Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 5 und da es bekanntlich unter den Alliierten nicht an vielfachen Differenzen fehlt, fo könnte der Friedensvertrag nur im Wege mannigfacher und gegenseitiger Konzessionen und Kompensationen zu« standekommen. Es ist deswegen zu befürchten, daß sich England und Amerika gezwungen sehen könnten, Frankreich in der Palästinasache einige Konzessionen zu gewähren, um dessen Entgegenkommen hinsichtlich anderer Fragen zu erwirken. Käme es dazu, das heißt, gelingt es Frankreich, seinen Willen durchzusetzen und eine Zweiteilung des Landes zwischen England und Frankreich zu erreichen, so wäre dies für die jüdische Sache ein schwerer Schlag. Nicht bloß wäre es dann unmöglich, die Rechte der Juden entsprechend festzulegen, sondern die Gefahr läge auch darin, daß es später fortgesetzt zu eurer Rivalität zwischen England und Frankreich kommen dürste und die Juden hiebei arg in Mitleidenschaft gezogen werden müßten. In den Kreisen der Alliierten gibt man sich keiner Täuschung über die Schwierigkeiten hin, die die Lösung des türkischen Problems bereiten müßte und es ist nur begreiflich, daß man einen Ausweg sucht, um einen Konflikt zu verhüten. Dieser Ausweg soll zunächst darin bestehen, daß man die definitive Entscheidung über das Schicksal der ehemals türkischen Gebiete (Mesopotamien, Syrien und Palästina) der Jngerenz der Friedenskonferenz entziehen und dem zu bildenden Völkerbunde überlassen will. Eine diesbezügliche Nachricht machte auch jüngst die Runde durch die Presse. Ob dies für die Juden einen Vorteil oder einen Nachteil bedeuten würdo, läßt sich vorläufig nicht feststellen. Immerhin werden die Juden gut tun, die Sache nicht aus dem Auge zu lassen, um unangenehme Ueberraschungen zu verhüten. Viel komplizierter stellt sich die Sache hinsichtlich der Ostjudenstage dar. Die Lösung der Oststagen an und für sich bildet für die Friedenskonferenz die härteste Nuß, die sie zu knacken hätte. Bis heute ist man sich noch nicht darüber klar, in welcher Weise es gelingen könnte, dieses Problem zur allseitigen Zufriedenheit zu bereinigen. Mit Rußland können sich die 'Westmächte gar keinen Rat geben und auch die südslavische, die rumänische, die polnische und die ukrainische Frage bieten große Schwierigkeiten. Ob es möglich sein wird, angesichts dieser allgemeinen Komplikationen die Ostjudenstage auf den richtigen Leisten zu setzen, ist sehr fraglich. Die Sache ist um so komplizierter, als bekanntlich sowohl die Polen, als auch die Rumänen — die beiden hauptsächlich in Betracht kommenden Faktoren — sich alle Mühe geben, um eine positive Stellungnahme der Friedenskonferenz zur Judeustage in ihren Staaten zu hintcrtreiben. Sie sind jetzt sehr steigiebig mit Versprechungen, um es nur nicht dazu kommen zu lassen, daß auswärtige Fastoren sich eine Jngerenz auf die Gestaltung ihrer innerpolitischen Verhältnisse sichern. Deswegen wird man trotz aller Erwartungen und Hoffnungen gut tun, sich keinen Illusionen hinzugeben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man auch diese Angelegenheit der Kompetenz des Völkerbundes zuweisen wird. Dann wird es aber darauf ankommen, ob und wann, respektive in welcher Form dieser Bund eben ins Leben treten dürste. I. G. Orthodoxie und Zionismus. Das lebhafte Interesse, das die Orthodoxie zurzeit der Palästinasache widmet und die großzügige Astion derselben hinsichtlich der Besiedlung des heiligen Landes hat seitens der zionistischen Kreise, besonders seitens des „Misrachi", vielfach die Frage aufwcrfen lassen: Warum sollte denn die Orthodoxie getrennt marschieren? Wäre es da nicht ratsamer, in die zionistische Organisation.einzutreten oder sich mit der „Misrachi" zu vereinigen? Wir haben an dieser Stelle diese Frage wiederholt erörtert und unseren Bedenken gegen den Eintritt und Anschluß klar und offen Ausdruck gegeben^ In einer vor kurzem in Berlin stattgefundenen Versammlung wurde dieselbe zur Diskussion gestellt. Rabbiner Dr. Munk hatte hiebei eine ausgezeichnete Rede gehalten, die die Frage eingehend behandelte. Wir entnehmen seinen Ausführungen (nach einem Berichte des Frankfurter „Israelit") folgende stellen: „Wenn durch zwei Jahrtausende hindurch bis vor wenigen Jahrzehnten die Orthodoxie die einzige gewesen ist. der Erez Jisroel nicht gleichgültig war, die der Armut gesteuert und die Stätten der Thoraforschung erhalten und stets erneuert hat, die in moderner Kolonisation mustergültig vorangegangen ist, dann ist es um so ungerechter und unsachlicher, den Orthodoxen als einen Novus in der Betreuung Palästinas hinzustcllen, da die Beweiskraft der geschichtlichen Tatsachen noch eine Unterstützung findet in der logischen Erwägung, daß möglichste umfassende Mizwoherfüllung — das Ziel der Orthodoxie — nur in Erez Jisroel gegeben ist. Nur aus der irrigen Voraussetzung, zionistische Art der Bekundung des Interesses an Palästina sei die einzig maßgebliche, ergibt sich der Fehlschluß bezüglich des Verhaltens der Orthodoxie. Die eigentliche Frage des Verhältnisses der Orthodoxie zum Zionismus ist dreiteilig: 1. Besteht ein Anreiz für die Orthodoxie, in den Zionismus einzutteten? Redner bejaht die Frage. Wo auch immer in der Menschheit eine idealistische, staftvoll jugendstische Bewegung großen Zielen zustrebt, findet sie Bewunderung bei allen Edelempfindenden. Auch die Orthodoxie kann eines Herzls persönliche Größe und ideales Wirken keineswegs verkennen. In seine Spuren tretend, hat der Zionismus weite Kreise, die dem Judentum verloren schienen, vor dem Schritte, der den Bruch bedeutet, zurückgehalten und mit positivem Geiste erfüllt. Fragt man aber: 2. Besteht die Notwendigkeit (Zwang)zum Eintritt in den Zionismus?, so ist solche zu verneinen. Wo ist der innere oder äußere Zwang? Als inneren Zwang könnte jemand auf die Forderung der Geschlossenheit, der Einheit des ganzen Volkes in der Volksbewegung Hinweisen. Wo aber wäre eine zionistisch-orientierte Wesenseinheit des jüdischen Volkes zu erkennen? Soll „das jüdische Volk" diese innere Einheit darstellen als nacktes Produst der Natur oder des Schicksals, wozu dann eine Organisaüon, die einen Eintritt, also eine besondere Entschließung zur Zugehörigkeit bedingt? Natur und Schicksal hätten ja bereits das Größere, das Unbedingte, das Ewige fertig hingestellt. Reicht dieses nichtaus und wird darum innere Geschlossenheit auf der Grundlage der Willensentschlicßung erforderlich, dann muß eine Uebereinstimmung im Willensmoment zur Volkseinheit vorhanden sein. Aber die Kluft zwischen zionistischer und orthodoxer Volksbetrachtung ist der grellste Gegensatz zu einer Uebereinstimmung. Wie aber der „innere" Zwang zum Eintritt in den Zionismus fehlt, so auch der äußere. Als äußerer Grund wird der Friedenskongreß genannt, der nur der zionistischen Organisation Palästina übergeben würde. Wo ist der Staatsmann, der, was bei keinem Volk der Erde zugelassen wird, gerade beim jüdischen Volk sich einsallen lassen wollte, einer Partei im Volke das Land zu geben, das doch höchstens dem ganzen Volke zugewendet werden kann? Damit entfällt auch der Hinweis auf Pogrome, auf die Leidensnot im Golus überhaupt. Fällt der „Zwang" fort, so ist noch die Hauptstage zu lösen: 3. Besteht ein Recht zum Eintritt in den Zionismus? Da der „Misrachi" nicht außerhalb, sondern innerhalb des Zionismus steht, so gilt die Frage zugleich der Frage nach dem Recht zum Eintritt in den „Misrachi". Die Neugewonnenen des „Misrachi" versuchen eine Rechtfertigung ihres Schrittes durch den Hinweis darauf, daß der „einzige" Programminhalt des Zionismus religiös statthast sei, nämlich die Erstrebung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk. Wie ist solch leichte Selbstrechtfertigung begreiflich in einer Frage, die auf nichts weniger als das Schicksal des Thorajudentums hinausläuft? Auch der Zionismus ist nicht nur nach seinen Worten, sondenr auch nach seinen Taten zu beurteilen. Schlechterdings kein zionistischer Kongreß ohne Kultur-Diskussion! Der zionistische Delegiertentag 1916 setzte geradezu einen Kulturausschuß ein. Die „jüdische Kultur" aber, die von offiziellen Referenten der Kongresse und Delegiertentage des Zionismus als Forderung aufgestellt wurde, ist thorafeindlich. Redner belegt diese Behauptung mit unzweideutigen, geradezu erschreckenden und tiefempörenden, ausführlichen Zitaten aus den Delegiertenreferaten von Buber, Schocken u. A. Nimmt der Zionismus mit Fug für sich in Anspruch, nicht nur Organisation, sondern I auch eine geistige Bewegung zu sein, will er ein Judentum sein, so darf dieses Judentum kein Antijudentum sein, das Neutralität gegenüber Thoralehre und -gesetz, das Religion als Privatsache erklärt. Durch Eintritt in den Zionismus unter der Fahne einer vermöge des Neutralitätsprinzips dem orthodoxen Judentum diametral entgegenstehenden Gottes- und Volksbetrachtung sich samnicln, ist schlechterdings eine grundsätzliche Unmöglichkeit. Daran kann auch die Hoffnung auf eine etwaige Niederdrückung der herrschenden antithoramäßigen Richtung durch Abstimmungeu, durch mögliche Majoritäten nicht rütteln, auch' dann nicht, wenn ein solches Experiment nicht schon durch seinen spekulativen Charakter gekennzeichnet wäre. Im Verhältnis zur Thora gibt es für die Orthodoxie keine Wahl, keine Opportunität, nur unbedingte und unbekümmerte Pflichterfüllung. Nur dadurch hat sie in allen Zeiten gewaltige geistige Gegenmächte endlich überwunden. Jedes andere Judentum" aber mußte sterben." Diesen Ausführungen ist wenig hinzuzufügen. Wie die Dinge nun einmal liegen, muß die Orthodoxie in der Palästinasache ihren eigenen Weg gehen. Es ist nur zu wünschen, daß ihre Astion einen solchen Umfang annehme, daß sie sich über die Entwicklung des Jischub einen entsprechenden Einfluß sichere. Die Woche. Dr. Leopold Kohn s. A. Sonntag ist der gewesene zweite Vizepräsident der-israelitischen Kultusgemeinde Dr. Leopold Kohn gestorben. Dr. Kohn ist erst vor kurzer Zeit von seiner Stelle als Vizepräsident zurückgetreten. Mit seinem tiefen Verständnis für das Wesen des Judentums und seinem reichen Wissen, mit seiner Gesinnung von höchster Lauterkeit und seinem weisen Rate diente er der Gemeinde in beispielgebender Treue und Hingebung fast bis ans Ende seiner Tage. Dem Leichenbegängnisse am 28. Jänner wohnten in Vertretung des Barons Louis Rothschild Prokurist Richard Bettelheim bei, ferner die Professoren Doktor Erben und Dr. Zappert, der Präsident der Advokatenkammer Dr. Pfeifer mit vielen Mitgliedern der Kammer, Maler Professor Kaufmann, Direktor Kux - von der Unionbank, die beiden Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Hostat Dr. Rappaport und Dostor Pappenheim, fast alle Mitglieder des Vorstandes, die Mitglieder des Rabbinatskollegiums u. a. Oberkantor Don Fuchs trug die Trauergesänge vor. Auf dem Zcntralstiedhofe erfolgte die Beisetzung in dem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe. In der Zeremonienhalle sprachen Rabbiner Dr. Taglicht, Vizepräsident Hostat Dr. Rappaport und der Restor des israelitischen Seminars Dr. Schwarz. Jüdische Wahlgelder für Antisemiten? Im „Wiener Mittag" wird das Gerücht bestätigt, daß jüdische Großkapitalisten den Christlichsozialen Wahlgelder schenken. Der„Mittag" schreibt: „Wie uns von einem Versammlungsteilnehmer berichtet wurde, teilte Herr Othmar Adler in einer im zweiten Wahlkreis abgehaltenen deutschradikalen Frauenversammlung mit, daß der bekannte Großkapitalist v. Gutmänn der christlichsozialen Partei für ihren Wahlfonds den Betrag von 800.000 Kronen zur Verfügung gestellt habe. Das Angebot sei auch angenommen worden. Diese Tatsache habe angeblich die deutschradikale Partei bestimmt, eine Koppelung ihrer Bewerberliste mit der christlichsozialen nicht in Aussicht zu nehmen. Daß die deutschradikale Partei diese Koppelung plante, ist bekannt." Was sagt Herr v.'Gutmann dazu? Die Wahlen zur polnischen Nationalversammlung. Sonntag, den 26. Jänner haben in Galizien und Polen die Wahlen zur polnischen Nationalversammlung stattgefunden. Bis heute sind jedoch infolge der Unterbrechung jeder Verbindungen mit Galizien und Polen wegen der tschechisch-polnischen Kämpfe keine Nachrichten über dm Verlauf und das Ergebnis derselben eingelangt. Die antisemitischen Exzesse in Budapest. Aus Budapest wird berichtet: Sonntag, 10 Uhr vormittags, hatte der Verein der „Erwachenden Ungarn" eine neue Vereinigung mit antisemitischer