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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-30 · 5 (30.1.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
5 (30.1.1919)
Date
1919-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 5 Jüdische Korrespondenz. und nationaler Tendenz im großen Saale der Universität zu einer Sitzung einberufen. Da aber den Mitgliedern der Schlüssel zum Eingang in den Saal verweigert wurde, mußte die Sitzung im Garten abgehalten werden. Gegen 10 Uhr erschienen dann größere Abteilungen von Sozialisten und Kommunisten, Soldaten und Arbeiter. Letztere sammelten die von den „Erwachenden Ungarn" verteilten Flugblätter antisemitischen Inhaltes und verbrannten die Papiere auf einem Scheiterhaufen. Die Stimmung war bereits sehr erregt. Es erschienen auch Mannschastspersonen der Volkswehr. Plötzlich fiel ein Schuß. Ein Advokat namens Dr. Adler begann in dem Glauben, es handle sich um eine allgemeine Schießerei, davonzulaufen. Die übrigen Anwesenden glaubten, daß Dr. Adler den Schuß abgegeben habe, finden ihn ein und schlugen ihm halbtot. Ein 'Offizier, ein gewisser Gerob, rief: „An allem sind die Juden schuld!" Hierauf versetzte ihm einer der Zuhörer eine Orfeige, die ihm das Unterkiefer zertrümmerte. Schließlich kamen noch größere Truppen von Soldaten, die mit Maschinengewehren und Handgranaten auf dem Museumsring Aufstellung nahmen, die Ruhe wieder herzustellen. Antisemitische Kund gedungen in Böhmen. Wie die „Pozor" meldet, fanden in Caslau, Deuischbrod und anderwärts antisemitische Kundgebungen statt, wobeijüdische Geschäfte geplündert' wurden. Unter den Plünderern, insbesondere in Deuischbrod, sah man auch wohlhabende Bauern und Beamtenfrauen. Das Blatt schreibt: Diese Exzesse verdienen die schärfste Beurteilung, und merkwürdig ist, daß die Prager Tagespresse zu ihnen schweigt. Sozialisten und Zionisten in Budapest. Aus Budapest wird berichtet: Sonntag nachmittags war im großen Saale der hauptstädtischen Redoute eine Zionistenversammlung einberufen, in der der Wiener Großrabbiner Dr. Chajes einen Vortrag halten sollte. Kaum hatte Dr. Chajes einige Sätze gesprochen, als mehrere Sozialisten im Saale erschienen und ersuchten, die Versammlung aufzulösen, da sie von klerikaler Seite als Provokation aufgefaßt werden könnte. Dem Ersuchen wurde stattgegeben und der Saal lehrte sich in einigen Minuten. — Nach der Zionistenversammlung zog' ein Trupp von Teilnehmern vor die Redaktion des Ässimilantenblattes „Egyenlöseg", um gegen das Blatt zu demonstrieren, weil sie glaubten, daß die Redaktion im Interesse der Nichtabhaltung der Zionistenversammlung interveniert habe. Die Demonstranten drangen in die Redaktion ein, richteten jedoch keinen Schaden an. Bloß eine Fensterscheibe wurde zerbrochen. Die Polizei stellte die Ordnung wieder'her. (Haust Du meine Juden, haue ich Deine Juden!) Paderewski und die Judenfrage. Die Spezialkorrespondenten der „Times" Israel Cohen und Jeffries wurden von Paderewski empfangen. Im Gespräch wurden die wichtigen Fragen der Judenpolitik im allgemeinen wie auch ganz besonders in Polen berührt. Paderewski erklärte, daß er sich in Amerika letztens viele jüdische Freunde erworben habe, denen er versprach, seinen ganzen Einfluß zur Besserung des Verhältnisses zwischen den Polen und den Juden zu verwenden, in welcher Richtung er auch tätig sein werde. Auf die Bemerkung der Korrespondenten, daß die jetzige Situation der Juden eine unmögliche sei, besonders wegen des unerhörten Terrors, der gegen die Juden auf den Straßen Warschaus ausgeübt werde, versicherte Paderewski, er habe von all dem keine Ahnung (?) und drückte seine Entrüstung über diese Tatsachen aus. Zum Schluß ersuchte Paderewski die jüdischen Parteien, sie möchten ihm ein ausführliches Memorandum über die Situation vorlegen. Auch das Mitglied des vorläufigen jüdischen Nationalrates, H. Farstein, hatte eine einstündige Konferenz mit Paderewski. Man besprach das polnisch-jüdische Verhältnis. Zwecks allseitigster Besprechung dieser Frage verständigte man sich auf neuerliche Abhaltung längerer Beratungen. Aus dem. Inhalt dieser Besprechung konnte man schließen, daß Paderewski eine polnisch-jüdische Verständigung durchzuführen sich bemühe, und daß er in dieser Richtung energisch handeln wolle. In seiner Rede im Rathaus sagte Paderewski u. a.: Der Antisemitismus ist die größte Schande der Gegenwart. Wir dürfen zwischen den Bürgern Polens keinen Unterschied machen. Wir müssen allen polnischen Bürgern gleiche Rechte zuerkennen, nicht achtend auf Unterschiede des Blutes oder der Religion, da wir Alle gegen Polen dieselben Pflichten und Lasten haben. (Es bleibt abzuwarten, ob diesen Worten auch Taten folgen werden.) _ Die französische Politik bezüglich Palästinas. Der in Rom erscheinende „Israel" bringt folgenden Leitartikel: „Wir erwähnten wiederholt das unverläßliche Verhalten — um nicht mehr zu sagen — der französischen Diplomatie gegen daS jüdische Palästina, welches wiederherzustellen die demokratischen Nationen versprochen haben. Wir wollen den französischen Zeitungsstimmen und Revuen keine besondere Bedeutung beimessen, obwohl diese von Geistlichen und Archeologen kommen, die sich der größten Achtung erfreuen, oder auch von bedeutenden Schriftstellern oder Chefredakteuren von vielgelesenen Zeitschriften verfaßt sind. Es ist wahr, man ist eben dabei angelangt, aus dem Syro-Palästinensischen Problem eine zweite Frage der französischen Jrredenta („ein anderes katholischfranzösisches Elsaß">zu schaffen, wie am 20. November 1918 in einer „eleganten" Conference der Direktor der „Revue hebdomadaire* ausrief: „Es darf kein internationales Syrien und Palästina geben, nur einzig. und allein ein französisches Syrien und ein französisches Palästina." Bisher waren es nur unverantwortliche Stimmen^ Es gibt jedoch einige Anzeichen der französischen Unnachgiebigkeit, neuen Wegen zu folgen und die Rechte der Völker, welche gegen imperialistischnapoleonische Ideen sind, zu verstehen. Man hat es gewußt und wir sahen es voraus, daß Frankreich trotz des Wilsonschen Programms und trotz der neuen Jdeenströmungen beanspruchte, daß jener geheime Verttag von 1915 zwischen Frankreich, England und Rußland, durchgesetzt werde, zielend auf eine unlimitierte Annexion in der Türkei. Jetzt handelt es sich aber um mehr. Die französische Regierung hat im Parlament durch Pichon und Clemanceau die Richtlinie der französischen äußeren Politik vor dem Tribunal der Völker kundaegeben. „Frankreich — sagte Pichon — hat unbestreitbare Rechte zu schützen, insbesondere in Libanon, in Syrien und in Palästina. Wir anerkennen sicherlich die vollkommene Freiheit der Konferenz und daß ihr das Recht zusteht, den vorhergehenden Vereinbarungen diese oder jene Schlußfolgerung zu geben, wir nehmen jedoch an, daß unsere Vereinbarungen uns und England binden." Es handelt sich immer um die Abmachung von 1915, welche der Erklärung Balfours vom 2. November 1917 voranging und welche von Pichon im Februar 1918 ergänzt wurde. Briand bestätigte die Worte Pichons, indem er Marcel Cachin antwortete: „Es kann nicht zweierlei Deutungen geben. Ich habe mich bemüht, unsere Abmachungen zwischen den Alliierten über die Frage unserer Grenzen und unserer Rechte auf Kleinasien, die Jahrhunderte zurückführen, zu regulieren. Diese Abmachungen werden dem Friedenskongreß unterbreitet und auch dort besprochen werden, sicher ist es aber, daß England, um nicht wortbrüchig zu werden, sie wie wir, ratifizieren wird, da wir sie angenommen haben." Jetzt muß das jüdische Volk auf der Hut sein vor der Legitimität und der Unwiderruflichkeit eines Vertrages, welcher die Rechte der Völker aus alter Eroberungssucht mit Füßen ttitt. Dieser Vertrag, auf welchen Pichon und Briand sich beziehen, ist vom „Mancheter Guardian" eine „Infamie" genannt worden: „Er tauschte die Völker aus wie Rindvieh und unglaublich ist es, wie er noch in Kraft sein kann." Und doch ist es bis heute so. Es gibt keine Nationalrechte für keines der unterdrückten und irredenten Völker Westasiens, es gibt nur die Jahrhunderte zählenden Rechte Frankreichs. Werden wir also vor der Tür bleiben müssen aus Untertänigkeit für den unstillbaren Appetit der französischen Diplomatie? Was wird denn aus dem jüdischen Volk werden, wenn es nochmals ins Exil zurückgejagt wird. Entweder entscheidet sich heute vollkommen die jüdische Frage durch ein durchaus jüdisches Palästina, in welchem die Rechte der Araber und diejenigen der anderen religiösen Gemeinschaften geachtet werden, oder aber muß das jüdische Volk jede Illusion über die Macht der Gerechtigkeit der Weltdiplomatie verlieren. Zweitausend Jahre Exil sind doch lange genug, um uns das Recht zu geben, endlich eine Heimat zu beanspruchen und von Frankreich zu verlangen, daß es unsere unbestreitbaren Rechte auf das alte jüdische Land anerkenne." „Palestine" (Organ der „British Palestine Comitee“ in Manchester) veröffentlicht folgenden beachtenswerten Artikel. Wir haben schon gemeldet, daß die Franzosen in Galiläa eine Verwaltung einsetzen, die sie trotz des Protestes der englischen Regierung weiterbeibehalten. Wir haben die besten Gründe zur Behauptung, daß das französische Auswärttge Amt seine Ansprüche bezüglich Palästinas ungeschmälert aufrecht erhält. Es hält sich an die ihm durch daS geheime Abkommen von 1915 zugesicherten Vorteile (wonach Palästina geteilt, Haifa englisch, Akka französisch werden sollte). Es hält mit Nachdruck an jedem Arttkel dieses unglücklichen Dokumentes fest. Wir haben noch keine Gewißheit, ob man am Quai d’Orsay die Anerkennung der französischen Ansprüche bezüglich Palästinas von der Friedenskonferenz erwartet. Wahrscheinlich nicht, denn die Agenten des Ministeriums in Amerika schlagen entweder eine internationale oder eine amerikanische Kontrolle, die der englischen vorgezogen werden soll, vor. Das Auswärtige Amt in Paris möchte zunächst England das Mandat der Schaffung eines jüdischen Palästinas entziehen, und will ferner seine eigenen Ansprüche auf Palästina, gegen ein starkes Aequivalent, auf andere Gebiete, oder auf Palästina selbst, geltend machen. Dies alles gehört zur Diplomatie der alten Schule und der Umstand, daß man die Interessen und Wünsche des jüdischen Volkes nicht beachtet, besiegelt die alte Auffassung. Wir empfehlen dem französischen Auswärtigen Amt, folgendes in Erwägung zu ziehen. Abgesehen davon, daß die Friedenskonferenz jegliches Prinzip und jeglichen Glauben, womit die Jungmannschaft in den Tod getrieben wurde, abschwört, werden die französischen Ansprüche auf Palästina sich sofort in Nichts auflösen, sobald sich der Verstand einen Augenblick mit ihnen beschäftigt. Das jüdische Volk wird keinen Ausgleich mit Palästina, wie sich ihn die französische Diplomatie in ihren eigenen Interessen dachte, dulden. Frankreich hat keinen besseren Freund, als das jüdische Volk, aber das französische Auswärtige Amt wird gut daran tun, einzusehen, daß die jüdische Freundschaft nicht die Verkrüppelung eines jüdischen Palästinas unter französischem Einfluß dulden kann. Der „Manchester Guardian" vom 8. Jänner bringt unter dem Titel „Die Rolle Frankreichs" einen Spezialbericht überden kürzlich in Marseille abgehaltenen Kongreß des syrischen Komitees in Paris, der zu den wichtigsten Ereignissen der letzten Tage gehürt. Chekrr Gamen, Pra>>- dent des Zentral-syrischen Komitees, 600.000 Personen repräsentierend, sprach zugunsten einer vereinigten Förderation des autonomen Syrien unter Frankreichs Protektorat, und griff die willkürliche Teilung Syriens an, die in der französisch-britischen Abmachung von 1916 vorgesehen war. Der Kongreß nahm verschiedene Resolütionen an in bezug auf Etablierung und Ausbau von Verkehrsmitteln, Ausgestaltung der kommerziellen Gesetzgebung nach den Grundsätzen der französichen Legislative, Abschaffung der alten telegraphischen, postalnchen und kommerziellen Beschränkungen, Wiederherstellung des freien Im- und Exports, Errichtung von Museen in den hauptsächlichsten Zentren, speziell in Jerusalem. Beyruth, und Damaskus, ferner Ausbau des Unterrichts in der französischen Sprache in Syrien und Etablierung einer französischen Schule der arabischen und muselmanischen Wissenschaft in Damaskus. Dazu bringt der „Manchester Guardian" folgende „A ,Syrien‘-Congreß‘ überschriebene redaktionelle Notiz. „Unter den Auspizien des syrischen Komitees in Par,z wurde soeben in Marseille ein Kongreß abgehalten, der eine Resolution dahingehend annahm, ganzSyneu unter französisches Protektorat zu stellen. Der Führer dieser Unternehmens ist. wie Emir Feysul bemerkte, ein Mann, der etwa 40 Jahre lang fern von Syrien gelebt hat. DaS Pariser „syrische" Komitee besitzt keine repräseMative Eigenschaft. Niemand hat ein besseres Recht für die Völker arabischer Zunge zu sprechen, als Emir Feysul und er hat kein Hehl aus seiner sehr strengen, Bewertung der von dem „syrischen" Komitee in Paris g-saßten Beschlüsse. In der Tat. der Eiker dieser Körperschaft geht über den des französischen Auswärtigen Amtes hinaus. Pichon unterschied in seiner Rede während der Debatte in der französischen Kammer zwischen Syrien, dem Libanon und

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