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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-23 · 4 (23.1.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Jüdische Korrespondenz. Eine andere Gruppe der Christlichsozialen zog nach der Ringstraße. Die Menge drang in die dortigen Kaffeehäuser ein und trieb die Juden dort heraus. Im Cafe „Ditoit“ forderte ein Korporal, der an der Spitze von etwa 50 Soldaten stand, die christlichen Besucher auf, das Kaffeehaus zu verlassen, weil die Juden geohrfeigt werden müssen. Alle Gäste' verließen das Kaffeehaus. In diesem Lokal wurden 25 Winterröcke gestohlen.Ins Cafe „New-Iork" drang ebenfalls eine größere Menge unter antisemitischen Rufen ein. Es entstand ein riesiger Tumult. Die Gäste verließen fluchtartig das Lokal. Die Demonstranten zertrümmerten eine große Anzahl von Marmortischen'und Spiegeln, 10 Dutzend Silberlöffel, eine Feldgarnitur und 20 Winterröcke wurden gestohlen. Der Schaden beträgt 20.000 Kronen. Eine Gruppe von Demonstranten drang während der Vorstellung in das Nativnaltheater ein. Die Demonstranten störten unter antisemitischen Rufen die Vorstellung und zwangen die jüdischen Besucher, das Theater zu verlassen. Die Skandalmacher inszenierten einen so großen Lärm, daß die Vorstellung unterbrochen werden mußte. Im Laufe des Abends wurden mehrere Offiziere und Universitätshörer bei der Polizei stellig gemacht und einem Verhör unterzogen. Gegen sie wird die Anklage erhoben, die Menge zu royalistischen und antisemitischen Kundgebungen veranlaßt zu haben. Am 21. Jänner erschien eine jüdische Deputation beim Ministerpräsidenten, welcher die Versicherung gab, die strengsten Maßnahmen zu ergreifen, um eine Wiederholung der Demonstrationen zu verhindern. — Iudenunruhen in Böhmen. Aus Prag wird geschrieben: Aus allen größeren Orten Böhmens kommen Meldungen über Ausschreitungen gegen jüdische Kaufleute. In Pilsen, Kladno, Pisek, Strakonitz, Horazdowitz, Neuhaus usw. wurden jüdische Geschäftslädeu von der Menge ausgeplündert. Der Schaden ist noch nicht abznschätzen. Die Behörden zeigten überall das anerkennenswerte Bestreben, die Ruhe wieder herzustellen, doch ist dies angesichts des Umsichgreifens der bolschewistischen Bewegung in ganz Böhmen überaus schwer. Auch aus der Slowakei werden Judenausschreitungen gemeldet. So haben sich in Skalitz schwere Exzesse ereignet, denen das Militär schließlich mit der Waffe ein Ende bereiten mußte. 92 Plünderer wurden nach Preßburg abgeführt. Die Blütezeit der Kultur des Lasses gegen die Juden im zo. Jahrhundert. Die heimtückische Seuche, die antisemitische Pest, die furchtbare Grippe des Judenhasses, beehrte auch r'ere sonst friedliche Stadt. Am Donnerstag, den Jänner, um 4 Uhr nachmittags, begannen, wie auf ein gegebenes Signal, halbwüchsige, zügellose Burschen und der arbeitsscheue Mob die jüdischen Geschäfte (Josef Kafka, B. Kafka, Reimann, Max Winkler, M. Witwe, Anna Weil) zu plündern, deren Inhaber zu mißhandeln und die Fenster der jüdischen Hauser zu zertrümmern. Dies geschah unter den Augen eines Teiles der hiesigen Intelligenz, die alles ruhig gewähren ließ. Das rechtzeitige Eintreffen des Militärs und das energische Einschreiten öer hiesigen Behörde verhinderten die Wiederholungen der Plünderungen, die das raubgierige Gesindel für Freitag bestimmt hatte. Rücksichtslos werden die Schuldigen dem Piseker Strafgericht zugeführt. Dieser äußerst heftigen antisemitischen Hetzkampagne muß energisch entgegengearbeitet werden. Durch Verbreitung populärer Schriften, die den Führern aller Parteien unentgeltlich zugestellt werden müßten, könnten die giftige haßerfüllte Stimmung gegen die unschuldige Masse der Judenheit schwinden und uns ein weiteres Verbleiben auf dem flachen Lande ermöglichen. Strakonitz, 14. Jänner. ■ ■ ' . Rabbiner Dr. E. Landau. Pogrome in der Ukraine Aus Warschau wird berichtet: Das Preßbureau beim provisorischen Jüdischen Nattonalrat verbreitet auf Grund von Aussagen von in Warschau eingetroffenen Reisenden aus der Ukraine schreckliche Nachrichten über Pogrome in Berdyczew und Jekaterinoslaw. Bor einigen Tagen sind in Jekaterinoslaw bewaffnete Banden eingetrosfen, welche die Stadt und die umliegende Gegend unsicher machten, raubten und plünderten. Spater haben sie sich mit bolschewistischen Banden aus Jekaterinoslaw vereinigt und die Stadt beschossen. Es wurde eine große Zerstörung angerichtet und eine große Zahl Einwohner getötet. Der Hauptteil der Getöteten sind Juden. Als das reguläre ukrainische Militär eintraf, gelang es, die Banden zu vertreiben; ein Teil wurde in den Djnepr gedrängt. In Berdyczew sind anfangs Jänner große Unruhen ausgebrochen, welche zll einem regelrechten Pogrom nach polnischem Muster führten. In Warschau eingetroffene Flüchtlinge schätzen die Zahl der Opfer aus etwa hundert Personen. Für den 7. Jänner hat die jüdische Gemeinde durch schwarze Plakate zum Begräbnis eingeladen, welches unter großer Beteiligung vor sich ging. Eine gewaltige. Aufregung hat der Umstand hervorgerufen, daß am Tage des Begräbnisses noch ein betrunkener Soldat auf der Gasse drei Juden umbrachte und zwei schwer verwundete. Jetzt soll im allgemeinen Ruhe herrschen, da die jüdische Bevölkerung sich ln den Wohnungen aufhält und nicht auf die Gasse geht. Die ganze Stadt macht einen völlig ausgestorbenen .Eindruck. Uni die Ordnung aufrechtzüerhalten, hat sich ein jüdischer Selbstschutz gebildet. Auch in Schitomir soll die Zahl der Opfer der Pogrome eine beträchtliche sein. Die Wahlen zur polnischen Konstituante. Aus Krakau wird uns geschrieben: Die Wahlen zur polnischen Nationalversammlung finden Sonntag, den 26. Jänner, statt. Die Wahlbewegüng ist überall sehr lebhaft und auch im jüdischen Lager widmet man derselben ein großes Interesse. In Krakau sind, wie bereits gemeldet, vier jüdische Kandidatenlisten angemeldet worden und der Kampf zwischen den zwei Hauptkandidaten, Dr. Groß und Dr. Thon, ist sehr heftig. Die Chancen lassen sich noch nicht näher übersehen. In den übrigen Wahlkreisen Westgaliziens treten vornehmlich zionistische Kandidaturen auf. In Tarnow haben die Zionisten und die Paole-Zionisten eine gemeinsame Liste aufgestellt, mit Dr. Thon als ersten und Dr. Schipper als zweiten Kandidaten. Im Wahlkreis Oswiecim kandidiert der Zionist Dr. Leser, in Nenmarkt Ing. Freundlich und Dr. Pacanower, in Neu-Sandez Dr. Syrop und Dr. Silbermann, in Jaslo Dr. Feldblum, iu Rzeszow Dr. Bulwa, in Tarnobrzeg Dr. Leser. Inwiefern diese Kandidaten irgendwelche Aussichten hätten,.läßtsichnicht feststellen. Sehr heftig ist der Wahlkampf iu Warschau. Dort dürften die Juden fünf bis sechs Mandate erhalten. Unter den 21 Kandidatenlisten befinden sich nicht weniger als neun jüdische, und zwar je eine jüdischdemokratische, zionistische,orthodoxe,Poale-zionistische, bundistische, volkistische, kaufmännische, unabhängige und neo-assimilatorische. Es ist klar, daß es dadurch zu einer starken Stimmenzersplitterung kommen muß. Auch in Lublin sind nicht weniger als sechs jüdische Listen angemeldet worden, und zwar seitens der Zionisten, Volkisten, Orthodoxen, Bundisten, Poale-Zionifteu und Assimilanten. Charakteristisch ist, daß sowohl in Warschau, wie auch in Lublin sich orthodoxe Rabbiner als Listenftihrer befinden. Aehnlich sind auch die Verhältnisse in der Provinz. In fast allen größeren Städten kämpfen einige jüdische Listen gegeneinander. Der neue Ministerpräsident Paderewski bemüht sich, die infolge der letzten Vorgänge aufgeregten jüdischen Stimmungen zu beruhigen, indem er die Vertreter derjüdischen Parteien zu sich berief und ihnen gewisse Versprechungen machte. Nation oder Konfession \ (Eine Richtigstellung.) Vor kurzem fand in Wien eine von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" einberufene Versammlung statt, bei der unter anderem auch der Präsident des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", Herr Bernhard Hofbauer, das Wort ergriff. In den Berichten über den Verlauf dieser Versammlung sind dessen Worte unrichtig wiedergegeben worden. Um Mißverständnisse zu verhüten, wird hiermit festgestellt, daß Herr Hosbauer folgendes erklärt hat: - „Die Frage, ob die Juden eine Nation oder eine Konfession sind, überlassen wir den Gelehrten zur Entscheidung. Hier handelt es sich um eine konkrete Angelegenheit der realen Politik. Aus Opportunitätsgründen bin ich gegen die Einführung einer besonderen jüdischen Wahlkurie — ohne der Frage „Nation oder Konfession" meritorisch näher treten zu wollen." Tagung der Agudas Iifroel. Bor einigen Tagen trat die Gesamtleitung der „Agudas Jisroel" in Kassel zu einer Beratung der Lage und der aktuellen Ausgaben der Organisation zusammen. Trotz der schwierigen Verkehrsverhältnisse war die Sitzung sehr stark besucht. Nach Entgegennahme des durch den Vorsitzenden erstatteten Berichtes wurde der Finanzabschluß für das abgelausene Jahr und der Voranschlag sür das kommende genehmigt. In organisatorischer Hinsicht wurde beschlossen, die zentrale Leitung der ..Agudas Jisroel" nunmehr auch offiziell bis zur Kenessioh gedauloh, die so rasch wie möglich zusammentreten soll, nach Zürich zu verlegen. Der Vorstand der „Schweizerischen Laiidesorganisalion", der als Zentralkomitee die Geschäfte selbständig führt, soll nach Bedarf durch Sachverständige für Einzelfragen ergänzt werden. Die süchtigsten Aufgaben des Zentralkomitees sind: die sofortige Einberufung einer internationalen Konferenz der thoratreuen Organisationen, die letzten Vorarbeiten für die Friedenskonserenz, die Vorbereitung der Kenessioh gedauloh und die Organisation der praktischen Erez Jisroel-Arbeit in allen Ländern. Die eingehende Aussprache über die Programmfragen und die Forderungen des jüdischen Volkes an die Mächte ergab nach manchem Meinungsstreit die einmütige Annahme der vom Vorsitzenden vorgelegten Leitsätze für die Tagespolitik, mit der Maßgabe jedoch, daß die religiöse Eigenart des jüdischen Bolkstumsbegrifss gegenüber dem rein politischen Nationalismus noch entschiedener, als dies in den einleitenden Sätzen geschehen, zum Ausdruck gebracht werden soll. Hiermit wurde eine Redaktionskommission betraut. Eingehende Beratungen waren den inneren Erez Jisroel-Fragen und der praktischen Erez Jisroel-Arbeit gewidmet, an der dir thoratreue Judenyeit unter allen Umständen tatkräftig teilzunehmen gewillt ist. Rundschau- (Eine verunglückte antisemitische Provokation in Wien.) Beim „Wilden Mann" in Währing fand am 16. Jänner eine Versammlung der demokratischen Partei statt, bei welcher sich Nationälrat Baron Hock den Wählern als Kandidat vorstellle. Unter ungeteilter Zustimmung führte der Redner aus. daß die christlichsozialen und demschnationalen Kriegshetzer den Zusammenbruch Oesterreichs herbeigeführt haben, indem sie den Krieg als einen Krieg des Deutschtums gegen das Slawentum ausschrien und so eine neue Grundlage für die staatsfeindlichen Bestrebungen der üsterrcichischen Slawen schufen. Den Parteien, welche solche Blutschuld auf sich geladen haben, müsse das Recht abgesprochen werden, in Hinkunft noch die politische Führung des Voltes sür sich in Anspruch zu nehmen. Nachdem noch Frau Herzfelder und Fabrikant Lengsfelder gesprochen halten, meldete sich aus der Versammlung ein Herr Biedermann, Vorstandsmitglied des Schutzverbandes deutscharischer Kriegsteilnehmer, zu Worte. Seine Ausführungen wurden von der Versammlung vorerst ruhig ausgenommen. Als aber der Redner dann die ödesten raisenantisemitischen Phrasen vorbrachte, war die Geduld der Anwesenden erschöpft und stürmische Schluß- und Abzugrufe ertönten. Trotzdem der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Groag, sich bemühte, dem Sprecher durch den Hinweis Rübe zu schaffen, daß in einer demokratischen Versammlung auch der Gegner angehört werden müffe, lehnten es die Währinger Männer und Frauen ab. die abgedroschenen antisemitischen Hetzreden anzuhören. (Der Pro Causa Judaiea an de» Delegierten Rumäniens in Paris.) (Mita.) Das Komitee Pro Causa Judaica hat an Minister Dr. Michu, den Delegierten Rumäniens auf der Friedenskonferenz, ein Telegramm folgenden Inhalts gerichtet: „Mit Bezugnahme aus die Audienz, welche Ew. Exzellenz den Mitgliedern unseres Komitees, Boneff, Conheim, Pinkus, am 14. März 1918 gelegentlich Ihre- Besuches in Bern gewährt haben, erlauben wir uns. Ihnen unsere Glückwünsche anläßlich der wohlverdienten und hohen Auszeichnung Ihrer (Srnennung zum Delegierten der rumänischen Friedens- Kongretzdelegation auszusprechen. Wir haben hiebei die Ehre, an unser Ersuchen und das Versprechen Ew. Exzellenz zu erinnern, Ihr Möglichstes zu tun, um eine definitive und komplette Lösung der Judenfrage in Rumänien zu erreichen. Wir bitten Sie, Ihren hohen Einfluß bei der rumänischen Regierung aufzubieten, damit die Juden Rumäniens alle Menschen- und Bürgerrechte gleich den übrigen Einwohnern Rumäniens erhalten. Für den Fall, daß in Groß-Runiänien den nationalen Minoritäten nationale Autonomierechte verliehen werden, ersuchen wir Ew. Exzellenz, gemäß den Wünschen der jüdischen Bevölkerung Rumäniens diese Forderungen auch für die Juden Rumäniens unterstützen zu wollen und so ein für allemal die im Ausland verbreitete

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