Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 6 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Bezugspreis GanzjährigK 12,halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 6. Wien, 6. Februar ISIS. V.Jahrgang. Der Kampf um pafästma. In derselben Zeit, da es den Anschein hatte, daß der jüdischen Sache in Palästina die günstigsten Aussichten wirken, entstand dem jüdischen Volke ein neuer Rivale, der keineswegs zu unterschätzen ist. Frankreich arbeitet mit Hochdruck, um das Land in seine Hand zu bekommen. Es wäre sicherlich verfehlt, die Gefahren zu übersehen, die daraus entstehen können und der Optimismus großer jüdischer Kreise ist nur höchst bedingt angebracht. Daß man auch in zionistischen Kreisen die Gefahr ernst nimmt, das beweist ein Aufsatz des Zionisten L. Rosenberg in dem Zionistenblatt „Das Jüdische Echo" (München), den wir nachstehend reproduzieren: „Im Zusammenhang mit dem Bericht über die letzte Vollsitzung der Friedenskonferenz vom 25. Jänner wird in neutralen und deutschen Blättern die Nachricht verbreitet, England habe sich bereit erklärt, die Entscheidung über das Schicksal der deutschen Kolonien, Mesopotamiens und Palästinas, dem Völkerbunde zu überlassen. Man geht nicht fehl, wenn man diesen Entschluß der englischen Regierung, dessen außerordentliche Bedeutung und Tragweite niemand verkennen wird, als den Ausfluß eines politischen Interessenausgleiches hinstellt, wie er für den ganzen Charakter der großen weltpolitischen LiquidUrungsaktion, wie sie die gegenwärtigen Friedensverhandlungen darstellen, bestimmend wird. Daß tiefgehende Gegensätze weltpolitischer Natur in bezug auf die Lösung des Palästinaproblems tatsächlich bestehen und einen Austrag heischen, war schon seit langem für niemand ein Geheimnis, der sich im weitläufigen Getriebe weltpolitischer Einstellungen und Aspirationen einigermaßen auskennt. Die Erklärung des Pariser „Times"-Berichterstatters, die Unterredung des Wortführers der englischen Zionisten Weizmann mit Balfour und Wilson hätte das Ergebnis gehabt, daß gewisse Mißverständnisse der letzten Zeit bezüglich der Schaffung der nationalen Heimstätte der Juden in Palästina beseitigt worden seien, konnte daher den Eingeweihten ebensowenig überraschen, wie die Tatsache, daß — einer New Iorker Meldung der „Baseler Nachrichten" zufolge — die amerikanische Regierung ihre Einwilligung zu einem im Aufträge des Völkerbundes auszuübenden englischen Protektorats über den zu errichtenden jüdischen Staat in Palästina erteilt hat, während eine gleichgeartete Erklärung seitens der anderen Verbündeten bis'jetzt ausgeblieben ist. Daß die Haltung Italiens im Hinblick auf das syrische Problem keineswegs von Selbstlosigkeit eingegeben ist, ist längst bekannt; in seinem weitläufigen imperialistischen Soll und Haben bilden seine Schulen, Klöster und sonstige Gründungen in Palästina und Syrien verheißungsvolle Aktivposten, deren Verwandlung in Verlustposten es nicht tatenlos zuschauen wird. Als selbständiger Faktor kommt indessen Italien in dieser Beziehung im gegenwärtigen Moment, in dem die weltpolitischen Belange von den Königen und nicht von den Kärrnern entschieden werden, kaum in Betracht; seine Bedeutung erlangt es erst als Mitläufer der großen lateinischen Schwester, Frankreichs. Für die französische Politik ist der syrische Fragenkomplex von beherrschender, in einer Jahrhunderte alten Vormachtstellung und in Jahrhunderte langen Bemühungen begründeter Bedeutung. Eine der ersten und einschneidensten Schritte der weitblickenden französischen Weltpolitik in diesem Kriege war das nunmehr bekanntgewordene französischenglisch-russische Abkommen von 1915, das im wesentlichen auf ein französisches Protektorat in Syrien (wozu mindestens Nordpalästina—Galiläa zu zählen wärH hinaüsläust. Daß man in den maßgebenden französischen Regierungskreisen an diesen Abmachungen auch nach der Balfourschen Erklärung vom 2. November 1917 unentwegt festzuhalten entschlossen ist, konnte für niemand einem Zweifel unterliegen, der ftanzösische Willenszähigkeit zu würdigen weiß. Zur völligen Gewißheit wird die Auftechterhaltung der französischen Aspirationen in Syrien durch eine am 29. Dezember erfolgte Erklärung Pichons in der ftanzösischen Kammer. „Frankreich — meinte Herr Pichon — habe in der Türkei Rechte zu wahren, so im Libanon, in Syrien und Palästina. Wir sind der Ansicht, daß die Abkommen zwischen England und Amerika fortbestehen (gemeint ist wohl das Abkommen von 1916, nach welchem Nordpalästina französisch werden sollte)." Auf eine an Briand gerichtete Anftage des Sozialistenführers Cachin führte dieser ergänzend aus: „Es kann darüber nicht zweierlei Deutungen geben. Ich habe mich bemüht, unsere Abmachungen zwischen den Alliierten über die Frage unserer Grenzen und unserer Rechte auf Kleinasien, die auf Jahrhunderte zurückgehen, zu regulieren. Die Abmachungen werden dem Friedenskongreß unterbreitet und dort zur Besprechung gelangen. Sicher ist es aber, daß England, um nicht wortbrüchig zu werden, sie wie wir neu ratifizieren wird". Dieses „Abkommen" wird vom auftichtigen „Manchester Guardian" als eine „Infamie" bezeichnet: „es tausche Völker wie Rindvieh und es ist unglaublich, wie es noch in Kraft sein kann". Das Unglaubliche ist indessen in diesen Zeitläuften oft genug Ereignis geworden, und die Zauberkünste der Geheimdiplomatie werden schließlich auch den syrischen Kuhhandel fertig bringen? Man ist jedenfalls in Paris recht zuversichtlich, und schon werden sichtbare und unsichtbare Fäden hinübergesponnen, um das syrische Arabertum, das zumindest in seinem kulturell und politisch führenden christlichen Element von jeher der ftanzösischen Orientpolitik schätzbare Schrittmacherdienste leistete, fiir die ftanzösischen Protektoratsgelüste vollends zu gewinnen. Hier liegt für uns die Gefahr. Es muß offen heraus und ohne alle Umschweife festgestellt werden: Wird diesen ftanzösischen Aspirationen in Syrien Gelingen und nicht Enttäuschung beschieden, dann ist der Traum eines jüdischen Palästinas ausgeträumt. In gleichem Maße, wie Englands Palästinapolitik auf den jüdischen Faktor (?) eingestellt ist, stützen sich die ftanzösischen Bestrebungen und Hoffnungen auf das syrische Arabertum. Die in ftanzösischen Jesuitenschulen und Hochschulen — der Mittelpunkt dieses syrisch-französischen Kulturimperialismus ist die von ftanzösischen Jesuiten unter weitgehendster und fteigiebigster Unterstützung der Pariser Regierung gegründete und geleitete Sankt Joseph-Universität in Bayruth — aufwachsende christlich-arabische Jugend und darüber hinaus die gebildeten Kreise des Syrertums sind tatsächlich der ftanzösischen Sache mit Leib und Seele ergeben. Französische Emissäre haben bereits in den letzten Jahrzehnten mit allen Mitteln das syrische Arabertum für Frankreich zu gewinnen gesucht und dabei nicht vor offenen Jntriguen und Aufputschungsversuchen gegen die türkische Regierung zurückschrecken. Mit verdoppelter Kraft ist in dieser Richtung seit Kriegsausbruch und namentlich seit der Besetzung Palästinas durch die Engländer gearbeitet worden. Es ist bekannt, daß die syrischfranzösische Jrredenta nicht davor zurückgescheut hat, zionistische Kreise in ihre polittschen Abenteuer zu verstricken. Im Bayruther Hochverratsprozeß, der die vornehmsten syrisch-arabischen Familien dem Türkengalgen auslieferte, haben auch an das syrische Komitee gerichtete Schreiben zionistischer Führer eine gewisse Rolle gespielt. Was in den letzten Tagen und Wochen in Syrien selbst unter den Augen der ungeachtet des englischen Widerspruches eingesetzten französischen Verwaltung Galiläas und namentlich auch in den syrischen Kreisen des Auslandes an agitatorischer Wühlarbeit geleistet wurde, davon ahnt der Außenstehende kaum etwas. Die führenden ftanzösischen Blätter, vor allem „Matin" und „Journal des debats“ entfalten eine ungezügelte Agitation für eine „enge Verknüpfung Syriens mit der Republik". Man läßt sich Sympathiekundgebungen von Syrern in Frankreich und in Amerika drahten, in denen die Syrer selbst danach lechzen, unter Frankreichs Protektorat gestellt zu werden. Die Marseiller Handelskammer, die natürlich am Levantehandel besonders stark interessiert ist, berief dieser Tage einen förmlichen syrischen Kongreß ein, der sich, einem neutralen Zeitungsbericht zufolge, zu einer imposanten Kundgebung für Frankreich gestaltete. In einem auf diesem Kongreß gehaltenen Referat über das syrischfranzösische Schulwesen wurde hervorgehoben, daß in den französischen Schulen Syriens — wohl mit Einschluß „unserer" Alliance-Schulen! — nicht weniger als 40.000 Schüler erzogen werden. Das syrisch-palästinensische Problem stellt sich tatsächlich weiten Kreisen der ftanzösischen Oeffentlichkeit als eine „zweite Frage der ftanzösischen Jrredenta" — „ein anderes katholisch-französisches Elsaß", wie sich ein namhafter ftanzösischer Zeitungsschreiber ausdrückt — dar. Der einflußreiche Herausgeber der „Revue hebdomadaire“ meinte in einer am 30. November zu Propagandazwecken veranstalteten „Conference": „Es darf kein internationales Syrien und Palästina geben, nur einzig und allein ein französischesSyrien und ein französisches Palästina". Ein ftanzösischer Funkspruch verbreitet den Wortlaut von an das syrische Zentralkomitee in Paris gerichteten sechzehn telegraphischen Kundgebungen des Komitees der Libanon-Syrer im Ausland und in den Kolonien, die sich für die Wiederherstellung Syriens als Ganzes unter der alleinigen Leitung Frankreichs aussprechen. Es erhellt aus all dem in jeden Zweifel ausschließender Weise, daß die ftanzösisch-palästinensische Politik ausschließlich auf den arabischen Faktor eingestellt ist; die Hegemonie Frankreichs in Syrien hat die Vormachtstellung des arabischen Elements zur Voraussetzung. Es erübrigt sich wohl, die verhängnisvolle Bedeutung einer Gestaltung des Palästinaproblems in der Richtung der ftanzösisch-syrischen Aspirationen für unsere Palästinabestrebungen einer weiteren Erörterung zu unterziehen. Es würde das im günstigsten Falle zunächst eine wirtschaftlich und politisch verhängnisvolle Zerstückelung Palästinas und die endgültige Auslieferung seines zukunftsreichsten Teiles, Galiläas, an das christliche Arabertum bedeuten. Was aber eine franco-arabische Herrschaft in Galiläa auch für das vorderhand zahlenmäßig übermächttge arabische Element eines jüdischen Judäas bedeuten würde, braucht kaum erst hervorgehoben zu werden. In weiten Kreisen der ftanzösischen wie der englischen Oeffentlichkeit scheint man sich des klaffenden englisch-französischen Interessengegensatzes in bezug auf die Palästinaftage in immer wachsenderem Maße bewußt zu werden. Die ftanzösischen Blätter namentlich machen aus dieser sich immer mehr zuspitzenden und akut werdenden Divergenz kein Hehl. Diese englisch-französische Diskrepanz scheint bereits auch hinter den in anheimelnd harmonischen Farbentönen gehaltenen Friedenskonferenzkulissen zum Gegenstand recht lebhafter Auseinandersetzungen geworden zu sein. Englands Entschluß, die Entscheidung über Palästina in die Hände des Völkerbundes zu legen, ist ein Weg zum Ausgleich. Wie dieser Ausgleich selbst ausfallen wird, darüber kann kaum ein Zweifel herrschen. Für England, das auf die Landverbindung nach seinem indischen Besitz