Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 3 (16.1.1919)
- Date
- 1919-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 3 Wahlrechtes einschließlich der Vorstandswahl, Dezentralisierung der Gemeindeverwaltung, Schaffung von Synagogeubezirken unter Anlehnung an die bestehenden Synagogenvereine, Anstellung der Rabbiner für je einen bestimmten Bezirk, die einzelnen Gemeindebezirkc sollen ihre eigenen Rabbiner wählen, Erhebung der Gemeindesteuer in Form eines Zuschlages zur Staatseinlvmmenstener. Die Versammlung nahm zum Schluß nach lebhafter Debatte einstimmig eine Resolution an, in welcher die Prinzipien des Referenten gebilligt und zur Werbearbeit für die Ideale des überlieferten Judentums aufgefordert wurde.' Die Wahlen zur polnischen Konstituante. (Brief aus Krakau.) In etwa zwei Wochen sollen die Wahlen zur polnischen Konstituante vor sich gehen. Der polnische Staat ist noch mitten im Werden, weder die Grenzen desselben, noch die Staatsform stehen fest. Es fehlt auch an einer Regierung, die im ganzen Staatsgebiete maßgebend wäre. Es sind deswegen Strömungen vorhanden, die die Vornahme der Wahlen zu einer Konstituante perhorrcszieren und die sogar so weit gingen, die Absenz zu predigen. Nichtsdestoweniger werden die Wahlen vor sich gehen und Polen wird gar bald eine Konstituante besitzen, der es vielleicht gelingen wird, in das Chaos hinsichtlich der inneren und äußeren Politik einigermaßen Ordnung zu bringen. Für jeden Fall kommt diesen Wahlen eine erhöhte Bedeutung zu, und die Wahlbewegnng ist. in vollster Entwicklung. Politische Wahlen hatten für die Juden Galiziens immer eine große Bedeutung, und der im allgemeinen überpolitisierte Jude widmete denselben stets eine übergroße Aufmerksamkeit und ein — sagen wir es offen — übertriebenes Interesse. In Wahlzeiten vernachlässigten Tausende und aber Tausende ihre bürgerlichen Berufe und schlichte Bürger exponierten sich für die diversen Kandidaten in einer Weise, als ob von der Wahl des Herrn £ oder des Herrn I das Wohl und Wehe der Gesamtheit und der Einzelnen abhängig wären. Die Aufregungen, die die galizischen Wahlen mit sich zu bringen pflegten, sind bekannt, und ganz besonders haben die sogenannten galizischen Wahlpraktiken hiezu wesentlich beigetragen. Es ist demnach kein Wunder, daß die Wahlbewegung auch diesmal die „jüdische Gasse" so lebhaft beschäftigt und daß man heute dem Ausgange der Wahlen mit der allergrößten Spannung entgegensieht. Diesmal kommt für die Wahlen bloß Westgalizien in Betracht. In Ostgalizien werden infolge der dortigen Kriegsverhältnisse zwischen Polen und Ukrainern keine Wahlen vorgenvmmen; die bisherigen Mitglieder des gewesenen österreichischen Rcichsrates aus Ostgalizien werden ganz einfach in die polnische Konstituante als Vertreter der dortigen Bevölkerung einberufen. Damit fällt auch für die Juden das eigentliche Kampfgebiet weg. In Ostgalizien gab es eine Reihe Wahlkreise mit ' ausgesprochener jüdischer Majorität und die meisten jüdischen Abgeordneten zum österreichischen Reichsrat wurden auch in Ostgalizien gewählt. Westqalizien hatte bloß ein einziges sicheres jüdisches Mandat im jüdischen Viertel Krakaus, das bisher dem Führer der „Jüdischen Unabhängigen Partei", Dr. Adolf Groß, zufiel. Um dieses Mandat ist auch diesmal der Kampf am heftigsten entbrannt. Der Wahlkampf spielt sich heute auf einer ganz neuen Grundlage ab. Bisher gab es in der städtischen Wahlkuric bloß einmandatige Wahlkreise, die eng begrenzt waren und bis zu einem gewissen Grade ein klares Bild der Situation ermöglichten. Heute stehen wir einer neuen Wahlordnung gegenüber. Es siud übergroße Wahlkreise geschaffen worden, die Stadt und Land -umfassen und mit mehreren Mandaten bedacht sind. Das erschwert die Orientierung, zumindest beim ersten Wahlgange. Da zugleich auch das Proporzsystem eingeführt ist, ist die Möglichkeit vorhanden, daß die Juden auch . in anderen Wahlkreisen ein bis zwei Mandate erhalten. Anderseits ist die Struktur der Wahlkreise eine solche, daß selbst das einzige jüdische Mandat in Krakau angesichts der gegenwärtigen Sachlage ernstlich gefährdet ist. Wie bereits erwähnt, hatte bisher Dr. Adolf Groß dieses Mandat inne. Im Jahre 1907 konnte er dasselbe erst nach einem heftigen Wahlkampfe mit schwerer Mühe erobern, im Jahre 1911 fiel es ihm fast kampflos zu. Heute aber muß er wieder sehr schwer um dasselbe ringen, wobei die Aussichten sich keinesfalls übersehen lassen; zugleich ist aber auch die Gefahr vorhanden, daß das Mandat den Juden ganz verloren geht. Nicht weniger als vier jüdische Kandidatenlisten wurden angcmeldct. Eine zionistische, mit Rabbiner Dr. Thon an der Spitze, eine jüdisch-demokratische, mit Dr. Groß an der Spitze, eine jüdisch-sozialistische und eine poale-zioniftische. In Betracht kommen wohl nur die ersten zwei Listen, die anderen sind höchstens Zählkandidaturen — aber zur Zersplitterung der jüdischen Stimmen kölmen sie viel bei- Der Wahlkreis, um den eS sich handelt, umfaßt die politischen Bezirke Krakau-Podgorze-Wieliczka, und zwar Stadt und Land. Die Zahl der Wähler beträgt etwa 120.000 und es sind acht Mandate zu vergeben. Die Zahl der jüdischen Wähler beläuft sich auf etwa 21.000. Um ein Mandat zu erlangen, müßte, der jüdische Kandidat etwa 12.000 Stimmen auf sich vereinigen. Wenn aber vier Listen vor-- Händen sind, so ist dies keine einfache Sache — höchstens wenn a priori eine Koppelung aller oder einiger jüdischer Liften vorgenommen werden sollte. Die Aussichten hiefür sind aber höchst gering, da der Wahlkampf mit größter Erbitterung geführt wird und es sich auch mehr um prinzipielle als um persönliche Fragen handelt. Hie Nationalismus, hie Assimilation, so lautet das „Schibolet" des Tages, mag auch Dr. Groß sich keineswegs als ausgesprochener Assimilator deklarieren. Die Nationalisten hatten bisher in Krakau keinen großen Anhang und sie pflegten auch selten bei Wahlen selbständig aufzutreten. Die Ereignisse in Galizien in den letzten Jahren, besonders die antijüdischen Exzesse und schließlich dicPogrome, haben aberdem Nationalismus neue Anhänger zugeführt und besonders kommt demselben zugute, daß.ein Teil der Orthodoxie, die bisher den Nationalisten wenig grün war, aus Mangel an einer eigenen Organisation und ohne entsprechender Führung mehrweniger ins nationalistische Lager geriet; zumindest wird dies seitens der Nationalisten behauptet. Diese fühlen sich nunmehr als die Herren der Situation und dürften sich kauni dazu hergeben wollen, einer Listenkoppelung zuzustimmen. Sie wollen eine Kraftprobe ablegen, auf die Gefahr hin, daß das jüdische Mandat verloren gehe. Von polnischer Seite stnd einige Listen angemeldet worden, darunter eine von zwölf koalierten Parteien, eine sozialdemokratische usw. Auffallend ist. cs, daß die polnisch-demokratische Partei, die bisher in Krakau mehrweuiger dominierend war, kein Lebenszeichen von sich gibt. Auch die sogenannte jüdische Kahalspartei verhält sich reserviert. Der Wahlkampf wird sich somit hauptsächlich zwischen Dr. Groß und Dr. Thon abspielen. Die Aussichten lassen sich, wie gesagt, nicht näher Voraussagen. Für den Wahlkampf in Westgalizien kommt in erster Reihe Krakau in Betracht. Es werden wohl auch anderwärts jüdische Kandidaturen auftreten, die Aussichten lassen sich aber kaum auch nur schätzungsweise übersehen. Hingegen dürste der Wahlkampf im eigentlichen Kongreßpolen sehr heftig sein. Dort treten ebenfalls mehrere jüdische Gruppen auf, die Zionisten, die Volkisten, die Orthodoxen, die Bundisten usw. In Polen ist das Wahlgesetz für die Juden höchst ungünstig. Es haben bloß solche Juden Wahlrecht, die entweder im Lande geboren oder die sich ausdrücklich zur polnischen Nation bekennen. Dadurch bleibt ein beträchtlicher Teil der Juden ohne Wahlrecht. Nichtsdestoweniger rechnet man in den jüdischen Kreisen mit Ler Wahrscheinlichkeit, 25 bis 30 Mandate zu erlangen. Charakteristisch ist, daß die Zionisten Polens sich mehrfach Kandidaten aus Galizien verschreiben, da cs ihnen im eigenen Lager an die geeigneten Kräfte zu fehlen scheint. So sollen die galizischen Zionisten Dr. Thon, Dr. Bulwa, Dr. Schwarzbard, Dr. Pilzer usw. in Polen als Kandidaten austreten. Wie gesagt, die Wahlkampagne beschäftigt zurzeit das polnische und das galizische JudentPN sehr lebhaft. Die Konstituante wird ja berufen sein, nicht bloß den Ausbau des polnischen Staates zu vollenden, sondern auch die Judenfrage zu lösen. Um so bedauerlicher wird es sein, falls die jüdische Repräsentanz infolge der heftigen Gegensätze geschwächt und innerlich gespalten sein wird. Das polnische Judentum bedarf in dieser ernsten Zeit tüchtiger, ernster und sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußter Männer. Ob gerade die richtigen Mandataren aus der Wahlurne hervorgehen werden, bleibt abzuwarten. S. L. Me lange noch wollen unsere tonangebenden und maßgebenden Kübrer die Agonie der böhmischen Judenheit tatenlos mitansehen? Von Rabbiner Dr. E. Landau (Strakonitz). Das furchtbarste Gemetzel der Weltgeschichte, das die Menschheit in ein schwarzes Trauerkleid hüllte, ist zu Ende. — Das Knattern und Donnern der Mordinstrumente hören wir nicht mehr. Die durch 52 Monate seelisch gebrochene Menschheit atmet die freie Luft einer neuen Zeit. Die Gemächer unserer Wohnungen ertönen von dem Widerhall einer uns bezaubernden und beglückenden Stimme der Fahnenträger der neuen Menschheitsepoche, die im Namen der Weltverbrüderung die Morgenröte der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit verkündet. Unsere sehnsuchtsvoll erwarteten Heldensöhne können nunmehr das mit Blut und Tränen getränkte Schlachtfeld verlassen und mit Freudentränen begrüßen sie die teuer erkaufte Scholle ihrer Heimat. Das mit freudigem Herzen gefeierte Fest des Wiedersehens übertönt das Schluchzen und Weinen der gramgebeugten Witwen und Waisen; aber diese Freude des Wiedersehens ist von kurzer Dauer, ein langer Freudenrausch ist uns nicht vergönnt. Uns ist der Erde Bitterkeit gegeben, der Zwang zu sein und dennoch nicht zu leben. Das göttliche Licht der Menschheit und Brüderlichkeit ist erloschen. Die Stunde höchster Gefahr ist da. Die Welt ächzt in allen Fugen. Die furchtbare Welttragödie ist für uns Inden noch nicht zu Ende. Noch nicht genug des Mordens, noch nicht genug des Blutvergießens gegen uns. Das Feuer des MenschenhasseS verzehrt die Judenheit. Durch Lügen ist das Weltblutbad entzündet worden, mit- Hilfe von Lügen wurde der Massenmord weiter geführt, bis er uns die Verblutung unkt die Verrohung der Menschheit brachte. Trotz zahlreicher Grabsteine, die man unseren Heldensöhnen im Felde errichtetete und die doch das Zeugnis sind für die jüdische Treue gegen ihre Heimat, entfaltet jetzt die tyrannische Allmacht der Lüge, den schlimmsten aller Kriege, den Vernichtungskrieg gegen die wehrlosen und zu Tode gequälten Inden. Zwischen Leben und Tod schwankt daher das Gesamtjndcntum. Keine größere Tragik, kein entsetzlicheres Trauerspiel gibt es in der Weltgeschichte als die systematische Ausrottung der Ostjuden. Das felsenfesteste Herz muß erweichen bei dem Anblick der furchtbaren Leiden und Verfolgungen unserer Brüder. Die Sprache hat nicht Worte genug, um ihre Leiden und Drangsalen zu schildern. Das Weltmeer' hat nicht Wasser genug, um die Tränen wegzuspülen, die über die Wangen Israels geronnen. Die Welt erbebet und erzittert vor den herzzerreißenden Klageliedern der unglücklichen Ostjuden. Der Blutstrom steigt von Tag zu Tag. In zermürbender Sorge bangen -wir um unsere Zukunft. Das goldene Zeitalter der Weltversöhnuna, für das wir mit Begeisterung geblutet haben, hüllt die Volksseele der Welt in die giftigsten Gase des blinden Hasses gegen uns. Wir Juden sind die Verachtetesten Stiefkinder der Weltgeschichte. Unser Herz ist zerrissen und blutet aus unzähligen Wunden und unsere Seele ist entweiht und entwurzelt. Tränen vergießend fordern wir vom humanen Weltgcwissen, dem grausamen und tierischen Blutbade in Polen Einhalt zu gebieten. Wir beklagen und beweinen unsere Märtyrer im Osten. Ich aber beklage und beweine den Zerfall der böhmischen Judenheit, die einst der Stolz und die Zierde des Judentums war. Das böhmische Judentum liegt Herren- und führerlos in Agonie. Der Jndiffercntismus der böhmischen Judenheit greift weiter um sich, und unsere Führer sehen diesem Unheil tatenlos zu. Die Jugend, die ohne Kummer und Sorgen aus den Becher der Freuden die Süßigkeit des Lebens schlürft, wird einem unpädagogischen, verbitterten und von N^hrungSsorgen gequälten Religionslehrer ausgeliefert. Monoton, und methodenlos, sehr oft den Lehrstoff nicht beherrschend, trägt der seelische