Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 5 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12,halbjährigK6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 5. Wien, 30. Jänner ISIS. lf. Jahrgang. Dringend ersuchen wir alle diejenige«, deren Abonnement aögekanfen ist, dasselbe umgehend zu erneuern, damit in der Zusendung des Akattes Leine Anterörechung eintritt. Ilnsere geehrte« Abonnenten in denjenigen Gebieten, mit welche« zurzeit der Geldpostverkehr unterbrochen ist, beliebe« die 'Arä- «nmeratio» in rekommandierten Ariefen einznsenden oder durch eine Wank zu überweise». Der Weltkongreß der Orthodoxie. (Telegramm der „Jüdischen Korrespondenz".) Zürich, 28. Jänner. Zum Weltkongreß der glaubenstreuen jüdischen Verbände haben bereits viele Verbände aus allen Ländern Delegierte angemeldet, darunter die orthodoxen Rabbincrverbände aus Polen, Galizien, Bukowina, Deutschland, Rußland, Holland und Amerika. Insgesamt sind bisher 80 Delegierte angemeldet. Täglich langen neue Anmeldungen ein. Das Interesse für den Kongreß ist in allen orthodoxen Kreisen sehr lebhaft. Der Kongreß verspricht ein Ereignis von großer Tragweite zu sein. Die „anderen" Iuden. Eine bekannte Anekdote: Ein galizischer Dorfjude passierte aus dem Wege in die Stadt einen Wald. Dort wurde er von einem Bauern angehalten mit dem Rufe: ,^Jetzt, Jude, ist Deine letzte Stunde gekommen. Verrichte Dein letztes Gebet, denn ich werde Dich töten!" — „Was habe ich denn verbrochen?", fragte der vor Angst zitternde Jude. „Ihr Juden habt unseren Heiland gekreuzigt!", erwiderte der Bauer. „Wir?". replizierte der Jude, „das ist ja gar niä)t wahr. Das haben die Juden aus dem Nachbardorse getan. Wir sind daran völlig unschuldig." . .. Die Anekdote erzählt nicht, ob diese Ausrede dem Juden etwas genützt hat. Es ist aber eine bekannte Tatsache, daß sich dieses Spiel allzu oft wiederholt, und erst in den allerletzten Tagen waren wir in Wien Zeugen einer solchen Begebenheit. Die „^esterreichisch-Jsraelitische Union" sah sich veranlaßt, in der Presse eine Erklärung „zur Steuer der Wahrheit" zu veröffentlichen, in welcher den antisemitischen Behauptungen entgegengetreten wird, die Juden wären an der Lebensmittelnot und der Teuerung schuld. In dieser Erklärung wird festgcstellt, daß die Zahl der wegen Preistreiberei und Schleichhandel verurteilten Juden kaum mit einigen prozentuellen Bruchteilen die Ziffer der jüdischen Bevölkerung in ihrem Verhältnisse zur Gesamtbevölkerung übersteigt, was dem Umstande zuzuschreiben sei, daß die Juden sich vornehmlich mit dem Handel beschäftigen und in der Handelswelt einen viel höheren Prozentsatz bilden, als es ihrer Bevölkerungszahl entsprechen sollte. Zugleich wird aber zur weiteren „Rechtfertigung" hinzugefügt, daß der Umstand berücksichtigt werden muß, daß während des Krieges zahlreiche Juden aus dem Osten nach Wien als Flüchtlinge gekommen sind, die cs im Handel nicht so genau nehmen. Wir haben also die altbekannte Ausrede: Wir Juden Wiens sind unschuldig daran. Das haben die Juden aus dem Osten getan... Wir wollen den Herren der „Union" keine bösen Absichten imputieren, aber sie mögen es sich gesagt sein lassen, daß derartige Behauptungen weder gerechtfertigt, noch nützlich sind. Daß von jüdischer Seite aus diesem Wege zugegeben wird, die Juden aus dem Osten seien Preistreiber und Schleichhändler, das wird von antisemitischer Seite sicherlich sehr gerne und mit großer 'Befriedigung zur Kenntnis genommen werden. Aber die „anderen" Juden würden dadurch kaum aus dem Spiele gelaffen werden. Für die Judenfeinde gilt noch immer der alte Satz: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" — Die Herren von der „Reichspost" .^Ostdeutschen Rundschau" und vom „Wiener Mittag" wollen zwischen den Juden aus dein Osten und ihren Brüdern im Westen nie einen Unterschied machen. Für sie sind alle Juden und sie werden insgesamt in einen Topf geworfen. Der Effekt einer solchen Behauptung ist dann nur der, daß die Feinde die Gelegenheit erhalten, für ihre Beschuldigungen und Verleumdungen jüdische Kronzeugen führen zu können. Was und wem soll das nützen?! Die Frage, ob die Juden aus dem Osten tatsächlich eine minderwertige kaufmännische Moral besitzen, wollen wir hier nicht näher erörtern. Die Kenner der Verhältnisse wissen, daß diese Behauptung absolut tinrichtig ist. Die Verhältnisse, unter welchen ein großer Teil dieser Flüchtlinge zu leben gezwungen ist, der Umstand, daß man ihnen zunächst verwehrte, sich dem legalen Handel zu widmen, ihnen keine Gewerbescheine ausstellen wollte usw., brachte es mit sich, daß sie sich dem unlegalen Handel zuwandten. Die Schuld fällt daher auf diejenigen, die sie dazu indirekt gezwungen haben. Auch der Flüchtling muß leben. — Aber, wie gesagt, wir wollen dieses Themaheuteuicht breit treten. Die Herren von der „Union" mögen es sich nur gesagt sein lasten, daß sie mit solchen Erklärungen nur den Feinden neue Waffen zum Kampf gegen das Gesamtjudentum liefern, ohne den Westjuden etwas nützen zu können. Der. gegenwärtige Wahlkampf und der scharfe Gegensatz zwischen den Zionisten und der „Union" in Angelegenheit der nationalen Frage und der Kandidatenfrage im Wahlkreis Nordost, wo die Nationalisten dem Staatsrat Dr. .Ofner, den die „Union" unterstützt, ihre eigene Liste entgegenstellen, brachte es. mit sich, daß das zionistische Zentralorgan es sich nicht nehmen ließ, der „Union" ob ihrer Erklärung streng die Lewsten zu lesen und für die Flüchtlinge eine Lanze einzulegen — nebenbei bemerkt, für dieselben Flüchtlings über welck)e sich gerade Herr Stricker seinerzeit nicht viel günstiger geäußert hat, was im Gerichtssaal erwiesen wurde —. freilich dachte Herr Slricker damals nicht daran, daß er einmal dazu gelangen werde, um die Stimmen der Ostjuden in Wien so stark werben zu müssen. Im Grunde genommen hat Stricker sicherlich recht — aber in der Hitze des Gefechtes begeht gerade er tags darauf denselben Fehler. Auch er glaubt plötzlich, den Juden einen Dienst zu erweisen, wenn er die Schuld an gewissen Vorkommnissen, die den Aerger der Christlichsozialen hervorgerufen haben, den „anderen" Juden zuschiebt. Es handelt sich nämlich um den Rummel, den die geplante Eherechtsresorm im christlichsozialen Lager hervorgerufen hat. Der Umstand, daß unter anderen auch Staatsrat Dr. Ofner für diese Reform eintrat, gab den Judenfeinden die Gelegenheit, die ganze Aktion als eine Intrige der Juden (?) gegen die katholische Religion darzustellen und eine Judenhetze zu arrangieren. Was tut nun das zionistische Organ? In einem „An die Antisemiten" überschriebenen Artikel sucht Herr Stricker den Judenfeinden zu beweisen, daß es bloß die sogenannten „Assinlilanten" n In Dr. Ofner usw. sind, die den Versuch unternehmen, in diese Angelegenheit dreinzureden, daß aber die jüdischen Nationalisten weit davon entfernt sind, sich diesbezüglich zu exponieren und daß man deml gemäß nicht das Gesamtjudentum für die Handlungen der Einzelnen verantwortlich machen darf. Wieder mag es gesagt sein, daß diese Behauptung im Grunde genommen nur richtig ist. In den weitesten jüdischen Kreisen sieht man es tatsächlich nur höchst ungern, daß Juden hiebei ihre Hand im Spiele haben. Wir Juden verwahren uns stets entschieden gegen jeden äußeren Eingriff in unsere religiösen Angelegenheiten und wir wollen auch jeden derartigen Eingriffin die religiösen Angelegenheiten anderer Konfessionen unterlassen. Sicherlich wäre es daher verfehlt, die Gesamtjudenheit dafür verantwortlich zu machen, daß irgend ein Jude im Sinne seines politisch-radikalen Programms, das mit den Juden und dem Judentum, nichts zu tun hat, sich für die Eherechtsreform einsetzt. Aber die Taktik des Herrn Stricker, die Wut der Feinde damit besänftigen zu wollen, daß er die Schuld den „anderen" Juden zuschiebt, ist absolut falsch und höchst gefährlich. Man kennt sicherlich im christlichsozialen Laaer die Wahrheit und weiß, daß die Juden als solche mit der ganzen Sache weder direkt noch indirekt etwas zu tun haben. Im Gegenteil, die Reform war auch für die Jaden nachteilig, indem sie die im bisherigen Gesetze zu ihren Gunsten stipulierten Ausnahmsbestimmungen aufheben wollte. Aber es handelte sich den Christlichsozialen und ihrer Presse vornehmlich darum, den Juden eins am Zeug zu flicken, was unter allen Umständen geschehen märe. Es ist eine bekannte Tatsache, daß man nie um einen Stock in Verlegenheit ist, wenn man jeinand züchtigen will. Wozu also diese faule Taktik, den Feinden neue Waffen zu liefern! Sie werden dann, wenn sie daraus eine Peitsche für die Juden drehen werden wollen, kaum zwischen den Assimilanten und den Nationalisten einen Unterschied machen! Die Feinde kennen immer nur eine Sorte Juden und wollen nie von den „anderen" etwas wissen. Das mögen sich unsere berufenen und unberufenen Wortführer wieder einmal klar und deutlich gesagt sein lassen. _ Spectator. Die Iudenfrage beim .Friedenskongreß. (spezialbericht der „Jüdischen Korrespondenz".) Haag, 24. Jänner. Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, eine hervorragende jüdische Persönlichkeit zu sprechen, oie soeben aus Paris kam und dort mit den führenden jüdischen Kreisen nähere Beziehungen unterhielt. Aus meine Frage, welche Aussichten die Judenfrage beim Friedenskongresse hätte, erhielt ich folgende Antwort: Die Judenfrage umfaßt bekanntlich zwei Momente. Das Palästinaproblem und die Stellung der Juden in den Ostländern. Im Westen gibt es bekanntlich keine eigentliche Judenfrage in dem Sinne, daß eine spezielle Lösung durch den Kongreß notwendig wäre. Wenn davon gesprochen wird, daß die rechtliche Stellung der Inden gesichert werden müßte, so handelt es sich vornehmlich um die Juden des Ostens, die infolge der bisherigen Rechtlosigkeit und angesichts ihrer Massensiedlungen so viel zu leiden hatten. Was das Palästinaproblem anbetrifft, so sind sich alle Westmächte darüber einig, daß die eigentliche Palästina frage nur auf dem Wege gelöst werden kann, daß den Juden dortselbst weitgehende .autonome Rechte gewährt werde». Wenn die Frage noch zu Verhandlungen und Erörterungen Anlaß geben dürfte, so wird es sich in erster Linie um die Form handeln, mittels welcher die Sache einer Regelung zugeführt werden sollte. Stur wäre es verfehlt, leugnen zu wollen, daß auch da große Schwierigkeiten vorhanden sind. Frankreich macht sehr energisch seine angeblichen „Rechte" geltend