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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-09 · 2 (9.1.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
2 (9.1.1919)
Date
1919-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. einer Schachfigur, die nur als eine solche bewertet werden kann. Braucht cs erst gesagt zu, werden, daß beispielsweise das polnische Volk einen viel wichtigeren Faktor darstellt als die Juden?! Ja, selbst die Rumänen dürften politisch höher eingeschätzt werden. Es ist dann kaum auzunehmen, daß die Entente die Jüdenfrage in diesen Staaten einer derartigen Lösung wird zuführen mosten, die den Intentionen dieser Völker nicht entsprechen könnte. Theoretisch wird sicherlich alles getan werden, um die jüdischen Rechte sicherzustellen, selbst die sogenannten „Volksrechte" könnte man ihnen unter Umständen verschaffen — aber die Durchführung wird eben den in den bezüglichen Ländern herrschenden Völkern überlassen bleiben. Wir könnten dann eine zweite Auflage der Judenfrage in Rumänien erleben. Im allergünstigsten Falle wird sich die Entente kaum dazu verstehen wollen, zugunsten der Juden eine Exekutorenrolle auf sich zu nehmen und für die Realisierung der denselben zugebilligten Rechte tatkräftig einzutreten. Was hätten dann die Juden von den Rechten auf dem Papiere, mögen sie auch in der schönsten und weitestgehenden Form festgelegt sein?! Ohne einem übermäßigen Pessimismus zu verfallen, muß daher gesagt werden, daß man sich vor jeder Illusion hüten darf. Die Erwartungen, die aus die Friedenskonferenz gesetzt werden, dürfen keineswegs überschätzt werden. Spectator. Die Politisierung der glaubenstreuen Iudenfchaft. In Ihrem Leitartikel vom 19. Dezember ist mit großem Recht darauf hingewicsen, daß das thoratreue Judentum trotz der sturmbewegten Zeiten in der gleichen Untätigkeit nach außen hin verharrt, die es seit Jahrzehnten gepflogen hat. Auch darüber ist mit Recht geklagt, daß die Orthodoxie nicht einmal in ihren eigenen Reihen Umschau hält, um alle Anhänger um sich zu scharen und mit allen gemeinsam etwas zu fordern, wenn es gilt, etwas szu erreichen. Und ebenso richtig ist die Schlußfolgerung, daß die Orthodoxie hiedurch in Gefahr gerät, an Anhang zu verlieren und noch schwächer dazustehen, als sie schon ist. Doch scheint mir das Mittel zur Besserung all der Uebelstände nicht das richtige zu sein. E§ heißt: „Darum ist es dringend geboten, die glaubenstrcue Judenschaft bis zu einem gewissen Grade zu politisieren." Es wird gewarnt, sich mit denNationaljuden zu verbinden, es wird ausgeführt, daß die Orthodoxen mit den Assimilanten nicht die gleichen Wege gehen können; daher sollen sie teilweise politisiert werden. Ich möchte den Herrn Artikelschrciber fragen, was das heißt „teilweise politisieren", dann auch möchte ich wissen, ob.es heute, wo die Wogen der Weltpolitik im allgeineincn und der Antiscmitenpolitik im besonderen höher als jemals schlagen, ob es da heute genügt, sich teilweise zu politisieren, ob es den Orthodoxen, die erwiesenermaßen fast niemals und nirgends politisch tätig waren, gelingen kann, in wenigen Tagen, und es inuß sofort sein, den richtigen Teil der Politik zu erlernen, damit sie in den hochgehenden, aufgepeitschten Wogen des Nationalismus und des Judenhasses nicht untcrgehen. Es ist nicht meine Absicht zu untersuchen und darzulegen, warum wir Orthodoxen nie politisiert haben, warum wir, bei unserer G emo roh, bei unserem I o r e h D e a h sitzend, -uns nur mit dem Wogen Awrohom schützten und keine Angriffswaffen in unserem Besitze hatten; es war eine Zeit, wo wir es eben nicht mußten; wir wurden so, wie wir waren, anerkannt; wir haben infolge dieser allgemeinen Anerkennung unter unseren Glaubensbrüdern die Zeit verpaßt, uns auf der Welt ümzusehen und nns Waffen zu verschaffen, wie sie alle Völker und auch ein Teil unseres Volkes zu führen verstehen. Und heute brauchen wir die Waffen; wir haben sie aber nicht und können sie auch nicht so rasch bekommen und zu handhaben verstehen. Ist es da nicht vernünftiger, wir gehen zu unseren Brüdern, den Nationaljuden, und bitten sie, uns zu schützen? „Sebulun freue sich auf seinen Reisen in die Welt hinaus, Jisochor aber in seinen Zelten." Ohne Sebuluns Kampf ums Dasein, ohne seinen ewigen Streit mit den umgebenden Völkern kann Jisochor nicht ruhig im Zelte der Thora sitzen. Und Jisochor soll die Thora verlassen, um selbst in ungeschickter Weise, weil nur teilweise politisiert, seine Thora, die ja die Thora des ganzen Judentums ist, zu verteidigen? Wir brauchen nicht zu fürchten, daß wir und unsere Jugend der Thora abtrünnig werden könnten durch diesen Schritt! Da sind die 613 Gebote doch stark genug, um uns zu halten und unserer Jugend einen Halt zu geben. Wir müssen nur fleißig lernen und noch fleißiger lehren, müssen unsere Anhänger fleißig um uns scharen, sie belehren in allem, wasnotwendig ist; wir müssen uns sammeln, damit wir einmal selbst sehen, wie stark wir sind, und damit wir auf diese unsere Stärke Hinweisen können. Die Nationaljuden, welche dank ihrer ausgezeichneten politischen Führung trotz ihrer numerischen Minderheit großartige Leistungen vollbracht haben und noch großartigere vollbringen, werden unsere Interessen mit großem Eifer verteidigen, sie werden uns nicht schaden, da sie dadurch nur ihrem eigenen Rufe, ihrer eigenen politischen Stellung schaden würden. Wozu also nach außen hin eine neue Sorte Juden zu erkennen geben? Uns genügt ja die innere Anerkennung, wir wollen nur unsere Thora lernen und unsere Mizwous halten, kämpfen für uns mag Sebulun, und wir hoffen auf gemeinsamen Und wenn wir es dennoch versuchen sollten, uns auch politisch zu betätigen! Ich fürchte, wir würden ein Fiasko erleben, das an sich nicht so schlimm wäre als die dadurch versäumte Zeit. Denn indessen hätten die Zionisten ihren Bau aufgeführt, sie hätten Palästina erobert-allein, ohne uns. Und wir, die wir beim Kampfe abseits gestanden sind, wir würden uns dann umsonst bemühen, bei den Nationaljuden unsere Ansprüche geltend zu machen. Sind wir aber heute in ihren Reihen, helfen wir ihnen, wenn auch nur durch unsere Anwesenheit das Assimilantentum besiegen, und es wird ein schwerer, aber siegreicher Kampf sein, dann haben auch wir ein Recht, gehört zu werden. „Denn so groß wie der Beuteanteil der kämpfenden Soldaten war, ebenso groß der Anteil derjenigen, die beim Trosse blieben und den höchsten Nationalschatz hüteten." Ich war niemals Zionist, bin es auch heute nicht, doch ist es einigen Gesinnungsgenossen gelungen, den Prager konservativen Verein „Sinai" dem Jüdischen Nationalrat anzugliedern. Ich bin einer der „Sinai"ten im Nattonalrat, arbeite dort in allen Fragen mit und finde, daß wir vielfach Berührungspunkte haben. Die Berner „Agudas Jisroel" ist an das Kopenhagcner Zionistische Zentralbureau herangetreten, ob gemeinsame Arbeit in gemeinsamen Interessengebieten nicht förderlich wäre. Die deutsche Orthodoxjx erwägt, ob es geraten ist, in tattischen Fragen mit den Nationaljudcn zu gehen, wie jede Nummer des „Israelit" zeigt. Da ist es nicht an der Zeit, hierzulande die Orthodoxie „teilweise zu politisieren". Die Zeit drängt; wenn nicht jetzt, wann denn sonst? Wir müssen rasch zum Entschluß kommen! M. U. Dr. Salomon Lieben (Prag). Nachschrift der Redaktion: Wir veröffentlichen diesen Äufsatz, um auch eine von unserem Standpunkt abweichende Anschauung zum Worte kommen zu lassen. An der Hand der Argumentation des geehrten Schreibers läßt sich aber leicht die Unstichhältigkeit derselben beweisen. Die Verhältnisse in Prag sind grundverschieden von denjenigen anderwärts. Die dortigen konservativen Juden, die sich um den „Sinai" gruppieren, konnten sich wohl veranlaßt sehen, dem Nationalrat beizutreten und von keiner Seite ist ihnen das übel genommen worden. Das gibt ihnen aber keineswegs das Recht, den glaubenstteuen Juden in den anderen Ländern, wo die Verhältnisse anders liegen, als Wegweiser dienen zu wollen. Die angeblichen „Erfolge" der zionistischen Geschäftigkeitspolitik werden — dank ihrer. eigenen Reklame — stark überschätzt. Von greifbaren Erfolgen kann nach keiner Richtung die Rede sein. War doch der Nationalrat in Prag weder imstande, die antijüdischen Exzesse zu verhindern noch eine Eindämmung der antisemitischen Strömungen im Lande zu erwirken. Daß die Regierungsmänner mit freundlichen Worten freigebig sind, kann über den Stand der Dinge nicht hinwegtäuschen. Das geschieht fast überall, und gerade die Zionisten pflegten stets dagegen zu remonstrieren, daß die sogenannten „Führer" der Juden sich mit Versprechungen abspeisen lassen und daher jeder Regierung nachlaufen. Heute betreiben die Zionisten dieselbe Hintertreppenpolittk. Man muß zuerst die greifbaren Resultate abwarten, bevor man ihnen die Führung der jüdisch-politischen Angelegenheiten überlassen darf. Man darf auch nicht übersehen, daß die Zionisten neben ihrem politischen Programm auch ein sogenanntes kulturelles vertteten, das sehr stark im Gegensatz zum religiösen Programm der glaubenstreuen Juden steht. Läßt man «hnen die politische Führung, dann werden sie auch in geistiger Hinsicht die Führung haben — was das für das unverfälschte Judentum bedeuten würde, braucht keinem aufrichtigen Juden auseiuandergesetzt zu werden. Da ist es sicherlich sehr gewagt, den Vergleich mit Sebulun und Jisochor heranzuziehen. Will sich die Orthodoxie in geistiger Beziehung behaupten, dann muß sie auch politisch aktiv sein — darüber kann es keine zwei Meinungen geben — wo sie hiezu die Möglichkeit hat. In Prag mag dies unmöglich sein — in Wien und anderwärts ist es nicht bloß möglich, sondern auch dringend geboten. Die Woche. Die Jischub-Erez-Jisroel-Aktion der Orthodoxie. Die orthodoxe Kommission für Jischub-Erez- Jisroel hat bereits einige Sitzungen abgehalten, um die Vorbereitungsarbeiten in die Wege zu leiten. Vorige Woche fand eine Beratung statt, der Vertreter mehrerer orthodoxer Bethäuser beigewohnt haben, die ihren Beitritt 'anmeldeten. In den nächsten Tagen wird wiederum eine solche Konferenz stattfinden. Es ist Aussicht vorhanden, daß die Aktion gar bald in großem Maßstabe in Fluß geraten wird. Neukonstituierung des Wiener Kultusvorstandes. Auf Grund' des Statutes der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat in der Plenarsitzung vom 5. Jänner 1919 die Wahl der Vizepräsidenten und Vertreter stattgefunden. Das Verttetcrkoüegium besteht nunmehr aus nachbenannten Herren: 1. Vizepräsident Hofrat Dr. Benjamin Rappaports 2. Vizepräsident Dr. Wilhelm Pappenheim; Vertreter: Dr. Jakob Engel, M. B. Eißler, Ernst Hirsch, Kaiser!. Rat Sigmund Kauders, Baurat Wilhelm Kempler, Eduard Schwarz, Kom.-Rat Leopold Simon, Dr. Markus Spitzer. Die Wahl des Präsidenten wurde auf einen späteren Zeitpuntt verschoben. ' Die Predigte ni m Seiten st etten-Tempel. Von der Kultusgemeinde wird verlautbart: „Die nächste Predigt im Stadttempel (I., Scitenstettengasse 4) findet Samstag, den 18. Jänner, beim Morgengottesdienste statt." Diese Meldung steht im Zusammenhänge mit den Reibungen zwischen Oberrabbiner Dr. Chajes und dem Vorstande ob der,Form und des Inhaltes der Freitag-Abend-Predigten des Oberrabbiners. Da Dr. Chajes nicht nachgeben wollte, werden diese Predigten sistiert und für den Morgengottesdienst bestimmt. Ob damit die Differenzen bereinigt sein werden, ist eine andere Frage. 'Die Lage in Lemberg. Um den Besitz der Stadt haben sich zwischen den Uttainern und den Polen neue, sehr heftige Kämpfe entwickelt. Die Stadt leidet furchtbar. Die jüdische Bevölkerung klagt über fortgesetzte Schikauierungen und fürchtet neue Ausschreitungen für den Fall, daß die'Polen gezwungen sein würden, die Stadt zu räumen. Auch aus anderen Städten Galiziens langen Nachrichten über antijüdische Ausschreitungen ein. Aus der Ukraine. Aus Kiew wird berichtet: Vor kurzem sind anläßlich von Straßendemonstrationen in Kiew acht Personen getötet und elf Personen schwer verwundet worden. Wie aus'der Namensliste der Opfer hervor- ' geht, sind die Bettoffenen zum größten Teile Juden.

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