Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdische Korrespondenz. Der Orthodoxie, die seit jeher für die täglichen Bedürfnisse unzähliger Armer und Verlassener zu sorgen hatte und hat, war es unmöglich, derartige Summen, aufzubringen' und sich auf Experimente einzulassen, die Sache konnte sich deswegen zunächst nicht gehörig entwickeln. Die zionistische Partei hat sich mit der Gegenwartsarbeit nicht befaßt, sie hatte weder Zeit noch Mittel für all die Armen und Bedürftigen, die täglich -an unseren Pforten anklopfen, sie konzentrierte ihre ganze Arbeit auf die Sammlung des Nationalfonds, Schaffung verschiedener politischer und finanzieller Instrumente, um die Sache vorwärts zu. bringen. Ihre Verdienste sollen entsprechend anerkannt werden. Aber die Orthodoxie kann sich -in religiöser Beziehung nicht mit allem einverstanden erklären, was zionistffcherseits geschaffen wurde und wird, und deswegen muß sie heute, da die Voraussetzungen für eine großzügige Arbeit gegeben sind, ihre eigenen Wege gehen. Diese Voraussetzungen sind heute nicht bloß' aus Grund der bisherigen Arbeit und der Erfahrungen der bisherigen Kolonisationen gegeben, sondern auch deswegen, weil die Orthodoxie aller Länder, Polens, Rußlands, Deutschlands, jüngstens auch Ungarns, sich zu einer großzügigen Palästinaarbeit entschlossen habe. Im Einvernehmen mit den Gleichgesinnten in diesen Ländern, denen auch unsere glaubenstreuen Brüder in den Ländern der Entente sich anschließen dürsten, können wir nunmehr entschlossen und unter den günstigsten Auspizien an die Arbeit schreiten. Die Kolonisation, die wir im Auge haben, muß im Sinne und Geiste unserer heiligen Thora vor sich gehen. Es darf in den Kolonien und in den Gemeinden nichts getan werden, was den Vorschriften des Schulchan-Aruch - widerspricht. Von zionistischer Seite ist bisher diesbezüglich keine klare Stellungnahme erfolgt. Die Zweigstelle der „Agudas-Jisroel" in der Schweiz hat sich vor einiger Zeit an das zionistische Aktionskomitee mit einer diesbezüglichen Anfrage gewendet. Die Antwort ist noch nicht veröffentlicht worden, aber wie verlautet, soll sie mehr ausweichend gehalten sein*. In wirtschaftlicher Beziehung ist ein Zusammengehen und ein Einvernehmen sicherlich möglich und wünschenswert, es wird auch gepflogen werden. In'religiöser Beziehung müssen wir aber selbständig Vorgehen und unsere Selbständigkeit unter allen Umständen wahren. Redner schlägt schließlich die Wahl einer Kommission vor, die die Arbeit in die Wege leiten soll. Mit Begeisterung und Entschlossenheit wollen wir an die Arbeit schreiten. (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Rappoport (Zürich) referierte hierauf über die Einzelheiten des Jischub, wie er seitens der Orthodoxie geplant ist. Er berichtete eingehend über die diesbezügliche Aktion in der Schweiz und bringt die Aufrufe und das Arbeitsprogramm, die dort ausgegeben wurden, zur Verlesung. Herr Dr. Nathan Birnbaum betont, daß materielle und idealistische Momente für die Palästinasache ins Treffen geführt werden. Diese beiden Momente allein sind aber nicht wichtig genug. Wir sind ein anderes Volk, als alle Völker, das Land darf bei .uns nicht zum Götzen werden. Wir brauchen den Geist unseres Volkes mehr als das Land, den Geist der Thora hakedauscha, die uns bis heute, allen Verfolgungen zum Trotz, erhalten hat. Wir brauchen keinen Rausch ffür das Land, sondern einen Rausch für die Thora. Wir wissen von einem Lande zu sagen, wo dieser Geist sich zuerst offenbarte, wo er zuerst gesiegt hat. Deswegen müssen wir dieses Land wieder beleben. Wir müssen es aber vor jeder Entweihung schützen. Die Thora gebietet uns, das Land zu pflegen. Früher mußte sich die glaübenstreue Judenheit mit der Chalukka begnügen, heute muß man mehr tun. Wir müssen das Land vor einer Pest schützen, die gefährlicher als jede Seuche ist. Das Land muß vor „Chillul-Haarez", vor Entweihung, geschützt werden. Es droht demselben eine große Gefahr. Die moderne Kultur, die sich auf dem Wege von Aegypten nach Indien über Palästina bewegen wird, die Exponenten der englischen Kultur, die sich dort breit machen dürsten, sind eine schwere Bedrohung des unverfälschten jüdischen Geistes. Hüten wir uns davor, daß Jerusalem nicht ein New Jork, , * Bei Schluß des Blattes erhalten wir den Text der zionistischen Antwort, die in nächster Nummer veröffentlicht werden wird. Berlin oder Paris wird. Wir haben schon genug mit unseren eigenen Kulturexponenteu. Wir brauchen keine antijüdischen Juden in Palästina. Die glaubenstreue Judenschaft muß sich den Platz unter der Sonne Palästinas sichern, dort eine Heimstätte für Thora schaffen. (Großer Beifall.) Herr Markus "Ungar (Prag) erklärt, es ist höchste Zeit, daß die Orthodoxie sich zur Palästinaarbeit meldet. Es ist Gefahr vorhanden, daß sie später nicht zum Worte gelangen könnte. Bei der Friedenskonferenz muß die Judenheit entsprechend vertreten sein. Wir müssen unsere Forderungen geltend machen. Wir sollten auch mit den anderen jüdischen Kreisen Zusammengehen, ohne unsere Grundsätze preiszugeben. Herr Samuel K o h n (Lodz) stellt sich als radikaler Zionist und glaubenstreuer Jude vor. Redner verlangt, das Menschenmaterial, das nach Palästina dirigiert werden sollte, entsprechend auszuwählen und vorzubereiten, wobei auch auf die physische Eignung geachtet werden müßte. Er regt schließlich die Bildung jüdischer Turnvereine rc. au. Herr Dresler spricht in ähnlichem Sinne. Herr Jakob Pinkas erklärt, unsere Parole muß heute: Arbeit! sein. Wir müssen rasch und energisch zur Arbeit schreiten. Infolge der vorgerückten Stunde mußte zum Schluß der Versammlung geschritten werden. Nachdem noch mehrere tatsächliche Berichtigungen vorgebracht wurden, brachte der Vorsitzende Herr Dr. Reiniger die vom vorbereitenden Komitee vorgeschlagene Resolution zur'Verlesung. Dieselbe lautet:. „Die heutige Versammlung beschließt: 1. Ein Komitee für eine orthodoxe Jischub-Erez- Jisroel-Aktion zu wählen, welches mit den anderen orthodoxen Organisationen in Verbindung zu treten hat zwecks Besiedlung Palästinas mit glaubenstreuen Juden. 2. Die Gründung eines Vereines zur Beschaffung der finanziellen Mittel für die Aktion." Herr Pinkas beantragt, daß das zu wählende Komitee beauftragt werde, binnen kurzem eine zweite Versammlung einzuberufen» um die ^Aussprache fortzusetzen. Die Resolution, .sowie der Zusatzantrag Pinkas werden angenommen. Es wird hierauf die Liste der Komiteemitglieder verlesen, die einstimnrig akzeptiert wird. Der Vorsitzende bemerkt hierzu, daß die orthodoxen Vereinsrabbiner selbstverständlich dem Komitee zugezogen und bei jeder wichtigen Entscheidung um Rat und Meinungsäußerung gefragt werden würden. Hierauf wurde die Versammlung, die einen überaus würdigen und ernsten Verlauf nahm, geschlossen. In die Kommission für Jischub-Erez-Jisroel wurden folgende Herren gewählt: Gustav Austerlitz, Dr. Nathan Birnbaum, Siegmuud Bondi, Albert Breuer, Eduard Deutsch,- Philipp Fleischmann, Salomon Gänger, Heinrich Grünhui, Pinkas Grünhut, Leser Hager, Abraham Heschel, Bernhard Hosbauer, Alter Kaum, akad. Maler David Kohn, Architekt Ludwig Kritzler, Leopold Lustig, Osias März, Wolf Pappenheim, Jakob Pinkas, Dr. Isidor Reiniger, Josef Schick, Oskar Schramek, Salomon Schreiber, Markus Spiegel, Jakob Stroh, Lipe Türkl, Julius Winkler. Jugendkomitee: David Baumgarten, David Bondi, David Breuer, Jakob Bügeleisen, Josef Diamant, Mäno Felsenburg, Leopold Fleischmann, Moses Freund, Gänger jun., Leopold Grünhut, Adolf Pinkas, Artur Reiniger, David Schiff, Julius Schreiber, Moritz Schreiber, Simon Schreiber, Moses Stern, Alfred Stroh, Jakob Weidenfeld. Die Kommission hat sich am 29. Dezember 1918 konstituiert und aus ihrer Mitte einige Sektionen gewählt. _ . Die Stellung der Orthodoxie zu-den aktuellen Fragen. Eine am 5. Dezember 1918 stattgefundene Konferenz orthodoxer Juden und Delegierter der orthodoxen Bethäuser in Wien hat nach eingehender Erörterung der^aktuellen Fragen folgende Resolution beschlossen: „Angesichts der Bestrebungen, die Grundlage der Organisation der Judenschaft völlig umzugestalten, geben die Unterzeichneten Vertreter der glaubenstreuen Judenschaft Wiens nachfolgende Erklärung ab: Durch unsere Abstammung, durch unsere mehrtausendjährige Geschichte und insbesondere durch unsere heilige Religion sind wir Juden «eine allen anderen Völkern gegenüber geschlossene Volksgemeinschaft, zu der wir treu und unerschütterlich stehen. Diese Tatsache ist uns selbstverständlich und unbestreitbar, daß wir es nicht nötig erachten, das besonders zu betonen. Wir leben hier im Staate Deutschösterreich, dessen treue und hingebende Bürger wir Juden sind und sein wollen; und dementsprechend verlangen wir als solche den vollen, gleichen und durch nichts beschränkten Genuß aller Staatsbürgerrechte unmittelbar für jeden einzelnen. Keine Körperschaft hat, ohne hiezu beauftragt zu sein, das Recht, im Namen des gesamten Judentums das Wort zu führen oder für dasselbe Forderungen zu stellen. Die glaubenstreue (orthodoxe) Judenschaft war während der zweitausendjährigen Goluszeit (Zerstreuung) allein die Trägerin und Erhalterin des Judentums und wird es auch weiter stets bleiben. Wir verlangen daher, daß bei allen Vorarbeiten für die Neugestaltung der Kultnsgemeinde die von uns namhaft gemachten Vertreter beigezogen werden (ähnlich wie bei den Vorbereitungen für das G. über die Regelung d. RechtSvertr. d. I. vom Jahre 189V). Wir verlangen, daß bei der Umgestaltung der Kultusgemeinde die berechtigten Forderungen der glaubenstreuen (orthodoxen) Juden die volle Berücksichttgung finden, indem ihnen das.Recht der Selbstverwaltung der von ihnen geleisteten Abgaben und das Recht der selbständigen Besorgung aller ihrer religiösen Bedürfnisse wie Schechitah, Mikwah usw. und insbesondere die Regelung und Beaufsichtigung ihres Religionsunterrichtes, in allen Stufen eingeräumt wird." Die Vereine: Adas Jisroel, II., Große Schiffgaffe 8; Emes Weschulaum, II., Schiffgasse 24; Jsr. Kranken-Unterst.-Verein,i II., Kleine Schiffgasse 8; Emnas Avaus, XIV., Storchengasse 21; Verein zur Unterst, jüd. Kleingewerbetreibender, II., Malzgasse 1; Machsika Hadas, IV., Wiedner Hauptstraße 83; Talmud Thora, II.. Malzgasse 16; Ohel Abraham, IX., Grüne Torgaffe 28; Marpe Lanefesch, II., Glockengasse 4; Ose Chesed, II., Schiffamtsgaffe 5; Bethausverein, VI., Stumpergasse 42; Torah Ez Chaim, II., Große Schiffgaffe 8; Verein zur Wahrung der orth. Interessen, I. Sveie Tribüne. Strakonitz, 10. Dezember 1918. Präsidenten des „Sinai"-DereineS, Herrn Rechtsanwalt Dr. Isidor Zeiteles Sehr geehrter Herr Doktor! . Niedergebeugt und niedergedrückt von den stürmischen Wellen und Wogen des furchtbaren Jndifferentismus vieler Jugenderzieher, die den Religionsunterricht nicht aus Liebe zum Judentums, sondern der Not gehorchend, erteilen, habe ich meinen idealen Wirkungskreis, die Stählung unserer Knospen gegen die systematischen Verunglimpfungen des uns die Macht verleihenden Judentums, im düsteren Tale der Tränen, die Mühen und Beschwerden zu ertragen, verlaßen. Der jüdische Jndifferentismus macht es mir unmöglich, fernerhin einem mich enttäuschten Ideale mein Leven zu opfern. Freudigen Herzens begrüßt« ich daher die Gründung des Sinai-Veremes, in der begründeteir Hoffnung, daß Sie, ein wahrer, aufrichtiger, tatkrättiger und pibstlojer Vertreter des überlieferten Judentums, den „Sinai" zum Mittelpunkt des jüdischen Zentrums machen werben. Das ist aber nicht der Fall. Die gewastige Umwälzung sim Lande rührt auch an die tLeiste Wurzel des Judentums, und der „Sinai" schläft den ewigen Winterschlaf. Die von uns so sehnsuchtsvoll herveigewünschte Morgenröte des VülkermedenS hat sich in eine finstere Nacht für das Gesamtjudentum verwandelt. Die Sonnenstrahlen der Völkerverbrüderung werden uns entzogen, und wir schweigen. Da» Haus des böhmnchen Judentums geht in Flammen auf. droht die Besitzer zu verzehren, und unsere Führer entfalten nicht die heilige Fahne des Judentums, die stets das Bollwerk gegen unsere Verleumder war. Die jüdische Volksseele lechzt nach einer Einheitsfront, nach Einheitlichkeit und Geschlossenheit gegen daS gewaltige Lügennetz unbesonnener, ruchloser Maulhelden. Ich warne Sie davor, gegenüber dieser großen Menschheitsepoche, die für uns Juden die schwerste Prüfungszeit >ein wird, gleichgültig zu bleiben. Stillschweigend duldet der „Sinai . daß unberufene Führer das Gcsamtjudcntum vertreten. Es siedet und kocht im Zentrum der Menschheit, die pessimistischen Zeitstrümungen drohen das Judentum zu entwerten, ja zu entwurzeln, und d e r „S i n a i" schweigt. Es genügt nicht, daß einzelne Juden in Prag einen koscheren Magen »der auch koschere Gedanken haben. Nein und abermals nein. Prag