Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 4 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. nicht, weder nach Gaben noch nach Gütern. Wieder kann uns hier das Judentum Wegweiser sein. Es hat den Mammon nie so hoch erhoben, wie das Vorurteil behauptet; zum Beispiel gab es in ihni bei Vergehen gegen das Eigentum nicht die entehrendsten Strafen, bei christlichen Völkern bis in die Neuzeit hinein Leibes-, ja Todesstrafen. Aber es hat die Arbeit geadelt, die Menschen zur Tätigkeit angespornt, Kulturwerke begünstigt, darum hat es ihre Güter auch geschützt. Im Dekalog steht: Du sollst nicht stehlen, im Kommunisten-Alphabet: Eigentum ist Diebstahl (nämlich an der -Gesamtheit). Kis echod jilijeh l’kulonu „Ein Beutel sei für uns alle!" war ein Lockruf, vor dem schon das biblische Spruchbuch warnt. Es hat auch im Judentum Anflüge von Kommunismus gegeben; wir denken an die Sette der Essäer; sie war politisch belanglos, weil sie ganz und gar religiös orientiert war. Ganz anders Spartakus. Zwar behauptet er, alle seine Forderungen auf streng gesetzmäßigem Wege durchsetzen zu wollen, vor allem auch die ersten, großen Enteignungen; er will auch nicht plündern und rauben, und so erscheint er vielleicht manchem jüdischen Gemüte harmlos. Aber wie will er zu der Macht gelangen, die solche Gesetze erlassen und durchführen.könnte? Nur auf dem Wege der Gewalt, blutiger oder auch unblutiger Unterdrückung, kurz durch den. Terror. In seinem weltbeglückenden Wahn schreckt er nicht davor zurück, die Dittatur seiner Gruppe über ein Millionenvolk anzustreben. Hat ja auch im alten deutschen Reiche eine winzige, aber mächtige Gruppe über die Massen geherrscht; jetzt soll eine viel edlere, ja geradezu ideale ans Ruder kommen. Für diesen Tausch sind wir nicht zu haben. Wir sträuben uns nicht als Besitzende, sondern als Juden. Nur eine dünne Oberschicht von Juden gehört zum Großbesitz, die allergrößte Zahl zum Mittelstände. Wer überhaupt nur etwas besitzt, wird von jeder Regierung zu Kriegssteuern herangezogen werden, die Enteignungen fast gleichkommen. Aber das werden die letzten Opfer sein, nicht zu groß für einen besseren, dauernden Frieden nach außen und freiheitliche Entwicklung nach inneit. Nach dem Dogma des Spartakus muß jedes Streben, aus der Armut wieder emporzukommen, Wohlstand oder gar Reichtum zu erwerben, gewaltsam niedergchalten werden. Der Feind ist nach ihm der sogenannte Kapitalismus. Wir fühlen uns wahrlich nicht zum Anwalt des Kapitalismus berufen; wir kennen die Schäden der Anhäufung allzu großer Vermögen ganz genau, auch die Gefahren des uneingeschränkten Spiels'der Kräfte im Wirtschaftsleben. Und dennoch haben wir den Mut, zu behaupten, daß Freude am Besitz Kapital, und Kapital Arbeit schafft; daß Reichtum durch Adel der Gesinnung und unterstützt von einer sozialen Gesetzgebung den größten Segen schafft und für den Fortschritt der Kultur unentbehrlich ist; endlich daß Wettbewerb unter den Menschen das größte Triebrad für diese Kultur selbst ist. Spartakus aber möchte gerade diesen Wettstreit, wie unter den Einzelnen, sogar unter den Völkern beseitigen! Sein letzter Ehrgeiz ist es ja, sich über alle Völker diesseits und jenseits des Ozeans auSzudehnen, dem verruchten Gelde auch feine internationale Bedeutung zu rauben. Hier verlieren wohl auch die Mitläufer den Atem; sollen wir kurzlebigen Menschen doch auf den Nimmerleinstag vertröstet werden! Von der Warte des Judentums weigern wir Spartakus die Anerkennung und die Gefolgschaft. von der Wiener Orthodoxie. Die wiederholte Stellungnahme der Orthodoxie hinsichtlich der geplanten Reform des Kultusgemeindestatuts ist nicht ohne Erfolg geblieben. Endlich haben sich die Herren vom Kultusvorstand veranlaßt gesehen, auch den Vertretern des glaubenstreuen Judentums die Gelegenheit zu geben, ihre bezüglichen Forderungen und Wünsche vorzubringen. Uebcr Einladung des Präsidiums haben dieser Tage die Vertreter der Orthodoxie, Herr Bernhard Hofbauer, Präsident des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", sowie Herr W. Pappenheim dem Vorstande die Forderungen und die Wünsche der Orthodoxie hinsichtlich des neuen Kultusgemeindestatuts unterbreitet. Inwiefern die Permanenzkommission diese Forderungen berücksichtigen wird, bleibt allerdings abzuwarten. / Die Organisation der „Jischub-Erez-Jisroel"- Aktion schreitet energisch vorwärts. In den letzten zwei Wochen haben in verschiedenen Bethäusern Propagandaversammlungen stattgefundcn,bei welchen die Ziele und Bestrebungen der Attion erklärt und erörtert wurden. Der Gedanke fand überall lebhaften Anklang und es ist zu erwarten, daß das Unternehmen in wünschenswertem Ausmaße wird geführt werden können. Der Weltkongreß der glaubenstreuen Juden. Die Nachrichten von der Einberufung eines Weltkongresses der glaubenstreuen Juden hat in allen orthodoxen Kreisen das lebhafteste Interesse hervorgerufen und alle orthodoxen Organisationen des In- und Auslandes haben bereits Delegierte zum Kongreß gewählt. Es ist eine zahlreiche Beteiligung zu erwarten und die Beratungen dürsten sehr eingehend sein. Die offizielle Tagesordnung dürste in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden. Wie wir von privater Seite erfahren, wird dieselbe die folgenden Punkte umfassen: - 1. Die jüdischen Forderungen an den Friedenskongreß. 2. Die Palästinafrage. 3. Die rechtliche Stellung der Juden in den Galuthländern. 4. Der Wiederaufbau der Jeschibot, Talmud-^hora und der anderen religiösen Institutionen in allen Ländern. 5. Die Weltorganisation der Orthodoxie nach dem Friedensschluß. ' Vom galizischen Rabbinerverband. sind folgende Delegierte bestimmt worden: Rabbiner Abraham M. Steinberg (Brody); Rabbiner Chaim Isaak Jeruchem (Stary-Sambor); Rabbiner P. Horowitz (Bohorodczauy); Rabbiner M. Leiter (Dunajöw); Rabbiner B. Katz (Borszczöw). Glossen von der Woche. Die Lorbeeren der polnischen Pogromhelden scheinen ihre Genossen in der Ukraine und in Tschechisch-Slowakien nicht ruhig schlafen zu lassen. Sowohl aus der Ukraine, als auch aus Böhmen undaus der Slowakei langen . fortgesetzt Nachrichten über Judenexzesse und Pogrome ein. Die Völker, die dank der Kriegsereigniffe ihre Freiheit und Unabhängigkeit erlangen, wollen scheinbar auf diesem Wege den Beweis erbringen, daß sie die nötige politische „Reife" besitzen, um wirklich selbständig sein zu können. ... Die Ukrainer können die Vorkommnisse noch damit bemänteln, daß ihr Land eben noch Kriegsgebiet ist. Den Herren Tschechen fehlt auch diese Ausrede. Aber man ist nie in Verlegenheit, wenn man den Juden eins am Zeug sticken will. Auch Budapest wollte nicht Zurückbleiben. Dort werden die Juden als Revolutionäre verfolgt, in der Ukraine als Freunde der Polen oder als Bolschewiken, in Böhmen als Bolschewiken, als Preistreiber oder als Deutschenfreunde. Man sieht: überall dasselbe Spiel, nur in anderer Färbung. * Charakteristisch ist, daß der Jüdische Nationalrat in Prag nunmehr selbst zugeben muß, nichts ausrichten zu können; die Kriecherei vor Masaryk und Kramarz hat wenig genützt und nicht einmal das ungeheuerliche „Ehrenzeugnis", das der Nationalrat der tschechischen Politik nach den ersten Ausschreitungen in Prag auszustellcn für richtig gefunden hat, konnte etwas helfen. Heute muß sogar das Organ des Nationalratcs, die Prager „Selbstwehr", bittere Klagen ob der antisemitischen Erscheinungen im Tschechenstaate führen. Wo bleiben die angeblichen Erfolge dieses Nationalrates, mit welchen man zunächst so viel Staat machen wollte? Es muß daher etwas komisch anmuten, wenn der Führer der Wiener Nationalisten, Ing. Stricker, in einer speziellen Broschüre den Nachweis zu erbringen versucht, die Bildung derartiger Nationalräte sei das beste Mittel zur Abwehr des Antisemitismus. ... Bisher ist die Wirkung dieser Bildungen völlig ausgeblieben. Ein polnisches Sprichwort besagt: Wenn man jemanden prügeln will, ist man um einen Stock nie in Verlegenheit.... Das Organ der Wiener Poale-Zionisten, die „Freie Tribüne", erklärt, daß die Poale-Zionisten in Wien für die sozialdemokratischen Listen stimnien werden. Im Wahlkreis Nordost bewirbt sich der Zionistenführer Stricker um ein Mandat und' tritt im Namen des Jüdischen Nationalrates mit einer eigenen Liste auf. Die Paole-Zionisten sind im Nationalrat vertteten, lverden aber dennoch gegen die Liste desselben stimmen. Der Widerspruch ist da augenfällig. Diese Erscheinungen bestätigen eben die Anschauung, daß es in der'Diaspora nicht so einfach ist, jüdisch-nattonale Politik zu betreiben. Tagtäglich werden wir mit Nachrichten über die günstigen Aussichten der palöstinensischen Sache 'beim Friedenskongreß überschüttet. Nicht bloß Wilson, sondern auch Japan und selbst Siam hätten sich dafür ausgesprochen, das heilige Land den Juden zurückzugeben. Honolulu und Guatamala werden gewiß bald folgen. Gleichzeitig wird von Paris aus mit Hochdruck gearbeitet, um die französischen „Rechte" in Syrien sicherzustellen. Wir wollen keine Kassandrarufe ausstvßen — aber die Sache erinnert teilweise an die Erscheinungen zu Beginn der sogenannten Emanzipationsära. Damals hörte man tagtäglich von allen Seiten Aeußerungen, welche die Menschenrechteder Juden anerkannten, Monarchen, Staatsmänner, Kirchenfürsten, Politiker, Gelehrte usw. geizten nicht mit freundlichen und anerkennenden Worten. Geblieben ist aber der alte Judenhaß. . . . Man muß nur wünschen, daß der jüdischen Sache diesmal' ein besseres Los bcschieden sein möge. Vorläufig aber sollte man sich hüten, die Bedeutung solcher und ähnlicher Erklärungen zu überschätzen. H a m a b i t. Antisemitische Demonstrationen in Budapest. Am 19. Jänner nachmittags haben in Budapest mehrere Versammlungen stattgefunden, in denen reaktionäre Redner das Volk gegen Inden-aufzustacheln suchten. Eine Anzahl derselben benützte die gegenwärtige trostlose Lage Ungarns zur Eutfachung des religiösen Hasses. Die erste dieser Versammlungen fand um 12 Uhr mittags im großen Redoutensaale statt und war, vom Szekler Nationalrat einberufen worden. Unter den Rednern befand sich auch der frühere Kriegsminister Albert Barta, der ausführte, daß Ungarn nur deshalb die Waffen gestreckt habe, weil cs der Entente Glauben schenkte. Oberleutnant Szabo hielt eine antisemitisch gefärbte Rede und richtete namentlich gegen die Budapester Zeitungen und deren Herausgeber sehr heftige Angriffe. In den Nachmittagsstunden fand eine.Volksversammlung der Franzstädter Arbeiter statt. Der Kandidat für die Staatssettetärstelle im Ministerium des Innern, der Sozialistenführer Dp. Landler, war der Referent der Volksversammlung. Er erklärte, daß die Arbeiter die Minierarbeit der Antisemiten nicht ruhig mitansehen und zu den Waffen der Gewalt und des Terrorismus greifen wollen. Sollten aber die Klerikalen Blut sehen wollen, dann wird ihr Wunsch erfüllt werden. Ungarn könne keinen Augenblick länger die Unverschämtheit der Antisemiten dulden. In diesem Sinne sprachen noch mehrere Redner. Die unter dem Deckmantel der „erwachenden Ungarn" organisierten Christlichsozialen veranstalteten abends im Polytechnikum eine große Versammlung. Die Redner griffen die Juden und die Volksregierung an. Es kam zu Rufen: „Fort mit den jüdischen Ministern!" „Abzug Karolyi, des Judenfreundes!" „Wir wollen keine jüdischen Kriegsminister!" Die Mitglieder des Landwehrverbandes, die kurz vorher im Polytechnikum eine Versammlung abgehalten hatten und gerade den Saal verlassen wollten, protestierten gegen dieses Vorgehen. Es kam zwischen den Offizieren des Landwehrverbandes und den Christlichsozialen zu einer blutigen Schlägerei. Mehrere Offiziere wurden geohrfeigt. Ein starkes Detachement der Volkswache griff ein, die Soldaten dex Republik trieben die lärmenden Reattionäre mit Kolbenstößen auseinander. Sodann zogen mehrere Personen vor das Palais des Präsidenten Grafen Karolyi. Sie forderten unter judenfeindlichen Rufen den Präsidenten auf, abzudanken. Pattouillen trieben die Demonstranten auseinander. -