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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-23 · 4 (23.1.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
4 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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DDdische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12, halbjährig K6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 4. Wien, 23. Jänner 1919. V. Jahrgang. Line bedenkliche Parole. (Zu den bevorstehenden Wahlen.) Die Wahlbemegung in Deutschösterreich ist bereits im vollsten Schwünge und ein leidenschaftlicher Kamps unter den Parteien macht sich lebhaft bemerkbar. Die zwei extremsten Richtungen, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, treten in geschlossener Front auf. Das demokratische Bürgertum hingegen ist unter sich stark gespalten und in fast jedem Wahlkreis kursieren mehrere bürgerlich-demokratische Listen. Daß die Demokratie dadurch nur die eigene Kraft schwächt und mit nur geringen Aussichten in den Wahlkampf zieht, ist jedem Einsichtigen klar. Aber das ist schon einmal immer so und dürfte sich diesmal schwerlich ändern lassen. Desto stärker muß es die Pflicht all derjenigen sein, die jedem Radikalismus abhold sind, ihre Stimmen zugunsten der wenigen 'aufrichtig demokratischen Kandidaten, die mit einiger Aussicht in den Wahlkampf gehen, in die Wagschale zu werfen. Dem demokratischen Bürgertum wird in der Nationalversammlung eine wichtige Nolle zufallen und cs soll so stark, als unter den gegebenen Verhältnissen möglich, aus der Urne hervorgehen. Die jüdische Wählerschaft Wiens ist dazu berufen, diesbezüglich ihren Einfluß geltend zu machen. Da wir ein so lebhaftes Interesse daran haben, die Macht unserer Feinde so weit als möglich zu schwächen, da wir anderseits infolge unserer sozialen Position nicht so einfach ins Lager der Sozialdemokratie eintreten können, bleibt für uns in denjenigen Wahlkreisen, in welchen keine ausgesprochen jüdischen Kandidaturen vorhanden sind, nur der eine Ausweg, unsere'Stimmen auf die aufrichtig demokratischen Kandidaten zu vereinigen. Wir haben wohl mit der sogenannten österreichischen Demokratie keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Aber wir können erwarten, daß diese unter den neuen Verhältnissen denn doch ihren Aufgaben eher gerecht werden wird. Die Pflicht, die demokratischen Listen zu stützen, ist für uns um so größer, als die Christlichsozialen und die Alldeutschen ihre ganze Kraft anstrengen, um die Herrschaft an sich zu reißen und wir ihnen ein entsprechendes Gegengewicht schaffen müssen. Um so auffallender muß daher die Taktik unserer Nationalisten sein, die plötzlich eine neue Wahlparole verkünden. Im Wahlkreis Nordost hat der jüdische Nationalrat bekanntsich eine eigene Liste aufgestellt. Selbstverständlich empfiehlt das Zentralorgan desselben, nur für diese Liste zu stimmen. Das kann man nur begreiflich finden, selbst wenn man kein Anhänger dieser Richtung ist und auch die Kandidaten derselben nicht als die besten Männer, die das Wiener Judentum aufzuweisen hat, bewertet. Für die anderen Wahlkreise, wo es kerne jüdischnationalen Mandatwerber gibt, empfiehlt das Organ des Nationalrates die Unterstützung jener Kandidaten, respektive Gruppen — mit Ausschluß der Christlichsozialen natürlich —, die für die Anerkennung der Juden als besondere Nation rinzutreten versprechen. Es muß gleich gesagt werden, daß man es da mit einer sehr gewagten Taktik und mit einer bedenklichen Parole zu tun hat. Außer den Christlichsozialen sind es bekanntlich nur noch die Alldeutschen und ihr neuester Heerbann, die Nationaldemokraten, welche die Juden als besondere Nation anerkannt sehen möchten, nicht etwa aus Gerechtigkeitsgefühl, sondern — wie sie es ungeschminkt sagen — um sie desto leichter bekämpfen,und zurück-' setzen zu können. Für das Danaergeschenk also, das die Herren vom „Wiener Mittag" und von der „Ostdeutschen Rundschau" den Juden darbringen wollen, sollten diese ihren Blutfeinden ihre Stimmen zuwenden.... Höher geht es wirklich nimmer!.. „Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!" — Sollten die Juden Deutschösterreichs tatsächlich so naiv sein, um dieser eigenartigen Parole auf den Leim zu gehen? Man kann ein gewisses Verständnis für die Ideologie — wir wollen heute keinen schärferen Ausdruck gebrauchen und nicht vom Partei-Egoismus sprechen — einer gewissen Partei haben, aber die Herren vom jüdischen Nativnalrat mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie ein höchst gefährliches Spiel treiben und den heftigsten Widerstand Hervorrufen müssen. Wenn sie es schon durchaus darauf ankommen lassen wollen, im Wahlkreis Nordost ihre eigenen Wege zu gehen, dann sollten sie zumindest für die anderen Wahlkreise keine Parolen ausgeben, die nur den Blutfeinden der Juden zugute kommen müßten. Jede Stärkung dieser Feinde ist für uns von der größten Gefahr und die Anerkennung als besondere Nation — angenommen, es käme dazu — wird uns weder vor dem Haß der Feinde, noch vor ihren Drangsalierungen schützen können — darüber wird sich kein Jude einer Täuschung hingeben, besonders nach den Erfahrungen in den anderen Ländern. Vide Tschecho-Slowakien rc. Daß es sich um keine Gespenster handelt, die etwa aus taktischen Gründen an die Wand gezeichnet werden, dies beweisen die Vorgänge in Galizien, die doch den Herren vom jüdischen Nationalrat nicht unbekannt sein dürsten. Auch dort waren es zunächst die Allpolen, die die Anerkennung der Juden als eine besondere Nation in ihr.Programm ausgenommen hatten rmd" auch dortt warerr-es die jüdischen Nationalisten, die aus diesem Grunde gelegentlich der Wahlen zu empfehlen pflegten, den allpolnischen Kandidaten den Vorzug vor den anderen Gruppen zu geben, selbst jüdischen Assimilanten gegenüber. Gelegentlich einer Stichwahl in Galizien hat der durchgefallene zionistische Kandidat — NB. ein Rabbiner — seinen Anhängern den Rat erteilt, ihre Stimmen eher dem. allpolnischen Kandidaten als dem jüdischen Assimilanten zuzuwenden. Und was war das Resultat dieser Taktik im Interesse der Partei-Ideologie? Das Erstarken der Allpolen und die bekannten Folgen! — Erfahrungen sind dazu da, damit deren Lehren beherzigt werden. Das traurige Spiel darf keine Wiederholung erfahren. Die Parole, die der Wiener jüdische Nationalrat auszugeben beliebte, ist eine verfehlte und es muß zum Rückzug geblasen werden, bevor es zu spät ist. Wir schätzen wohl den Einfluß der Herren vom jüdischen Nationalrat auf die jüdische Wählerschaft nicht so hoch ein, als daß wir befürchten sollten, dessen Parole könnte eine starke Resonanz finden. Aber diese Herren, die der Oeffentlichkrit einreden wollen, sie wären die Wortführer in der jüdischen Gasse, mögen bedenken, daß man mit solchen Parolen nur Verwirrung Hervorrufen muß. Die ernste Zeit, die wir durchleben, erfordert von jedem Juden einen klaren Kopf und eine ruhige Ueberlegung. Danaergeschenke müssen entschieden abgelehnt werden. Spectator. Zpartakus und die Juden. Unsere Feinde, denen keine Verleumdung schlecht genug ist, um sie den Juden entgegenzuschleudern, benützen auch das Auftreten der Spartakusbewegung in Deutschland, um den Juden die Schuld 'zuzuschreiben, weil unter den Spartakisten sich zufällig einige nominelle Juden befinden. Wie wenig der Spartakismus den Juden Zusagen kann, zeigt ein Aufsatz, den Rabbiner Dr. Samuel-Essen in einem jüdischen Blatte in Deutschland veröffentlicht, dem wir folgende Stellen entnehmen: Die vielhundertjährige Geschichte des Judentums weist keinen Spartakus aus. Es fehlte in dieser Geschichte nicht an politischen Krisen; jedermann kennt die Kampfansage der Stännne an den König Rehabeam: Erleichtere uns das Joch, oder wir sagen uns los von dir. Es gab soziale Mißstände in Zeiten, wo die Gesetze verachtet wurden — man denke an Jeremias Rede für die Sklavenentlassung im Sabbatjahr; wirtschaftliche Notstände durch Auswucherung und Uebcrschuldung bekämpfte Nehemias Schuldentilgung. Nur Sklavenaufstäude gab es nicht, von Spartakussen berichtet die Bibel nichts. „Wohl dem Volke, dessen Blätter leer sind." Die jüdische Lehre von der Gleichheit aller Menschen vor Gott hat den Kampf mit der bestehenden Sklaverei ausgenommen. Das Judentum hat die Ueberwindung dieses vom Altertum bis in die Neuzeit reichenden, die Menschheit schändenden Verhältnisses machtvoll vorbereitet. Es hat dem Sklaven eine rechtliche, ' gesellschaftliche, ja religiöse Stellung gegeben, die aus ihm den Dienenden, Entlohnten, kurz den freien Arbeiter schuf. Und dies zu einer Zeit, wo die übrige Welt ihn als bloße Sache des Besitzers behandelte. Der römische Sklave trug sein Brandmal, dem jüdischen winkte das gesetzliche Freiheitsjahr; der römische mußte ausgeliefert werden, das jüdische Gesetz schützte den Entronnenen; es verlangte die sofortige Freilassung bei Leibesbeschädigung, das römisckje erfand zu seiner Bestrafung die Kreuzigung! Wir verstehen römische Sklavenaufstände, wir begreifen auch Spartakus. Schade, daß Lessing seinen Plan einer Spartakus- Tragödie. nicht. ausgrMrt hat Er wollte, seinen Helden zum Vorkämpfer einer weltbeglückenden Idee machen; ein Fragment aus dem Entwurf lautet: „Sollte sich der Mensch nicht einer Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?" Spanien, Holland, Nordamerika haben sich ihrer recht lange nicht geschämt. Und was war die Leibeigenschaft in Deutschland und Rußland besseres? Und wie lange gehört sie der Geschichte an? Bedenken wir aber wohl: auch aus edelsten Motiven kann man zu falschen Schritten verleitet werden. Wir Juden hatten mit dem historischen Spartakus nichts zu schaffen, die weitaus größte Mehrzahl gehört auch nicht au die Seite derer, die seinen Namen zum Schlachtruf machen. Wie immer wir uns sonst orientieren, mir müssen uns hüten, bei dem gewaltigen Zuge nad) links willenlos ur schärfsten Tonart, zum äußersten Radikalismus ortgerissen zu werden. Wenn es jüdische Bolschewiki in Rußland gibt, so hat das seine besonderen Gründe. Deutschland war und ist nicht Rußland. Russische Bolschewiki passen nicht als unsere politischen Lehrmeister. Die russischen Zustände sind wahrlich nicht verlockend. Wir müssen die politische Einsicht und Mäßigung besitzen, uns zu sagen, daß wir selbst als Mitläufer der Spartakusbewegung die junge, politische Freiheit des neuen Vaterlandes aufs schwerste gefährden und ihr und uns selbst zum Schaden die Geschäfte der Reaktion besorgen. Daß Spartakus schon ein wohldurchdachtes Programm besäße, wird er wohl selbst nicht behaupten. Nur gefühlsmäßig und nach Schlagworten weiß er vielleicht, was er will, sicher aber noch besser, was er nicht will, nämlich keinen Andersdenkenden neben sich dulden. Seine Parole lautet: Gleichmachung um jeden Preis. Wie zur Gleichheit und Freiheit bekennt der Bolschewiki sich natürlich auch zur Brüderlichkeit; sie bedeutet für ihn, daß eS fortan nationale oder religiöse Schranken auf Erden überhaupt nicht mehr geben darf. Der Gleichheit widerstrebt aber am meisten das tief in Natur und Menschheit gelegte Gesetz; sie soll für den Menschen vor Gott bestehen, da Gott nur nach inneren, sittlichen Werten abschätzt; für Menschen gilt sie

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