiner Dr. Breuer (Frankfurt a. M.) betont, gerade im Westen, wo die Leute nicht soviel Zeit zum Lernen haben wie die Juden im Osten, handelt es sich hauptsächlich darum, den Sinn und die Liebe für das Lernen zu erwecken. Man müsse gerade möglichst tief in dem zu verarbeitenden Stoffe schürfen, um den rechten Sinn und Vorliebe für weiteres Lernen zu erwecken, da sonst Gefahr drohe, daß man nach Verlassen der Lehrstätten wenig Vergnügen am weiteren, Lernen haben könnte, was zweifellos zur Vernachlässigung des Lernens führen würde. Frankl (Budapest) schildert die Lage der ungarischen Jeschiwaus und die Gefahr, welche die Abtrennung der bedeutendsten ungarischen Jischiwaus Preßburg und Hunsdorf von Ungarn für das Thoralernen bedeutet. Speziell England und Amerika sollten dies zu würdigen wissen, da doch ihre meisten Rabbiner Zöglinge genannter Jeschiwaus siird. Von tiefer Rührung übermannt, appelliert Redner in, einer hebräischen Ansprache an 'die Delegierten aus den Ententeländern, sie möchten ihren Einfluß für die Erhaltung dieser Jeschiwaus geltend machen. Dieselben erfreuten sich bisher weitgehender Privilegien und bildeten das Rückgrat des glaubenstreuen Judentums in Ungarn. Von diesem losgelöst, müßten sie ihre hervorragende Stellung einbüßen, was für das ganze Judentum von unermeßlichen Schaden wäre. Dies zu verhüten sei die heiligste Pflicht aller Juden. Delegierter Botschko (Basel) bemerkt, daß nach einem Gedichte von Bialik man das echte Judentum im Beth Hamidrasch finde. Das ist das schönste Zeugnis, das den Jeschiwoth selbst von zionistischer Seite ausgestellt wird. Er betont weiter, daß wir die Thora nicht als reine Gesetzesreligion betrachten sollen, sondern als die Seele und den lebendigen Geist des jüdischen Volkes. Es ist daher jeder Jude, der auch nur einen Teil dieser Seele, eine Spur dieses Geistes hat, deutlicher gesagt, nur einen Teil der Mizwohs erfüllt, immerhin berechtigt, als Jude betrachtet zu werden und dem Klal Jisroel anzugehören. Nachdem noch Delegierter Pin es (Minsk) gesprochen hatte, wird folgende Resolution einstimmig angenommen: Resolution zu Punkt: „Thaura und zeitgenössische Juden heit". Die Weltkonferenz der jüdisch-orthodoxen Organisationen erklärt, daß die Erhaltung und Wiederbelebung des Thorastudiums im ganzen Volke, die Wiederherstellung der im Kriege zerstörten Thorastätten (Jeschiwaus) und Lehrhäuser und die Organisationen eines vom ' Thorageiste getragenen Jugendbildungswesens Vorbedingung für die Existenz der jüdischen Gesamtheit ist. Die Konferenz beschließt, mit den führenden Instanzen der Judenheit aller Länder, insbesondere der amerikanischen und russischen, wegen Errichtung eines großen Zentralhilfsfonds für Jeschiwaus und Talmud Tauro in Verbindung zu treten und über dessen Organisation, Verwaltung und Mitwirkung der führenden Rabbiner des Ostens Vereinbarungen zu treffen. Die Sitzung wird hierauf geschlossen. Den Samstag verbrachten die Delegierten in überaus feierlicher Stimmung. Bei Tische wurde Thaura vorgetragen und Semiroth nach altjüdischer Weise gesungen. Nachmittags hielt Oberrabbiner Schuster (Sokolka) in der Synagoge der Religionsgesellschast eine scharffinnige und geistreiche Droscho in Halacha und Agada. Samstag abends fanden vertrauliche Kommissionsberatungen statt. ‘ Sotmlag-Sitztmg. Sonntag, den 23. Februar, gelangte der vierte Punkt der Tagesordnung, „Palästinaarbeit", zur Verhandlung, und zwar zunächst Abschnitt a, „Die innere Verfassung der jüdischen Siedlung in Palästina". Das Referat erstattete Delegierter Loeb (Berlin). Der Referent betonte zunächst, haß zur Besiedlung drei Faktoren gehören: Land, Menschen und Kapital. Momentan fehlen uns alle diese drei Dinge, aber das darf uns nicht abfchrecken, da die Möglichkeiten vorhanden sind, dem Mangel abzuhelfen. Der Referent bespricht die Bodenverhältnisse im heiligen Lande und betont die Notwendigkeit, beim Bodenkauf keine Gegenströmungen und keine überhastete Nachfrage platzgreifen zu lassen. Die-jüdische Bodengesetzgebung kann auch für die gegenwärtigen Bodenverhältnisse muster- Ssein, was auch nichtjüdische Forscher, zum iel Henri Georges, rühmend hervorgehoben haben. Ohne den Privatbesitz ganz auszusthalten, ist es notwendig, die Latifundienbildung zu verhindern, und zwar durch Einführung des Heimstättenrechtes, Beschränkung des Bodenrechtes usw. Der Eigenbesitz an Grund und Boden darf nicht zum Mißbrauch führen. Wir sagen wohl nicht, daß Private keinen Boden erwerben dürfen. Ohne das Privatkapital heranzuziehen, werden wir kaum zum Ziele gelangen, da unsere Fonds hierzu schwerlich hinreichen könnten. Soweit der Grund und Boden in den Besitz von Gesellschaften oder in staatlichen Besitz gelangen wird, dürste sich das Systeni der Erbpacht durchführen lassen, das alle Vorteile des Eigenbesitzes ohne die Nachteile desselben hat. Beim Privatkapital müssen wir uns die Erfahrungen der anderen Völker zunutze machen. Redner bespricht ferner die Arbeiterfrage und erklärt: Die Hauptschwierigkeit wird darin liegen, für die Landwirtschaft geeignetes Menschenmaterial zu erlangen. Wir sind durch das 2000 jährige Golus von unserer ursprünglichen Beschäftigung, dem Ackerbau, verdrängt und zu Städtern gemacht worden. Jetzt heißt es Auslese halten und das Menschenmaterial für die Landarbeit vorzubereiten. Dafür kommt in erster Reihe die Jugend in Betracht. Wir müssen uns die Segnungen des Genossenschaftswesens zu eigen machen und drei Arten der Genossenschaften gründen. 1. Pionier-, 2. Produktions-, 3. Besiedlungsgenossenschaften. Die Siedlungen dürfen nicht zu groß sein, damit sich jeder kennt und die Faulen abgestoßen werden können. Es muß Milchwirtschaft und Gemüsebau gepflegt werden. Doch dazu gehört die Bäuerin. Die jüdische Frau muß dazu erzogen werden; denn ohne diese kann die Kleinlandwirtschast nicht gedeihen. Aber auch die Tauroh und Gottesfurcht muß unter diesen Leuten sein. Und wenn wir auch keinen ausschließen, müssen wir unser Augenmerk darauf richten, Siedlungen mit auserlesenen Jerjim zu schaffen, wenn wir auch nicht erwarten können, daß alle nach dem Geiste der Thauro leben. Redner bespricht im einzelnen die Einführung der Erbpacht, des Heimstättenrechtes, der Einführung einer Verschuldungsgrenze, der ausschließlichen Gestattung von Amortisations-Hypotheken, des Anerbenrechtes usw. Besondere Schwierigkeiten wird die Arbeiterfrage machen. Es dürfen nicht wie bisher zumeist arabische Arbeiter das Aufkommen jüdischer Arbeiter durch ihre billigeren Löhne verhindern. Die Arbeiten sollen.soweit als möglich Genossenschaften übertragen werden, bei denen unter Führung landwirt- .schaftlich .geschulter Vorarbeiter auch ungelernte Arbeiter verwendet werden können. Aus den Reihen dieser Arbeiter werden sich im Laufe der Zeit mit Hilfe der erschaffenen Kreditinstitute auch die künfttgen Ansiedler entwickeln. Daneben muß auf die Heranziehung und Heranbildung landwirtschaftlich geschulter Kräfte durch Lehrfarmen, Landwirtschastsschulen usw. in und außerhalb Erez Jisroel Gelegenheit geboten werden. Schließlich erörtert der Referent die industriellen Möglichkeiten in Palästina, die trotz aller äußerlichen Schwierigkeiten, infolge ungenügender Kohlen- und Wasserkräfte, bei entsprechender systematischer Arbeit Aussichten bieten. Die Hauptsache muß natürlich die Landwirtschaft sein. Die Erfahrungen mit der Hungerblockade in Deutschland lassen es als gebieterisch erscheinen, dafür zu sorgen, daß das Land die Bevölkerung unter allen Umständen ernähren könne. Weniger wäre ftir die Entwicklung des Handels zu sorgen. Das jüdische Volk hat es ja ohnehin im Handel weit gebracht, hingegen mijßte der Förderung der Industrie eine größere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Erzeugung künstlicher, motorischer Kräfte wird sicherlich gelingen. Dabei darf das Wichtigste nicht übersehen werde». Der Geist der Thaura soll in Erez Jisroel vorherrschend sein und wenn dieser nicht ausgeschlossen wird, dann können wir der Zukunft mit Zuversicht entgegensehen. Der Referent unterbreitet hierauf nachstehende Leitsätze: Leitsätze Löb. 1. Alle Kräfte sind dafür einzusetzen, daß die thoratreuen Kreise in einem etwa sich bildenden Zentraleinwanderungsamt nebst allen mit ihm verbundenen Zweiganstalten in den Einwanderungsländern durch Vertrauensmänner hinreichend vertreten sind. 2. Der Erwerb von Grund und Boden darf prinzipiell einer Beschränkung und Bevorzugung nicht unterliegen. Erwerb zu spekulativen Zwecken soll von vornherein vermieden und vorgebeugt werden. Aufgabe einer frühzeitig einsetzenden Grund- und Bodengesetzgebung ist es, jeden Mißbrauch des Bodenbesitzes auszuschließen. Daher ist zu fordern: Verhinderung jeder Latifundienbildung, Einführung einer Verschuldungsgrenze, Begünstigung von amortisablen Hypotheken in Verbindung mit Lebensversicherung, Anerbenrecht, gesetzlichen Genossenschaften. 3. Die Ansetzung von landwirtschaftlicher Einwanderung hat vorzugsweise in geschlossenen, nicht zu großen Siedelungen zu erfolgen. Für die Bewirtschaftung und Vertretung von Produkten ist die Äenossenschaftsform zu bevorzugen. 4. Für die Jugend muß Gelegenheit zur landwirtschaftlichen Ausbildung durch Fachschulen, Lehrfarmen usw. beschafft werden. 5. Bei Heranziehung der Industrie ist die indu- ' strielle Verwertung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, und sind jene Zweige zu bevorzugen, die bei geringenr Verbrauch an Rohmaterialien und Kohle hochwertige Produkte liefern. 6. Die Konferenz beschließt die Bildung eines Studienausschusses, bestehend aus Landwirten, Kaufleuten, Industriellen, Aerzten und Volkswirt-' schaftlern zur Prüfung der Ansiedelungsverhältnisse in Palästina. Der Ausschuß hat seine Tätigkeit in Palästina aufzunehmen, sobald die politischen Verhältnisse es gestatten. Korreferent Delegierter Holländer (Kopenhagen) konstatiert zunächst, daß die Vorwürfe, die Orthodoxie hätte bisher für Erez Jisroel nichts getan, ungerechtfertigt sind. Alles das, was jetzt in Palästina geschieht, sei der Arbeit der Orthodoxie durch Jahrhunderte zu verdanken. Ohne den alten Jischuw wäre es zum Zionismus nicht gekommen. Die heutigen Verhältnisse veranlassen uns, unser Programm neu zu gestalten. Wir müssen zunächst den alten Jischuw stützen und unterhalten, wir haben aber auch im neuen Jischuw vielfach mitgearbeitet. Beweis: die Kolonie Pessach-Tikwah, aus der der thoratreue Geist spricht. Redner schildert die Leistungen der Orthodoxie für das Schulwesen in Palästina und erklärt: Wir müssen von der Voraussetzung ausgehen, daß es nunmehr möglich sein wird, in Palästina vieles zu schaffen, hiefür müssen jedoch die Vorarbeiten in Angriff genommen werden. Unter anderem ein Palästina-Amt, ein Jnformationsbureau nicht nur für Landwirtschaft, sondern auch für Handel und Industrie. Auch die geistigen Vorarbeiten müssen angegangen werden: die Jugend im Sinne der Thora organisieren, Organe ins Leben zu rufen, die Bürgschaften zu schaffen, daß es vor allem die thoratreuen Elemente sein sollen, die nach Erez Jisroel streben. Diese müffen auf dem ersten Schiff das Steuer in den Händen halten. Selbstverständlich ist hiefür die Herbeischaffung der finanziellen Mittel die erste Voraussetzung. Diese können durch Spenden, Legate und Samm-