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Jüdische Korrespondenz · 1919-03-13 · 8-9 (13.3.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
8-9 (13.3.1919)
Date
1919-03-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 8/9 Ueberlieferung. Als man uns jetzt das so ersehnte Erez Jisroel versprach, ging es uns wie den Entdeckern Amerikas, als sie Land sahen. Wir streben nicht nach politischen Zielen, noch nach Macht. Wir wollen das Land, um dort bessere Juden sein zu können. Keiner anderen Organisation stehen wix feindlich gegenüber, wir hoffen nur, daß sich alle bei uns einfinden und einsehen, daß ihr Platz an unserer Seite ist, um zusammen zu ringen und zusammen zu schaffen. Wir gehen unsere Wege, aber es gibt genug gemeinsame Ziele, die wir gemeinsam erstreben und wobei wir gemeinsam Vorgehen wollen, um mit gemeinsamen Forderungen vor die Friedenskonferenz treten zu können. Wir wollen nicht Juden aus dem Judentum ausschließen. Für uns gilt das Wort Jisroel af al pi schechoto Jisroelhu. Sie sollen aber auch gedenken, daß Jisroel af alpi schelau choto Jisroelhu. Namens der Jugendgruppen der Agudas Jisroel in der Schweiz begrüßt Herr Leiter jun. in hebräischer Sprache die Versammlung und drückt die Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen aus, die die Jugend an die Konferenz knüpft. Er wünscht positive Arbeit von der Konferenz. Gibt uns ein Lebensziel, für das wir arbeiten können, und das ist die Wiedergeburt Israels auf Grund der Thora in Erez Jisroel. Oberrabbiner Prof. Dr. Margulies (Florenz) begrüßt in sephardisch-hebräischer Sprache die Versammlung namens der Juden Italiens. Wenn auch im Verhältnis zu anderen Galuthländern die Zahl der Juden Italiens nur gering ist, so kann ich euch, meine Herren, versichern, daß nichtsdestoweniger auch in den Herzen der Juden Italiens das Verlangen nach Volkstum. Land und Thora nicht minder heiß lodert. Es ist ein großer Moment, wo ich euch zurufen kann: Wir alle sind ein einig Volk. Jisroel am echod hu. Namens der Juden Dänemarks hielt Rabbiner Dr. Winkler die Begrüßungsrede. Sowie in jedem Körper eine Seele ist, so hat auch die Menschheit eine Seele, die seinem Körper Lebenskraft verleiht. Diese Seele ist das Judentum und sowie die Seele der Menschheit das Judentum ist, so bildet die Seele des jüdischen Volkes das orthodoxe Judentum. Diese bisher unsichtbare Seele beginnt sich jetzt bemerkbar zu machen und ruft lau omus ki echjeli, ich will vor aller Welt verkünden die Werke Gottes. Nicht eine Zunft, eine kleine Vereinigung, es ist die Seele des Judentums, die aus dieser Versammlung zu Euch spricht. Oberabbincr Tal (Utrecht) bringt der Versammlung den Gruß der Judenheit aus dem neutralen Holland, dem klassischen Boden jüdischer Freiheit und glaubt auf Grund 'innerster Ueberzeugung die mancherseits gehegte Befürchtung eines Mißerfolges nicht teilen zu müssen. Der Vorsitzende aller Versammlungen wird auch dieser Konferenz präsidieren und ihr beistehen, Beschlüsse zum Heile des jüdischen Volkes zu fassen. Oberrabbiner Dr. Sacerdotti (Rom) begrüßt in italienischer Sprache die Versammlung im Namen der italienischen Juden,, die für einen jüdischen Nationalismus ohne geistigen Inhalt kein Verständnis haben und die sich Jisrael ohne Thora nicht denken können. Möge eine nicht mehr ferne Zukunft die Rückkehr der Juden nach Jeruschulajim sehen und möge den Rückkehrenden die Menorah vorangetragen werden, die der römische Feldherr, der sich das jüdische Volk ohne seinen mosaischen Glauben nicht vorstellen konnte, als Zeichen seines Sieges raubte und symbolisch auf seinem Triumphbogen darstellen ließ. Dr. Nachan Birnbaum (Wien) begrüßte die östlichen Delegierten auf jiddisch. Man wirst der Orthodoxie vor, daß sie versteinert ist, aber das ist nicht richtig. Nicht die Thoratreuen, sondern jene draußen sind versteinert, die es euch vorwerfen. Die Wege, auf denen das Blut der Seele zirkuliert, ist bei ihnen versteint, verkalkt. Nicht versteinert seid ihr, sondern im Gegenteil zu weich. Ihr habt alles hingenommen, als müßte es schon so sein, als müßtet ihr die „Batlonim" und jene die „wojle Singen" sein. Euer Wille sollte Stein sein, nicht Wachs. Deutsch fortfahrcnd, betont'der Redner, daß das alte Judentum jenen ägypttschen Pyramiden gleicht, von welchen fünf Jahrtausende herunterblicken, mit dem Unterschiede, daß es lebendig und von Gott dazu bestimmt ist, ein Wahrzeichen der Ewigkeit zu sein. Ebenso wie sich jeder Ziegel dieser Pyramiden dagegen verwahren würde, sich von der -Gemeinschaft loszulösen und die Zumutung zurückweisen würde, sich aufzulösen und in einen modernen Bau zu verwandeln, ebenso müssen auch die einzelnen Ziegel dieser jüdischen Pyramide jede Zumutung, den alten Bau zu verlassen und einer modernen Boulevardkultur zu huldigen, entschiedenst zurückweisen. Wir wollen dem alten Geiste treu bleiben und nicht jeden modernen Kolumbus, der täglich neue Eintagsideen entdeckt, nachlaufen. Herr Jakob Rosen heim (Frankfurt a. M.) hielt die letzte Ansprache: Die Sage erzählt, daß einem Napoleon, einem Alexander dem Großen, bei ihren Feldzügen, Phantasiebilder vorschwebten, die sie die schmerkn Stunden überleben ließen, welche auch ihnen nicht erspart blieben. Wenn diesen Welterobern, den Trägern der äußeren Macht, eine Idee vorschwebte, wie erst uns dem jüdischen Volke, das auch als Welteroberer des Geistes auf die Bühne der Welt gesandt wurde, um als 6oj echod — einziges und einzigartiges Volk — dem Ewigen als Diener aufzutreten. Wenn dieses Bild die Masse des jüdisches Volkes zeigt, sei es in einem kleinen Lande am Mittelmeer, sei es zersprengt, und sie schaffen sich Ideale, die ihnen gefallen, und bilden eine Einheit lediglich als Summe von Menschen um diesen Götzen, dann wird dieses Idealbild nicht dauernder sein, als die Bilder Alexanders und Napoleons. Als einst der Himmel sich öffnete und Gott erschien, da stieg die Sehnsucht in Jisroel auf, sich so zu organisieren, wie die Engel droben. Das ganze Volk war in vier Lager geteilt, die Degolim, die Stammesgruppen, die in der Wüste Jisroel zusammenbanden. In jedem Lager waren Gruppen um ihrem eigenem Fähnlein und dann mögen auch manche Kämpfe unter diesen geftihrt worden sein, aber in der Mitte, da wohnte Gotteswort, der Stein gewordene Gotteswille als organisiertes Prinzip. Das. ganze jüdische Volk soll es sein, aber in der Mitte die Gotteslade. Organisation nicht im Sinne künstlicher Schöpfungen ist der Schlüssel des geschichtlichen Geschehens. Auch der große Jammer, den wir erlebt haben, ist nur Kampf um die Organisation in der Welt im tiefften Sinne. Das Wort vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, das ist nur der geschichtliche Ausdruck dafür, daß der Organisationskampf unter Blut und Tränen sich vollzieht. Und auch die Juden müssen sich diese Organisation geben. Wie sie aussehen soll, das ist Gegenstand des Kampfes der Ideen, nicht der Personen. Auf uns liegt die Pflicht, im Kämpfe der Ideen nicht zurückzuschrecken. Wir kämpfen für das ganze jüdische Volk als Nation des Gottesgesetzes. Wer uns nicht verstehen will, der mag einen Stein auf uns werfen. Wer aber weiß, lvie heilig die Wahrheit ist, wie groß, der Idee der Gottesnation zu leben und sich nicht damit allein zu begnügen im Beth- Hamidrasch, sondern der Schöpfung des um das Gotteswort organisierten jüdischen Volkes alles zu opfern, der wird unser Wollen würdigen. Wäre diese Organisation schon zur Wirklichkeit geworden, dann wäre heute nicht nötig, von jüdischen orthodoxen Verbänden hier zu sprechen. Dieser Name besagt, welche Aufgaben noch vor uns liegen. Es ist heute nicht populär, von Geduld zu sprechen, unpopulär zu sagen, welche Schwierigkeiten uns entgcgenstehen. Es wird Jahre dauern, bis Agudas Jisroel die Organisatton des ganzen jüdischen Volkes geworden ist, um in diesen Tagen eine Einheitsplattform des jüdischen Volkes hetzustellen. Diesem Zwecke dient die Konferenz. Wir müssen die Forderungen der orthodoxen Judenheit für die Friedenskonferenz formulieren. Wir müssen bekennen, was uns Erez Jisrael ist für die jüdische Zukunft des jüdischen Volkes. Dann werden wir es den Völkern einheitlich erklären können. Wir haben ferner die Reihen zu schließen, um, wenn die Stunde schlägt, auf dem heiligen Boden unsere Ideen in dem Sinne zu verwirklichen. Wir werden die Augen offen zu halten haben, da auch im besten Falle das Schicksal des jüdischen Volkes in seiner größten Mehrheit in den Ländern der Diaspora sein wird, daß auch im ganzen Chuzloorez auch ein heiliges Volk lebt und gedeiht, wenn auch nicht auf dem heiligen Boden. Wir werden dann zu erwägen haben, wie die Organisationsfrage überwunden werden kann. In unseren Kreisen dürfen verschiedene Ansichten herrschen Wir werden kämpfen um den Sieg unserer Idee und wir hoffen/ daß es nur eines gibt zür Heilung unserer Wunden, die Schaffung eines hohen'rabbinischen Rates, der rabbinischen Größen, damit alles al pi Hatorali geschehe. Wir sagen dreimal täglich Hoschiwuh Schauftenu keworiscliaunoh. Wollen wir den tiefsten Kummer, der in uns nagt, allen die Zerrissenheit aus der Welt schaffen, dann ist es nur durch Einsetzung eines rabbinischen Rates möglich, damit das Gottesvolk Wirklichkeit' auf Erden werde. Wenn die Tage, die vor uns stehen, uns einige Schritte weiter bringen, dann können nicht nur die Veranstalter dieser Konferenz, sondern das ganze jüdische Volk in die Birkas haudooh jubelnd eiustimmen durch ein lautes Amen! Die Ansprachen der Redner fanden stürmischen Beifall. Der Saal rauschte wiederholt vor Begeisterung auf und der Abend übte auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck aus. Donnerstag, den 20. Februar, fanden den ganzen Jag hindurch sowie bis spät nach Mitternacht verttauliche Vorkonferenzen, Landsmannschafts¬ und Kommissionssitzungen statt. Die Beratungen waren sehr eingehend, stellenweise ziemlich lebhaft. Nachdem hinsichtlich aller wichtigen Fragen eine prinzipielle Einigung erzielt worden ist, konnten die eigentlichen Verhandlungen am Freitag in überaus gehobener Stimmung 'ihren Anfang nehmen. Den öffentlichen Sitzungen wohnten zahlreiche Gäste sowie mehrere Pressevertreter bei. Unter der jüdischen Bevölkerung Zürichs gab sich ein überaus lebhaftes Interesse für die Konferenz kund. Die Schweizer Presse veröffentlichte Berichte über den Verlauf der Beratungen. Ireitag-Sihung. Die Freitagsitzung 'wurde mit einer Begrüßungsansprache des Rabbiners Dr. Löwen st ein im Namen des Zentralkomitees der „Agudas Jisroel" in der Schweiz eröffnet. Redner dankt den Delegierten, die sich den Mühseligkeiten der Reise unterzogen haben und drückt sein Bedauern darüber aus, daß die Delegierten aus Polen, die sich auf den Weg gemacht haben, infolge der Verkehrsschwierigkeiten nicht eintreffen können. Er verliest den Text eines Huldigungstelegramms an den Schweizerischen Bundesrat, welchem unter anderem der Dank für die den Delegierten erteilte Einreisebewilligung ausgesprochen wird. Hierauf wird die Wahl des Präsidiums vorgenommen. Es werden ins Präsidium gewählt: Rabbiner Dr. Löwenstein (Zürich), Oberrabbiner Schapiro (Kowno), Oberrabbiner Schuster (Sökolka), Oberrabbiner Professor M. Margulies (Florenz), Rabbiner Dr. Cohn (Basel), Rabbiner Dr. S. Breuer (Frankfurt a. M.), Rabbiner Dr. Munk (Berlin), Oberrabbiner Horowitz (Bohorodczany), Adolf Frankl (Budapest). Zu Schriftführern werden bestellt: Rabbiner Dr. Weil (Bouxwillier), Oberrabbiner Tal (Utrecht), Oberrabbiner Dr. Winkler (Kopenhagen), Oberrabbiner Dr. Sacerdotti (Rom), Akiva Schreiber (Sereth). Das Referat zum dritten Punkte der Tagesordnung: „Thaura und zeitgenössische Judenheit" erstattet Oberrabbiner Schapira (Kowno). Der Referent betont: Es ist bezeichnend für die Konferenz und für den ganzen Geist der Orthodoxie, daß die Konferenz mit der Frage der Thora anfängt. Unsere Arbeit kann nur darauf gebaut sein, daß bei den Juden der Limud Thauro stark bleibt. Dann können auch alle anderen Arbeiten gedeihen. Es kann auch einer seinem Volke treu sein, ohne daß er Thauro gelernt hat, aber es kann niemand Thauro gelernt haben und trotzdem seinem Volke nicht treu sein. Referent schildert die Verheerungen, die der unglückselige Krieg in den litauischen Jeschiwaus angerichtet hat. Die meisten Institutionen mußten ihre Wohnsitze verlassen und konnten sich nur zum Teil 'an anderen Orten ansiedeln. Dies hat allerdings auch etwas Gutes an sich gehabt insofern, als an Orten, wo bisher wenig gelernt wurde, und wo auch das jüdisch-religiöse Leben arg vernachlässigt war, wieder regeres Leben und Sinn für Limud angeregt wurde. Wenn Redner von Jeschiwaus spricht, meint er

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