Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 7 (13.2.1919)
- Date
- 1919-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz, Nr. 7 Halacha steht. Wer der Sache zugetan ist, sollte dies gerne sehen und nicht störend hineingreifen. Glauben die Herren Zionisten an die Werbekrast ihrer Ideologie, dann mögen sie ruhig die Entwicklung der Dinge abwarten. Ihre Gemalttaktik löst aber den Gedanken aus, daß sse ihrer Sache denn doch nicht so sicher sind und das läßt tief blicken. Die Herren sollten sich den Kops der Orthodoxie nicht zerbrechen. Kaum wird sie im Sattel sein, wird sie auch schon reiten können. Äann wird cs heißen: „Minai uminoch tistaja milsal“ Jehudi-Chored. Die Iudcnfrage beim Zozialistenkongreß in Lern. Beim gegenwärtig in Bern tagenden Sozialistenkongreß wurde auch die Judensrage wiederholt zur Sprache gebracht. Der Poale-Zionist Locker unterbreitete einen Antrag, der im wesentlichen besagt: Die Konferenz anerkennt den internationalen Charakter der Judenfrage und fordert in Anwendung der allgemeinen Grundsätze des Selbstbestimmungsrechtes ihre Regelung auf folgender Grundlage: 1. Völlige bürgerliche Gleichberechttgung in allen Ländern und internationaler Schutz gegen physische Verfolgung und wirtschaftliche Bedrückung. 2. Freiheit der Einwanderung und Ansiedlung in allen Ländern. 3. Nattonale Selbstverwaltung und nattonale Gleichberechttgung. 4. Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Errichtung einer nattonalen Heimstätte in Palästina unter dem Schutze des Völkerbundes. Die Konferenz gibt ihrer ttefsten Empörung gegen die in den letzten Monaten stattgefundenen entsetzlichen Pogrome Ausdruck und fordert die Arbeiterklasse auf, gegen diese Aeußerungen des Antisemitismus und Chauvinismus anzukämpfen. Endlich fordert der Antrag die Regelung der Judenfrage in Rumänien auf der Grundlage der soforttgen, uneingeschränkten, ausnahmslosen Naturalisierung aller Juden in Rumänien. Kurski, der Vertreter der jüdisch-nattonalen Organisation in Polen, kritisiert sehr eingehend die Regelung der Sonntagsruhe und beantragt, daß an Stelle der geforderten Sonntagsruhe allgemein in der Woche eine 36stündige ununterbrochene Ruhepause mit Rücksicht auf die jüdische Arbeiterschaft verlangt werde. Die Fixierung des Tages soll den einzelnen Länden: überlassen werden. Ferner beantragt er, jegliche einschränkende Besttmmung in bezug auf das Recht der Einwanderung fallen zu lassen. Diese Forderung wird von Chasanowitsch (Poale. Zion) unterstützt, der einen weiteren Zusatzantrag stellt, durch den mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Depression eines Landes die von diesem Land getroffenen Einschränkungen in der Einwanderung der Kontrolle durch den Völkerbund zu unterliegen Die Iudenfrage in Rumänien. Wir lesen im „Manchester Guardian" vom 24. Jänner eine amtliche Note der rumänischen Negierung über die Regelung der polittschen Stellung der Juden in Rumänien. Das Dekret, das hier veröffentlicht wird, verfügt, daß alle Fremden, die in Rumänien einen ständigen Wohnsitz haben und eingetragen sind, und die nicht auf daS Gebiet irgend eines anderen Staates verwiesen werden können, das Bürgerrecht erhalten, ausgenommen die Landesverräter, Spione, Militärflüchtlingc usw. Aus diesem Dekret erhellt nicht, ob die Juden inRumänien von nun an das volle Bürgerrecht genießenwerden, oder den bisherigen beschämenden und bedrückenden Beschränkungen unterworfen werden. Hingegen ist aus dem Dekret ganz klar zu ersehen, daß die rumänischen Juden von der Regierung noch immer schlechtweg als Fremde betrachtet werden. Laut der „Neuen Züricher Zeitung" meldet, das RLutersche Bureau aus Bukarest: Das Judenproblem hat' nun seine gesetzliche Lösnng gefunden. Im Amtsblatt wird ein Dekret veröffentlicht, das sämtlichen in Rumänien sich aufhaltenden und angemcldeten Ausländern, für die keine fremde Regierung zuständig ist, die Nattonalität gewährt. Ausgenommen bleiben nur die Fälle von Verrat, Spionage oder Fahnenflucht. Entgegen dieser Meldung erhalten wir über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Rumänien außerordentlich beunruhigende Nachrichten. Unterrichtete Persönlichkeiten teilen uns mit, daß die Lage der Juden in Rumänien fürchterlich ist. Es haben Pogrome stattgefunden. Die Juden werden geschlagen und in Massen verhaftet. Das Gesetz, das der Minister Bratianu dekretiert hat, wird als n o ch schlimmer empfunden, als das berüchttgte Gesetz des Herrn Marghiloman. In Bukarest fand ein Demonstrattonszug, an dem sich 15.000 Juden beteiligten, statt, um für die Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina zu demonstrieren. Die Demonstration wurde durch militärische Eingriffe gestört. Die Pogrome in der Ukraine.- Allmählich erfahren wir Näheres über die allerneuesten Pogrome in der Ukraine. In Berdyczew spielte sich die Sache folgendermaßen ab: Am 19. Jänner früh kam eine Truppenabteilung nach Berdyczew. Diese Abteilung kam angeblich aus Galizien. Sie war gut bewaffnet und trug rote Kappen. Ihr schloß sich eine Anzahl von Huligans an, worauf sie an die Entwaffnung der jüdischen Miliz schritten. Wer sich widersetzte, wurde auf der Stelle erschossen. Um zwölf Uhr mittags begann der Pogrom. Die Banditen gingen von Haus zu Haus und raubten was nicht niet- und nagelfest war. Türen wurden zertrümmert, Geschäfte erbrochen und ausgeplündert. Die Waren wurden auf Wagen weggeführt. Einige dieser Fuhrleute wurden ermordet, um die Zeugen zu beseitigen, welche das Versteck der geraubten Waren hätten angeben können. Der Pogrom dauerte bis' zum Abend. Die Hauptstraße von Berdyczew mit den größten Läden ist vernichtet. In der Stadt gab es nicht viele Opfer, nur einige Leute fielen durch verirrte Kugeln. Jüdische Frauen wurden geschändet. Die ärgsten Vorgänge spielten sich auf dem Bahnhof ab. Im Laufe des Tages begaben sich viele Bürger dorthin, um die Stadt zu verlassen. Zwischen sechs und sieben Uhr umzingelten die Pogrömisten den Bahnhof. Ein Teil begab sich in die Wärtesäle und begann dort, die Juden in die Stadt zurückzutreiben. Dabei mußten die Juden zwischen zwei Reihen von Soldaten hindurch, welche ihnen alles raubten, was sie bei sich trugen; dann wurde im Dunkeln auf die Juden geschossen. Es gab viele Tote, darunter auch Frauen. Die Zahl der Opfer ist noch nicht bekannt. Die nächtlichen Ueberfälle wiederholten sich Montag nnd Dienstag. Der militärische Kommandant ordnete an, hgß jeder, der sich nach acht Uhr abends auf der Straße zeige, erschossen werden solle. Eine jüdische Miliz wurde neu gebildet, doch will der Kommandant für sie keine Waffen ausgeben. Der Warschauer „Moment" berichtet auf Grund der Aussagen von Reisenden, daß-die Zahl der Opfer hundert beträgt. Mit dem Kommandanten von Berdyczew, einen bundistischen Juden, lehnten die Banden, welche den Pogrom ausführten, jede Verhandlung ab. Von Berdyczew begab sich ein Teil der Banditen nach Schitomir. Näheres über die dortigen Ereignisse ist nicht bekannt, doch soll es auch dort zu einem fürchterlichen Pogrom gekommen sein. Man spricht von Tausenden Ermordeter und Verwundeter. Die amtliche Zeitung „Ukrainiskawka", das Jnformationsorgan der Armee der ukrainischen Volksrepublik, vom 12. Jänner 1919 veröffentlicht folgenden Befehl: Befehl: „In mehreren Ortschaften der Ukraine wurden durch verschiedene Kosakentruppen Gewalttaten gegen die Juden verübt. Nach zuverlässigen Nachrichten wurden die Kosaken durch Provokateure aufgehetzt, die zu den Anhängern des Hetmans gehören und zu denjenigen, die sich Bolschewik nennen. Sie verfolgen damit den Zweck, die ukrainische, republikanische Armee in Verruf zu bringen, gegewdas ukrainische Kosakentum den Haß der Bevölkerung zu erwecken und überhaupt in unser Land Unordnung und Gewalt hineinzutragen und auf solche Weise die alte Herrschaft der Gutsbesitzer und der Reichen wieder herzustellen. Mehrere solcher Provokateure sind bereits ergriffen und erschaffen worden, andere sehen ihrer Aburteilung durch ein Feldgericht entgegen. Das Direktorium der ukrainischen Volksrepublik befiehlt hiermit allen Kosaken der Volksarmee, sowie allen ehrlichen Bürgern, die obengenannten Provokateure und jeden, der zu Gewalttaten aufhetzt, festzunehmen und unverzüglich an die Militärgerichte abzuliefern. Die Anhänger des Hetmans, die Gegenrevoluttonäre, die sich Republikaner nennen, warnt das Direktorium kategorisch:'Wer es wagen wird, auf irgendeine Weise die Ehre der Armee des arbeitenden, revolutionären, ukrainischen Volkes zu schänden, wird aufs strengste bestraft werden. Die demokratisch e Judenh eit, aber fordert das Direktorium auf, energisch diejenigen anarchobolschewistischen Elemente in ihrer Nation zu bekämpfen, die gegen das arbeitende Volk der Ukraine und seine Herrschaft auftreten. Denn diese Elemente geben den Provokateuren einen Vorwand für ihre demagogische und schädliche Agitation gegen die ganze Judenheit, die mit dem Bolschewismus nichts zu tun hat, und verwirren die anständig gesinnten Ukrainer, die jedes arbeitende Volk verteidigen, darunter auch die jüdische, nicht anarchistisch-bolschewistische und dem ukrainischen Staat treu ergebene Demvkratte." (gez.) Der Präsident des Direkwriums: Winnitschenko; die Mitglieder des Direktoriums: Petljura, Schwetz, Ändrijewski, Maskerenko. _ Die Woche. Die Wahlen in Deutschösterreich. Sonntag werden die Wählermassen in Deutschösterreich zur Wahlurne schreiten. Wie an dieser Stelle wiederholt betont wurde, .kommt das jüdische Votuni bloß in Wien stärker in Betracht. Im Wahlkreise Nordost, wo die Möglichkeit vorhanden ist, einenjüdischen Kandidaten durchzubringen, stehen zwei Juden, Dr. Ofner und Ing. Stricker, gegeneinander. Der Wahlkampf wird aber nicht in persönlicher, sondern in prinzipieller Beziehung geführt. Die jüdische Wählerschaft dürfte ziemlich aufgeklärt sein, um zu verstehen, welcher Kandidat ihr besser zusagt, und in diesem Sinne wird sie ihr Votum abgeben. In den anderen Wahlkreisen ist es ihre Pflicht, diejenigen Kandidaten, respekttve Gruppen zu stützen, deren Demokratie außer jedem Zweifel steht, ohne sich von einseitigen, radikalen.. Schlagworten betören zu lassen. Keine einzige jüdische Sttmme darf solchen Parteien zufallen, die offen oder versteckt Anüsemittsmus betreiben, mögen sie sonst noch so — vielversprechend sein. Gerade weil wir in der Nattonalversammlung so minimal vertreten sein werden, sind wir daran interessiert, das demokrattsche Element zu stärken. Alle anderen Rücksichten müssen in den Hintergrund treten. Nichts gelernt und nichts vergessen. Die Wiener Judenfeinde haben nichts gelernt und nichts vergessen. Die Hetze geht weiter los. Bald sind es die Flüchtlinge, gegen die zu Felde gezogen wird, bald die „fremde" Studentenschaft, die man von der Universität verjagt sehen möchte. Man vergißt in diesen Kreisen, daß Wien heute von dem Wohlwollen des Auslandes abhängig ist und daß derarttge Maßnahmen kaum dazu geeignet sind, die Sympathien für die schwergeprüfte Stadt zu stärken. Man übersieht auch, daß Wien in der Zukunft gerade auf den Zuzug der Fremden angewiesen sein wird, will es nicht ganz zu einer Provinzstadt herabsinken. . . . Die Ernüchterung dürste nicht ausbleiben; schon wird in der Universitätsftage zum Rückzug geblasen. Die Frage ist nur: Wozu die Hetze, die weder Ehre, noch -Vorteile bringen kann?! Die Wahlen in Polen. Ueber das Resultat der Wahlen zum polnischen „Sejm" fehlen noch immer autentische Nachrichten. Ueber die Zahl der gewählten Juden liegen widersprechende Meldungen vor. Von einer Seite wird von 15 Juden, von der anderen von 12 gesprochen. Fest stehk vorläufig die Wahl der folgenden 9 Juden: 2 Orthodoxe (Rabbiner Perlmutter in Lublin, Rabbiner Holpern in Lodz), 2 Volksparteiler (Prilutzky und Hirschhorn in Warschau), 3 Zionisten (Dr. Thon in Krakau, Grünbaum in Warschau und Dr. Rosenblatt in Lodz), 2 Poale-Zionisten (Dr. Rosenfeld in Cholm und Dr. Schipper in.