Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 2 (9.1.1919)
- Date
- 1919-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Rorrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12,halbjährig K6, vierteljährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 2. Wien, 9. Jänner 1919. V.Jahrgang. Weltkongreß der glaubenstreuen Juden. Für den 15. Februar 1919 wird nach der Schweiz ein Weltkongreß der glaubenstreuen Juden einberufen, an dem Delegierte aus allen Ländern teilnehmen sollen. Es wird dies die erste Zusammenkunft von Juden aus allen Ländern, sowohl aus den Mittelstaaten als auch aus den Länden: der Entente, der Neutralen und Rußlands sein, der erste zwischenstaatliche Kongreß seit Ausbruch des Weltkrieges. Ist schon dieser Umstand an und für sich geeignet, der Zusammenkunft eine erhöhte Bedeutung zu geben — werden es doch die glaubenstreuen Juden sein, die als erste die Verbindung wieder aufnehmen, die der Krieg zeitweilig unterbrochen hatte — so kommt dem Kongreß anderseits eine umso größere Tragweite zu, als derselbe sich mit den wichtigsten Lebensfragen zu befassen haben wird, die die Gegenwart und die Zukunft der Juden und des Judentums berühren. Die glaubenstreue Judenschaft, die bisher vielfach in Politischer Hinsicht abseits stand und den anderen Gruppen die Führung überließ, erscheint damit auf dem Plan und ergreift die Initiative in Fragen, die das jüdische Leben nach innen und nach außen tangieren. Der Kongreß ist die Fortsetzung der Aktion, die vor Jahresfrist ihren Ausdruck in der Konferenz der glaubenstreuen Juden aus den Staaten der Mittelmächte in Frankfurt a. M. gefunden hat, über deren Verlauf wir seinerzeit ausführlich berichteten. Diesmal ist das Zentralbureau der „Agudas Jisroel" in Zürich mit den Vorarbeiten betraut, um auch den Juden aus den Ententeländern und ^ü^eüWllrir^StaateiVdie'Bekeiligungzil^rmöglichen. In der nächsten Zeit dürfte die Tagesordnung des Kongresses veröffentlicht werden. Dann wird sich die Gelegenheit bieten, zu derselben eingehend Stellung zu nehmen. Heute mag nur soviel gesagt sein, daß der Kongreß sich mit der Lage der Juden in allen Ländern, mit der Friedenskonferenz sowie mit der Palästinaftage beschäftigen Der Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien delegierte 'zum Kongreß die Vorstandsmitglieder Herrn Eduard Deutsch und Herrn Wolf Pappenheim. Jüdische Kandidaturen zur Nationalversammlung. Die Wahlbewegung in Wien hat bereits eingesetzt, und sowohl die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten als auch die diversen bürgerlichdemokratischen Parteien entwickeln eine lebhafte Tätigkeit. In den meisten Wahlkreisen kursieren bereits die Kandidatenlisten der diversen Parteien. Auch jüdische Kandidaturen kommen in Betracht und werden genannt. Vornehmlich im 1. Wahlkreis (1., 3. und 4. Bezirk), sowie im 4. Wahlkreis (2., 20. und 21. Bezirk). In den anderen Wahlkreisen dürfte sich die jüdische Wählerschaft weniger Geltung verschaffen können. Wie verlautet, wird der bisherige Abgeordnete, Staatsrat Dr. Ofner, wieder in seinem Wahlkreis, Leopoldstadt, kandidieren. Man spricht aber auch von einer Kandidatur Dr.' Ritter v. Schwarz-Hiller. Der gewesene Abgeordnete Kuranda kandidiert nicht mehr. Außerdem wollen die Zionisten mit einer eigenen Liste auftreten, an deren Spitze Ingenieur Stricker stehen soll. Die Zahl der jüdischen Wählerschaft läßt sich vorläufig nicht einmal schätzungsweise näher bestimmen. Der Bevölkerungszahl entsprechend, sollten es etwa 100.000 jüdische Wähler sein. Allein es dürften hievon sehr viele fortfallen, die das Staatsbürgerrecht nicht besitzen, so ein großer Teil der aus Ungarn stammenden Juden, ferner viele aus Böhmen, Mähren usw. Die sogenannten galizischen Flüchtlinge komnien gar nicht in Betracht, da sie im Sinne des Gesetzes vom Staatsbürgerrecht nach der neuen Form ausgeschlossen sind. Sie haben wohl die Möglichkeit, dasselbe aus Grund des alten österreichischen Gesetzes zu erwerben; allein die diesbezügliche Prozedur erfordert im günstigsten Falle eine längere Zeit und dürfte kaum bis zum Wahltermin durchgeführt werden können. Was die Wahlaussichten der jüdischen Kandidaten betrifft, so darf nicht übersehen werden, daß ein beträchtlicher Teil der jüdischen Wählerschaft sozialdemokratisch votieren dürste. Die übrigen jüdischen Stimmen werden sich zersplittern, so daß die Chancen keineswegs allzu günstig beurteilt werden könnten. Es verlautet jedoch, daß zwischen der Ofner-Gruppe und den Zionisten eine Koppelung der Listen vereinbart werden sollte, so daß dann ein bis zwei Kandidaten günstigere Aussichten hätten. — Außer den zwei erwähnten Wahlkreisen dürfte auch im 3. Wahlkreis (9., 18. und 19. Bezirk) eine größere jüdische Wählergruppe vorhanden sein. Doch ist die soziale Gliederung der dortigen Wählerschaft eine solche, daß dieselbe für ausgesprochen jüdische Kandidatureu weniger in Betracht käme. Die jüdischen Stimmen in den anderen Wahl, kreisen dürften kaum zu wesentlicher Geltung gelangen. _ Oie Friedenskonferenz und die Juden. In den nächsten Tagen dürste die Friedenskonferenz ihren Anfang nehmen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Sieger unter sich so weit über die eigentlichen Bedingungen, die sie den Besiegten aufzuerlegen hätten, einig geworden sind. Endlich sind sie-so weit, daß es zu offiziellen Verhandlungen kommen kann. Damit ist die Sache noch nicht völlig bereinigt. Wilson wird noch mit seinen Freunden manchen harten Strauß auszukämpfen haben, die wenig Lust zeigen, seine Grundsätze zu akzeptieren. Es wird sich erst daun Herausstellen, inwiefern es Wilson gelingen könnte, seinem Willen zum Siege zu verhelfen, respektive inwiefern er gezwungen sein wird. Konzessionen zu gewähren, um zumindest einen Teil seiner Punktation vor Verfälschung zu bewahren. Erst nachher wird man beurteilen können, inwieweit die schwergeprüfte und geplagte Welt Ursache hätte, mit dem Frieden zufrieden zu sein. Wie die Dinge vorläufig liegen, ftnb_ die Aussichten, einen dauernden Frieden. herbeizuführen und für absehbare Zeit Kriege zu vermeiden, nicht allzu rosig. Gar manche der Sieger wollen von ihrem Imperialismus nicht ablassen, und besonders die Franzosen und die Italiener sind dabei, ihre Kriegsbeute so reich als möglich heimzubringen. Aber auch einige der kleineren Völker, die dank des Sieges der Entente ihre Freiheit und Selbständigkeit erlangen konnten, haben einen allzu kräftigen 2lppetit und möchten ihre Grenzen so weit als möglich hinausschieben. Polen, Südslawen, Tschechen und Rumänen greifen nach rechts und links aus — und sollte es der Friedenskonferenz nicht gelingen, diesen Nimmersatten Zügel anzulegen, dann wird Europa schwerlich zur Ruhe kommen können. Sind die allgemeinen Aussichten der Friedenskonferenz nicht besonders rosig, so steht es hinsichtlich der Judenfrage, die ja auch seitens derselben einer Lösung zugeführt werden sollte, nicht viel besser. Nach zwei Richtungen wird diese Lösung erwartet. Zunächst die Palästinafrage, respektive die Anerkennung der Rechte des jüdischen Volkes auf das Land seiner Väter und die Schaffung solcher Zustände in diesem Lande, daß eine stärkere Besiedelung desselben durch Juden möglich und gesichert werde. Bis zu einer gewissen Grenze sind die diesbezüglichen Aussichten nicht ungünstig. In diesem Momente, da der Einfluß der Türkei auf das Schicksal des Landes fast völlig ausgeschaltet ist und dasselbe einen neuen Herrn zu erhalten hat, dürfte es den in Betracht kommenden Faktoren schwer fallen, ihre bisherigen Versprechungen zu verleugnen. Nolens volens wird England gezwungen sein, sein Wort einzulösen und zumindest einen Teil dessen zu verwirklichen, was es in Aussicht gestellt hat. Nur ist es wiederum Frankreich, das sich plötzlich seiner „Rechte" in Syrien und Palästina erinnert und dieselben geltend machen will. Es ist nun nicht ausgeschlossen, daß gerade dieser Umstand die Engländer dazu veranlassen könnte, stärker für die Rechte der Juden einzutreten. Mit der Ausrede, das Land eigentlich nicht für sich, sondern für die Juden zu beanspruchen, könnte England den französischen Rivalen völlig aus dem Felde schlagen. Seine eigenen Rechte wird es astch dann gesichert sehen können, da ihm ja das Protektorat über Land zugebilligt werden sollte. Nur sind selbst unter den Zionisten Strömungen vorhanden, die sich gegen ein englisches Protektorat aussprechen und es lieber sehen' möchten, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika dieses Protektorat erhalten. Die Amerikaner würden weniger als die Engländer ihre eigenen Interessen in Palästina verfolgen und die den Juden zugebilligten Rechte wären besser gesichert. Außerdem könnte ^as-Land-unter-englischer Oberherrschaft ininternationale Konflikte verwickelt werden, da Großbritannien nach seinem Siege über Deutschland erst recht daran gehen wird, seine Weltherrschaft zu befestigen, was zu allerhand Differenzeu mit den anderen Großmächten führen dürfte. Die nordamerikanische Union ist bis auf weiteres von jedem derartigen Imperialismus frei und die Juden in Palästina könnten dann viel ruhiger sein. Nordamerika würde es auch leichter haben, die Araber in Zucht zu halten, da es keine Ursache hätte, um ihr Wohlwollen zu werben. Aus diesen sich kreuzenden Bestrebungen hinsichtlich des künftigen Schicksals Palästinas könnten sich unter Umständen Komplikationen entwickeln, welche der Sache schaden müßten. Immerhin aber mag gesagt sein, daß die Aussichten der Juden in der Palästinasache nicht ungünstig sind und daß eine befriedigende Lösung zu erwarten ist. Ganz anders verhält es sich jedoch hinsichtlich des anderen Teiles der Judenftage, der Regelung der Judenlage in den Oststaaten, die ebenfalls von der Friedenskonferenz erwartet wird. Da ist es notwendig, rechtzeitig vor jeder Illusion zu warnen. Die Lage der Juden in Rumänien, Polen, Litauen :c. ist gerade in letzter Zeit so ernst geworden und eine rasche Abhilfe tut dringend not. Es werden auch große Hoffnungen aus die Friedenskonferenz gesetzt, und wir hören täglich Gerüchte und Meldungen, wonach alles wie am besten bestellt sein soll. Die Entente soll das jüdische Volk als Bundesgenossen anerkannt haben und darnach streben, demselben alle nur möglichen Volksrechte zuzuerkenuen, wovon man sich sehr viel verspricht. In Wirklichkeit darf man sich aber keinem Ueberschwang hingeben. Wie die Dinge zurzeit liegen, sind die Herren der Entente weit davon entfernt, die Neuordnung Europas aus der Grundlage des Rechtes und der Gerechtigkeit festzulegen. Es werden vielmehr Pläne geschmiedet, um neue Allianzen zu schaffen und eine internationale Konstellation herbeizuführen, bei der es möglich sein sollte, die verschiedenen Staaten gegeneinander auszuspielen. Da spielt aber jeder Staat und jedes Volk die Rolle