Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 2 (9.1.1919)
- Date
- 1919-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Ob die Ausschreitungen spezifisch judenfeindlichen Charakter hatten, geht aus den offiziellen Bekanntmachungen nicht klar, hervor. Ein Kuriosum. Die Mitteilungen des Israelitischen Landes- Lehrervereines in Böhmen melden: Der Herr Religionslehrer aus Tnblitz bei Lobositz, schreibt bei Rücksendung einiger Sachen an die Buchhandlung Jakob B. Brandeis, Prag, unter anderem Folgendes, was wir zur Illustrierung veröffentlichen. „Man wird jetzt im slawischen Staate überhaupt keine derartigen Sachen brauchen, nachdem Trennung der Kirche vom Staate sein wird und die Juden vom jüdischen Glauben nichts halten. Das Judentum hat keinen langen Bestand mehr und gar, wenn der Religionsunterricht abgeschafft wird." Orthodoxie und Zionismus. Wie wir in vorletzter Nummer berichtet haben, hat sich die Schweizer Geschäftsstelle der „Agndas- Jisroel" an die zionistische Organisation mit der Anfrage gewendet, ob diese geneigt ist, um das Zusammengehen aller Juden in der Palästinasache zu ermöglichen, die Erklärung abzugeben, daß die Organisation der Orthodoxie die nötigen Garantien hinsichtlich der religiösen Angelegenheiten bieten Darauf ist nunmehr folgende, jedenfalls ausweichende Antwort eingelangt: 4. Dezember 1918. Schweizerische Landesorganisation der „Agudas-Jisroel", Zürich. Wir erhielten Ihren Brief vom 12. November, sowie Ihr Telegramm vom 29. November. Wir nehmen an. daß Ihr Brief vom 12. November, der übrigens erst am 26. November in unseren Besitz gelangte, mit der in Ihrem Telegramm erwähnten Anfrage vom 15. November gemeint ist. Auch wir würden es mit Freuden begrüßen, wenn eine Verständigung zwischen uns und Ihrer Organisation herbeigeführt und dadurch die Gefahr einer Zersplitterung der Palästinaarbeit vermieden werden kSnme. Wenn Sie jedoch als Borbedingung einer derartigen Verständigung die Abgabe einer Erklärung seitens der Zionistischen Organisation über ihre Stellung zu den Geboten der jüdischen Lehre verlangen, so müsten wir Sie darauf verweisen, daß unzweideutige und bindende Erklärungen in dieser Richtung seitens der Zionistischen Organisalwn bereits auf dem ersten Zionistenkongreß und auch später wiederholt abgegeben worden sind, und daß kein Anlaß Si einer neuen Erklärung vorliegt. Weder innerhalb der ionistischen Organisalion — und diese umfaßt ja auch viele Tausende von gesetzestrcuen Zionisten — noch bei den thoratreuen Masien des jüdischen Volkes im Osten sind Stimmen laut geworden, die die Abgabe einer solchen Erklärüng von uns gefordert hätten. Daß aber Ihre Organisation, die diese Erklärung in diesem Augenblicke von uns fordert, „die großen 'Masien der thoratreuen Jehudim und damit die weitaus große Majorität des jüdischen Volkes" vertritt,. können wir nicht anerkennen, da die rhoratreuen Masien des jüdischen Volkes Ihnen niemals rin derartiges Mandat übertragen haben. Wenn immer Sie uns jedoch konkrete Vorschläge bezüglich der zukünftigen Arbeit in Palästina zu untervreiten haben, werden diese jederzeit unsere größte Beachtung finden, gegebenenfalls sind wir auch immer gern bereit, in eine gemeinsame Beratung darüber mit Ihnen einzutreten. Mit vorzüglicher Hochachtung, Kovenhagencr Bureau der Zionistischen Organisation (gez. Dr. L. S. Bernstein). Auf dieses Schreiben antwortete das Schweizerische Zentralbureau der „Agudas Jisroel" wie folgt: Zürich, den 18. Dezember 1918. Tit. Zionistische Organisation, Kopenhagen. Ihr Brief vvm 4. Dezember ist am 9. er. in unsere Hände gelangt. Nachdem Sie es ablehnen, die von uns als Voraussetzung des Zusammengehens unserer Organisationen verlangte Erklärung abzugeben, und wir Ihrer Behauptung. solche Erklärungen seien unzweideutig und bindend bereits am 1. Zionistenkongreß und später abgegeben worden, nicht zustimmen können, vielmehr Ihre jetzige Antwort als eine Absage betrachten mü„en, könnren wir uns auf eine Empfangsbestätigung Ihres Schreibens und Konstatierung dieser Tatsache beschränken. — Da es ja aber um das Geschick unseres Volkes geht, das wir sicherlich alle in gleicher Weise heiß und. innig lieben, möchten wir als Bruder zu Bruder Ihnen noch einige Worte sagen. Weil wir das tun wollen, statt bloß m aller Kürze Ihre Absage zu quittieren, müsien wir zunächst auf den sachlichenjJnhalt Ihres Schreibens kurz eingehen. Eine Erklärung, wie wir sie verlangt haben, ist am 1. Zionistenkongreß und später nicht gegeben worden. Ihr verewigter großer Führer Herzl hat damals aus eine von Dr. A. Cohn in Basel gestellte Anfrage, wie der Zionismus sich zum überlieferten Judentum stelle, geantwortet: „Derselbe werde niemals etwas unternehmen, was die jüdisch-religiösen Gefühle verletzen könnte." — Die späteren Erklärungen nahnien alle Bezug auf diese erste und waren im selben Geiste gehalten. Diese Erklärungen waren rein negativer Natur und genügten, wie aus dem Verhalten von Millionen von gesetzestreuen Jehudim dein Zionismus gegenüber hervorgeht, denselben in'keiner Weise zum Schutze des ihnen teuersten Heiligtums. Für dieselben konnte und kann nur eine positive Erklärung, daß der Aufbau des heiligen Landes auf dem Boden der Thauro sich bewegen werde, und die Garantie, die in der Entscheidung aller Einzelfragen durch rabbinische Autoritäten liegt, genügen. Es kommt noch denu, daß auch diese negativ? Zujicherung in Tat und Wahrheit nicht gehalten worden ist. Wir verweisen diesbezüglich auf das offizielle Memorial der Zionistischen Federation „Misrachi" über die Angelegenheit des Gqmnasiunis zu Jaffa vom Jahre 1969 und auf die veröffentlichte Korrespondenz derselben Federation mit dem Zionistischen Zentralbureau in Sachen Kullurfrage vom Jahre 1911. Aus dem Vorstehenden erhellt schon, wie es um Ihre Behauptung, wir verträten mit unserer Forderung einer positiven Erklärung nicht die großen Massen der thoratreuen Jehudim, steht. Das Verhalten dieser Massen bezeugt das Gegenteil, und ähnliche Sicherheiten sind in der Diskussion über die Stellung zum Zionismus als Minimum, sofern nicht eine noch weit ablehnendere Haltung vorlag, in allen Sprachorganen dieser Massen gefordert worden. Von einem formellen Mandat kann za, was die Gesamtheit der Juden betrifft, auch bei Ihnen keine Rede sei», nachdem zur Zeit der seit dem Kriege unterbliebenen — Schekel-Zahlung nur weit unter zwei Prozent dieser Gesamtheit organiuert zu ihnen gehörte. Mit noch größerem Recht als Sie postulieren können, das Mandat'des jüdischen Volkes zur Forderung von Palästina in Händen zu haben, — worüber wir uns in keiner Weise geäußert chaben —, können wir im Auftrag der übetgroßen Majorität unseres Volkes, der thöratreuen Massen desselben, die Garantien fordern für Bewahrung seines größten Heiligtums vor jeder Untergrabung und Schwächung. Was wir Ihnen aber noch als Brüder den Brüdern sagen wollen, ist Folgendes: ' Unser (Verlangen, unbedingte Sicherheiten für ein ' Leben im heiligen Lande auf dem',Boden der Thauro, ist keine Prinzipienreitern. Wir haben die tausendfach in unserer Geschichte gemachte Erfahrung, daß das Geschick unseres Volkes abhängt von seiner Treue zur Thauro. Wir wiffen es, daß nur diese Treue unS das Land geben und erhalten kann. Die besten Diplomaten und National- Skonomen würden uns sonst nichts nützen. Deshalb ist unsere Forderung eingegeben von der tiefernsten Sorge für unser Volk, nicht nur für seinen inneren Geist, auch sür sein äußeres Geschick. Wir erheben diesen Ruf: „Nur die Thauro hat uns erhalten, nur die Thauro wird uns erhalten" und laffen ihn nochmals an Sie ergehen. (Wir behalten uns vor, zn dieser Angelegenheit eingehend Stellung zu nehmen. Die Red.) Rundschau. (Ein jüdischer Weltkongreß.^ Das Schweizer Komitee ,?ro 6ausa Judaica“ (Prä)ident I. Dreyfus- Brodsky, Basel) wendet sich in einem wohlbegründeren Aufruf an alle jüdischen Organisationen der Welt zwecks Einberufung eines jüdischen Weltkongresses, der an dem Orte der Tagung des Friedenskongreffes zusammentretcn und sich mit folgenden Hauptproblemen beschäftigen soll: 1. Die Milarbeit der jüdischen Gesamtheit an der Errichtung der nationalen Heimstürte in Palästina. 2. Die Förderung der Maßnahmen zur Erlangung und Sicherung der politischen und kulturellen Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in den Ländern jüdischer Mässensiedlung. 3. Die Ergreifung von Maßnahmen zur Erlangung der vollständigen Gleichberechtigung derJuden in Rumänien. 4. Die Begründung einer Organisation oder Institution zur Regelung der jüdischen Emigration. (Kampf gegen den Lebensmittelwucher.) Aus Krakau wird der „I. P. Z." berichtet: In den meisten galizischen Gemeinden wurde vom Rabbinat der strenge Bann (Cherem Chomur) auf die Lebensmittelwucherer verhängt. Der jüdische Nationalrat führt durch eine besondere Organisation strenge Kontrolle über die Einhaltung der vorgeschriebenen Höchstpreise. Infolgedessen wird in den jüdischen Geschäften viel billiger «ingekauft als bei den Christen, die weiterhin ärgsten Sachwucher betreiben. (Kein Pogrom in Posen.) Bezüglich der in der Tagespresie veröffentlichten Meldungen' über einen angeblichen Pogrom in Posen meldet der dortige jüdische Nationalrat: „Infolge der neuen Revolution war das Standrecht proklamiert. Bei den Hausdurchsuchungen sind Mißgriffe vorgekommen, es wurden Personen und das Eigentum der Bevölkerung verletzt, hiebei wurde auch ein Jude getötet. Pogromartigen Charakter trugen die Vorfälle nicht." (Der Pogrom in Bukarest.) Die in Budapest erscheinende zionistische Wochenschrift „Zsido Szemle" schreibt: Die Räumung Rumäniens hat mit Blutvergießen und Tränen begonnen. Kaum begann die Armee Mackensen aus Bukarest abzuziehen, überfiel auch schon der „siegestrunkene" Bukarester Pöbel die Juden und arrangierte einen Pogrom in der Stadt Bukarest. Die radikale'Zeitschrift „Politika" bringt folgende Einzelheiten über die empörenden Vorfälle: „Der bewaffnete Pöbel griff am 11. Dezember das sich zwischen Calea Vakaresti und Strada Espanola ausbreitende Judenviertel an und begann zu plündern. Die zur Verteidigung vorbereiteten Juden haben an der Kreuzung der Strada Ssinti Vineri und der Calea Vakaresti mehrere Maschinengewehre aufgestellt und sich auf diese Weise gegen die Angreifer gewehrt. Bei diesem Zusammenstoß haben ungefähr 366 Personen ihr Leben verloren. Die Zahl der Verwunderen übersteigt 1660. Gegen Abend gelang es der Maffe, in das Judenviertel einzudringen, wo sie furchtbare Verheerungen anrichtete. In der Nacht des 11. Dezember stand das Ghetto in Flamme». In derselben Nacht zog der Pöbel durch die Strada Lipskani, wo sich die Ge,chäfte der reichsten Juden befinden, und plünderte in fürchterlicher Weise alles aus. Das geschah in der Morgendämmerung des 12. Dezember. Bo>r diesem Zeitpunkt ab ist keinerlei Nachricht aus Rumänien eingetroffen. (Die holländische Regierung für die Rechte der Juden.) Auf die von 46.573 holländischen Juden Unterzeichnete Motion an die holländische Regierung antwortete der Minister des Acußern: Er würde es sehr bedauern, wenn die Juden Holland verlassen würden. Sie gehören mit zu den beiten Bürgern, auf die die holländische Regierung in jeder Hinsicht rechnen kann. Bezüglich der Bereitwilligkeit der holländischen Regierung für die Rechte der Juden einzutreten, gab der Minister befriedigende Erklärungen ab. Die Negierung wird den Wünschen der holländischen Juden Rechnung tragen. Die niederländische Regierung und der Minister fühlen sich verpflichtet, sür di« Rechle der Juden einzutreten. (Für Palästina.) Großindustrielle aus Lodz beabsichtigen, mit einem Grundkapital von 10 Millionen Mark in Palästina eine große Weberei, Spinnerei und Appretur zu gründen. Sie sind überzeugt, daß Palästina ein Zentrum der Manufaktur-Industrie werden kann und gute Absatzmärkte nicht nur in-den benachbarten Ländern, sondern auch auf dem Balkan, der bis jetzt mit österreichischer Ware überschwemmt wurde, findeit wird. Demnächst kommt nach Warschau eine Vertretung dieser Gesellschaft, um sich mit dem Zentralkomitee der zionistischen Organisation zu beraten. — Der „Moment" berichtet: In Kiew bildete eine Gruppe jüdischer Millionäre ein Konsortium zum Zwecke der Gründung einer Agrarbank in Palästina. Das Gründungskapital soll 40 Millionen Rubel betragen. Die Initiative' zu dieser Gründung, an der sich u. a. auch der bekannte Millionär Brodskt beteiligt. kam von Herrn Kreiner. — Wie Odessaer Zeitungen melden, soll demnächst das A. C.-Mitglied M. M. Nssichkin auf einem amerikanischen Kriegsschiff mit besonderer Mission nach Palästina abreisen. (Französische Orthodoxie für Palästina.) Laut Misrachi-Korrespondenz-Bureau ist in Paris vor einigen Monaten eine bedeutende orthodor-nationale Bereinigung entstanden, an deren Spitze Großrabbiner Lövy steht. Die Vereinigung setzt sich u. a. zur Aufgabe, die öffentliche Meinung Frankreichs über die Kolonisationsarbeit Palästinas und die Frage des Judenstaates aufzuklären und sich speziell mit der Förderung der geistigen Jnter- «ffen der Juden in Paläitina zu befassen. (J.P Z.1 Wilson und die rumänische Judenfrage.) Dem I. P.W. wird aus Berlin telegraphiert: Der Verband der rumänischen Juden in New-Iort richtete an Wilson den Appell, auf der Friedenskonferenz die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien sicherzustellen. Wilson antwortete auf die Adreffe: „Ich habe die Dringlichkeit der Frage, auf die Sie meine Aufmerksamkeit gelenkt haben, in Erwägung gezogen und werde sie auf der Friedenskonferenz ernstlich behandeln." (Indische HilfSkouserenz in Kopenhagen.) Dem I. P. Wwird aus Kopenhagen geschrieben: Am 7. und 8. Dezember tagte hier eine Konferenz, von der neben den allgemeinen jüdischen Forderungen auf Palästina als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes und Gewährung voller bürgerlicher, nationaler und religiöser Gleichberechtigung in der Diasvora folgende Resolutionen angenommen wurden: Eine Resolution forderte die Einberufung eines jüdischen Weltkongresses, der neben den politischen Fragen sich auch mir den ökonomischen Fragen des jüdischen Volkes befassen soll (namentlich Emigration und Kolonisation, Wiederaufbau). Eine andere appellierte an alle jüdischen Hitfsorganisalionen und jüdischen nationalen Vertretungen, rechtzeitige Vorbereitungen für die Lösung der Aufgaben der konstruktiven Hilfe zu treffen, und empfahl zu diesem Zwecke die Aufnahme einer nationalen Anleihe. Eine dritte fordert die jüdischen Vertreter auf der Friedenskonferenz auf, spezielle Anträge betreffs Entschädigungen der vom Krieg heimgesuchten Juden einzubringen. Die Verteilung der Entschädigungssummen soll nach Maßgabe der von jeder nationalen Gruppe erlittenen Verluste unter den Juden, den Polen und den anderen osteuropäischen Völkern vorgenommen worden. Mit Rücksicht auf die bisher auf dem Gebiete der ösfentlichen Kriegshilfe gemachten schlechten Erfahrungen wird eine interiiationale Kontrolle über die Verteilung der Entschädigungssummen gefordert. (Erklärung der englische» und französische» Regierung.) In einer gemeinschaftlichen Erklärung der englischen und französischen Regierung über ihre Ziele in der Türkei vom Oktober v. I. waren die Absichten der beiden Regierungen in folgenden Sätzen ausgesprochen: „Das Ziel, welches Frankreich und Großbritannien bei der Fortsetzung des Krieges im Orient, der von dem deutschen Ehrgeiz befreit ist, vor Augen haben, ist eine vollständige und endgültig» Befreiung der Völker, die so lange von der Türkei unterdrückt waren, und die Errichtung nationaler Regierungen und Behörden, die ihre Autorität aus der Initiative und der freien Wahl der eingeborenen Bevölkerung herleiten. Um diese Absichten zu verwirklichen, sind Frankreich und Großbritannien darin einig, aurzumuntern und zu helfen bei der Errichtung eingeborener Regierungen und Behörden in Syrien und Mesopotamien, die jetzt von den Alliierten befreit worden sind; sowie in den Gebietes, deren Befreiung jetzt verwirklicht wird. Sie sind wqiker^ einig, diese Regierungen und Behörden anzuerkennen^