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Jüdische Korrespondenz · 1919-02-06 · 6 (6.2.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
6 (6.2.1919)
Date
1919-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 6 und den Zusammenhang seines afrikanischen und asiatischen Kolonialreiches nicht verzichten kann, bedeutet Palästina' keine Prestigefrage, sondern eine Lcbensnotwendigkeit. Mit dem Rechte Englands geht das unverjährbare Recht des jüdischen Volkes Hand in Hand. Wohl aus dieser doppelten Erwägung hat sich bereits jetzt die Regierung Amerikas für die Anerkennung Englands als Schutzmacht Palästinas seitens des Völkerbundes ausgesprochen. Welcher Art die „Mißverständnisse" waren, die nunmehr durch die letzten Unterhandlungen Weizmanns mit Wilson beseitigt worden seien, kann nicht zweifelhaft sein; Wilson hat sich für England und für das jüdische Volk entschieden. Auch der Völkerbund, der gegen die Herren Clemenccau und Pichvn ins Leben gehen wird, wird die Palästinafrage nicht zugunsten, sondern zu ungunsten Frankreichs entscheiden." Soweit R. Hinzugefügt mag noch werden, daß man auch die englische Judenfrcundlichkeit nicht überschätzen darf. Auch England hat ein sehr großes Interesse daran, die Sympathien der Araber für sich zu gewinnen. Anderseits darf man nicht übersehen, daß die Zuweisung der Entscheidung an den Völkerbund die Sache auf die lange Bank schieben könnte.... Wer weiß, wann dieser erst ins Leben zu rufende Bund dazu gelangen wird, sich mit der Palästinafrage zu befassen. Man wird deswegen in allen jüdischen. Kreisen gut tun, die Sache nicht aus dem Auge zu lassen. Die Woche. Die orthodoxe Jischuw-Erez-Jisrocl- Aktion. In Fortsetzung der Propagandaarbeit für die orthodoxe Jischuw-Erez-Jisroel-Aktion in Wien fand am 5. Februar, abends, im Bethause Machsike Hadaß (I. Lazcnhof) eine gutbesuchte Versammlung statt. Nach den einleitenden Worten des Präsidenten Herrn Bernhard Hofbauer wurde ein eingehendes Referat über die Ziele und die Aussichten der Aktion erstattet. Es folgte hierauf eine ziemlich lebhafte Diskussion, an der die Herren Sparer, Dr. Reiniger, Eduard Deutsch, Bernhard Hofbauer, Ury und andere sich beteiligten. Das Programm der Aktion fand allgemeine Zustimmung und ein großer Teil der Anweisenden trat der Organisation bei. Weitere Versammlungen werden im Laufe der nächsten Zeit stattfinden. Die Wahlen in Polen. Ueber den Verlauf und den Ausgang der Wahlen zur polnischen Nationalversammlung sind noch imnicr keine authentischen Berichte eingelangt. Auf Grund privater Nachrichten verlautet, daß die Wahlen im allgemeinen einen Sieg des naüonalistischklerikalen Blocks ergeben haben. Die Sozialdemokraten haben kaum einen vierten Teil der Mandate erhalten. Die jüdischen Parteien sollen, soweit festgestellt wurde, 14 Mandate erlangt haben. Unter den Gewählten befinden sich zehn Zionisten, drei Volkistcn und ein Orthodoxer. Eine nähere Beurteilung dieses Wahlresultates wird erst nach Betänntwerdcn der näheren Daten möglich sein. In Krakau fiel das Mandat dem' Dr. Thon zu, der angeblich auch in Tarnow sowie in Warschau gewählt worden sein soll. Todesfälle. Sonntag abends verschied hier der bekannte Parlamenterier Abg. Hofrat Kamill Kuranda im Alter von 68 Jahren. Kuranda war ein Sohn des bekannten jüdischen Publizisten und Politikers Dr. Ignaz Kuranda, der in den Sechziger- und Siebzigcrjahren im politischen wie im jüdischen Leben Wiens eine große Rolle spielte. Hofrat Kuranda vertrat seit 1907 das Wiener Kaiviertel im österreichischen Reichsrate und erfreute sich in den parlamentarischen Kreisen großer Achtung. Als Jude trat er selten hervor. Bor einigen Tagen verschied in Wien der bekannte Schriftsteller Dr. Moritz Friedländer, der seinerzcitigc Berater des Baron Hirsch. Doktor Fricdländer veröffentlichte auch eine Reihe historischphilosophischer Werke und Monographien. Aushebung des obligatorischen Religionsunterrichtes in Bayern. Das bayrische Ministerium für Unterricht und Kultus hat durch eine Verordnung bestimmt, daß „gegen den Willen der Erziehungsberechtigten Kinder nicht zur Teilnahme am Religionsunterricht angehalten »verden können". In Durchführung des Grundsatzes wird dann weiter bestimmt, daß „auf Grund einer schriftlich beim Schulleiter oder Lehrer abgegebenen Willensäußerung des Erziehungsberechtigten die Schüler oder Schülerinnen ohne weiteres von dem Besuche des Religionsunterrichtes entbunden werden können". Diese Neubestimmung findet natürlich auch auf den jüdischen Religionsunterricht Anwendung, der dadurch seines obligatorischen Charakters entkleidet ist. Welche Folgen diese Verordnung für den Stand des jüdischen Religionsunterrichtes in den bayrischen Schulen haben wird, muß die Zukunft lehren. Referat über Gründung eines jüdischen Iugendbundes für der Zchule entwachsene Mädchen. Von Rabbiner Dr- E. Landau (Strakonitz). Meine verehrten Damen und Herren! Ich habe cs übernommen,' heute Abend vor Ihnen zu sprechen, unter der Bedingung, daß unser Gedankenaustausch über die Gründung eines jüdischen Jugendbundes, für der Schule entwachsene Mädchen ein einfacher Ideenaustausch ohne Anwendung irgend eines oratorischen Kunstmittels bleibe. Was ich Ihnen bringe, ist der Ausdruck meiner innersten Ueberzeugung. Es ist ein historischer Augenblick, da wir hier zusammentreten, um unseren Jugendbund zu gründen, ein Augenblick von ernster Bedeutung, ganz ohne Rücksicht darauf, ob mein Werk sofort in vollem Umfange gelingen oder ob cs nur ein Bruchstück bleiben wird. Mich beseelt jetzt nur der einzige Gedanke, die Zukunft des Judentums, die Jugend, das kostbarste Juwel im Judentum. Was mir als Höhczicl des Jugendbundcs vorschwebt, ist die Wiederbelebung des uralten Judentums, das die Judenheit zu einem einheitlichen belebten Organismus machte. Wir haben aber keine Zeit zu verlieren- Bedenklichkeit und Saumseeligkcit arbeiten hier dem Verfall in die Hände. Die erschreckend wachsende Entfremdung der Jugend steigert unsere Hoffnungslosigkeit bis zur Verzweiflung. Hier vorzubeugen ist Pflicht aller Kreise der Judenheit. Jeder Jude, dem die Stärke der Judenheit am Herzen liegt, welcher Parteirichtung er auch angehSren möge, der muß doch Mitarbeiten, daß ein starkes und heldenmütiges Geschlecht aus unserer Jugend heroorwachse. Wir müssen zeigen, daß wir alle Brüder sind im Dienste der Jugend. Durch die Ausbildung der Jugend wollen wir eine jüdische Aristokratie des Geistes schaffen. Die Arbeit der Erziehung unserer Jugend muß getragen sein von dem Willen aller Organisationen unter Hintansetzung aller kleinlichen, aller internen Feindseligkeiten, damit dem Verfall die Spitze erfolgreich gebrochen wird. Die Jugend, das Allerhciligtum der Judenheit, darf wegen Parteizwistigkeiten nicht vernachlässigt werden. Unsere Hoffnung, das ist unsere Jugend. Ja, die Jugend ist ein eiserner Reif, der die Judenheit fest umschließen und als eine einzige feste Macht durch alle Gefahren erhalten wird. Die Jugend ist das geistige Herz des Judentums. Es ist schrecklich zuzusehen, was aus unserer Jugend wird. Rein und unschuldig verläßt die Jugend die heiligen Räume der Schule. Beim Verlassen 0er Schule ist die Seele des Kindes ein unbeschriebenes Blatt, auf das man schreiben kann, was man will. Mit dem Eintritte des schüchtern und naiven Kindes in das freie und unbegrenzte Leben und durch das Einatmen der verpesteten Luft wird die Jugend, besonders aber die weibliche Jugend, dem Judentum entrückt und entfremdet. Das stetige Zusammenarbeiten der Mädchen, die leicht suggeriert werden mit den uns verachtenden und verhöhnenden Kreisen, übt einen großen magnetischen Einfluß auf die empfängliche Seele der Mädchen aus. Sie, das jüdische Mädchen, meidet dann uns und haßt in ihrem Innern ihre noch jüdischen Eltern, die Seuche der Menschheit. Es ist der gefährlichste psychologische Irrtum,, zu glauben, daß die Erziehung Sache des einzelnen Vaters sei; nicht wir erziehen unsere-Mädchen, sic werden erzogen von der Atmosphäre, in der sie leben, von der geistigen Luft, die sie atmen, und kein Vater und keine Mutter vermag gegen die Miterzieher auszukommen, die auf geheimen Wegen an der Seele der Kinder gestaltend und formend schaffen. Unsere Jugend steht in der Atmosphäre, die sie umgibt, täglich vor der Gefahr, das Judentum als ein altes Gewand in die Lumpenkanimer zu werfen. Es ist auch unmöglich den Mädchen, die in einer solchen Umgebung leben, einen wahren Begriff des Judentums einzuprägcn. Mit Leichtigkeit legen viele- Mädchen den abgetragenen Mantel, das Judentum, ab, um einen neuen nach der letzten Modo dafüx anzulcgen. Die heutige Jugend kennt das Judentum, seine Religion, seine traurige, mit Blut und Tränen gezeichnete Leidensgeschichte vergangener Jahrtausende, sein Leben und Streben, seine Ideale nicht, sie kann naturgemäß auch keine Liebe zu ihm empfinden, sie steht ihm als eine Fremde gegenüber. Die große Masse der jüdischen Mädchen hat von der Bedeutung des Judentums wenig oder gar keine Kenntnis. Infolge der Unwissenheit der Jugend macht der Zerfetzungsprozeß im Judentum große Fortschritte. Das jüdische Mädchen weiß nicht, warum es Jüdin bleiben soll. Man verlangt sonst von unseren Töchtern, daß ihnen der Name moderner Dichter und der modernen Romane allzu geläufig sei: von den Lehren des Judentums zu lernen, scheint nicht zur Bildung zu gehören. Nach heutiger Anschauung kann man sehr gebildet sein und braucht sich gar nicht vorstellen zu können, daß die Juden nicht zu allen Zeiten von alten Hosen und vom Wucher gelebt haben. Es ist schon lange her, seit Heinrich Heine den boshaften Vers gedichtet von den Ochsinnen, die auf dem Berge stehen, wenn man sie nach der Entstehung, Entwicklung un« Bedeutung des Judentums-fragt; man hat aber nicht gehört, daß sie seitdem heruntergekommen seien, ja, sie baben noch Gesellschaft erhalten. Die moderne Bildung in der Weise, wie sie heute den jüdischen Mädchen vermittelt wird, rntjudaisiert sie. Nirgends ist die Kenntnis von der Hoheit und Reinheit wahren jüdischen Lebens fremder und ungewöhnlicher als bei unseren Mädchen. Nur aus Unwiffenheit wechseln viele Mädchen den jüdischen Glauben, wie man Handschuhe wechselt. Es ist zwar für den-Gesamtorganismus besser, daß er die abgestandenen und abgestorbenen Teile ausstößt. Es ist aber dennoch, um der Erhaltung unseres Stammes Willen, dringend zu wünschen, daßrdie Unwiffenheit in jüdischen Dingen endlich so verächtlich werde, wie jede andere Roheit. Denn wer nichts besitzt, der hat nichts zu verlieren. Ja. wer das Judentum nicht kennt, der gibt es ohne Klagen und Zagen auf. Unsere jüdischen Mädchen, die in ihren Gesinnungen und Empfindungen den Charakter des koinmenden Geschlechtes vorberbestimmen. werden nicht durch rechtzeitige Aufklärung über das Heldentum unserer Ahnen für den Glauben ihrer Eltern erwärmt. Welche Opfer wir uns auch immer auferlegen, unsere Töchter in fremden Sprachen ausbildenzu lassen, ihr Gemütsieben, von dem zum großen Teil das Glück und Unglück ihrer Tage und die Zukunft späterer Generalionen abhängtwird in traurigster Weise vernachlässigt. Man schämt sich beinahe Jude zu sein uyd noch mehr, als ein Jude betrachtet zu werden. Dem Organismus der Judenheit fehlt feine Seele, die Jugend. Darum liegt der Körper der Judenheit zerfetzt und aufgefreffen, jeder Macht der Elementarwelt zur Beute, auf der Fläche des Tales. Bor unseren Augen bröckeln Stein um Stein aus dem Bau der Judenheit. Taufen und Mischehen lichten die Reihen der Juden. Mit Recht sagt Ruppin: Die Mischehe schmälert den Bestand, indem sich ihr einen Teil des Nachwuchses entzieht, die Taufe schmälert den BestOid, indem sie Angehörige. des Judentums von der jüdischen Religionsgemeinschaft loslöst und in der Folge spurlos in den christlichen Völkern verschwinden läßt. Die Proselytinnen der Gegenwart, Dienstmädchen, Srubenmädchen, Wirtschafterinnen und Verkäuferinnen, können die Verluste nicht ersetzen. Der Täufling in der Großstadt kann ohne große Schwierigkeiten seine gesellschaftliche Beziehung zu uns sortsetzen. Viele Juden der Großstadt finden vielfach die Zuführung der Kinder zum Christentum verzeihlich. Bald darauf werden ihre Töchter Gräfinnen und dergleichen; damit sie sich ihrer Eltern nicht schämen, lassen auch diese hinterher sich taufen, dann prahlt der Schwiegervater mit seinem Schwiegersohn, und dieser mit seiner Verachtung über Juden. Das Weihbecken eröffnet ihnen den Weg in die hohe Gesellschaft. Auf das Butterbrot bekommen die Getauften für ihre Konzessionen alles, was sonst ihnen vvrenthalten wird. Ruppnr ist sogar der Ansicht, daß die Judenheit sich auflöse,i werde. Zwar kann selbstverständlich nicht -davon die Rede sein, daß die Juden in einigen Jahrzehnten aus der Welt verschwunden sein werden. So schnell verschwindet ein Volk von 14 Millionen Menschen nicht. Es mag ein Jahr- .hundcrt und noch mehr währen, bis der Aufsaugungsprozeß die letzten Juden ergriffen hat- Die Judenheit mutz daher von dem akuten Blinddarm ehestens befreit werden. Die Zugehörigkeit eines Juden zum Judentum darf sich nicht erst dann offenbare», wenn er in einem jüdischen Friedhof begraben wird. Das ruhmreiche Judentum, das Jahrtausende hindurch einen beispiellosen Lebenskampf gekämpft und ein beispielloses Martyrium getragen hat, darf nicht dem Tode geweiht werden. Das Volk, daß eine Vergangenheit verachtet oder verleugnet, ist ein entartetes Volk, bereits zum Selbstmord und dem Tode nahe. Wir Juden, der Stamm der Propheten und der Psalmendichter, müssen zeigen, daß unsere Begeisterung für die Erhaltung des Judentums nicht ausgestorben ist. Wir münen das Banner des Idealismus Hochhalten und das heilige Feuer der Begeisterung für das Judentum entzünden, die Flamnw der Liebe entfachen, die Liebe zum Judentum. (Schluß folgt.) wirtschaftliche Möglichkeiten in Palästina. Palästina ist heute mehr als zur Hälfte, brachliegend, die bearbeiteten Landstriche ergeben infolge der schlechten Arbeitsmethoden der unkundigen arabischen Bevölkerung, eine unter dem Durchschnitt zurüMeibende Ernte, die einst blühenden Terasfenkultnren sind vollständig vernachlässigt und das Land des Oelbaumes und der Rebe produziert eigentlich nur in den jüdischen Kolonien Wein und Südfrüchte, deren Qualität allerdings erstklassig ist. Reiche Wassermengen, die zu Bewässerungs- und Kraftzwecken verwendet werden können, fließen

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