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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-16 · 3 (16.1.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
3 (16.1.1919)
Date
1919-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K12, halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIH. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Nr. 3. Wien, 16. J3nner 1919. V.Jahrgang, Der Iudenpunkt im Wahlkampf. Der Wahlkampf in Wien ist in vollster Entwicklung. Der Aufmarsch aller Parteien ist bereits erfolgt und die Wahlkampagne läßt an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Die neue Wahlkreisordnung und das Proporzsystem bringen es mit sich, daß die jüdischen Stimmen weniger als sonst zur Geltung kommen und man sollte annehmen, daß die Judenstage diesmal eine kleinere Rolle als bei jeder Wahlkampagne spielen müßte. ' Nichtsdestoweniger bildet der Iudenpunkt auch diesmal sozusagen den Mittelpunkt des Kampfes. Christlichsoziale und Sozialdemokraten reiten das „bewährte" Steckenpferd, und wollte man nach der Haltung der „Reichspost" und der „Arbeiter- -Zeitung" urteilen, müßte man annehmen, die Judenstage bilde tatsächlich das Um und Auf des Wahlganges. Der Kampf spielt sich diesmal hauptsächlich zwischen den beiden extremen Richtungen, den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten, ab. Die bürgerlich-demokratischen Parteien kommen weniger in Betracht. Zumindest ist dies hinsichtlich der Verhältnisse in Wien der Fall. Die obermähnten Gruppen raffen alle Kräfte zusammen, um den Sieg an ihre Fahnen zu fesseln. Um nun die Sozialdemokraten in den Augen der Volksmassen zn diskreditieren,-haben, die Herren von der'„Reichspost" das alte Schlagwort von der „Herrschaft der Juden" hervorgeholr und versuchen es, die Dinge derart darzustellen, daß die Sozialdemokratie eigentlich eine „Judenpartei" ist, die ganz unter dem Einfluß und der Führung der Juden steht — Beweis hiefür der Umstand, daß angeblich nicht weniger als zwölf Juden sich auf der sozialdemokratischen Kandidatenliste für Wien befinden und dies vornehmlich in den ersten Reihen — ergo wollen die Sozialdemokraten in Deutsch österreich eine „Judenherrschaft" aufrichten. ... Diese Weisheit wird tagtäglich in mannigfacher Garnierung verzapft und der Effekt könnte bloß eine wilde Judenhetze sein. Wie lächerlich diese Behauptung ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die Juden, als vornehmlich dem Mittelstand angehörend, haben an allem eher als an einer Sozialisierung des Wirtschaftslebens ein Interesse. Der Umstand, daß hie und da irgend ein Jude in den Reihen der Sozialdemokratie kämpft und sogar eine führende Rolle innehat, ändert nichts an diesen Stand der Dinge. Diese Juden haben übrigens mit dem Judentum soviel gemein, daß sie keine Nichtjuden sind. Sie treten weder als solche auf, noch machen sie jemals jüdische Politik. Es würde sich demnach kaum verlohnen, diesen absurden Vorwürfen entgegenzutreten. Allein, die Herren von der „Arbeiter-Zeitung" revanchieren sich nach der bekannten Maxime: „Haust du meinen Juden, so haue ich deinen Juden!" Die „Arbeiter- Zeitnng" hat die Enthüllung gebracht, daß ein gewisser Graf Auersperg einen Aufruf zur Sammlung eines großen Fonds erlassen hat, um die öffentliche Meinung und die Presse für den Kampf gegen den Sozialismus beeinflussen und getvinnen zu können. Aus dieser Angelegenheit wird nun eine „Judenaffaire" konstruiert", mit der Behauptung, die sogenannte haute finance habe am stärksten zu diesem Fonds beigesteuert, ergo: beziehen die Christlichsozialen jüdische Bestechungsgelder — da doch die Großbanken „verjudet" sind, der Kamps für die Reaktion werde somit mit Hilfe der Juden geführt, welche also - auch für den Ausgang der Wahlen verantwortlich sein würden... . Es fällt nicht leicht, dem Labyrinth dieses Gedankenganges zu folgen. Wieder einmal ist es eine Tatsache, daß diese sogenannten „Judenbanken" mit Juden und Judentum nichts gemein haben — und am wenigsten dürfte sich Graf Auersperg mit den Juden einlassen wollen. Aber in der Hitze des Ge- > fechts wird dies seitens der Herren von der „Arbeiter-Zeitung" übersehen und der beiderseitige Kampf gegen den angeblichen „Einfluß der Juden" geht lustig vor sich. Jeder Wahlkampf bringt eine Verwilderung der Sitten mit sich und es wäre vergebliche Mühe, wollte man die Herren von der Sttozzigasse und von der, Linken Wienzeile zur Vernunft und zur Logik mahnen. Aber eines mögen sie sich gesagt sein lassen: an derartigen Kampfmcthoden ist das alte Oesterreich zugrunde gegangen. Wer es mit dem neuen Oesterreich., gut und aufrichtig meint, möge sich hüten, das alte garstige Lied weiter herunterzuleiern. Die Judenfrage hat mit dem Wahlkampf zur Nationalversammlung nichts zu tun und man möge die Juden endlich ein wenig in Ruhe lassen. Es heißt, die Intelligenz der Wählerschaft höchst gering einschätzen, will man annehmen, dieselbe mit solchen Geschichten und Geschichtchen beeinflussen zu können. Die neue Zeit sollte doch auch neue Lieder bringen — oder vielleicht nicht? . . . _ Spectato r. Die Krise in der wiener Kultusgemeinde. Die politischen Umwälzungen in Oesterreich haben, wie bekannt, auch zu einer Krise in der Wiener Kultusstube geführt, die bis heute keine definitive Lösuttg gefunden hat. In jenen Novembertagen, als . die Ereignisse sich überstürzten, das Alte niedergerissen und die Grundlagen für einen Neubau gelegt wurden, als sich diverse Räte bildete^ und danach strebten,- die'MaK. an fic§, zu reißen, erlitt auch^oie aste Festung m"‘8er“Lestensietiengäsfeeme schwere Erschütterung. Die Nationalisten, die seit jeher danach strebten, die Kultusgemeinde zu erobern, erachteten ihre Zeit für gekommen und drohten, mit der Hilfe des jüdischen Soldatenrates Gewalt anzuwenden, falls die bisherigen Machthaber nicht steiwillig den Platz räumen. Präsident Dr. Stern versuchte es zunächst, auch diesmal Widerstand zu leisten, aber ein Teil seines Stabes war eingeschüchtert und verlegte sich aufs Verhandeln. Damit gelangte die Krise zum Ausbruch. Dr. Stern resignierte von seiner Stelle und der Kultusvorstand traf mit dem jüdischen Nationalrat eine Vereinbarung, wonach eine Permanenzkommission, bestehend aus drei Vorstandsmitgliedern und drei Delegierten des Nationalrates eingesetzt wurde, mit der Aufgabe, binnen zwei Monaten ein neues Gemeindestatut auszuarbeiten, nach dessen Annahme Neuwahlen durchgeführt werden sollen. Die Permanenzkommission sollte sich auch über die Person des neuen Präsidenten einigen. Seither sind zwei Monate vorüber, ohne daß die Sache irgendwelchen Fortschritt zu verzeichnen hat. Die Präsidentenstelle ist noch immer unbesetzt, da keine Einigung über einen beiden Parteien genehmen Kandidaten erzielt werden konnte. Die Statutenfrage ist noch immer offen. Die bisherigen Machthaber in der Kultusgemeinde scheinen sich inzwischen vom ersten Schrecken erholt zu haben und zeigen keine Eile, dem Verlangen der Nationalisten zu entsprechen. Diese drohen ihrerseits aus diesem Verhalten des Vorstandes die Konsequenzen ziehen zu wollen. Mit einem Worte: Die Krise ist stationär geblieben. Die Stellung der glaubenstreuen Judenheit der offiziellen Gemeinde gegenüber ist bekannt und sie hat keinen Grund, in diesen Streit zwischen den Fortschrittlern und den Nationalisten direkt einzugreifen? Es muß aber bei dieser Gelegenheit noch einmal daran erinnert werden, daß es absolut nicht angeht, daß. diese zwei Gruppen über die künftige Gestaltung der Kultusgemeinde unter sich entscheiden, ohne den dritten, sicherlich nicht kleinsten Faktor zur Mitarbeit heranznziehen. Das wiederholte Verlangen der Orthodoxie, der Permanenzkommission zugezvgen zu werden, wurde von keiner Seite berücksichtigt, was weder demokratisch noch praktisch ist. Die Orthodoxie wird es absolut nicht gestatten, daß über ihren Kopf hinweg ein neues Statut geschaffen werde und sowohl die Herren vom Vorstand, als auch vom Nattonalrat mögen es zur Kenntnis nehmen, daß keine Neuordnung der Kulmsgemeinde zustande kommen könnte, an der die Orthodoxie nicht Mitwirken und bei welcher die Interessen derselben nicht entsprechend berücksichtigt werden würden. _ LineKundgebung der Berliner Orthodoxen. Aus Berlin wird gemeldet: Der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums veranstaltete vergangenen Donnerstag eine Kundgebung in Charlottenburg. Ein zahlreiches Publikum hatte sich zu derselben eingefunden. Referenten des Abends waren Dr. Jsi Kahn und Rechtsanwalt Dr. A. Loeb. Letzterer skizzierte die religiöse Grundlage einer jeden Gemeinde. Der gegenwärtige Geist der Gemeindeverwaltung entspreche nicht den religiösen Bedürfnissen. Die Gemeinde sei zur toten Schablone erstarrt, die lebendige Anteilnahme der Mitglieder auf ein Minimuin herabgesunken. Dem könne nur durch eine grundlegende Verwaltungsreform an Haupt und Gliedern abgeholfen werden. Serr Dr. Ist Kahn ging zunächst von der historischen ntwicklung des deutschen Judentums in de» letzten IM Iahren aus: Me Gemeindeorthodoxie wolle unter allen Umständen die Einheit in der Gemeinde erhalten, sei aber nicht gewillt, sich weiterhin, wie es in der Berliner Gemeinde gang und gäbe sei, von liberaler Seite bevormunden lassen. Redner wies an Beispielen nach, wie die konservative Richtung der Gemeinde systematisch seit Jahrzehnten von den Liberalen unterdrückt wurde. In Wahrheit bestehe keine liberale Majorität. Die Masse der Wähler, auch wenn sie selbst die Satzungen nicht streng beobachtet, halte zum überlieferten Judentum. Der Liberalismus könne sich nur auf den Lkrücken des Gesetzes von 1847 halten. Fällt dieses Gesetz und wird ein wahrhaft demokratisches Wahlrecht eingeführt, welches nicht nach Steuerzensus, sondern nach unmittelbarer, geheimer, gleicher, direkter Proportionalwahl erfolgt, so sei die liberale Vormachtstellung für alle Zeiten gebrochen. In Wirklichkeit werde die Gemeinde von einigen wenigen beherrscht, welche mit denjenigen Kreisen, in denen lebendiges Judentum pulsiere, keinerlei Fühlung mehr hätten. Am deutlichsten zeige sich das in den iminer mehr überhand nehmenden Mischehen. Dies sei darauf zurückführen, daß den Rabbinern die Herrschaft, die Führung über' die Massen vollständig entglitten sei. Die konservative Judenheit begrüße die Trennung von Staat und Kirche. Sie glaube an die Macht ihrer religiösen Ideale und sehe in der lebendigen Anteilnahme aller Gemeindemitglieder die Möglichkeit der Herbeiführung eines blühenden Gemeindelebens. Die konservativen Gemeindemitglieder verlangen Errichtung jüdischer Volks- und Mittelschulen, Erweiterung und Vertiefung des jüdischen Religionsunterrichts, Errichtung einer Talmud-Thora-Kommission und Schaffung einer zweiten Prüfungskommission für Religionslehrer gesetzestreuer Richtung, Unterstellung aller rituell geführten Gemeindeinstittltionen, ivie Krankenhäuser, Waisenhäuser, unter die Aufsicht eines aus konservativen Mitgliedern geführten Beth-din, Errichtung ständiger Jugend - gottesdienste, Uebernahme aller Vereinssynagogen auf dem Gemeindeetat mit Ueberlassung möglichst großer Selbständigkeit, Einführung des Proportional-

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